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Montag, 7. Februar 2011

Archaeopteryx wird 150

von Reinhold Leinfelder

Im Jahr 2011 gibt es schon wieder einen Evolutionsgeburtstag zu feiern: Archaeopteryx, der Urvogel, selbst etwa 150 Millionen Jahre alt, wurde vor 150 Jahren erstmalig gefunden. Diesen Anlass greifen die Medien bereis auf und berichten wieder verstärktüber den Urvogel. Seit seiner Entdeckung kommt er also aus den Schlagzeilen kaum raus.

  • Im Darwin-Jahr 2009 berichtete ADLD erst einmal, wie Kreationisten den Evolutions-Paradebeleg Urvogel aus "von mysteriösen Fundumständen begleitet" abzuqualifizieren versuchten, aber dabei vergeblich waren (> AdlD). 
  • Dann gab es aber ganz real nicht nur ein Stelldichein der meisten Exemplare in München, sondern insbesondere die überfällige Regelung, das 10. Urvogel-Exemplar dauerhaft für Forschungs- und Ausstellungszwecke zugänglich zu machen (AdlD berichtete hier und hier). 
  • 2010 wurden faszinierende neue Ergebnisse zu den (eher geringen) Flugkünsten von Archie bekannt (> AdlD) und dieses Jahr nun also Jubiläum.
Die neue Archaeopteryx-Münze (von der
Webseite des Bundesfinanzministeriums)

Der Höhepunkt wird die Herausgabe einer 10-Euro-Gedenkmünze Archaeopteryx sein, die am 11. August 2011 ausgegeben wird und online bereits zu bewundern ist, abgebildet ist das bekannteste, das Berliner Exemplar. Außerdem gibt es gleich noch eine Sonderbriefmarke Archaeopteryx 55 Cent, die ebenfalls am 11.8. 2011 herauskommt. Einige Entwürfe gibt es online zu sehen:

Aber die Medien warten nicht bis dahin, hier also ein paar aktuelle Berichte zu Archaeopteryx:

Neue Zürcher Zeitung, 6.2.2011 

Darwins Kronzeuge. Bis heute ist das Fossil des Archäopteryx eines der wichtigsten Beweisstücke der Evolutionstheorie

"Fossilien sind spannende Zeugen der Erdgeschichte, und manchmal ist auch die Geschichte der Funde selbst alles andere als langweilig. Dies trifft besonders auf das wohl bekannteste versteinerte Tier überhaupt zu, den Urvogel Archäopteryx, der 1861, vor genau 150 Jahren, im Solnhofener Plattenkalk gefunden wurde.
Dabei sind es nicht nur wissenschaftliche Aspekte, mit denen Archäopteryx die Fachwelt und Öffentlichkeit gleichermassen in Atem hält. Eine Mischung aus persönlichen Befindlichkeiten, knallhartem Faktenstreit und finanziellen Forderungen hat seit der Entdeckung des Urvogels einigen Wirbel verursacht. Die 10 bekannten Archäopteryx-Exemplare sorgen auch heute immer wieder für Gelehrtenstreit und Schlagzeilen in der Tagespresse, was über einen so langen Zeitraum wohl keiner anderen Tierart gelungen sein dürfte..."(> weiterlesen)


Neue Zürcher Zeitung, 6.2.2011

Gute Geschäfte mit einem Fossil

"Nachdem der erste Fund eines Archäopteryx nach London verkauft worden war, wollten deutsche Zoologen wenigstens das zweite Exemplar im eigenen Land behalten.
Der stolze Besitzer war Ernst Otto Häberlein. Mit dem Verkauf des ersten Archäopteryx hatte bereits sein Vater viel Geld verdient. Die Preisvorstellungen waren auch dieses Mal so horrend, dass die Bayerische Staatssammlung passen musste. Auch die Yale University konnte nicht mithalten, und selbst eine Bittschrift an den Kaiser Wilhelm I. führte nicht zum Erfolg, was den deutschstämmigen Genfer Zoologieprofessor und späteren Nationalrat Carl Vogt zu der Bemerkung bewegte, der Kaiser hätte sich wohl für einen Ankauf entschieden, wenn es sich um ein versteinertes Gewehr gehandelt hätte. Der von Vogt eingefädelte Ankauf für das Genfer Museum platzte zwar, aber immerhin durfte er das Fossil wissenschaftlich beschreiben und dessen erstes Foto publizieren. ..." (> weiterlesen)


Spiegel Online, 6.2.2011

Wie die Natur die Feder erfand

"Wie wurden aus Dinosauriern Vögel? Unter Evolutionsforschern ist die Frage seit Jahren umstritten. Eine zentrale Rolle spielt die Entwicklung der Feder. "National Geographic"-Autor Carl Zimmer über ein Wunderwerk der Natur, das Wissenschaftler bis heute vor Rätsel stellt. ..." (> weiterlesen)


PaloAltoPatch, 26.1.2011

SLAC Scientist Uncovers Secrets of 150 Million-Year-Old Bird

"Using powerful X-rays from Stanford's synchrotron, SLAC National Accelerator Laboratory scientist Uwe Bergmann has analyzed the chemistry within an archaeopteryx fossil and feather and found a unique relation to the modern bird. ..." (> weiterlesen)
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Sonntag, 16. Mai 2010

Archaeopteryx war ein mieser Flieger

aus Spiegel Online

Der berühmte Urvogel Archaeopteryx und seine Verwandten sahen beeindruckend aus - doch richtig fliegen konnten sie vermutlich nicht. Schuld daran waren zu weiche Federn, wie eine Analyse jetzt ergab. Deren Stabilität reichte bestenfalls für gelegentliche Gleitflüge zwischen den Bäumen. Dublin - Gerade ein paar Tage ist es her, dass Forscher neue Erkenntnisse über das Federkleid des Archaeopteryx präsentiert haben. Ein Team um Uwe Bergmann vom Stanford Linear Accelerator Center in Menlo Park (US-Bundesstaat Kalifornien) hatte zum ersten Mal chemische Rückstände der Federn an einem Fossil des Tieres nachgewiesen .

(Bild: © W. I. Sellers, aus SPIEGEL online)

Neue Forschungsergebnisse legen nun nahe, dass die Federn des Archaeopteryx, der vor rund 150 Millionen Jahren lebte, sehr weich waren. Er und seine Verwandten waren deshalb vermutlich keine besonders guten Flieger. Statt sich mühelos in die Lüfte zu erheben, flatterten und glitten die Urvögel eher über den Boden, schreiben Gareth Dyke vom University College Dublin und Robert Nudds von der University of Manchester im Fachmagazin "Science".

Die Wissenschaftler hatten die Federn des Archaeopteryx und des Confuciusornis analysiert, die nicht mehr ganz Dinosaurier, aber auch noch nicht ganz Vogel waren. Unter Forschern ist umstritten, ob sie fliegen konnten oder nicht. Dyke und Nudds glauben nun, dass die Tiere bestenfalls von einem Baum zum anderen segeln konnten. Wenn sie auf ihrem Weg durch dichte Wälder doch einmal auf dem Boden landeten, mussten sie erst wieder mühevoll einen Baum hinaufklettern, glauben die Wissenschaftler. (> Originalartikel von Spiegel Online weiterlesen)

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In den Medien finden sich auch viele weiteren Artikeln zu den neuen Ergebnissen zu Archie 10, z.B.
>> FAZ: Die Chemie des funkelnden Urvogels.
>> SPEKTRUM scinexx: Archaeopteryx auch chemisch Bindeglied zwischen Vögeln und Dinos.
>> Chemiereport: Die Chemie des Archaeopteryx.
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Mittwoch, 28. Oktober 2009

Neues von Archie 8 und 10 - Neue Art dazu, alte Art weg und neue Besuchsrechte?

von Reinhold Leinfelder
(mit Nachtrag vom 5.11.09, am Ende des Artikels)

Nun wird es erfreulicher: endlich steht mehr die Wissenschaft rund ums Archaeopteryx-Treffen, weniger die Fossilhändler im Vordergrund (> AdlD Bericht vom 26.10.). Wollen wir hoffen das dies so bleibt.

