Posts mit dem Label Museum für Naturkunde Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Museum für Naturkunde Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 4. November 2010

Das Anthropozän am Museum für Naturkunde Berlin

von Reinhold Leinfelder

Das Buch "Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten" wurde Ende September 2010 am Museum für Naturkunde Berlin erstmalig vorgestellt. Der Name des Buchs lehnt sich an den Vorschlag einer Wissenschaftlergruppe um Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen an, das durch menschliche Prägung bestimmte Zeitalter der Erde als geologische Zeit des Anthropozäns zu bezeichnen.

Der Wissenschaftsautor Christian Schwägerl schrieb ein Buch, welches nicht nur als ganz besonderer Beitrag zum Verhältnis zwischen biologischer und kultureller Evolution angesehen kann, sondern welches nach dem für viele überraschenden Erfolg des UN-Gipfels zur Biologischen Vielfalt in Nagoya, Japan als visionäres Buch für die zukünftige "Handhabung" unseres Planeten dienen kann.  Rezensionen zum Buch werden im heutigen  Beitrag "Menschenzeit - Humboldt reloaded" des Vielfalter-Blogs der Leibniz-Gemeinschaft vorgestellt, nachfolgend finden Sie mein Grußwort sowie einen Filmbeitrag zur Buchvorstellung im Museum für Naturkunde.

Nach dem Lesen des visionären Buches und der Vorstellung in unserem Hause hatte ich sofort eine eigene Vision: eine transdisziplinären Ausstellung "Anthropozän - Natur und Kultur in der neuen Menschenzeit", für die Museen für Naturkunde, Technik, Kunst- und Kulturgeschichte eng mit anderen Institutionen, aber auch mit Wissenschaft, Medien und Gesellschaft zusammenarbeiten, um Visionen anschaubar und greifbar zu machen. Ein bisschen Menschenzeit wird bis zu einer Realisierung allerdings noch vergehen müssen. Anlässlich des UN-Erdgipfels Rio 2012 oder zum Start für ein Humboldt-Forum, in dem Sammlungen und Wissenschaft zusammenfänden, wäre dies doch eine besonders geeignete Form: Humboldt reloaded.



  --------------------------------------------------

Grußwort von Reinhold Leinfelder zur Buchvorstellung am 27.9.2010 im Museum für Naturkunde (leicht gekürzt)

Als Generaldirektor des Museums für Naturkunde, aber auch ganz persönlich mich freue ich mich sehr, dass so viele zur heutigen Buchvorstellung gekommen sind und möchte Sie hierzu ganz herzlich in unserem Sauriersaal begrüßen.

Ich freue mich überaus, dass fast alle für das Thema wichtige gesellschaftlichen Gruppen hochkarätig vertreten sind, darunter:
  • Die UN, vertreten durch ihren UNEP Exekutivsekretär Achim Steiner, der ja auch als Protagonist heute abend auftritt,
  • Vertreter aus Botschaften, Ministerien, Parlamenten, Parteien, 
  • Vertreter  aus Umwelt- und Naturschutzverbänden und Stiftungen,
  • Kollegen aus dem WBGU, einem der Beratungsorgane der Bundesregierung
  • Besonders wichtig für das Thema ist aber auch, dass etliche Vertreter von  Wissenschaft und Wissenschaftsorganisationen gekommen sind.

  • Und als Multiplikatoren für die Wissenschaft liegen uns dieVertreter der Text, Bild- und TV-Medien  und der Verlage ganz besonders am Herzen. ..... 

Links: Christian Schwägerl, rechts Achim Steiner
Darunter insbesondere unser Autor, Herr Christian Schwägerl, der Ihnen natürlich als renommierter und engagierter Wissenschaftsjournalist sehr bekannt ist. Er ist so bescheiden, dass er seine früheren und derzeitigen Tätigkeiten am liebsten gar nicht beleuchtet sähe. Ein bisschen, also unvollständig, muss es aber doch sein: Er begann bei einer Lokalzeitung, wurde rasch Preisträger eines Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, konnte mit diesem Stipendium eine Recherchereise nach Neuseeland machen, ging an die Deutsche Journalistenschule in München, war dann freier Mitarbeiter bei GEO und der Süddeutscher Zeitung, hat parallel noch in Berlin und England studiert und mit einem Masterabschluss Biodiversität  abgeschlossen. Bei der FAZ war er dann insbesondere für die Schwerpunktthemen Wissenschaft, Biopolitik und Forschungspolitik zuständig, seit 2008 nun beim Spiegel für die Themen Wissenschaft, Umwelt und Energie. Diverse Preise, wie schon sehr früh die Herbert-Weichmann-Medaille für journalistische Talente oder den Georg-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus zeichnen ihn weiterhin aus.

Aber ich sollte Ihnen wohl noch eine Frage beantworten. Passt es denn, eine Buchvorstellung zu einem Zukunftsthema hier im Museum für Naturkunde durchzuführen?
  • Sind die Saurier aus längstvergangenen Zeiten da nicht eher unpassend?
  • Oder sind sie nicht gerade eine Mahnung, damit wir nicht genauso aussterben?
Nein, so plakativ und populistisch sehen wir die Zusammenhänge nicht.
 Viel wichtiger waren uns folgende Punkte (ohne der Buchvorstellung zu sehr vorgreifen zu wollen):
  • Das Buch von Christian Schwägerl behandelt Zeit, Zeitdimensionen, Beschleunigungen, Entschleunigungen, richtige und falsche Zeitpunkte. Das passt wunderbar zu uns. Für Zeitabläufe und deren Dynamik fühlen sich gerade auch Museen wie wir zuständig:

  • Wir sehen unsere Sammlungen mit ihren mehr als 30 Millionen Objekten als Teil des Gedächtnis des Lebens und der Erde, ohne Gedächtnis kann man nicht denken, auch nicht vordenken, auch das kommt deutlich im Buch raus.

  • Aber Gedächtnis allein reicht nicht, man braucht auch ein Gehirn. Und das Gehirn unserer Erde sind die Prozesse der Erde und natürlich des Lebens. Und wie dieses Gehirn funktioniert, wie die Neuronen und Synapsen vernetzt sind, reagieren, sich neu ausbilden und funktionieren, das erforschen eben gerade auch solche Häuser wie unseres, und auch das ist ein überaus wesentliches Thema im Buch.

