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Donnerstag, 12. März 2009

Wir sind kein reiner Zufall – oder doch? Zur Sprachverwirrung zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen

Gastbeitrag durch Frau Dr. Martina Kölbl-Ebert, Direktorin des Jura-Museums Eichstätt.

Zweiter Teil der Rede von Frau Dr. Kölbl Ebert zur Vernissage der Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ am 12. Februar 2009 im Jura-Museum Eichstätt.

Die Evolutionstheorie gehört sicher zu den bestbelegten naturwissenschaftlichen Theorie, die je entwickelt wurden. Dennoch mehren sich nicht nur in den USA, sondern seit etwa sieben bis acht Jahren auch in Deutschland kreationistische Angriffe auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Viele Evolutionsbiologen und Paläontologen hat dies kalt erwischt. Die Bewegung, zunächst aufgrund ihrer Unsinnigkeit unterschätzt, beunruhigt nun massiv durch rhetorisches Geschick, „Publicity“ in den Medien und durch den Willen zu bildungspolitischer Einflussnahme. Mühsam formierte sich die naturwissenschaftliche Phalanx zur Verteidigung von Aufklärung und naturwissenschaftlicher Integrität. In teils scharfer Form argumentieren jedoch auch manche dieser – wie sie sich selbst verstehen – Verteidiger der Vernunft für einen philosophischen Atheismus als scheinbar logische und vernünftige Konsequenz der naturwissenschaftlichen Methodik.
Das ist eine möglicherweise verständliche Reaktion, wenn man das Pech hat, Religiosität ausschließlich in ihrer fundamentalistischen Form kennen gelernt zu haben; zumindest fragwürdig, wenn man bedenkt, wie viele Naturwissenschaftler keinerlei Schwierigkeiten damit haben, ihren Beruf und ein religiöses Leben zu vereinbaren; ganz sicher aber nicht angemessen gegenüber dem breiten kirchlichen „Mainstream“, der mit Kreationismus ebenso wenig „am Hut“ hat wie die betreffende Naturwissenschaftler selbst.

Leider ist die Begründung von Atheismus aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis heraus nicht nur philosophisch fragwürdig, sondern auch äußerst kontraproduktiv für das Anliegen der Beteiligten. Denn den großen Kirchen erscheint dieser „Neue Atheismus“ – dessen Ursache vielfach nicht wahrgenommen wird – als Ausdruck einer Neuauflage altbekannter Kulturkampfrhetorik, der sie mit Misstrauen und teils mit Abschottung begegnen. So zeigt sich denn die Strategie von Kreationisten, einen Keil zwischen Naturwissenschaft und Religiosität zu treiben, als beunruhigend effektiv und erfolgreich.

Konstruktiver Dialog täte also dringend Not, um Missverständnisse abzubauen, um den anderen, seine Empfindlichkeiten und seine Anliegen kennen zu lernen, um gemeinsam für Wahrheit und Vernunft zu streiten, wo dies nötig ist.

In der Praxis ist dies jedoch offenbar nicht immer so einfach. So baut etwa der Lehrplan für Katholische Religionslehre der bayerischen Realschulen in der 8. Klasse einen Gegensatz auf zwischen der religiösen Sicht der Welt als Schöpfung Gottes, der Gott Sinn stiftet, mit der Gott eine Absicht verfolge und die er zu einem Ziel führt einerseits und einer naturwissenschaftlichen Sicht, für die die Welt angeblich nur ein bloßes Zufallsprodukt sei, ein Klischee, das dann in der Folge auch von so manchem Schulbuch bedient wird.

Da ist zunächst einmal eine bloße Formsache: Die Frage, wer für die Existenz der Welt verantwortlich ist und warum und zu welchem Sinn und Ziel sie gegebenenfalls existiert, entzieht sich der naturwissenschaftlichen Methodik und es kann daher hierzu überhaupt keine naturwissenschaftliche Aussage geben. (Es ist ein alter Trick, einem Naturwissenschaftler zuerst Beschränktheit vorzuwerfen, wenn er dann aber seine persönliche Ansicht zur Sinnfrage äußerst, wirft man ihm Grenzüberschreitung vor. Das ist eine Situation, in der der Naturwissenschaftler nie gewinnen kann.)