Sehr positiv ist, dass nun die Wissenschaft die Möglichkeit hat, die sechs derzeit in München befindlichen Archaeopteryx-Exemplare seit Montag bis morgen (29.10.09) wissenschaftlich direkt zu vergleichen. Ab Freitag sind die Urvögel dann auf den eigentlichen Mineralientagen zu sehen (> PM Mineralientage)

Auch in dem Medien wird nun die Wissenschaft stärker betont, etwa in der WELT online vom 27.10.09 oder - generell zu Archaeopteryx - in der FAZ vom 28.10.09. Ein paar Beispiele seien genannt.

Abbildung: Wissenschaftler untersuchen die Archaeopteryx-Exemplare an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie. Screenshot aus BR-Rundschau vom 26.10.09

Wieviele Archaeopteryx-Arten gibt es?
Ist Archie 7 keine eigene Art? Der Münchner Merkur vom 27.10.09 zitiert den US-amerikanischen Paläontologen. Zitat aus dem Artikel:
"Mark Norell, Chef-Paläontologe des Amerikanischen Naturhistorischen Museums in New York, ist bereits angereist. „Wie schnell wuchsen diese Tiere und wie lange lebten sie?“, will er wissen. Dafür entnimmt er den Skeletten mikroskopisch kleine Proben. Kürzlich hat er so das Exemplar untersucht, das seit 1999 im Besitz der Bayerischen Staatsammlung für Paläontologie ist und von dem ein täuschend echter Abguss im Museum ausgestellt wird. Heraus kam: Es war ein Jungtier und keine neue Art, wie lange angenommen wurde." (> ganzer Artikel).

Norell bezieht sich auf das 7. Urvogel-Exemplar, das Münchner Exemplar, welches ja im Unterschied zu den anderen Urvogel-Exemplaren, die als Art Archaeopteryx lithographica bezeichnet werden, als eigene Art, nämlich Archaeopteryx bavarica definiert wurde. Hier gab es immer wieder unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen. Es könnte durchaus sein, wie die FAZ heute (28.10.09) generell zu Archaeopteryx schreibt, dass es sich bei allen Exemplaren um Jungexemplare handelt, damit wären insbesondere Größenunterschiede der Exemplare, aber auch gewisse Verknöcherungsstadien im Brustbereich kein gutes Artunterscheidungskriterium. Der Artnamenwechsel ist übrigens auch früher schon einem anderen Archaeopteryx-Fund passiert. Das 2. Exemplar, das Berliner Exemplar wurde ebenfalls ursprünglich als eigene Art geführt, nämlich Archaeopteryx siemensii. Die meisten Wissenschaftler waren sich später allerdings einig, dass A. siemensii mit A. lithographica identisch ist, wenn auch wieder einmal Größenunterschiede vorhanden sind. Aber es gibt weiterhin Wissenschaftler, die an der Art A. siemensii festhalten. Und da Archie 10 auch eng mit Archie 2 in Verbindung gebracht wurde, könnte das sogar für Archie 10 gelten (> siehe Literaturverzeichnis hier, sowie auch Synonymieliste zum 10. Exemplar hier). Ob A. bavarica nun auch zu A. lithographica wird, bleibt den Spezialisten zur weiteren Untersuchung überlassen.

Archie 8 eine neue Art? Es mag erste Hinweise dafür geben, dass der nun im Original präsentierte mehrere 100.000 Jahre jüngere, sehr fragmentarische Fund eines 8. Archaeopteryx-Exemplars eine neue Art sein könnte. Dies gilt zumindest gemäß einer gestrigen dpa-Meldung, die in ZEIT online und einigen weiteren Pressemedien publiziert wurde: Die Meldung lautet:

"München (dpa) - Bei einem lange verschollenen Archaeopteryx- Fossil handelt es sich möglicherweise um eine neue Art. Das habe ein erster Vergleich des nun wiedergefundenen Fossils mit anderen Urvögeln ergeben.
Die Urvögel befänden sich derzeit für eine Ausstellung in München, sagte der neue Besitzer des Fossils, Raimund Albersdörfer aus Schnaittach bei Nürnberg am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Mehrere Forscher hatten das Fossil in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie inspiziert. Die genaueren Untersuchungen, ob es sich um eine neue Art handele, werden allerdings mehrere Wochen oder sogar Monate dauern, wie der stellvertretende Direktor der Staatssammlung, Winfried Werner, und der Paläontologe Oliver Rauhut sagten. «Es steht noch nicht fest - es bedarf detaillierter Untersuchungen», betonte Werner. Weltweit sind zehn Exemplare der Urvögel bekannt. Zwei davon, die Nummern 3 und 8, waren jahrzehntelang verschollen, Nummer 8 tauchte jetzt wieder auf. «Es zeichnet sich beim 8. Exemplar schon ab, dass es sich um eine neue, der Wissenschaft noch nicht bekannte Art handelt», sagte der Besitzer, der selbst Geologe und Fossilienhändler ist. Er habe vorgeschlagen, das neue Fossil als Daiting-Exemplar zu bezeichnen, das es in Daiting südwestlich von Solnhofen gefunden wurde." (aus ZEIT-newsticker)

Tatsächlich wäre eine eventuelle neue Art jedoch erst begründet, wenn die wissenschaftlichen Untersuchungen abgeschlossen und publiziert sind. Immer wieder auch kann auch der Wunsch der Vater des Gedankens sein. Auch die generellen bekannten Schwierigkeiten der Artabgrenzung bei der Gattung Archaeopteryx (siehe oben) sind zu berücksichtigen. Dennoch: Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie meinte in der BR-Rundschau vom 26.10., es gelte zu untersuchen, ob es auf den Inseln der Oberjura-Welt vor 150 Jahren tatsächlich bereits Anpassungsvielfalt wie etwa bei den berühmten Galapagos-Finken gab. Auf den Galapagos-Inseln kommen ja auch auf engem Raum viele unterschiedliche Arten vor, die sich insbesondere in ihrer Schnabelausbildung unterscheiden. Auch AdlD wies ja schon darauf hin, dass die "perlenförmigen" Zähnchen des Archie 8 durchaus Unterschiede etwa zum Berliner Exemplar aufweisen könnten. Warten wir also auf gut fundierte neue Ergebnisse. Auf alle Fälle ist zu vermeiden, dass ein "Ida"-Effekt eintritt: zuerst wissenschaftlich als Bindeglied in der Ahnenreihe zum Menschen hochgejubelt, nun doch sehr "entzaubert" und schlichtweg vermutlich "nur" ein lemurartiger Affe auf einer ganz anderen evolutionären Linie. Dass Darwinius, aka "Ida" dennoch ein wunderbar erhaltenes und wichtiges wissenschaftliches Zeugnis ist, ging dabei leider unter.

Archies mit Besuchserlaubnis
Aber noch weiteres Positives gibt es zu berichten. Endlich scheint es im Fall von Archie 10 zu einer tragfähigen "Besucherregelung" für Wissenschaftler zu kommen (zur Vorgeschichte siehe AdlD vom 26.10.).

WELT online vom 27.10.09 thematisierte das Problem des fehlenden Fossilschutzgesetzes. Allerdings stimmt der dort gegebene Hinweis so nicht, dass die dauerhafte Zugänglichkeit von Archie 10 für die Wissenschaft bereits geregelt worden sei und Archie 10 in regelmäßigen Abständen zu den Wissenschaftlern nach Frankfurt gebracht werden müsse. Eine derartige Regelung war zwar vielleicht einmal geplant, allerdings ist es offensichtlich nie dazu gekommen.