  • Und dann vielleicht das wichtigste Credo von Christian Schwägerl. 
Seine Abneigung gegen Dualismus im klassischen Sinne machte auch mich  nachdenklich, er favorisiert allerdings keinen  Monismus a la Haeckel, sondern einen Humboldt'schen Holismus, in dem die Welten von Kultur und Natur, von Geist und Körper miteinander verschmelzen, ein Ganzes bilden. Und das ist natürlich auch wieder der Auftrag von Häusern wie unserem, Naturwissen nicht nur zu generieren, sondern zu implementieren, Zusammenhänge aufzuzeigen, Wege anzureißen, mit der Gesellschaft zu verbinden.
Dass wir derzeit einen Forschungsbereich Wissenstransfer und Wissenskommunikation aufbauen und professionalisieren, daran sind wohl auch Masterminds wie Christian Schwägerl schuld.

Gerade weil uns der Dialog mit Gesellschaft und Politik so wichtig ist,  freue ich mich überaus, dass Achim Steiner nun schon das zweite Mal in diesem Jahr bei uns im Museum für Naturkunde ist. Zuerst im Januar bei der Eröffnung des UN-Jahrs der Biologischen Vielfalt mit der Bundeskanzlerin, und nun eben jetzt anlässlich der Vorstellung der "Menschenzeit".

Achim Steiner muss natürlich nicht wirklich vorgestellt werden, deshalb hier nur ganz kurz ein paar Blitzlichter:
  • geboren und aufgewachsen in Brasilien
  • Studium der Philosophie, Politik, Ökonomie und Regionalplanung in Oxford und London
  • Tätigkeiten unter anderem in Berlin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik soe an der Harward Business School
  • Arbeitete dann u.a. für die weltgrößte Naturschutzorganisation IUCN in Washington D.C. und Asien,
  • 1998 Generalsekretär der World Commission on Dams, danach ab 2001 Generaldirektor der IUCN.
  • Seit 2006 Exekutivdirektor der UNEP, als Nachfolger von Klaus Töpfer. Gerade zum zweiten Mal von der UN-Generalversammlung gewählt.

Christian Schwägerl hat ihn übrigens auch schon charakterisiert, etwa in einem Artikel vor dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen. Er nannte ihn dort den "Sisyphus aus Nairobi". Das könnte vielleicht nach Kleinklein, nach vergeblicher Liebesmüh klingen, wo wir doch alle eher an den großen Visionen und deren direkter Umsetzungen arbeiten (– aber auch mich hat da Schwägerl übrigens erwischt, als er mich einmal in einem Artikel als "Humboldts Notarzt" bezeichnete, also einen, der ebenfalls wohl nur dazu da ist, das Schlimmste inkrementell zu reparieren – ).
Doch Schwägerl meint es anders. Es  geht nämlich nur so – Visionen und harte tägliche Arbeit an diesen Visionen zu ihrer Umsetzung müssen zusammenkommen.

Heute wird sicherlich ein Abend der Visionen sein, aber eben auch ein Abend, an dem Christian Schwägerl sich auch ganz und gar nicht drückt vor der Frage, wie wir diese Visionen umsetzen können.

Ich wünsche uns allen einen spannenden Abend.
-------------------------------------------------

von links nach recht: Tissy Bruns, Christian Schwägerl,
Achim Steiner, Reinhold Leinfelder
Weiteres Programm:
  • Laudation durch Achim Steiner, UNEP-Exekutivsekretär
  • Aspekte des Buches durch den Buchautor Christian Schwägerl
  • gemeinsame Podiumsdiskussion: Christian Schwägerl, Achim Steiner, Reinhold Leinfelder, Leitung Tissy Bruns, Tagesspiegel
  • Führung durch die Alkoholsammlung als Teil des "Gedächtnisses des Lebens" im wiederaufgebauten Ostflügel.


---------------------------------------------------

Filmdokumentation der Buchvorstellung im Museum für Naturkunde 






---------------------------------------------------

Christian Schwägerl: Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten. Riemann, München 2010. 320 Seiten, 19,95 Euro.


Hinweise im Museumskontext: 
  •  Das Museum für Naturkunde Berlin kommt im Buch ebenfalls vor. Der Autor sieht es als eine der letzten Bastionen für die Wissenschaft der Taxonomie. Laut E.O. Wilson gibt es etwa 6.000 Taxonomen auf der Welt, laut Schwägerl wären 60.000 oder gar 600.000 notwendig. Er kritisiert, dass die "Manager der Taxonomie" hier noch zu wenig wahrnehmbar widersprochen hätten.

  • Schwägerl ist durchaus ein Fan des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses, allerdings nicht als Museum, sondern als transdisziplinäres Anthropozän-Forschungsinstitut. Das wäre doch was!

  • Schwägerl hat sein Buch durch einen weiteren Essay ergänzt, welches er auf seiner Webseite zur Verfügung stellt. Es nennt sich Morgenland. Am 22.4.2025 präsentieren hohe Vertreter aus Saudi Arabien im Berliner Museum für Naturkunde ein Gesamtkonzept für die neue, nachhaltige Menschenzeit "„Unsere Zivilisation wird nicht mehr auf der Erde lasten, sondern leicht sein wie diese Feder. Wir schenken Ihnen und unseren Familien den Beginn des Ersten Bionischen Kalifats.“     

    > zum Artikel Morgenland

    > zu den Buchrezensionen, u.a. von RL, zusammengetragen auf dem Vielfalter-Blog

    > zur "Menschenzeit"-Webseite von Christian Schwägerl


      Donnerstag, 9. September 2010

      Ein Wunder und eine Wunderkammer - der wiederaufgebaute Ostflügel des Museums für Naturkunde

       von Reinhold Leinfelder, 9.9.2010, mit diversen Nachträgen, zuletzt am 25.9.2010

      Ein Wunder....

      So wie oben sah es etwa 60 Jahre aus
      (nur die Bäume in der Ruine wurden größer)


      .... war es wirklich nicht (obwohl dies ein Berliner Pfarrer tatsächlich augenzwinkernd so bezeichnete, denn er müsse das ja schon von Berufs wegen wissen), sondern vielmehr harte Überzeugungsarbeit, um die benötigten Baumittel zu erhalten. Aber es könnte eine moderne Wunderkammer werden - so jedenfalls bezeichnete heute die Berliner Morgenpost den nun wiederaufgebauten Ostflügel des Museums für Naturkunde Berlin.

      So oder so, heute ist jedenfalls ein schöner Tag, denn heute verschwand der letzte Teil des Fassadengerüsts am Ostflügel, der über 60 Jahren in Ruinen lag. Anlass für unseren Blog, die Wiederaufbaugeschichte dieser Beleg- und Forschungskammer für Evolution in einigen Bildern vorzustellen.