Viel schlimmer ist jedoch die Stellung die der Zufallsbegriff hier einnimmt. Wir finden ihn nicht nur im Lehrplan, sondern etwa auch in der Predigt, die Papst Benedikt XVI. zu seiner Amtseinführung hielt: "Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes." hieß es da. Kardinal Schönborn von Wien äußerte, Evolution als Ansammlung naturwissenschaftlicher Fakten sei kompatibel mit dem Katholizismus, aber Evolution als ideologisches Dogma, das Design und Zweck in der Natur leugne, sei es nicht.

Für einen theologisch naiven, aber durch den zunehmenden Kreationismus sensibilisierten Naturwissenschaftler hörte sich das so an, als ob Papst und Kardinal weit hinter die Dialogbereitschaft und die Errungenschaften eines Johannes Paul II. zurück gehen und sich dem Kreationismus in seiner neueren Spielart des Intelligent Design annähern wollten. Entsprechend aufgeregt waren die Reaktionen.

Für einen Theologen hingegen sind die zitierten Passagen wesentlich unverfänglicher. Sie sagen im Prinzip lediglich, dass mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht alles gesagt ist, was man über die Welt sagen kann, denn es gibt noch eine weiter Ebene des Diskurs, die die traditionelle Domäne der Religion und der Philosophie ist, die Frage nach Erstursache, Sinn, Zweck und Ziel der Welt. Und hier ist eben die Kirche der Auffassung, dass es Erstursache, Sinn, Zweck und Ziel der Welt real gibt und dass die Antworten darauf in Gott zu suchen sind. Wie bereits erwähnt, entziehen sich diese Dinge der naturwissenschaftlichen Methodik, weshalb es dazu keine naturwissenschaftliche Aussage geben kann. Hier kann ein Naturwissenschaftler bestenfalls eine persönliche, religiös-philosophische Meinung äußern, sei es als gläubiger Angehöriger einer Religionsgemeinschaft oder eben auch als Atheist.

Stein des Anstoßes sind offenbar immer wieder zwei scheinbar ganz einfache Wörtern: Zufall und Zweck oder im Englischen: chance und design. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen.

Sehen wir uns an, wie Biologen bzw. Theologen diese Begriffe definieren würden:

  • Für einen Theologen meint Zufall das Zustandekommen eines Ereignisses, das weder von Natur aus noch durch bewusste Absicht bezweckt wurde. Ein solches Ereignis dient keinem Sinn und Ziel, es ist existentiell sinnlos, während Zweck die Übersetzung des griechischen „telos“ ist. Es bedeutet sinngebendes Ziel. Zweck ist somit das Gegenteil von Zufall.
  • Der Biologe hingegen spricht vom Zufall, wenn die konkrete Ursachenkette eines Naturphänomens aufgrund der Komplexität des Vorgangs nicht unmittelbar einsehbar ist, während etwas einen Zweck hat etwas, wenn es für irgendetwas nützlich ist. Diesen Zweck bestimmen Biologen durch Beobachtung: Wozu gebrauchen Vögel Federn? Zum Wärmen, zum Tarnen oder Balzen und zum Fliegen. Das ist ihr Zweck. Evolution bedeutet in diesem Zusammenhang, dass durch die Verkettung von Zufall (Mutationen) und Notwendigkeit (Natürliche Auslese) ein zweckmäßiges, dem Tier oder der Pflanze nutzbringendes Merkmal entsteht.
Zufall:
Kommen wir auf unser Problem zurück: Für den Theologen ist Zufall das Gegenteil von Zweck, ein Ereignis ohne Sinn und Absicht. Wer das Wort Zufall benutzt, meint, so denkt der Theologe, dass ein bestimmtes Ereignis ohne Gottes Zutun erfolgt ist. Da Naturwissenschaftler das Wort Zufall gebrauchen, wenn sie die Entstehung des Universums und die Entwicklungsgeschichte des Lebens beschreiben, leugnen sie, zumindest hat der Theologe diesen Eindruck, das schöpferische Tun Gottes.