Nun aber hat sich das Bayerische Wissenschaftsministerium hinter die Sache geklemmt. Die Anzeichen dafür mehrten sich, dass hier eine Regelung erzielt wurde, aber eine offizielle Bestätigung des Ministeriums stand noch aus. Diese liegt nun aber offensichtlich vor, wie die Süddeutsche heute (28.10.09) berichtet. So schreibt dies Süddeutsche:
"Als Bedingung dafür, dass er (Anm, der Besitzer Dr. Burkhard Pohl)" das Stück in den Freistaat ein- und wieder ausführen darf, verlangte die Staatsregierung von Pohl die Zusicherung, den Archaeopteryx dauerhaft "für Forschungs- und Ausstellungszwecke" zugänglich zu machen. Mit Erfolg: Pohl hat eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben, die auch für eventuelle Rechtsnachfolger gelten soll."

Die kleine Verballhornung des Volksliedes "Kommt ein Vogerl geflogen" (AdlD vom 26.10.) können wir damit durch eine weitere Strophe ergänzen:

Liebes Vogerl, sei nicht traurig,
statt dem Frust gibt's nun den Kuss
denn nun könn' wir dich besuchen
jedesmal, wenn dies sein muss.

(Abb. Archaeopteryx-Modell von Dennis Wilson aus dem Aathal-Museum, dpa)


Ende gut alles gut? Immerhin, obige Regelung klingt erst einmal zufriedenstellend, sofern sie auch umgesetzt und eingelöst werden kann. Außerdem kann die Regelung nur bedeuten, dass auch das bayerische Wissenschaftsministerium nicht nur die wissenschaftlich-kulturelle Bedeutung derart herausragender Fossilien, sondern auch die Notwendigkeit der Verfügbarkeit für die Wissenschaft erkannt hat. Hoffen wir auf den konsequenten nächsten Schritt: ein bayerisches Fossilschutzgesetz, dann gäbe es so richtig Grund zum Jubeln!

Dennoch: auch heute besteht bereits Anlass zur Freude. Und wenn der Besitzer von Archie 8 seine Ankündigung (u.a. im TV) auch wahr macht und das Objekt nicht nur einem Museum ausleiht, sondern dieses Museum auch ein öffentlich-rechtlich verankertes Forschungsmuseum ist und die Leihgabe eine Dauerleihgabe, dann hätte die Fossilhändlerveranstaltung zu den Archaeopteryxen tatsächlich auch nachhaltigere positive Auswirkungen für die Wissenschaft.
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Nachtrag vom 5.11.09: hier nochmals die Meldung, dass das bayerische Staatsministerium für Wissenschaft erfolgreich bzgl. der wissenschaftlichen Zugangsrechte für Archie 10 verhandelt hat. Auch dass die "Artfrage" für Archie 8 und die anderen noch nicht wissenschaftlich geklärt werden konnte, wird bemerkt: alles im Münchner Wochenanzeiger zu finden.

Im Weißenburger Tagblatt vom 4.11.09 (online 3.11.09) wird berichtet, dass Archie 8 und 10 nun nach Solnhofen weitergeflattert sind und dort kurz zu sehen sein werden. Außerdem wird der CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Wägemann genannt, der für Archie 10 "einen Diplomatenstatus" herausgehandelt habe. Weiterhin wird die Meinung eines Archaeopteryx-Kenners, Helmut Tischlingers wiedergegeben, der auf neuere Forschungsergebnisse hinweist, die alle Archaeopteryx-Funde eher zu einer Art rechnen.

Ach ja, und das neue "Humboldt-Ring"-Konsortium naturwissenschaftlicher Sammlungen und Museen wurde von Archaeopteryx auch beflügelt - die großen Mitgliedssammlungen in Stuttgart, Karlsruhe, München, Bonn und Berlin beschlossen eine ggf. gemeinsame und gegenseitig transparente Erwerbspolitik für herausragende Sammlungen und Objekte. Vergebliche Bemühungen um den Erhalt nationalen Kulturguts wie Archaeopteryx 10 oder Darwinius, die offensichtlich der Sammlung in Frankfurt am Main angeboten wurden, von dort aber aus Kostengründen nicht erstanden werden konnten, sollten damit hoffentlich der Vergangenheit angehören.
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Montag, 26. Oktober 2009

Kommt ein Urvogerl geflogen.... Archaeopteryx-Originale auf einer Fossilhändlermesse

von Reinhold Leinfelder, 26.10.09, 13:15 Uhr

Teil 1: Kommt ein Urvogerl geflogen, oder sogar sechs!

Nun kommt also die Archaeopteryx-Vollversammlung (na ja, Dreiviertelversammlung)! Sind wir mitten im nächsten Medien-Hype der Paläontologie? Ist doch wunderbar! Oder könnte dies doch eher eine Luftblase werden wie bei Darwinius aka "Tante Ida", die als "The Link", als achtes Weltwunder bezeichnet wurde und zwischenzeitlich ziemlich zerplatzt ist? Hat man daraus nicht gelernt, wie sehr durch Übertreibungen die Wissenschaft beschädigt werden kann? Oder ist es doch eine sensationelle Angelegenheit, dass nun sechs der zehn bekannten Archaeopteryx-Exemplare hier gezeigt werden, eines sogar zum ersten Mal im Original?

(Abbildung: Das 10. Archaeopteryx-Exemplar, es ist im Privatbesitz und befindet sich in der Regel in einem kleinen Privatmuseum im 3000-Seelen-Nest Thermopolis in Wyoming, USA)

Nun, den Münchner Kollegen ist von ganzem Herzen zu wünschen, dass diese am nächsten Wochenende auch der Öffentlichkeit zugängliche Schau nicht nur eine Blase ist oder gar bitter aufstößen könnte, sondern dass das Zusammentreffen der sechs Urvögel und einer Urfeder tatsächlich die Wissenschaft beflügeln möge - immerhin gibt es vorlaufend einen entsprechenden Workshop für die Wissenschaft in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie. Leider verschwinden dieses 8. und 10. Exemplar hinterher ja wieder in privaten Gemächern.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 24.10.09 unter dem Titel ">Stelldichein der Urvögel" ausführlich, darunter auch über die Passierscheinregelung für Archie 10, der ja an ein privates USA-Museum eines Fossilhändlers entfleucht ist und auch dorthin wieder verschwindet. Hierzu erst einmal ein kleiner emotionaler Einschub:

Lied eines verwunderten Paläontologen:

Kommt ein Urvogerl geflogen,
setzt sich kaum nieder auf mein' Fuß,
hat ein' Passierschein im Schnabel,
mit dem er zurückfliegen muss.

Lieber Urvogel, flieg weiter,
nimm' mein Gruß mit und mein' Frust,
denn wir könn' dich nicht erforschen
weil Du in Einzelhaft musst.

Ja, zugegeben, holprig, wie das Thema. Also lieber weiter in Prosa:

Das Familientreffen ist an sich eine schöne Sache, verwunderlich ist jedoch, dass diese Archaeopteryxe ausgerechnet von Fossilhändlern auf einer Mineralien-Messe zusammengetragen und gezeigt werden, auch noch in direkter Nachbarschaft etwa zu einer esoterischen Wellness-Show mit "Heilsteinen". Auf der Messe machen professionelle Fossilhändler in der Regel hervorragende Geschäfte.

Das Verhältnis zwischen Hobbyfossilsammlern und Wissenschaftlern ist zwar in der Regel ausgezeichnet und gegenseitig befruchtend. Unter den gewerblichen Fossilhändlern gibt es jedoch nach Insiderkreisen auch jede Menge schwarze Schafe - gezielte Raubgrabungen, teils mit schwerstem Gerät oder auch gefälschte Papiere sind keine Seltenheit - wundersam ist auch, dass viele angebotene Objekte angeblich vor sehr vielen Jahren bereits gesammelt wurden. Dies scheint besonders dann der Fall zu sein, wenn sie aus Ländern stammen, im dem es entsprechende Fossilschutzgesetze zu dieser angeblichen Zeit noch nicht gab (siehe auch >> Fundgeschichte zu Darwinius auf diesem Blog). Dort, wo wie in Bayern auch heute noch keine Fossilschutzgesetze gelten, werden schon mal ganze Steinbrüche aufgekauft - manche vermuten gar, um bereits andernorts gemachte bzw. zukünftige Funde, die illegal dem Grundbesitzer vorenthalten werden, zu kaschieren.