      Im Sommer 2006 kamen die Bäume weg


      Am 14.11.2006 erfolgte die symbolische Grundsteinlegung zum Wiederaufbau. Von links nach rechts: Architekt Roger Diener, Staatssekretär Dr. Hans-Gerhard Husung, Präsident der Humboldt-Universität Prof. Dr. Christoph Markschies, Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Generaldirektor des Museums Prof. Dr. Reinhold Leinfelder
      Was die Herren da in den Händen halten sind gerettete Originalkacheln aus der Ruine.
      Der eigentliche Baubeginn war jedoch erst am 21.1.2008.




      Zuerst wurde entkernt entkernt.
      So sah es im November 2007 aus.




      Und so im Juli 2008
      November 2008


      Dezember 2008

      Im Winter 2008/2009 war zwar nicht der Wurm drin, dafür der Fuchs. Und der war kein Präparat, sondern lebendig und schlau. Mal im südlichen, mal im nördlichen Teil, immer dort, wo schon neue Fenster drin waren. Und die hat er auch noch zerkratzt (was so ein Fuchs in den Fußballen mitträgt, macht nette Kratzer). Wir waren dennoch nicht sauer, zumal er sich dann doch freiwillig ein anderes Plätzchen zulegte.

      Im Mai 2009 sah es so aus.
      Am 27.5.2009 war Richtfest

      Im August 2009 waren wir in diesem Zustand
      Ab Juli 2010 kamen die maßgeschneidert vorgefertigten Betonguss-Bauteile an.

      Das ging flott von der Hand. Hier der Zustand am 15.7.2010
      Ab  6.9.2010 kam das Gerüst weg. Und dann ging's wie im Zeitraffer. Hier der Zustand am 8.9.2010, 8:45
      und hier am selben Tag um 17:20 Uhr. Plötzlich war alles aufgeräumt und grün (dank Rollrasen)
      Und am9.9.2010 war auch der letzte Gerüstteil weg. Hier gut zu sehen: Kontrast zwischen noch originalem, restaurierten Gebäudeteil und ergänzter, bewusst in anderem Material und Färbung gehaltener Ersatzfassade.
      Situation, 9.9.2010. Gut zu sehen ist das gelbbraune, restaurierte Originalgemäuer von 1889, die in grau gehaltene Ersatzfassade, sowie im Hintergrund der ebenfalls komplett restaurierte hellere Anbau des Ostflügels von 1917.
      Ein Stückchen Rasen fehlt noch. Im Hintergrund schimmert der sog. Nordbau durch die Bäume.

      Blick vom sog. Nordbau auf den Ostflügel. Stand 10.9.2010, 18:30.
      Nun ist auch der Rasen komplett
      zentraler Teil des modellartig ergänzten Teils. Foto © C. Richter, 13.9.2010


      Kurz zum Konzept: Was noch original an Bausubstanz erhalten war, wurde restauriert, was durch den Kriegsschaden komplett zerstört war, wurde bewusst durch ein als solches erkennbares Imitat aus Beton ergänzt (das waren Fertigbauteile, die vorgegossen wurden, so etwas ist noch nie in dieser Größe gemacht worden). Diese vorgegossenen Teile wurde dann am Schluss wie gigantische Legobausteine zusammengesetzt. Die wiederaufgebauten, vormals komplett zerstörten Bereiche wurden also konsequent mit anderen Farbe und anderer Materialität gestaltet, so gibt es auch keine Holzfensterrahmen in diesem Bereich. Alles ist hier aus Beton, der gewissermaßen eine Modellzeichnung der früheren Fassade liefert. Der neue Ostflügel stellt also einerseits eine Einheit dar, andererseits wird klar erkennbar, was original und was ergänzt ist.
      Nach diesem Konzept sind übrigens auch unsere Dinos aufgebaut. Was zu den Originalknochen ergänzt werden musste (weil ursprünglich nicht gefunden oder zerstört) ist dort auch in anderer Textur und etwas anderer Farbe gehalten, so dass Originalobjekt und Ergänzung leicht auseinandergehalten werden kann.
      Das Museum wurde 1810 gegründet, es war ursprünglich im Hauptgebäude der Berliner Universität (heute Humboldt-Universität) Unter den Linden untergebracht und zog 1889 in den extra für das Museum errichteten heutigen Bau um.

      Von der inneren Wunderkammer wird vor der Eröffnung am 14.9.2010 noch nicht alles verraten. Nur soviel: die komplette Nasssammlung des Museums ist nun dort über 6 Stockwerke verteilt untergebracht. Unter Nasssammlung verstehen wir Tierobjekte, die in Alkohol aufbewahrt werden. Dies erhält alle Gewebe sowie die DNA. Das Museum hat etwa 276.000 Gläser, mit ca. 1 Million Tieren in diesen Gläsern. (Insgesamt beherbergt das Museum mehr als 30 Millionen Sammlungsobjekte). Für die Alkoholfüllung sind 84.000 Liter Alkohol nötig. Das unterste Stockwerk wird als Forschungssammlung den Besuchern erstmalig zugänglich sein. Die ältesten dort aufbewahrten Sammlungen stammen aus dem 18. Jahrhundert.

      Links: noch ungefülltes Regalsystem im unteren Stockwerk des Ostflügels.
      Rechts: Computersimulation des gefüllten Regalsystems.
      13.9.2010: Blick in den öffentlich zugänglichen Bereich der Nasssammlung

      Fotos @ Museum für Naturkunde Berlin (überwiegend erstellt durch Carola Radke und Reinhold Leinfelder)


      Und hier noch das Gedicht, welches ich ganz wunderlich zur Eröffnung rezitierte. Es stammt von meinem Coach Joachim Ringelnatz. Ich hab ihn sozusagen zu unseren Themen, also zu biologischer Vielfalt auch in wenig erforschten Biotopen, zu Populationsdynamik, zu Aussterbeereignissen und, ja, auch zu Nasssammlungen befragt. Hier seine Antwort:

      Wunderland:

      Überall ist Wunderland
      Überall ist Leben
      Bei meiner Tante im Strumpfenband
      wie irgendwo daneben.
      Überall ist Dunkelheit.
      Kinder werden Väter
      Fünf Minuten später
      Stirbt sich was für einige Zeit
      Überall ist Ewigkeit.