Der Naturwissenschaftler jedoch ist der Überzeugung, das er über Gott keinerlei Aussage gemacht hat. Für ihn geht es nur darum, dass er nicht im Detail sagen oder herausfinden kann, warum diese oder jene Mutation genau zu diesem Zeitpunkt an jener Stelle im Genom erfolgt ist. Zufall und Zweck schließen sich für den Biologen keineswegs aus, denn die zufälligen Mutationen stellen nur die Varianten her auf der Selektion wirken kann, das Zusammenspiel beider bringt die zweckmäßige Biokonstruktion zustande. Evolution ist im Übrigen keineswegs ein bloß zufälliger, vom statistischen Würfelspiel gesteuerter Prozess. Das sieht man schon daran, dass eine ganze Reihe von Merkmalen die außerordentlich vorteilhaft sind, von den evolutionären Prozessen ganz zwangsläufig immer wieder – auf unterschiedlichem Wege – erreicht wurden; Lichtsinnesorgane etwa oder die Stromlinienform schnelle Schwimmer sind mehrmals unabhängig voneinander entstanden. Das nennt man konvergente Evolution.

Zweck:
Wenden wir uns nun dem theologischen Gegenpol des Zufallsbegriff zu, dem Wörtchen Zweck oder Design: Im Alltag benutzen wir das Wort Design um die bewusste, künstlerische Gestaltung eines Gebrauchsgegenstandes oder einer Gebrauchsgraphik zu charakterisieren. Im angelsächsischen Sprachraum umfasst der Begriff auch technisch-konstruktive Anteile der Gestaltung, den „Bauplan“. In diesem Sinne taucht Design auch als Fachbegriff in der Biologie auf. Die Naturwissenschaft leugnet also keineswegs Design in der Natur und sie hat jede Menge Indizien gesammelt, die darauf hindeuten, dass dieses Design durch natürliche Prozesse im Rahmen der biologischen Evolution entsteht.
Im 19. Jahrhundert meinte Design im Englischen jedoch noch etwas anderes, nämlich Absicht oder Zweck. So gebraucht beispielsweise Jane Austen in ihren Romanen dieses Wort. Dass der Romanheld die Heldin im Garten traf, war kein Zufall, denn er tat es „by design“, mit Absicht. Und das entspricht im Prinzip dem heutigen theologischen Sprachgebrauch: Hier ist Gott derjenige, der Absichten mit uns und der Welt verfolgt.
Noch einmal anders verwendete die so genannte Natürliche Theologie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts den Begriff. Sie sah in der zweckmäßigen Angepasstheit der Organismen an ihren Lebensraum und ihre Lebensweise einen wichtigen Hinweis auf einen fürsorgenden und lenkenden Gott. Einzelne Vertreter wie etwa William Paley bauten diese Argumentation zu dem Versuch eines teleologischen Gottesbeweises aus. Dem gegenüber war es Darwins Verdienst, zu zeigen, dass Design im Sinne von zweckmäßigen Biokonstruktionen auch durch die Wirkung von natürlichen Ursachen (Zweitursachen im theologischen Sinne) erklärt werden kann, was selbstverständlich keine Aussage über eine Erstursache macht. Deshalb konnte Charles Darwin in seinem Buch über den Ursprung der Arten denn auch schreiben: „Nach meiner Ansicht, stimmt es besser mit dem überein, was wir über die Gesetze wissen, die der Schöpfer der Materie auferlegt hat, wenn wir davon ausgehen, das die Erzeugung und das Aussterben gegenwärtiger und vergangener Bewohner der Welt Zweitursachen geschuldet ist, wie jene, die Geburt und Tod des Individuums bestimmen.”

Während die Vertreter der Natürlichen Theologie noch die Gesamtheit der Organismen und ihrer Biokonstruktionen im Blick hatten, die sie mit den größten feinmechanischen Wunderwerken ihrer Zeit verglichen, und als tiefgläubige Menschen aus ihrem Glauben heraus die Welt interpretierten, verortet die in den 1980er Jahren entstandene, kreationistische Intelligent Design-Bewegung Gottes Wirken in den Lücken gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnis und degradiert ihn damit zu einer „natürlichen“ Ursache unter vielen. Der Plan, also die Absicht Gottes – design im Sinne des 19. Jahrhunderts – wird so zum Bauplan – design im modernen, angelsächsischen Sinne – eines Schöpfergottes, der an seiner – offenbar mangelhaften? – Schöpfung ständig in den Lücken naturalistischer Erklärungen herumbasteln muss. Damit wird dem Gottesverständnis natürlich ein schlechter Dienst erwiesen. Denn man schiebt Gott gedanklich mit jeder durch neue Erkenntnis geschlossenen Lücke unweigerlich aus der Welt hinaus, in die man ihn doch gerade hineinholen wollte. Dass „Intelligent Design“ dennoch gelegentlich einen Weg in theologische Gedankengänge findet, verdankt die Bewegung wesentlich dem geschilderten Missverständnis um das Wörtchen Design oder Zweck.