Tatsächlich sträuben sich aber sogar etliche Wissenschaftler gegen Fossilschutzgesetze, mit dem fadenscheinigen Argument, dass die Objekte dann alle in den Untergrund gehen würden. Die Geschichte der Archaeopteryx-Funde zeigt jedoch, dass dies ja gerade ohne Fossilschutzgesetze passiert. Rechtsstreitigkeiten mit Grundbesitzern sind allemal ärgerlicher und vom Ausgang her unklarer, als wenn eindeutige Regelungen in einem Fossilschutzgesetz vorhanden sein würden. So haben Länder, wie etwa Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz mit Fossilschutzgesetzen sehr gute Erfahrungen gemacht und wohl gerade wegen der klaren, pragmatischen Regelungen ein gutes Verhältnis mit Hobbyfossilsammlern erarbeitet.

Trotz so manchem Verständnis für Fossilhandel war der >Aufschrei der Wissenschaft groß, als Archie 10 im Jahr 2005 bzw. früher aus Bayern über die Schweiz nach USA geflattert ist und dort in einem Privatmuseum eines Fossilsammlers gelandet ist. Die >ZEIT berichtete 2006, dieses Wochenende berichtete die >Süddeutsche auch hierzu nochmals ausführlich. Nun also ist der edle Fossilkäufer sogar so edel, Archie 10 für einige Tage nach Deutschland zurückzubringen. Vergelt's Gott, wir verneigen uns.

(Abb.: Das private Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis, USA, dort befindet sich der normale Aufenthalt von Archaeopteryx 10)

Noch unverständlicher ist der Hype um ein Archaeopteryx-Fragment, welches angeblich völlig unbekannt ist, der Archaeopteryx 8. >Die WELT am Sonntag spricht am 24.10.09 von einer "Weltsensation", seit 25.10.09, 10.00 Uhr sind nun auch bis dato unbekannte Bilder des Originals in WELT-Online zu sehen. Nur aus ein paar Knochen bestehend, wurde ein Abguss bereits früher einem Wissenschaftler übergeben, der einen Bericht veröffentlichte, den Abguss für kurze Zeit in seinem Museum ausstellen durfte, insbesondere aber dem verunsicherten Finder bestätigt hat, dass es sich tatsächlich um ein Archaeopteryx-Fragment handelt. Sozusagen eine kostenlose Expertise, die den Wert des Objekts dramatisch gesteigert haben dürfte. Das Objekt ist trotz sehr unvollständiger Erhalten wohl schon deshalb von wissenschaftlichen Interesse, weil sein Fundpunkt etwas entfernter von den anderen Archaeopteryx-Funden ist und wohl auch einige 100.000 Jahre jünger sein könnte. Die Bilder des Abgusses stehen auch im Internet, die des Originals, wie gesagt, seit heute u.a in WELT-Online . Spannend scheint etwa die Erhaltung der "perlenförmigen" Zähne im Schädel zu sein.

(Abb. Bild des Abgusses des 8. Archaeopteryx-Exemplars. Zu sehen sind insbesondere die beiden Unterarmknochen eines Flügels sowie ein teils zerdrückter Schädel, oben, > Quelle).

Die Wissenschaftler sind gerade wegen des fehlenden Fossilschutzgesetzes in einer Zwickmühle. Sie können meist nicht frei graben, und wenn sie wissenschaftlich bedeutende Objekte untersuchen wollen, müssen sie mit den professionellen Fossilhändlern kooperieren. Diese wahrlich steinzeitliche "Jäger und Sammler"-Mentalität sollten wir in einer modernen, wissenschafts- und kulturbasierten Gesellschaft längst überwunden haben. Wichtige Fossilfunde müssen wie auch archäologische Funde endlich auch als Gemeingut von öffentlichem Interesse angesehen werden können - ein neu gefundenes Römerschiff darf doch auch nicht einfach einkassiert und meistbietend verkauft werden!

Um das ganz klar zu sagen: Fossilhandel ist nicht verboten und in Bayern eben auch das Sammeln nicht, sofern man sich an die Grundbesitzerregel hält. Auch ist die Messeleitung seit Jahren bemüht, schwarze Schafe herauszufinden und nicht zuzulassen. 2004 erfolgte sogar auf Anregung des Autors eine Kontrolle durch die Zollbehörden. Besonders peinlich ist dann allerdings schon, wie sich die professionellen Fossilsammler und - händler nun als ganz besondere Gutmenschen und Wissenschaftsförderer gerieren. Ein paar Beispiele gefällig?

Zu Archie 10: ""Alle Bemühungen, genügend Mittel für den Erwerb des wertvollen, nationalen Kulturguts aufzubringen, scheiterten. Der Betreiber des Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis (USA), Burkhard Pohl, erklärte sich darauf hin bereit, sich um den Ankauf zu bemühen und sicherte zu, dass das Stück auch in Zukunft der Wissenschaft zugänglich bleibt." (Aus der offiziellen Pressemeldung: >www.mineralientage.de/sonderschau-fossilpark.html)

Tatsächlich wird auch dies in einer offiziellen Pressemeldung berichtet:
"“Ich freue mich sehr, dass wir so viele Museen für die größte bislang gezeigte Ausstellung von Archaeopteryx-Originalen gewinnen konnten. Es handelt sich hier um ein national wertvolles und sehr faszinierendes Kulturgut. Dafür wollen wir auch die Öffentlichkeit begeistern”, betont Christoph Keilmann, der sich als Geschäftsführer und Veranstalter von Europas größter Mineralienmesse dafür eingesetzt hat, dass die wertvollen Fossilien in München drei Tage lang öffentlich zu sehen sind." (siehe hier)

Archie 10 ist eben leider kein nationales Kulturgut, weil das Land Hessen vorzeitig eine Wiederausfuhrgenehmigung erstellte. Der Ankauf durch das Senckenberg scheiterte übrigens wohl nur daran, dass nicht allgemein in der Community der Naturkundemuseen bekannt war, dass das Stück zum Ankauf bereit stand. Die Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen (DNFS) hatten sich danach besprochen, derartige Objekte ggf. in konzertierten Aktionen zu sichern. Das funktioniert allerdings nur, wenn das auch der Wissenschaftscommunity wirklich bekannt ist - auch bei Darwinius ist das leider wieder ohne Kooperationsversuch abgelaufen - leider ohne Not eine weitere Chance verpasst. Dass sich allerdings Burkhard Pohl nur deshalb um den Ankauf bemühte, um das Objekt für die Wissenschaft zu sichern, lassen wir mal unkommentiert. Dass er das Stück auch in Zukunft der Wissenschaft zugänglich machen möchte, entspricht erfreulicherweise meiner Anregung von Anfang 2006 im >Science-Magazin. Es würde ihn überaus ehren, dies nun auch tatsächlich zuzusichern und zwar auch schriftlich und testamentarisch verbrieft.

Leider springen auch einige wenige Wissenschaftler mit auf dieses Trittbrett und klopfen sich auf die Schulter, weil man so gut mit Fossilhändlerkreisen kooperiert: "Der Leiter des Solnhofener Bürgermeister-Müller-Museums hat maßgeblichen Anteil daran, dass das «Thermopolis»-Exemplar (benannt nach dem Ausstellungsort im US-Bundesstaat Wyoming) nach Bayern kommt – quasi als besonderes Highlight im Darwinjahr 2009." Ja, richtig, nach Solnhofen flattert Archie 10 auch noch weiter (aus dem >Weißenburger Tagblatt)


Und zu Archie 8, dem alten neuen?