      Wenn du einen Schneck behauchst,
      schrumpft er ins Gehäuse
      wenn du ihn in Kognak tauchst,
      sieht er weiße Mäuse

       

      Dies ermutigte mich zu einer näheren Aussage im ganz aktuellen Kontext. Ob ich richtig verstanden habe, weiß ich nicht, hier ist jedenfalls meine "Übersetzung" 

      Das Museum ist ein Wunderland
      denn überall ist Leben
      im Ostflügel, im Berliner Sand
      wie überall daneben
      Überall ist Evolution
      und der Mensch ist Täter
      schon 5 Jahre später
      Stirbt was aus, oh welch ein Hohn
      durch menschgemachte Selektion

      Studier den Fisch in Alkohol
      lern' Neues, denn das wäre
      für deine Zukunft sehr zum Wohl
      sonst siehst du nur Schimäre

       

      Übrigens, Sie können einen Ringelnatz auch im Ostflügel bewundern, denn Ringelnatz heißt in der Seemannssprache nichts anderes als Seepferdchen. 

      ----------------------------------------------------

      Weitere Informationen:

      Vorwort der aktualisierten Ostflügelbroschüre:

      65 Jahre nach der katastrophalen Bombardierung des Museums für Naturkunde Berlin im Jahr 1945 ist es ein wunderbares Gefühl, die Eröffnung seines wieder aufgebauten Ostflügels erleben zu können. Vergessen sind alle Schwierigkeiten, die Anläufe, aus denen dann doch nichts wurde, die finanziellen Zwänge, die Verzögerungen und unerwarteten Herausforderungen. Die Verantwortlichen werden künftig angesichts der hohen Sicherheitsstandards im neuen Sammlungsflügel wieder ruhiger schlafen können, in der Gewissheit, dass die dortigen Sammlungen unter konservatorischen und sicherheitstechnischen Bedingungen untergebracht sind wie es sie am Museum noch nie gab und wie es sie in Naturkundemuseen weltweit nur ganz selten gibt. Das ganz Besondere am neuen Sammlungsflügel geht freilich weit darüber hinaus.

      Die hohe wissenschaftliche Bedeutung der dort untergebrachten sogenannten „Nass-Sammlungen“, der in Alkohol konservierten Präparate des Museum, skizzieren die hier folgenden Seiten. Wie hoch diese wissenschaftliche Bedeutung ist, lässt sich daran ermessen, dass der Start zum Wiederaufbau des Ostflügels eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Aufnahme des Museums in die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 2009 war.
      Unsere Nass-Sammlungen sind indessen mehr als nur wissenschaftlich bedeutend; sie sind auch von höchstem wissenschafts- und kulturhistorischem Wert. An ihnen, wie auch an den anderen Sammlungen des Museums, lassen sich bedeutende Entwicklungen in der Geschichte der Wissenschaft ablesen – von den ersten naturkundlichen Sammlungen im 17. und 18. Jahrhundert über die wissenschaftliche Erschließung der deutschen Kolonie am Übergang des 19. zum 20. Jahrhundert bis zu den eingeschränkten wissenschaftlichen Möglichkeiten in den Zeiten des Kalten Krieges. Der neue Sammlungsflügel ist daher auch die Schutzhülle um einen nationalen kulturellen Schatz. Von den Nass-Sammlungen geht zudem eine emotional-ästhetische Faszination aus, die den Betrachter in ihren Bann zieht. Ich bin deshalb überzeugt, dass die im Erdgeschoss der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen zu den größten Attraktionen des Museums, wahrscheinlich sogar Berlins gehören werden.

      Dass es gelungen ist, den Ostflügel in den Museumsrundgang einzufügen, obwohl wir es bei den Nass-Sammlungen mit großen Mengen brennbarer Flüssigkeit zu tun haben, gehört mit zu den erfreulichsten Aspekten des Bauprojekts. Dem Publikum bietet sich damit ein authentischer Einblick in unsere Forschung. Was der Besucher sieht, ist keine inszenierte Ausstellung, kein „Wir machen mal so, als sei das ein Sammlungsraum“, sondern tatsächlich eine echte Sammlung, die täglich für wissenschaftliche Zwecke genutzt wird – ein weiterer Schritt, unseren Museumsbesuchern einen Eindruck davon zu vermitteln, dass das Museum nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch – und eigentlich vor allem – eine international bedeutende Forschungseinrichtungen ist, mit einer der weltweit größten Sammlungen.

      Nicht übersehen werden sollte, dass der neue Sammlungsflügel auch ein architektonisches Meisterwerk ist, ein Meisterwerk, das die selbe Philosophie verfolgt, wie sie für unsere Ausstellungen gilt: Dort, wo etwas fehlt, beispielsweise ein Knochen bei einem ausgestellten Dinosaurier, wird das fehlende Teil ergänzt, aber dabei so gestaltet, dass erkennbar bleibt, was echt, was ergänzt ist. Im Fall des Ostflügels gilt dies, wie auf Seite 10 dargelegt, für die Fassade. Eine für das Museum besser geeignete Fassade kann ich mir nicht vorstellen!

      Ein Detail noch zum Schluss: Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass einerseits das Museum für Naturkunde jenes Berliner Museum war, das nach dem II. Weltkrieg als allererstes seine Pforten wieder öffnete, sein zerbombter Ostflügel andererseits am Ende als „letzte Kriegsruine Berlins“ tituliert werden musste. Diese Scharte ausgewetzt zu haben, gehört für mich zu den erfreulichsten Ereignissen des Jahres 2010! Diesen Erfolg im Rücken gilt es nun, mit Schwung und Engagement an die weiteren Schritte der Sanierung des wunderschönen Museumsgebäudes zu gehen. Was ursprünglich wie ein Fass ohne Boden wirkte, wandelt sich nun, nach der Renovierung von Teilen der Ausstellungsräume und der Wiedererrichtung des Ostflügels, zunehmend zu einer lösbaren Aufgabe, die Fahrt aufnimmt. In diesem Zusammenhang gilt unser besondere Dank allen an der Errichtung des neuen Sammlungsflügels Beteiligten: den Bauenden, der Humboldt-Universität als Bauherrin, den beteiligten Senatsverwaltungen, den Zuwendungsgebern bei Bund und Land, dem Wissenschaftsrat, dem Architekten, dem Statiker, der Bauleitung und der Projektsteuerung.

      Reinhold Leinfelder, im Sommer 2010

      Montag, 6. September 2010

      200 Jahre Museum für Naturkunde Berlin - ein Grund zum Feiern

      Atemberaubende Einblicke: Jubiläumsausstellung und Einweihung des neuerrichteten Ostflügels zum 200. Geburtstag des Museums für Naturkunde!


      Wir schauen auf 200 Jahre Forschen, Sammeln, Bewahren und Vermitteln zurück. Aus diesem Anlass präsentieren wir vom 14.9.2010 bis 28.2.2011 die Sonderausstellung "Klasse, Ordnung, Art – 200 Jahre Museum für Naturkunde". Mit Objekten, Bildern und Dokumenten wird die bewegte Geschichte des Museums im Kontext von wechselnden politischen Verhältnissen und geistigen Strömungen vorgestellt.