Daran sieht man, wie gefährlich Fachsprachen für den interdisziplinären Dialog von Naturwissenschaft und Theologie sein können. Wo es sich nur um lateinische oder griechische Fremdwörter handelt, merken wir dies schnell und fragen nach. Schwierig wird es, wo scheinbar ganz einfache, der Umgangssprache entlehnte Begriffe verwenden werde, leider aber jeder etwas anderes darunter verstehen. Wenn wir Glück haben, so fällt uns rechtzeitig auf, dass wir aneinander vorbeireden. Wenn wir Pech haben, missverstehen wir uns gründlich und ziehen uns frustriert vom Dialog zurück mit dem fatalen Eindruck, dass mit dem andern ja doch nicht vernünftig zu reden ist. Das Ergebnis sind unnötige Konflikte zwischen Parteien, die eigentlich in selben Boot sitzen.

Hier schließt sich der Kreis nun wieder: Unsere interdisziplinäre Sonderausstellung zur Evolutionstheorie möchte genau hier Brücken bauen und Missverständnisse aufklären helfen. Wo, wenn nicht im Jura-Museum Eichstätt, einem staatlich verwalteten Naturkundemuseum in religiöser Trägerschaft wäre eine Ausstellung absolut angebracht, die harte biologische Fakten und moderne Schöpfungstheologie unter einem Dach vereint, Begriffe und Kompetenzen klar abgrenzt und so eine echte Synthese zweier unterschiedlicher Blickrichtungen auf die eine Welt ermöglicht.

Lassen Sie mich schließen mit einem Zitat aus der Predigt, die Harvey Goodwin, Bischof von Carlisle im April 1882 während der Trauerfeier zu Charles Darwins Beerdigung in London gehalten hat:
„Ich glaube, dass sich die Bestattung von Herrn Darwins sterblichen Überresten in der Westminster Abbey in Übereinstimmung mit dem Urteil der weisesten seiner Landsleute befindet … Es wäre ein Unglück gewesen, wenn irgendetwas geschehen wäre, das der närrischen Ansicht Auftrieb und Nahrung gegeben hätte, die einige so eifrig propagiert haben, für die aber Herr Darwin nicht verantwortlich war; der närrischen Ansicht nämlich, es gäbe notwendig Konflikt zwischen dem Wissen über die Natur und einem Glauben an Gott.“

M. Kölbl-Ebert (2009)

(zum ersten Teil der Rede)

Besten Dank an Martina Kölbl-Ebert für diesen Beitrag!

R. Leinfelder

Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ vom 13.2.2009 - 10.1.2010 im Jura-Museum Eichstätt. Das Museum gehört zu den "Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns", diese sind Mitglied im Konsortium der "Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen, DNFS.
Weitere Informationen zur Eichstätter Ausstellung

Samstag, 21. Februar 2009

Die Geschiche der Evolutionstheorie in aller Kürze

Gastbeitrag von Dr. Martina Kölbl-Ebert, Direktorin des Jura-Museums Eichstätt.

Aus der Rede von Frau Dr. Kölbl Ebert zur Vernissage der Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ am 12. Februar 2009 im Jura-Museum Eichstätt.


Liebe Freunde und Förderer des Jura-Museums Eichstätt,

heute vor 200. Jahren wurde Charles Darwin geboren, dessen Forschungsarbeiten zur Biologie und Abstammung unser Weltbild ähnlich nachhaltig beeinflusst haben wie etwa Nikolaus Kopernikus. Die Dauerausstellung des Jura-Museums, wie die eines jeden Naturkundemuseums, ist so durchtränkt von Forschungsergebnissen Darwins und seiner Nachfolger, dass sie ohne diese gar nicht denkbar wäre.