Hier ist ein anderer Fossilhändler im Fokus. Die >WELT berichtete am 24.10.:

""Da ich in der Fossilienszene gute Kontakte habe, können wir nun sechs der zehn Urvögel nach München holen." Als Leihgaben, versteht sich. Albersdörfer und Keilmann ... hatte ... der Ehrgeiz gepackt. Die beiden Fossilienfans wollten für die Münchner Ausstellung eine Sensation - sie wollten einen der verschollenen Urvögel finden.
Also forschte Albersdörfer nach Nummer acht. ,..... Nur wer gut verdrahtet ist und schweigen kann, kommt an die nötigen Informationen. Raimund Albersdörfer kennt die Szene und er kann schweigen. ... Albersdörfer... sieht neben dem oft irrsinnig hohen Marktwert von Fossilien auch ihren wissenschaftlichen Wert. Als er Nummer acht ausfindig gemacht hatte, als es nur die Alternative gab, den Urvogel zu kaufen oder ihn weiter in einer Privatsammlung vor den Augen der Wissenschaft zu verbergen, entschied er sich, das Fossil zu kaufen. Für sich und die Forschung - wie er sagt. Handeln will er Nummer acht nicht."

Nehmen wir auch hier den Händler beim Wort - wie wäre es mit einer Dauerleihgabe z.B. ans Museum Mensch und Natur in München? Aber bitte auch testamentarisch für die Zukunft garantiert. Und natürlich einer Eintragung als Nationales Kulturgut, sofern der wissenschaftlich-kulturelle Wert dazu gegeben ist.

Um aber aus der Zwickmühle zwischen gewerblichem Fossilhandel und Wissenschaft herauszukommen, müssen klare Regelungen, d.h. ein Fossilschutzgesetz her. Besteht Anlass zur Hoffnung, dass die Bayerische Staatsregierung dies inzwischen genauso sieht? Gründe genug wären nun doch wirklich beisammen!

Aber auch die Naturkundemuseen, und da nehme ich keines, also auch das von mir geleitete nicht aus, müssen ebenfalls konsequent sein. Sie mahnen Authentizität in den Wissenschaften an, deshalb seien die Sammlungen eben auch so wichtige wissenschaftliche Belegarchive, weil sie die wissenschaftlichen Ergebnisse authentifizieren und jederzeit nachprüfbar machen. Diese Verantwortung und Authentizität muss sich jedoch auch in der entsprechenden Sammlungs- und Ankaufspolitik ausdrücken. Das bedeutet natürlich auch im Gegenzug, wissenschaftliche paläontologische Objekte nicht selbst mit Schatzgräber- und Trutzburgmentalität an Museen zu verwalten, sondern allen Wissenschaftlern weltweit zugänglich zu machen. Insbesondere müssen die Zeiten vorbei sein, in denen Fossilien auf teils zweifelhaften Wegen in die Archive gelangten und dort wie ein Geheimnis gehütet wurden, etwa weil sie ein Kollege spätestens im Ruhestand noch selbst bearbeiten wollte. Fossilien können für öffentlich bedienstete Wissenschaftler kein Privateigentum oder Quasi-Eigentum darstellen, und keinesfalls können Sammlungen, die in Zusammenhang mit der Diensttätigkeit privat zusammengestellt wurden, später gewerblich veräußert werden.

Bedenklich sind auch Funde, die auf unergründlichen Wegen, möglicherweise sogar vorbei an Finanzbehörden und anderen Regularien aus ihren Ländern in andere verfrachtet werden. Ärger gab es hierbei nicht nur um Archie 10, >sondern auch um Darwinius, die ja beide ins Ausland gelangten - übrigens ist die Gegenplatte von Darwinius ebenfalls im Thermopolis-Museum in Wyoming gelandet.

Genauso wenig tolerierbar wäre aber auch, wenn Objekte aus dem Ausland nach Deutschland illegal eingeführt werden und dies alles angeblich nur der Wissenschaft wegen getan wird. Die Paläontologengemeinschaft sollte hier zusammenstehen und sich auch klar und distanziert gegenüber kommerziellen Fossiliensammlern verhalten. Gemeinsames Arbeiten zwischen Hobbysammlern und Wissenschaftlern ist erfreulich, dies hilft nicht nur der Wissenschaft direkt, sondern fördert auch die Freude an der paläontologischen Wissenschaft (>Leinfelder et al. 2004). Ganz anders ist es, professionellen Sammlern, die mit dem unersetzlichen und häufig durch Gesetze geschützten Kultur- und Wissenschaftsgut „Fossilien“ hervorragende Geschäfte machen, auch noch durch Expertisen und sonstige enge Kooperationen direkt zu unterstützen. Dies passt nicht zu einer notwendigen Strategie der Öffnung, weiteren Internationalisierung und methodischen Modernisierung der Paläontologie. Erfreulicherweise haben sich fünf große deutsche Naturkundemuseen (Berlin, Bonn, Karlsruhe, München, Stuttgart), die sich vor wenigen Wochen im Humboldt-Ring zusammengeschlossen haben, mit der zugehörigen Vereinbarung verpflichtet, auch ihre Ankaufs- und Sammlungsregelungen zu harmonisieren. Ein wichtiger Schritt.


Teil 2: Ein kleiner Überblick zur Fundgeschichte und Eigentumsverhältnissen der zehn Archaeopteryx-Funde.

Archaeopteryx - das Zwitterwesen mit Merkmalen gleichermaßen von Dinosauriern und Vögeln ist vermutlich das berühmteste Fossil der Welt, stellt es doch sozusagen den versteinerten Beweis dafür dar, dass Darwin recht hatte - und Diskussionen, ob Archaeopteryx nun ein bisschen mehr Vogel oder ein bisschen mehr Dinosaurier ist unterstreichen gerade diese verbindende Bedeutung. Darwin postulierte in seinem 1859 erstmals erschienenen Buch "On the Origin of species" das Vorhandensein von "missing links" und wunderte sich, dass diese so selten zu finden waren. Ein Jahr später wurde eine erste Feder des Archaeopteryx gefunden, zwei Jahre später, also 1861, das erste Exemplar, inzwischen gibt es 10 Funde, von denen etliche nur aus wenigen Knochen bestehen (z.B. das 9. Exemplar mit Spitznamen "Chicken Wing"), zwei verschollen sind (eines davon nun also wieder aufgetaucht ist) und die allerwenigsten im Besitz öffentlich-rechtlicher Institutionen gelandet sind, so das 1. Exemplar (das Londoner Exemplar), das 2. Exemplar (Berliner Exemplar), das 6. Exemplar (Solnhofener Exemplar) und das 7. Exemplar (Münchner Exemplar). Selbst das Eichstätter Exemplar gehört nicht dem Land Bayern (sondern der katholischen Kirche), das Haarlemer Exemplar der (wohl auch öffentlich geförderten) Privatstiftung und Gesellschaft Teylers Museum. Um das Solnhofener Exemplar wurde über 14 Jahre lang prozessiert - Bürgermeister Müller, nach dem das Gemeindemuseum benannt ist, war sogar lange dem Verdacht der Hehlerei ausgesetzt, bis der Bundesgerichtshof als letzte Instanz das Verfahren abwies. Der "Chicken Wing" (das 9., aus nur wenigen Knochenrelikten bestehende Exemplar) befindet sich als private Leihgabe ebenfalls im Bürgermeister-Müller Museum, das 10. Exemplar ging nach vergeblichen Ankaufsbemühungen und nach überaus unklarer Fund- und Wandergeschichte in das kleine Privatmuseum des Fossilhändlers Pohl nach Thermopolis, Wyoming (siehe Abbildung oben), das wissenschaftlich überaus wichtige 3. Exemplar, das Maxberg-Exemplar ist seit dem Tod des privaten Besitzers verschollen und das 8. Exemplar wurde vom Besitzer nur als Abguss kurz der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, um herauszufinden, ob es sich wirklich um ein wertvolles Objekt handelt. Nach kurzer öffentlicher Präsentation dieses Abgusses wurde selbst dieser wieder vom Besitzer eingezogen. Auf den Mineralientagen werden offensichtlich 6 Exemplare (sowie ggf. die Feder) gezeigt, das Londoner, Berliner und Haarlemer Exemplar wurden nicht zur Verfügung gestellt.

Die Geschichten, die sich um die Archaeopteryx-Funde ziehen, sind derart umfassend, dass bereits viele Bücher, teilweise sogar Krimis dazu geschrieben wurden. Die wohl umfassendste und wissenschaftlich aktuellste Zusammenstellung stammt vom bekannten Archaeopteryx-Spezialist Peter Wellnhofer (>Wellnhofer 2008). Warum dies alles? Wenn die Objekte wissenschaftlich eine derart hohe Bedeutung haben, müsste doch ihre Verfügbarkeit gewährleistet sein?