      Die Krönung der aktuellen Geschichte des Museums ist am 14.9.2010 die Einweihung des neuerrichteten Sammlungsflügels – einem der weltweit modernsten Sammlungsgebäude für naturkundliche Nass-Sammlungen. Über eine Million Objekte der zoologischen Sammlungen werden Dank einer ausgeklügelten Klimatisierungs- und Brandschutztechnik so optimal und sicher untergebracht wie nie zuvor. Dank seiner herausragenden Sicherheitstechnik ist der Sammlungsbau für unsere Besucher im Erdgeschoss zugänglich und verspricht einen atemberaubenden Einblick in eine unserer Forschungssammlungen.

      In der Jubiläumswoche vom 14.9.2010 bis 19.9.2010 bieten wir ein buntes Programm mit Theater, Führungen, Vorträgen und einem Kinder- und Familienfest.

      Herzlich Willkommen, Ihr Reinhold Leinfelder



      Einführung:
      Einblick in den Ostflügel, hier
      noch ohne Sammlungsobjekte

      200 Jahre Museumsgeschichte – ist ein Haus wie das Museum für Naturkunde ein Bollwerk in der Brandung der Schnelllebigkeit und des Vergessens? Ein Ort des Innehaltens und der Entschleunigung? Ein Garant für Kontinuität und Nachhaltigkeit? Oder ist es doch ein Treiber für die Wissenschaft, für Forschungsinnovation, für die öffentliche Diskussion aktuellster wissenschaftspolitischer Themen, ja gar für die Transformation unserer Gesellschaft? Die Geschichte des Museums über zwei Jahrhunderte, aber auch die Entwicklung gerade in den letzten fünf Jahren zeigt, dass das eine das andere nicht ausschließen muss, sondern kongruent zusammenpasst und komplementär zusammengehört. Das Museum für Naturkunde bürgt für Vielfalt und Evolution, auch in seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Themen. Es hat Katastrophen und Krisen überstanden, wurde davon in Mitleidenschaft gezogen,
      ist aber auch daran erstarkt.

      Wissenschaft ist ein hohes Gut – wir leben heute angeblich in einer Wissensgesellschaft, in der Wissen unsere Schlüsselressource ist, in der die Ungleichheit des Wissens eine Hauptherausforderung darstellt und in der nicht die Politik, sondern nur eine wissensbasierte Kultur viele soziale und ökonomische Probleme lösen kann. Doch wissensbasierte Gesellschaften sind nichts Neues. Auch zur Gründungszeit des Museums, damals als integrativer Teil der Berliner Universität, sollte die Gesellschaft wissensbasiert werden, Wilhelm von Humboldt, der wesentlich an der Gründung beteiligt war, steht dafür. Aufklärung, Industrialisierung, Informationszeitalter, all dies wäre ohne Wissen nicht entstanden. In welcher Weise Wissenschaft und Gesellschaft zusammen- oder auch gegeneinanderspielten, wie Wissenschaft einerseits unabhängig, andererseits doch auch durch den gesellschaftlichen Zeitgeist immer wieder geprägt ist, auch dies prägt die Geschichte des Museums für Naturkunde. Interessant ist auch, wie heute Wissen generiert wird und welche Rolle Museen wie das Museum für Naturkunde dabei spielen.

      Rund 30 Millionen Objekte, als ob das nicht schon ausreichend Material zum Beforschen wäre! Nein, die naturkundlichen Forschungssammlungen Deutschlands, Europas und der ganzen Welt verstehen sich heute als globale Forschungsinfrastruktur, in der alle Daten rund um die Sammlungsobjekte zu einer gewaltigen Wissensdichte, zu einem hochauflösenden Bild unserer Natur und ihrer Entwicklung führen, welches als Forschungsgrundlage für Szenarien, Modelle und Prozessabläufe der Natur unabdingbar geworden ist.  Ob es um die Invasion von gebietsfremden Arten, die Veränderung der biologischen Vielfalt durch Klimaprozesse, um bestmögliche Dimensionierung von Schutzgebieten in Afrika oder um das Auffinden geeigneter Populationen für die Wiedereinbürgerung lokal ausgestorbener Arten wie den Lachs in der Elbe geht, sammlungsbasierte Naturkundemuseen liefern die wissenschaftlichen Grundlagen dafür.

      Mit unseren Sammlungen, die aus der ganzen Welt stammen, wurde in den letzten 200 Jahren unter hohem Ressourceneinsatz immenses Wissen erarbeitet und es wird weiter generiert. Neue Aufsammlungen sowie deren Bearbeitung werden heute immer in Kooperation mit den Partnern vor Ort durchgeführt. Heute geht es aber auch darum, das in 200 Jahren erarbeitete sammlungsbasierte Wissen auch wieder global zur Verfügung zu stellen; wir  arbeiten sozusagen an der globalen Repatriierung dieses Wissens. Auch die Politik hat die entsprechende wissenschafts-, bildungs- und entwicklungspolitische Bedeutung des Museums für Naturkunde erkannt. Ein erfreuliches Beispiel dafür ist die internationale Eröffnung des UN-Jahres der Biodiversität im Januar 2010 durch die deutsche Bundeskanzlerin sowie hochrangige Regierungs- und UN-Repräsentanten.

      Wissensbasierte Politik kann jedoch nur gelingen, wenn sie von der Bevölkerung mitgetragen wird. Dies ist vielleicht die nobelste Aufgabe auch unseres Hauses: Wir wollen unseren Besuchern die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung, aber auch deren Zuständigkeitsgrenzen für unsere Gesellschaft erläutern und Vertrauen schaffen. Dazu schließen wir die Wertschöpfungskette von sammeln, forschen und vermitteln. Unsere Ausstellungen als öffentliche Publikation des durch unsere Forschung gewonnenen Wissens, der öffentlich zugängliche Teil des wieder aufgebauten Ostflügels als Beispiel für unsere Hauptforschungsinfrastruktur, den Sammlungen, sowie unsere vielen partizipativen Aktivitäten zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft setzen diesen Anspruch um, denn wir sind uns in einem vollkommen sicher: Wir lieben nur, was wir kennen. Und was wir lieben, wollen wir auch für unsere nachkommenden Generationen bewahren. Hier schließt sich der museale Kreis von historischem Archiv, hochaktueller Forschungsstätte und zukunftsorientiertem Wissenstransfer zur Errichtung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gesellschaft.