Charles Darwin (1809-1882) wollte eigentlich in Edinburgh Medizin studieren, aber die Operationen, die damals noch ohne Narkose durchgeführt werden mussten, entsetzten ihn zutiefst. Der Vater, ein Arzt, schickte Charles daraufhin zum Studium der Theologie nach Cambridge, wo er dann allerdings an zwei anglikanische Geistliche und Professoren geriet, Adam Sedgwick (1785-1873) und John Stevens Henslow (1796-1861), die ihn in seiner Neigung für Naturkunde bestärkten, die damals als Teil der theologischen Ausbildung gelehrt wurde.
Nach dem Abschluss in Cambridge plante Darwin eine Reise zu den Kanarischen Inseln gemeinsam mit einem Freund, um die dortige Geologie, Fauna und Flora kennen zu lernen. Die Vorbereitungen waren weit gediehen; Darwin hatte u a. einen geologischen Crashkurs durch Sedgwick erhalten, als plötzlich und unerwartet der Freund starb und so der Traum von einer exotischen Reise zusammenbrach.
So kehrte Darwin 1831 nach Hause zurück. Derweil war Prof. Henslow gefragt worden, ob er nicht als Gesellschafter von Kapitän FitzRoy an der Schiffreise teilnehmen wollte. Die Besatzung der „Beagle“ hatte den Auftrag die Küsten Patagoniens, Feuerlands, Chiles, Perus sowie einiger pazifischer Inseln zu vermessen und eine Anzahl von Chronometerstationen rings um die Erde einzurichten.
Henslow, frisch verheiratet und mit einem stabilen Job in Cambridge, konnte sich dies jedoch nicht erlauben und reichte die Einladung an Darwin weiter. Die am Ende fünf Jahre dauernde Reise war das wichtigste Ereignis in Darwins Leben. Als Darwin heimkehrte, hatte er Unmengen Material gesammelt, dessen Auswertung ihn sein Leben lang beschäftigte und unter anderem zu seinen berühmten Büchern „Über die Entstehung der Arten“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871) führte.
Bereits in den späten 1830er Jahren formulierte Darwin seine Ideen zur Evolution und gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen, scheute sich jedoch lange Zeit davor, an die Öffentlichkeit zu treten. Hinzu kamen Gesundheitsprobleme, die Darwins gesamtes weiteres Leben überschatten sollten.
Doch es waren keine verlorenen Jahre. Darwin beschäftigte sich mit der Auswertung seiner Reisemitbringsel, er festigte seinen Ruf als Biologe – galt er doch ursprünglich als Geologe – indem er ein umfangreiches Grundlagenwerk über Seepocken schrieb und er sammelte unzählige Indizien zur Veränderlichkeit von Arten.
Geplant hatte Darwin ein mehrbändiges Werk zur Evolution, politisch schien ihm die Zeit jedoch nie richtig reif. 1858 schließlich erhielt Darwin einen Brief von Alfred Russel Wallace, Forschungsreisender in Malaysia, der Darwin mit Vogelpräparaten für seine Untersuchungen versorgt hatte. Dieser Brief enthielt die Skizze einer Evolutionstheorie. Zu Darwins nicht gelindem Schrecken war sie nahezu identisch zu seinen eigenen Vorstellungen. Der Geologe Ch. Lyell und der Botaniker J. D. Hooker organisierten die gemeinsame Vorstellung der Theorie von Darwin und Wallace am 1. Juli 1858 bei einer Sondersitzung der Linnean Society in London.
Darwin begann daraufhin mit der Arbeit an seinem Buch über die Entstehung der Arten. Wallace hingegen fuhr mit seinen Forschungsreisen fort und publizierte über Biogeographie.
Darwins Buch wurde nicht nur ein Bestseller sondern eines der einflussreichsten naturwissenschaftlichen Bücher aller Zeiten. Dennoch brauchte es Zeit, bis sich Darwins Ideen durchsetzten. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatten die meisten Naturwissenschaftler die Realität von Evolution und gemeinsamer Abstammung der Arten akzeptiert. Der Mechanismus der natürlichen Auslese hatte es jedoch viel schwerer. Erst die Entdeckung der Gene und ihrer Mutationen im 20. Jahrhundert machte Natürliche Auslese nicht nur zu einer attraktiven sondern zu einer unvermeidbaren Erklärung.