Nun, alle 10 Funde stammen aus Bayern und zwar aus der Region von Eichstätt-Solnhofen, alle entstammen ziemlich genau der gleichen Fundschicht, nur das 8. Exemplar könnte einige 100.000 Jahre jünger sein und stammt von einer etwas entfernteren Lokalität. Es ist damit trotz seiner sehr fragmentarischen Erhaltung von wissenschaftlich großem Interesse. Bayern hat aber, wie oben bereits erwähnt, im Unterschied zu vielen anderen Bundesländern kein eigenes Fossilschutzgesetz, was die Wissenschaft seit langem anprangert. Damit gehört ein Fund, wenn er sich komplett im Gestein befindet, dem Besitzer des Grundes, sollte es lose aufgefunden werden, kann es als Schatzfund behandelt werden und gehört dann zur Hälfte dem Grundbesitzer, zur Hälfte dem Finder. Archaeopteryxe liegen aber nicht einfach so als lose Funde herum, sondern stecken fest im Gestein und müssen herauspräpariert werden, also trifft hier in der Regel die Grundbesitzerregelung zu, es sei denn die Platte wäre als sog. Abraum (Abfallstück) auf einer Halde gelegen, was ebenfalls unwahrscheinlich ist.

Aber auch diese Regelungen werden umgangen, die Herkunft von in Privatbesitz befindlichen Objekten wird oft verschleiert, so sollten ursprünglich sowohl das 10. Exemplar, wie auch das nun wieder aufgetauchte 8. Exemplar einem Besitzer gehören, der nicht genannt werden wollte, immer treten Mittelsmänner in Form von Händlern auf und ob beim An-/Verkauf von Archaeopteryx-Objekten auch tatsächlich anfallende Steuern gezahlt werden, sollten die Finanzbehörden am besten wissen.

Die meisten Wissenschaftler klagen seit langem über die fehlenden Fossilschutzgesetze. Wären die Archaeopteryx-Funde in Baden-Württemberg gemacht worden, wären sie wegen des dort geltenden Fossilschutzgesetzes automatisch in Staatsbesitz. Baden-Württemberg arbeitet mit diesem Gesetz nicht dogmatisch, sondern sehr pragmatisch, keinem Hobbysammler wird das Sammeln verboten, aber wenn es sich um wissenschaftlich wichtige Objekte handelt, sind die entsprechenden Regularien vorhanden. Schon 1984, anlässlich der Eichstätter Archaeopteryx-Konferenz forderten 66 Wissenschaftler aus 12 Ländern in einer an die Bayerische Staatsregierung gerichteten Resolution: "... The participants of this conference find it extremely frustrating that a palaeontological object of such extraordinary scientific importance should not be available to the scientific community. They sign this resolution in urging the Bavarian Government to improve the legal situation with regards to cases like this, allowing the State to give preference to the public interest against the egoism of private individuals" (fide Wellnhofer 2008). Dieser Resolution war kein Erfolg beschieden. Immerhin wurden ab 1995 auch die in Bayern befindlichen, damals bekannten Archaeopteryxe als nationales Kulturgut geschützt, genossen also gewissen Bundesschutz, aber keinen Landesschutz. Der sog. 8. Archaeopteryx tauchte 1996 als Abguss auf und verschwand dann sehr bald wieder (siehe oben).

Auch als der Autor die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns von 2003 bis 2005 leitete, konnte er zwar Gespräche über die Notwendigkeit eines Fossilschutzgesetzes führen, jedoch keinen Erfolg in dieser Sache verbuchen. Tatsächlich tauchte dann aber Ende 2005 der 10. Archaeopteryx auf, und damit eines der am besten erhaltenen, für die Wissenschaft überaus wertvollen Exemplare. Das Exemplar wurde, obwohl aus Bayern stammend, zuerst bekannt, als es sich in Hessen zur wissenschaftlichen Untersuchung am Senckenberg-Museum befand, und flatterte dann von dort nach USA weiter. Das Land Hessen hatte eben keinen Status als Nationales Kulturgut beantragt, sondern eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Wiederexport erstellt (denn zuvor war das Exemplar schon gen USA entfleucht). Der Autor schrieb einen publizierten >Brief an das Science-Magazin, da Science die wissenschaftliche Arbeit zum 10. Archaeopteryx veröffentlichte und sich dafür von der Wissenschaftscommunity, insbesondere der renommierten Society of Vetebrate Paleontologists mit USA-Sitz den Vorwurf einhandelte, ein derart wichtiges Stück könne nur wissenschaftlich bearbeitet werden, wenn die Ergebnisse auch dauerhaft überprüfbar seien. Dies sei nur gesichert, wenn sich das Objekt in einem Museum der öffentlichen Hand befände und nicht in einem kleinen Privatmuseum in Nirgendwo. Auch die >ZEIT kritisierte unter Bezugnahme auf diesen Brief kräftig. In Bayern regte sich politischer Unmut, die bayerische >SPD-Opposition forderte 1996, "Fossilschutz muss auch in Bayern gelten -Fossilien wie der Urvogel Archaeopterix dürfen keine Handelsware sein".

2007 mischte sich ein weiterer Fossilhändler ein, der behauptete, dass Archie 10 aus seinem Steinbruch stamme und illegal dort ausgegraben wurde. Laut eines Artikels des >Münchner Merkurs vom 4.6.2007 ging er davon aus, "dass seine Arbeiter in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche wertvolle Fossilien hinter seinem Rücken weiterverkauft haben". Weiterhin berichtet der Merkur: "Auch der Ingolstädter Oberstaatsanwalts Helmut Walter sagt, ein "schwunghafter Handel" mit unterschlagenen Fossilien in der Region sei "nicht mehr wegzudiskutieren". "Bis heute mahnen die "Chefwissenschaftler", so der derzeitige >Generaldirektor der Staatlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, aber auch viele andere, auch außerhalb Bayerns die Verabschiedung eines Fossilschutzgesetzes an.

Auch wenn Bayern noch kein eigenes Fossilschutzgesetz hat - der Bund ist bereits weiter. Inzwischen wurde die Möglichkeit zum Schutz nationaler Kulturgüter erweitert. Seit Mai 2007 ist es möglich, dies auch für Objekte zu beantragen, die sich außerhalb des Landes befinden, denn das neue "Kulturgüterrückgabegesetz vom 18. Mai 2007 (BGBl. I S. 757)" trat in Kraft. Damit hätte theoretisch auch Archie 10 geschützt werden können, aber wegen der diversen Unbedenklichkeitsbescheinigungen sowohl von Hessen als nun auch von Bayern erscheint dies nicht möglich.


Fazit:

Es ist sicherlich erfreulich, dass Archie 8 und Archie 10 derzeit, wenn auch nur sehr kurz der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Bleibt zu hoffen, dass die beiden nun nicht nur kurz auftauchen, sondern tatsächlich der Wissenschaft auf dauerhafte Weise zur Verfügung gestellt werden, vielleicht haben die Fossilhändler hier tatsächlich umgedacht. Freuen wir uns darüber, aber bleiben wir bezüglich Verzückung doch lieber auf dem Teppich. Die Händler sollten sich dafür nicht gleich den Bayerischen Verdienstorden erwarten, sondern sie lösen bestenfalls ihre gesellschaftlich-moralische Verpflichtung damit ein.

Oder könnte es vielleicht doch nur darum gehen, sich ein hehres Anstandsmäntelchen über die auf Kosten der Natur und Wissenschaft gehenden Geschäfte zu hängen? Dieser Verdacht könnte sich zumindest aus dem >Artikel in der Süddeutschen leider ebenfalls aufdrängen. Der Artikel endet nämlich mit folgender Passage: "Nun stellt er es als eines der sechs Exemplare dem Münchner Treffen zur Verfügung, damit die Wissenschaftler es untersuchen können. Irgendwann, da ist Albersdörfer sicher, wird auch das sagenumrankte Maxberg-Exemplar auftauchen, "in dem Grab liegt es jedenfalls nicht". Das sagt auch Christoph Keilmann. Er deutet sogar an zu wissen, wer das Fossil hat. "Die Szene ist so klein", sagt Keilmann, "da kennt jeder jeden.""