      Reinhold Leinfelder, im Sommer 2010
      (gekürzte Version des Vorworts aus dem Begleitbuch zur Ausstellung)

      > Weitere Informationen zum Begleitbuch


      Veranstaltungshinweise:

      Feiern Sie mit uns das 200-jährige Bestehen unseres Hauses in unserer Jubiläumswoche vom 14. bis 19. September 2010.
      Viele Angebote, Aktionen und Überraschungen erwarten Sie. Wir bieten ein vielfältiges Programm für Erwachsene und Kinder. Museumsfest am Wochenende.

      14.-17.9.: Sonderöffnungszeiten jeweils bis 20.00 Uhr, stündlich kostenfreie Führungen durch die Jubiläumsausstellung und die neue Schausammlung im Sammlungsflügel.

      15.9.: Jubiläumsvortrag 20.00 Uhr:
      Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Generaldirektor:
      Die Rolle der Museen beim Aufbau einer Wissensgesellschaft

      18.9.: Sonderöffnungszeit bis 22.00 Uhr bei freiem Eintritt,
      11.00-18.00 Uhr: Kinderfest

      19.9.: Sonderöffnungszeit bis 20.00 Uhr bei freiem Eintritt
      20.00 Uhr: Papageno packt aus. Konzerttheater für Erwachsene und Kinder.

      Weitere Sonderveranstaltungen zum Jubiläum sind im Kalender veröffentlicht.

      Mittwoch, 14. Oktober 2009

      Evolution - Fotoausstellung von J.B. de Panafieu und P. Gries

      von Reinhold Leinfelder

      Wer die wunderschöne, derzeit durch Deutschland tourende Fotoausstellung Evolution zum gleichnamigen Buch von von Jean Baptiste de Panafieu & Patrick Gries noch nicht gesehen hat, hat ab sofort im Museum für Naturkunde Berlin Gelegenheit hierzu.

      Sonderausstellung EVOLUTION - Dienstag, 13. Oktober 2009 - Sonntag, 22. November 2009 - Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin.

      Fotoausstellung von Jean Baptiste de Panafieu & Patrick Gries in Kooperation mit dem Verlag Frederking & Thaler und dem Naturmuseum Senckenberg. Mit freundlicher Unterstützung von GEO

      Die Ähnlichkeit zwischen den Skeletten verschiedener Wirbeltiere wurde schon früh als Indiz für die Verwandtschaft aller Tierarten gedeutet und beschäftigte seit der Antike die Forscher. Schließlich lieferte Charles Darwin mit der modernen Evolutionstheorie die wissenschaftliche Erklärung für die gemeinsame Abstammung. Doch noch nie wurde dies so ästhetisch ansprechend und überraschend erzählt. Die Fotos des renommierten Design-Fotografen Patrick Gries präsentieren jedes Skelett wie eine kostbare Skulptur und bringen die enorme Bandbreite der Lösungen, die die Evolution gefunden hat, voll zur Geltung. 
Die Ausstellung wird von Skelettmodellen ergänzt, die extra dafür von den Präparatoren des Museums für Naturkunde angefertigt wurden.


      (aus den Webseite von www.naturkundemuseum-berlin.de)

      Samstag, 15. August 2009

      Von der Evolutions- zur Biodiversitätsforschung - Eine Aufgabe der Naturkundemuseen (am Beispiel des Berliner Museums für Naturkunde).

      Evolutionsforschung, Biodiversitätsforschung und Umweltforschung gehen Hand in Hand. Die Biodiversität ist ein Produkt der Evolutionsprozesse (Variation, Selektion, Anpassung). Evolutionäre Erneuerungen können die Biodiversität genauso wie umfassende Umweltänderungen stark beeinflussen. Umweltänderungen, wie wir sie derzeit großmaßstäblich selbst verursachen, können Biodiversität direkt dezimieren, Umbauten der Biodiversität bewirken oder auch neue evolutionäre Prozesse auslösen. Zu diesem Themenkreis befragte die Verbraucher-Initiative e.v. sowie Öko-Fair den Autor dieses Blogs, Reinhold Leinfelder. Ausschnitte aus diesem Interview finden Sie nachfolgend.


      (Bild: Ausschnitt aus der 14 Meter breiten, 3000 Arten darstellenden Wand der Artenvielfalt am Museum für Naturkunde Berlin, © Museum für Naturkunde Berlin)

      Das Berliner Museum für Naturkunde ist bekannt für sein riesiges Saurierskelett. Teilen Sie die Ansicht, dass das Wirken des Menschen naturhistorisch gesehen ähnlich dramatische Folgen für das Artenreichtum hat wie der Meteoriteneinschlag für die Dinosaurier?

      Ja, es ist zu befürchten, dass es sogar noch dramatischer werden könnte als alles bisher Dagewesene. Geowissenschaftler zählen das Aussterben der Dinosaurier und vieler anderer Organismen vor 65 Millionen Jahren zu den so genannten „Big Five“, den fünf großen, katastrophalen, globalen
      Aussterbeereignissen. Wir können die aktuelle Umweltkrise durchaus als sechstes großes globales Aussterbeereignis bezeichnen. Dabei ist es auchkein Trost, dass die biologische Vielfalt nach den großen Aussterbeereignissen der Erdgeschichte immer wieder Höhenflüge erlebt hat. Zum Beispiel starben die tropischen Korallenriffe mehrfach in der Erdgeschichte aus oder wurden extrem dezimiert. Bis sie wieder zu alter Blüte gelangt waren, dauerte es aber Hunderttausende, ja Millionen von Jahren, in einem Fall sogar 140 Millionen Jahre. Darauf können wir nicht warten, die Erdgeschichte bietet hier für menschliche Maßstäbe also keinen Trost, sondern spricht statt dessen eine unmissverständliche Warnung aus.


      Am Naturkundemuseum erforschen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die Evolution der Artenvielfalt. Wie tragen Ergebnisse daraus zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen bei?