Weder war Charles Darwin (1809-1882) der erste, der über das Phänomen Evolution nachdachte, noch war mit seinem Buch „Über die Entstehung der Arten“ (1859) das Thema erledigt.
Zu Darwins Quellen gehören die vielen Naturforscher, die seit der Renaissance gelernt hatten, überprüfbares Wissen über Anatomie, die Vielfalt der Lebewesen und die Entwicklungsgeschichte der Erde zusammenzutragen; Wissen, auf das Darwin im 19. Jahrhundert zurückgreifen konnte. Die Paläontologie etwa hatte gezeigt, dass die Lebewelt der Erde über die Jahrmillionen hinweg keine Konstante ist, sondern dass Tier- und Pflanzenformen im Laufe der Erdgeschichte einerseits neu auftraten und andererseits ausstarben.
Einer der ersten, von dem wir wissen, dass er konkrete evolutionäre Gedanken äußerte, war der Comte de Buffon (1707-1788). Wie zahlreiche andere Philosophen der Aufklärung nahm er eine spontane Lebensentstehung aus unorganischer Materie an. Die so entstandenen Lebewesen sollten sich durch Wanderbewegungen ihrer jeweils neuen Umgebung anpassen.
Um 1809 formulierte der sehr viel berühmtere Chevalier de Lamarck (1744-1829) seine Vorstellung von Evolution. Er ging davon aus, dass spontan entstehende primitive Lebensformen im Laufe der Zeit zu komplexeren Formen fortschritten. Er schlug vor, dass sich Körperteile durch Gebrauch und bewusstes Streben vergrößerten oder stärkten, während andere, ungenutzte verkümmerten. Diese veränderten Merkmale sollten sich an die Nachkommen vererben. Lamarcks Vorstellungen parallel verlaufender Entwicklungsreihen blieben bis ins 20. Jahrhundert populär, weil man erst danach zu verstehen begann, wie Vererbung funktioniert.
Als Darwin im Jahr 1859 mit seinem Buch die Biologie revolutionierte, geschah das also nicht aus heiterem Himmel. Vieles vom Rohmaterial für Darwins Theorie war bereits bekannt. Darwins Verdienst war es, zu zeigen, wie alle diese Hinweise die Evolution der Arten aus einem gemeinsamen Vorfahren nahe legten, das Bild des Stammbaums der Wirklichkeit also näher kam als Larmarcks Vorstellungen, und mit der Natürlichen Auslese einen plausiblen Mechanismus vorzuschlagen, der zur Evolution des Lebens führte und führt.
Was die Natürliche Auslese betraf, so hatten sich Darwin wie auch Wallace durch ein bevölkerungspolitisches Buch des anglikanischen Geistlichen Thomas Malthus (1766-1834) inspirieren lassen. Darin warnte Malthus vor einer Bevölkerungsexplosion durch zu zahlreiche Nachkommenschaft. Malthus wies darauf hin, dass es keine Chance gäbe, die landwirtschaftliche Produktion in ähnlichem Maße zu steigern, und dass die Menschen daher um die begrenzten Ressourcen konkurrieren müssten.
Während Darwin einen praktikablen Mechanismus für die beobachtete Evolution vorschlagen konnte, wusste er nicht, warum Nachkommen nicht einfach Kopien ihrer Eltern sind und wie veränderliche Merkmale an die nächste Generation weitergegeben werden konnten.
Erst im späten 19. Jahrhundert wurde der Zellkern entdeckt, der anfärbbare Strukturen enthielt. Diese „Chromosomen“, erkannte man um 1900, waren Träger der Erbsubstanz. Je ein halber Chromosomensatz bekamen die Nachkommen von Vater und Mutter. In dieselbe Zeit fällt die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln, die im Licht der neuen Erkenntnis interpretiert werden konnten. Thomas H. Morgan (1866-1945) entdeckte, wie Erbsubstanz durch äußere Einflüsse wie Röntgenstrahlung etc. mutierte und sich dabei einzelne Merkmale der Tiere änderten. So erkannte er, dass Merkmale durch bestimmte „Gene“ gesteuert wurden.