Es ist zu befürchten, dass man dies aufs Wort glauben kann. Und droht mal wieder die Errichtung eines Fossilschutzgesetzes, könnte dank riesiger Anstrengungen tatsächlich auch das Maxberg-Exemplar genau ge-timed wieder auftauchen. Vielleicht sogar schon morgen? Aber liebe Besitzer, falls nicht bekannt - das Maxberg-Exemplar ist bereits als Nationales Kulturgut geschützt und darf nur mit Genehmigung weiterverkauft werden. Das lässt doch etwas hoffen.

Kurzvita: Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Geologie, Paläontologe und Geobiologe, war von 1998 bis 2005 Direktor der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, von 2003 - 2005 zusätzlich Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Im Dezember 1999 gelang der Erwerb des 7. Archaeopteryx-Exemplars für die Bayerischen Sammlungen vom ehemaligen Besitzer, dem Solenhofener Aktienverein, der ein vieljähriges Vorkaufsrecht sowie eine beachtliche Preisreduktion gewährte. Der Ankauf wurde durch umfassende Beteiligung privater Sponsoren, Beiträge von Stiftungen sowie durch Sondergelder des Bayerischen Staates möglich.
Seit 2006 ist Reinhold Leinfelder Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, welches den 2. Archaeopteryx beherbergt und im Original ausstellt. Seit 2007 ist er zusätzlich Vorsitzender der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammungen e.V., derzeit ist er auch Gründungssprecher des Humboldt-Rings.


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> Alle Archaeopteryx-Exemplare mit Bild: www.fossilien-solnhofen.de/archfunde
> weitere Bilder und Erklärungen: www.trilobita.de/archie.htm
> Archaeopteryx auf Wikipedia (u.a. mit Literaturliste): de.wikipedia.org/wiki/Archaeopteryx

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Nachtrag vom 26.10.09, 15:30:
Sehr erfreulich, dass nun die Wissenschaft die Möglichkeit hat, die 6 Archaeopteryx-Exemplare von heute bis Donnerstag wissenschaftlich direkt zu vergleichen. Ab Freitag sind sie dann auf den eigentlichen Mineralientagen zu sehen.
>> PM vom 26.10.09

weitere Nachträge:
BR-Online, 26.10.09 : Archaeopteryx - Sieben Flugsaurier in München
(mhm, das sind natürlich keine Flugsaurier, sondern Urvögel)
BR-Rundschau-Video, 26.10.09, 16:45 Uhr

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>> zur Fortsetzung der Geschichte rund um die Archaeopteryxe auf AdlD
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Montag, 16. März 2009

So zitieren Kreationisten - Archaeopteryx und Jura-Korallen

von Reinhold Leinfelder

Heute möchte ich am Beispiel zweier pseudowissenschaftlicher kreationistischer Artikel aufzeigen, wie dort Zitate zwar nicht falsch wiedergegeben werden, aber eben bewusst aus dem Kontext gerissen werden. Damit ich auch wirklich korrekt interpretiere, nehme ich dazu zwei Beispiele aus meinem eigenen Arbeitsbereich.

Beispiel 1: Archaeopteryx, 10. Exemplar

Kontext: der tatsächliche Fundzeitpunkt dieses ausgezeichnet erhaltenen Exemplars ist nicht genau bekannt, es wurde wie alle anderen Exemplare in der Region Eichstätt/Solnhofen (Bayern) gefunden und wurde 2005 durch eine Publikation öffentlich bekannt. Damals war ich für die "Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns" zuständig. "Archie 10" war jedoch bereits auf unbekannten Wegen in die Schweiz und von dort weiter an ein Privatmuseum in die USA davongeflattert. Dies führte zu Protest aus der Paläontologen-Community, da ein wissenschaftlich derart wertvolles Exemplar nach Meinung der Wissenschaft (darunter der renommierten Society of Vertebrate Paleontologists) unbedingt an einem öffentlichen, d.h. nicht-privaten Museum untergebracht werden sollte, um den dauerhaften Erhalt und Zugang für die Forschung zu sichern (die kleine Abbildung zeigt das 10. Exemplar).

In diesem Kontext schrieb ich an die Wissenschaftszeitschrift SCIENCE Magazin einen offenen Brief, der im April 2006 auch abgedruckt wurde.

In Apologetics-Press erschien daraufhin folgender Artikel (unter www.apologeticspress.org/articles/3113), in dem aus meinem publizierten SCIENCE-Letter zitiert wurde.
(der Artikel erschien nun übrigens anlässlich des Darwin-Jahrs auch nochmals in diesem Blog)

Archaeopteryx—“The Greatest Embarrassment of Paleontology”

by Brad Harrub, Ph.D.


Auszug: " ..... The irony is that there are no alternative “ancestors” that would explain the evolutionary existence of birds. Dinosaurs are the only candidates that can offer any answers as to how birds came into existence. Thus, evolutionists are forced to defend this “transitional fossil,” no matter how tenuous the evidence. This necessity explains why evolutionists are so dogmatic about this material remaining in textbooks—they want to ensure all students are familiar with Archaeopteryx.

Last year, the journal Science reported the discovery of the tenth Archaeopteryx specimen (see Mayr, et al., 2005). Gerald Mayr and his colleagues observed: “Here we describe a 10th skeletal specimen of an archaeopterygid. The specimen was discovered in an unknown locality of the Solnhofen area and was housed in a private collection before it was recently acquired by the Wyoming Dinosaur Center, Thermopolis, USA” (2005, 310:1483, emp. added). [One wonders if this “unknown locality” was the same Chinese farmhouse that witnessed the “evolution” of the alleged Archaeoraptor—a creature later determined to be a forged composite, consisting of fossilized remains from both a bird and a dinosaur.] This latest Archaeopteryx discovery has stimulated once again a great deal of controversy—as many scientists question the validity of the find, and others question whether Archaeopteryx is even a link at all.

While many evolutionists have hailed Archaeopteryx as a vital transitional fossil, few readily admit the peculiar circumstances that frequently accompany Archaeopteryx discoveries. For instance, Reinhold Leinfelder, director of the General Museum of Natural History in Humboldt-University noted:

It seems that Archaeopteryx findings have always been accompanied by mysterious circumstances. The first complete specimen discovered in Bavaria in 1861 was sold by its anonymous finder to a wealthy buyer, kept secret, and eventually sold to the Natural History Museum in London. The tenth, and most recent, specimen is no exception. Also found in Bavaria, by an unknown person (allegedly in the 1970s), it was sold to an unknown third party in Switzerland, ending up in a small private museum in Thermopolis, Wyoming, USA (2006, 312:197, emp. added). ...."

Ende des Zitats.
Der oben blau wiedergegebene Textabschnitt ist korrekt zitiert, dies habe ich tatsächlich so geschrieben. Allerdings war es nur der journalistische Einstieg in den Science-Leserbrief. Im diesem publizierten Brief unter dem Titel "Archaeopteryx - the Lost Evidence" fuhr ich, nachdem ich näheres zur Publikation des Objekts geschrieben hatte, dann folgendermaßen fort:

"The remains of Archaeopteryx are probably the most important fossils in the world, the petrified evidence for Darwin’s postulate of the existence of missing links. The preservation of
the 10th specimen is spectacular, rivaled only by the second specimen. It might seem appropriate that it should find a home in the creationism-shaken and intelligent design–rattled United States. I am concerned, though, that because it is a private museum, researchers may not always have unrestricted and timely access. ...."