      Viele unserer Beiträge haben mit unseren immensen, 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlungen zu tun. Ich nenne drei Bereiche. Zum Ersten gehören unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur kleinen, aber sehr wichtigen Gruppe taxonomischer Experten, die Arten exakt bestimmen und neue Arten überhaupt erkennen und beschreiben können. Zum Zweiten sind wir an Monitoring-Projekten beteiligt, also an der Gesamterfassung der Biodiversität in definierten Regionen, aber auch global. Zum Beispiel muss man vor der Ausweisung neuer Naturschutzgebiete Wanderwege der Arten und ihre ökologischen Ansprüche genau untersuchen, was wir unter anderem in Afrika tun. Wir sind auch maßgeblich an der
      Überwachung des Zustands von Korallenriffen beteiligt und arbeiten im Reef Check-Monitoring-Programm auch mit Hobby-Sporttauchern eng zusammen. Außerdem entwickeln wir neue Monitoring-Methoden, etwa das automatisierte Erkennen von Artverteilungen über Tierstimmen. Zum Dritten erforschen wir das dynamische Verhalten von Ökosystemen. Dabei können wir dank unserer umfassenden Datenbanken abschätzen oder gar berechnen, wie stabil oder labil Ökosysteme und ihre Artverteilung in der Erdgeschichte auf Umweltstörungen reagierten. So verstehen wir auch die Dynamik von Ökosystemen und Artverteilungen unter menschlicher Nutzung besser. Ein konkretes Beispiel sei noch genannt. Wir beteiligen uns bei der Wiedereinsetzung der durch Wasserverschmutzung ausgestorbenen Elblachse durch den genetischen Vergleich zwischen am Museum befindlichen, in Alkohol konservierten Elblachsen mit heute lebenden Lachspopulationen. Schwedische Lachse erwiesen sich als nächste Verwandte und fühlen sich heute in der sauber gewordenen Elbe wieder zunehmend wohl.


      Wie machen Sie Ihre Ergebnisse bekannt?

      Unser Expertenwissen und unsere Forschungsergebnisse werden nicht nur wissenschaftlich publiziert. Wir informieren auch die Bevölkerung mit vielfältigen Aktivitäten wie Vortragsreihen, Diskussionsrunden, thematischen Abenden, allgemeinverständlichen Publikationen und natürlich Ausstellungen. Unsere Korallenriff-Sonderausstellung „abgetaucht“ wurde als Beitrag zum Internationalen Jahr des Riffes 2008 von uns erstellt und am Museum für Naturkunde gezeigt. Zur Zeit ist sie im Münchner Museum „Mensch und Natur“ zu sehen. Weiterhin arbeiten wir nationalen und internationalen Umweltkonventionen zu, insbesondere der Konvention über die biologische Vielfalt. Natürlich diskutieren wir auch mit
      Parlamentariern und beteiligen uns an der Erarbeitung wissenschaftlicher Gutachten zur Beratung der Politik.

      > Ganzes Interview lesen

      Sonntag, 5. April 2009

      Wissenschaft zwischen Elfenbeinturm und Weltanschauung?

      von Reinhold Leinfelder

      Im Darwin-Jahr werden Debatten zu den Evolutionswissenschaften zwischenzeitlich häufig in den weltanschaulichen Bereich verlagert. Die Debatte zur Wissenschaftsfeindlichkeit des Kreationismus (incl. Intelligent Design), also einer fundamentalistisch-religösen Strömung mit (pseudo-)wissenschaftlichen Anspruch wird zunehmend zu einer generellen Diskussion zum Verhältnis von Naturwissenschaften und Religionen. Diese Diskussion ist notwendig, muss aber zum einen differenziert geführt werden, um die Naturwissenschaften, aber auch Geisteswissenschaften nicht in Misskredit zu bringen. Hierzu finden Sie auch auf diesem Blog etliche Beiträge.

      (Abb.: "Sinnliche" Wissensvermittlung auf dem "Space-Sofa"
      des Museums für Naturkunde Berlin)


      Zum anderen zeigt die Debatte jedoch, dass der weltanschauliche Diskurs gerne mal überwiegt, und dabei andere wesentliche Aspekte der Wissensvermittlung außer Acht gelassen werden. Das Konsortium der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen (DNFS e.V.) hat mit seinem Positionspapier zum Darwinjahr (siehe hier) unterstrichen, dass es sich zur Authentizität der Wissenschaft verpflichtet fühlt und sich klar gegen alles positioniert, was Wissenschaftsfeindlichkeit hervorrufen kann. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan.

      Gerade erschien ein Symposiumsband zu einer im Januar 2008 durchgeführten Tagung zum Thema "Weiterbildung im Elfenbeinturm!?" Auch hier ging es um Transfer von wissenschaftlichen Leistungen in die Gesellschaft. Credo war, dass über allgemeine Weiterbildungsaktivitäten hinaus ein Beitrag zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung geleistet werden muss. Die Tagung beschäftigte sich insbesondere mit der (stark ausbaufähigen) Rolle der Hochschulen im Transfer von Wissenschaft, aber auch die Rolle der Museen wurde hierbei in einem eigenen Workshop berücksichtigt.

      Um einige Facetten zum Thema Wissenschaftsignoranz und Wissenschaftsfeindlichkeit kurz anzureißen, finden Sie nachfolgend einige Ausschnitte aus einem Beitrag des Blogverfassers . Debatten zur Vermittlung der Evolutionsforschung sollten sich nicht auf Diskussionen zur weltanschaulichen Einordnung der Evolutionsforschung beschränken, sondern die Gesamtproblematik der Wissenschaftsvermittlung dringend berücksichtigen. Differenzierung zwischem abgesicherten und hypothetischen Wissen, Grenzziehungen der Anwendbarkeit von Wissenschaften sowie undogmatisches, unrechthaberisches Herangehen an gesellschaftsrelevante Auswirkungen von Wissenschaft gehören nach meiner Meinung nach zwingend dazu. Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen einerseits nicht relativiert werden, wenn sie abgesichert sind, aber auch nicht alarmistisch dargestellt werden, insbesondere wenn sie teilweise hypothetisch sind, oder gar mit Ideologie-Anspruch daherkommen. Wissenschaftsvermittlung muss Wissenschaft und Forschung schlichtweg an Hand exemplarischer, nachvollziehbarer Beispiele glaubwürdig machen.

      (Auszug aus Leinfelder 2009, Zitat siehe unten):

      Wie kann Wissenschaft für die Öffentlichkeit attraktiv gestaltet werden?

      Einleitung: Zur Situation der Forschungsvermittlung
      Universitäten und andere Forschungseinrichtungen verfügen in der Regel über eigene institutionalisierte Öffentlichkeitsarbeit. Sie geben häufig allgemeinverständliche Zeitschriften zu ihren Forschungsaktivitäten heraus, schreiben Pressemitteilungen zu besonderen Forschungsergebnissen und veranstalten Wissenschaftstage oder Tage der Offenen Tür. Manche Wissenschaftler sind selbst überaus aktiv, um öffentliche Vorträge zu halten, an Podiumsdiskussionen teilzunehmen, ihre Ergebnisse in Medieninterviews vorzustellen, oder Presse- und Fernsehredakteure mit Informationen zu versehen. Zeitungen, Zeitschriften und Medien bringen häufiger als je zuvor Beiträge zu Geistes- und Naturwissenschaften und manche Wissenschaftler schreiben sogar allgemeinverständliche Bestseller-Bücher. Dies alles ist erfreulich.