Etwa zur selben Zeit entwickelten Ronald Fisher (1890-1962), John B. S. Haldane (1892-1964) und Sewall Wright (1889-1988) mathematische Modelle, um die Ausbreitung von Merkmalen in ganzen Populationen zu beschreiben. Es gelang ihnen um 1924 zu zeigen, dass Evolution durch zufällige Mutationen und anschließende Auslese möglich war, ohne die Hilfe imaginärer treibender Kräfte wie sie Lamarck vorgeschlagen hatte.
Der nächste Schritt auf dem Weg zur modernen Synthese der Evolutionstheorie mit der Genetik war die Beantwortung der Frage, was Arten genetisch gesehen sind und wie sie entstehen. In den 1920er Jahren hatten Biologen noch angenommen, dass alle Mitglieder einer Art dieselben Gene besäßen. Theodosius Dobzhansky (1900-1975) entdeckte, dass sich verschiedene Wildpopulationen einer Fruchtfliegenart genetisch teils beträchtlich unterschieden, weil sie nicht im sexuellen Austausch miteinander stehen.
Ernst Mayr (1904-2005) kartierte derweil die Verbreitung von Paradiesvögeln in Südostasien, was sich als unbefriedigend erwies. Mayr erkannte, dass die Schwierigkeit, seine Vögel in „Schubladen“ zu sortieren eine Folge aktuell stattfindender Evolution und Artentstehung war. Variationen bildeten sich in unterschiedlichen Regionen des Verbreitungsgebietes, aber da die Populationen nicht voneinander isoliert waren, bildeten sie ein breites Kontinuum von Formen. 1942 argumentierte Mayr, dass geographische Isolation der wichtigste Faktor der Artentstehung sei. Dies gilt bis heute, auch wenn man mittlerweile weitere Faktoren kennt.
1953 gelang es Francis Crick (1916-2004) und James Watson (*1928) die Struktur der DNA zu entschlüsseln. Damit war erstmals klar, was eine Mutation konkret bedeutete. Nun konnte man auch Verwandtschaftsverhältnisse von Tier- und Pflanzenarten bestimmen, indem man direkt ihrer Erbanlagen analysierte.
Um 1966 entdeckte Lynn Margulis (*1938), dass neue Strukturen und Arten nicht nur durch Mutationen und natürliche Auslese entstehen konnten, sondern dass Zellorganellen der komplexen eukaryoten Zellen – Mitochondrien und Chloroplasten – ursprünglich selbständige Bakterien waren, die mit der Zelle in Symbiose leben.
Stephen Jay Gould (1941-2002) wies 1977 darauf hin, dass geringe Mutationen in Reglergene, die die Feinabstimmung der Embryonalentwicklung regeln, dramatische Auswirkungen auf die Gestalt des erwachsenen Organismus haben. Seither sind zahlreiche Reglergene identifiziert und ihre Wirkung untersucht worden. Insbesondere Christiane Nüsslein-Volhard (*1942) und Eric Frank Wieschaus (*1947) untersuchten Gene, welche im Ei von Fruchtfliegen die Anlage des Körperplans steuern. Sie entwickelten die Gradiententheorie, die darstellt, wie durch Stoffgradienten in der Eizelle und im Embryo die Aktivierung von Genen gesteuert wird, und zeigten Parallelen in der Embryonalentwicklung zwischen Insekten und Wirbeltieren auf.
Die Weiterentwicklung der Evolutionstheorie ist damit aber keineswegs abgeschlossen. Diese fortdauernde Forschung belegt die Nützlichkeit der Theorie, die erlaubt immer neue Fragen über das Was und Wie der Natur zu entwickeln und nach Antworten auf diese Fragen zu suchen.

Vielen Dank an Frau Dr. Kölbl-Ebert für diesen Gastbeitrag!

PS: zum zweiten Teil der Rede

Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ vom 13.2.2009 - 10.1.2010 im Jura-Museum Eichstätt. Das Museum gehört zu den "Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns", diese sind Mitglied im Konsortium der "Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen, DNFS.
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