Also, keine Möglichkeit, mich nur im Entferntesten so interpretieren zu können, ich würde zugeben, Archaeopteryx sei kein wichtiger Beleg für die Evolution. Dies wird mir zwar nicht direkt im Apologetics-Artikel unterstellt, aber wohl doch indirekt impliziert. Aber tatsächlich spreche ich ja sogar davon, dass Archie 10 DER versteinerte Beleg schlechthin dafür sei, dass Darwin Recht hatte und dass der Verbleib des Objekts in USA vielleicht ein gutes Argument gegen den weitverbreiteten Kreationismus dort sei. Klar, dass dies dann nicht zitiert wurde.

Im Rest meines kleinen SCIENCE-Artikels geht es dann übrigens um das Anliegen, Fossilschutzregelungen zu verbessern bzw. überhaupt erst zu etablieren, damit die Wissenschaft keinen Schaden nähme (den gesamten Artikel finden Sie hier - nur mit SCIENCE-Berechtigung - bzw. frei zugänglich als jpg durch Klick auf nebenstehendes Bildchen).

Nur zur Info: Das erste Archaeopteryx-Exemplar wurde übrigens erst einmal wegen seiner "Gotteslästerlichkeit" totgeschwiegen. Aus denselben Gründen möchten die Kreationisten Archaeopteryx weiterhin madig machen. Dazu sind auch komplett sinnentstellende Zitationen recht.

Wer übrigens noch mehr Details zur "Archie 10"-Fund- und Verkaufsgeschichte wissen möchte, wird in der ZEIT vom 20.4.06 fündig .

Apologetics Press ist eine kreationistische Website.

Wer das nicht glauben sollte, sei auf die Sektion "About A.P." verwiesen, dort steht unter der Überschrift "What we believe" unter anderem:
  • "The entire material Universe was specially created by this almighty God in 6 days of approximately 24- hours each, as revealed in Genesis 1 and Exodus 20:11.
  • Both biblical and scientific evidence indicate a relatively young Earth, in contrast to evolutionary views of a multi-billion-year age for the Earth.
  • Both biblical and scientific evidence indicate that many of the Earth’s features must be viewed in light of a universal, catastrophic flood (i.e., the Noahic Flood as described in Genesis 6-8)."

OK, so kommt man also in den USA bei den Kreationisten zu Ehren. Doch auch in Deutschland wird man diesbezüglich gerne bewusst mit Kurzzitaten in den falschen Kontext gestellt. Aber bilden Sie sich selbst Ihr Urteil:


Beispiel 2: Höhere Wachstumsraten von Korallen wähend der Jurazeit?
Gehen wir zur angeblich wissenschaftlichen Zeitschrift "Studium Integrale" der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort+Wissen e.V., die u.a. das sog. Lehrbuch "Evolution - ein kritisches Lehrbuch" herausgibt. In diesem Buch, wie auch in den anderen Beiträgen von Wort+Wissen wird eine sog. Grundtypentheorie als Alternative zur Evolutionstheorie vorgestellt, die richtigerweise jedoch nur als pseudowissenschaftliche, da nie falsifizierbare "Schöpfungstheorie" bezeichnet werden kann (und damit eben keine wissenschaftliche Theorie darstellt).

Wort + Wissen vertritt hierzu mehr oder weniger offen einen Kurzzeitkreationismus, der allerdings noch belegt werden müsse (ein kritisches Lehrbuch der Geologie steht wohl noch aus). Daher werden gerne Arbeiten geschrieben, die angeblich Belege dafür liefern sollen, dass Sedimentationsalter in früheren Zeiten sehr viel höher waren, also heutige Sedimentationsprozesse nicht mit früheren zu vergleichen seien.

Hierzu ein Beispiel. Im Journal "Studium Integrale", vom 1. Mai 2004, 11/1, S. 41-46 (online version) findet sich unter dem Titel: "Korallenriff-Wachstum trotz erheblicher Sand- und Tonablagerungen " u.a. folgendes:

"Für Korallen werden allgemein geringe Wachstumsraten angegeben .... Fossile Riffe, die in die Abfolge der Sedimentgesteine eingeschaltet sind, gelten daher seit langem als eindrucksvolle Belege für große Zeiträume ... . Es gibt aber auch Indizien, daß bestimmte Korallenriffe des Oberjura – anders als heute – unter widrigen Umweltbedingungen wachsen konnten, offenbar sogar verhältnismäßig schnell.
In einem Übersichtsartikel erwähnt Leinfelder (2003, 193) fossile Korallenriffe aus dem Lusitania-Becken von Portugal, die „während toniger Sedimentation weiterwuchsen“ (vgl. Leinfelder 1997, 106; s. auch ... [Leinfelder 1998]). Dagegen sind heutige Korallenriffe gegenüber Sedimenteintrag (vom Land) außerordentlich empfindlich (z.B. Greb et al. 1996, 105f.,123f.; Leinfelder 2003, 187). ....
Die Wachstumsfähigkeit dieser Korallen während stärkerer Tonablagerung sei erstaunlich, ....
...
Wenn diese Deutungen ehemaliger Lebensräume (Fazies-Analysen) bestimmter Oberjura-Korallenvergesellschaftungen zutreffen sollten, stellt sich die Frage, ob solche Korallen nicht außerordentlich schnell wachsen konnten. Immerhin lebten sie „oftmals unter erhöhten Sedimentationsraten“ (Leinfelder 2003, 193f.). Und weiter: Was bedeutet das für das Wachstum kompletter fossiler Korallenriffe gegenüber heutigen? Hier ist noch weitere umfangreiche Forschungsarbeit nötig."
Ende des Zitats und des Artikels.

In den zitierten Arbeiten der Leinfelder-Arbeitsgruppe steht jedoch, dass die Korallen während der Jura-Zeit je nach Milieu und Anpassungsgrad der Arten unterschiedlich schnell wachsen konnten und dass viele noch in einem tonigen Milieu lebten, da sich die Photosymbiose mit einzelligen Algen gerade erst entwickelte. Alle diese Korallen wuchsen jedoch bedeutend langsamer als heutige Korallen, eben weil die Photosymbiose noch nicht so effizient entwickelt war. Das steht nicht nur eindeutig in unseren Arbeiten, es gibt auch entsprechende Grafiken dazu. Interessant ist allerdings, dass von Wort+Wissen fast ausschließlich populärwissenschaftliche Darstellungen unserer Ergebnisse zitiert wurden und nicht etwa die Originalarbeiten unserer Arbeitsgruppe.
(Korallen-Abbildung aus Leinfelder 2003)

Dennoch: auch in der mehrfach zitierten Arbeit Leinfelder 2003 habe ich eindeutig und unmissverständlich geschrieben (S 193): "
Jurakorallen zeigen bereits alle Kriterien für das Vorhandensein von Photosymbionten (...), allerdings wuchsen sie noch deutlich langsamer und lebten ebenfalls oft auf tonreichen, d.h. auch nähstoffreichen Sedimenten (...). Die Symbiose war damit noch nicht so optimiert wie heute ...."
(diese Arbeit ist auch in einer
Web-Version hier verfügbar. Das Zitat findet sich dort auf S. 12 des pdfs).

Nebenstehend finden Sie Abb. 5 aus der von den Wort+Wissen geflissentlich übergangenen Arbeit Leinfelder, R.R. (2001): Jurassic Reef Ecosystems.- In: Stanley, G.D.Jr. (ed.), The History and Sedimentology of Ancient Reef Systems, pp. 251-309, Kluwer Academic/Plenum Publishers, New York.

Diese Abbildung ist auch in etlichen weiteren Publikationen unserer Arbeitsgruppe zu Jura-Korallenriffen vorhanden. Die linke Doppelsäule zeigt die Unterschiede in den Wachstumsraten zwischen jurassischen und heutigen Korallen, die rechte Abbildung zeigt bestimmte Charakteristika der Jahresbänderung der Korallen, aus denen man eine geringere photosymbiontische Aktivität der Jurakorallen ableiten kann. Ist Irgendetwas missverständlich daran?


Soviel also zum wissenschaftlichen Vorgehen auch derjenigen kreationistischen Gruppen, die hohe Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Oder sollten es durch nur zufällige Fehler gewesen sein? Ich überlasse es Ihrer Einschätzung.

Schöne Grüße

Reinhold Leinfelder, 16.3.09