      Dennoch nehmen Debatten um Klimaänderung, Biologische Vielfalt oder Evolution teilweise erschreckende Schwarz-Weiß-Züge an, sind Pseudowissenschaften und Pseudoreligionen auf dem Vormarsch. Zumindest ein Teil der Ursache scheint im schwindenden Vertrauen in die Naturwissenschaften begründet zu sein. Tatsächlich muss man Medienberichte als Nichtspezialist häufig einfach glauben – oder auch nicht. Umso wichtiger erscheint es, stärker zwischen naturwissenschaftlich gesicherten Fakten bzw. fundierten Theorien und wissenschaftlichen Hypothesen oder gar purer Spekulation zu differenzieren. Naturwissenschaften – und dieser Beitrag begrenzt sich darauf – müssen wieder authentischer vermittelt werden. Dies bedeutet auch, dass die naturwissenschaftlichen Objekte und Daten verfügbar und überprüfbar sein müssen. Außerdem sollen nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse, sondern vor allem auch die Methodik der Forschung transparent übersetzt werden. Naturwissenschaftliche Forschungsmuseen können hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Sie machen hochmoderne Forschung, die gesellschaftsrelevante Grundsatzfragen (Entwicklung der Erde und des Lebens) genauso beinhalten wie aktuelle problemorientierte Themen (Klima- und Umweltveränderungen, Veränderung der Vielfalt des Lebens und der Ökosysteme, Verlust von Ökosystem-Gütern und Ökosystem-Diensten und vieles mehr). Sie arbeiten meist objektbasiert, insbesondere mit ihren naturkundlichen Sammlungsobjekten. Weiterhin sind sie – geeignete Aufarbeitung der Themen vorausgesetzt – besonders geeignet, verschiedensten Bevölkerungsgruppen lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Manche naturkundliche Forschungsmuseen, etwa in Berlin oder Hamburg, sind Institutionen von Universitäten [Anm. seit 2009 ist das Museum für Naturkunde Berlin eine selbständige Einrichtung in der Leibniz-Gemeinschaft, bleibt jedoch inhaltlich mit der Humboldt-Universität assoziiert]. Darüber hinaus pflegen die meisten der großen nichtuniversitären naturkundlichen Forschungsmuseen Deutschlands, aber auch viele kleinere Museen enge Beziehungen zu Universitäten, so dass sich aus der Kooperation auch eine enge Zusammenarbeit hinsichtlich öffentlicher Bildung ergeben kann.
      .......


      Abb.: Die große Wand der Artenvielfalt als ästhetisches Erlebnis im Museum für Naturkunde Berlin. Die Wand besteht aus 3000 Einzelobjekten und ist Teil der aktuellen Ausstellung "Darwin - Reise zur Erkenntnis" (© Museum für Naturkunde)

      Ausblick: Themen und Dienstleistungen der großen Forschungsmuseen für die öffentliche Bildung
      .......
      Folgende Rahmenthemen bieten sich gleichermaßen wegen ihrer nachhaltigen und aktuellen Bedeutung besonders an:
      • Evolution der Erde und des Lebens;
      • Veränderung der Vielfalt des Lebens;
      • Stabilität und Änderung von Klima- und Umwelt;
      • angewandte Themen wie Evolutionäre Medizin, Parasitenforschung, Wirkstoff-
      • und Schadstoffforschung und Bionik.
      Besonders attraktiv ist es, die Forschung als moderne Entdeckungsreisen der Welt
      und des Kosmos zu gestalten, etwa zur Erforschung
      • der Meere, darunter der Tiefsee;
      • der Pole;
      • der weiteren unentdeckten Artenvielfalt in Tropen, Savannen, Wüsten, Städten und anderen Lebensbereichen;
      • des Kosmos und der Planeten, darunter auch der Geologie der Erde;
      • des Menschen sowie
      • der Beziehungen zwischen Mensch und Natur.
      Das Thema „Klimaänderung“ wird weiterhin die wissenschaftspolitischen Debatten dominieren, hier ist es wichtig, das Thema stärker in den Gesamtkontext „Globale Umweltveränderungen“ zu integrieren. Hierbei bietet sich an, noch viele weitere Aspekte des Rahmenthemas „Vielfalt des Lebens“ stärker herauszustellen. Vielfalt des Lebens umfasst gleichermaßen die Vielfalt der Gene, der Arten, der Ökosysteme und der Ökosystem-Dienstleistungen. Themen wie nachhaltige Nutzung der Natur sowie Naturschutz lassen sich ausgezeichnet integrieren und ggf. auch über Sonderausstellungen besonders aktuell halten.

      Auch das Thema „Erforschung des Menschen“ könnte an Naturkundemuseen stark über den bisherigen, in der Regel eher paläoanthropologischen Aspekt hinaus ausgebaut werden. Sonderausstellungen und Diskussionsveranstaltungen zur Stammzellenforschung, zur Hirnforschung oder zur Beziehung Umwelt und Gesellschaft könnten verstärkt werden. In diesem Zusammenhang sollten die Kooperationen nicht nur mit Universitäten und weiteren Forschungseinrichtungen, sondern auch mit Technikmuseen und „Science-Centern“ noch weiter ausgebaut werden. „Science-Center“ können einen besonders hohen Grad an Besucherbetreuung, sowie besonders viele Experimentierstationen bieten, Naturkundemuseen können insbesondere die Faszination, Authentizität und Methoden der Forschung an Hand von Originalobjekten bzw. direktem Bezug zwischen Originalobjekt (z. B. Skelett eines ausgestorbenen Tiers) und Rekonstruktion vermitteln. Beide gemeinsam können die Metapher „sich fortbilden wie ein Forscher“ durch geeignete PUSH-Ausstellungskonzepte umsetzen.

      Die großen Forschungsmuseen beteiligen sich trotz ihrer heterogenen Trägerschaft aktiv an der Diskussion zur Erarbeitung ge¬meinsamer Qualitätsstandards auch ihrer Bildungsangebote (Leinfelder, 2007) und stehen auch für nachhaltige, konzertierte Aufgaben im Bereich der wissenschaft¬lichen Bildung und Weiterbildung zur Verfügung."


      (Auszug aus: Leinfelder, R. R. (2009): Wie kann Wissenschaft für die Öffentlichkeit attraktiv gestaltet werden? Ein Vorgehen mit allen Sinnen am Beispiel des Museums für Naturkunde Berlin.- In: M. Knust & A. Hanft (eds.), Weiterbildung im Elfenbeinturm!?, p. 115-121, Münster, New York, München, Berlin (Waxmann).
      Kontakt: info(at)dnfs.de
      Buchinfo hier.