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Dienstag, 19. Juli 2011

Darwin und kein Ende?

Heute einmal in eigener Sache. Basierend auf dem an der Humboldt-Universität durchgeführten Symposium "Streit um Darwin" sind nun die  Ergebnisse in überarbeiteter, stark ergänzter und reich bebilderter Form in Buchform erschienen. Das Buch richtet sich insbesondere an Biologie- und Theologielehrer, ist aber auch für alle anderen am Thema interessierten Leser geeignet.

Aus der Verlagsinformation:

Herausgegeben von Horst Bayrhuber, Astrid Faber, Reinhold Leinfelder

Darwin und kein Ende?
Kontroversen zu Evolution und Schöpfung

Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie hat die Biologie revolutioniert. Sie wurde seit dem 19. Jahrhundert enorm weiterentwickelt und vielfältig abgesichert, hat aber das menschliche Welt- und Selbstverständnis so nachhaltig beeinflusst, dass sie bis heute Gegenstand heftiger Diskussionen und Kontroversen ist. Von religionsfundamentalistischer Seite wird die Evolutionstheorie abgelehnt; von szientistischer Seite wird sie oft zur Widerlegung des religiösen Glaubens angeführt.
In diesem Buch setzen sich Biologen und Theologen in 12 Beiträgen mit dem Thema „Evolution und Schöpfung“ auseinander, wobei kein Widerspruch zwischen naturwissen- schaftlichen Aussagen zur Evolution und theologischen Aussagen zur Schöpfung gesehen wird. Die lebendigen Kontroversen zu Evolution und Schöpfung, zu Atheismus und Intelligent Design sind auch im Unterricht Thema. Lehrkräfte erhalten in diesem Buch profunde Hintergrundinformationen, wobei auch aktuelle Untersuchungen zu Einstellungen und Vorstellungen von SchülerInnen dargestellt werden. Das umfangreiche Bild- und Textmaterial unterstützt eine fächerverbindende Bearbeitung des Themas.

Die Herausgeber:
Prof. Dr. Horst Bayrhuber ist Biologiedidaktiker und Herausgeber des Schulbuches Linder Biologie. Er war bis 2007 Direktor am IPN in Kiel.
Astrid Faber ist Diplom-Biologin und arbeitet im Bereich Museumspädagogik am Museum für Naturkunde, Berlin.
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Paläontologe und Geobiologe an der Humboldt Universität zu Berlin und war bis 2010 Generaldirektor des Museums für Naturkunde, Berlin.



Die Autoren: Roman Asshoff, Horst Bayrhuber, Dirk Evers, Marcus Hammann, Hansjörg Hemminger, Uwe Hoßfeld, Britta Klose, Martina Kölbl-Ebert, Reinhold Leinfelder, Harald Lesch, Martin Rothgangel, Richard Schröder, Annette Upmeier zu Belzen


Textsammlung, mit Texten von Charles Darwin, Ernst Haeckel, Jostein Gaarder, Albert Einstein, Karl Barth, Stephen Jay Gould, Richard David Precht, Tycho Brahe, William Paley, Daniel Dennett, Bertrand Russell, Richard Dawkins, Monika Maron, Genesis, Joseph Haydn, Heinrich Heine und weiteren.


Horst Bayrhuber, Astrid Faber, Reinhold Leinfelder, 2011, Darwin und kein Ende? Kontroversen zu Evolution und Schöpfung. 21,5 x 23 cm, 240 Seiten, vierfarbig, Hardcover, mit Lesebändchen, Friedrich-Verlag (Klett-Gruppe), ISBN 978-3-7800-1078-0 € 27,95

Weitere Informationen:

> Verlagsseite
> Inhaltsverzeichnis (pdf, 444 kb)
> Vorwort (pdf, 1033 kb)

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Korrektur / Update zum Anthropozän (Stand 9. Aug. 2011): Auf S. 33 des Buchs wurde bzgl. des Beginns des Anthropozäns leider nicht exakt formuliert. Korrekt ist, dass mit dem Beginn der menschlichen Kultur die teils sehr starken menschlichen Einflüsse auf die Umwelt begannen. Steffen, Crutzen & McNeil (2007) sprechen hierbei jedoch von präanthropozänen Ereignissen innerhalb des Pleistozäns und Holozäns. Das eigentliche Anthropozän lassen die Autoren erst etwa um das Jahr 1800, also mit dem ersten Industrialisierungsschub beginnen. Dies basiert auf dem  Originalvorschlag von Paul Crutzen und Eugene Stoermer (2000) bzw. Paul Crutzen (2002). Allerdings wird der Beginn des Anthropozäns nach wie vor sehr kontrovers diskutiert und ist bislang noch nicht verbindlich festgelegt. So schlug Ruddiman (2003) in einer umfassenden, gut dokumentierten Stellungnahme zu Crutzen & Stoermer (2002) vor, den Anthropozän-Beginn auf mehrere Tausend Jahre (bis zu 8000 Jahre vor heute) zurückzuverlegen (Early Anthropocene sensu Ruddiman). Doughty et al (2010) griffen dies nochmals auf und sehen gute Argumente dafür, den Beginn des Anthropozäns tatsächlich ins Pleistozän zurückzuverlegen.  Zur aktuellen Diskussion siehe u.a. Steffen et al. (2011) und Ellis (2011). Weitere Infos zum Anthropozän unter http://en.wikipedia.org/wiki/Anthropocene (Abfrage am 9.8.2011) sowie demnächst unter http://www.anthropocene.de.

Zitierte Literatur:
Crutzen, P. & Stoermer, E. (2000): The 'Anthropocene'". Global Change  Newsletter 41, S. 17-18, IGBP ((Royal Swedish Academy of Sciences, Stockholm)
Crutzen, P.  (2002) Geology of mankind. Nature 415 (6867): 23. doi:10.1038/415023a
Doughty, C. E.; Wolf, A.; Field, C. B. (2010): "Biophysical feedbacks between the Pleistocene megafauna extinction and climate: The first human-induced global warming?". Geophysical Research Letters 37 (L15703): 1–5. doi:10.1029/2010GL043985.
Ellis, E.C. (2011): Anthropogenic transformation of the terrestrial biosphere. Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.1010 -1035. doi: 10.1098/rsta.2010.0331
Ruddiman, William F. (2003): The anthropogenic greenhouse era began thousands of years ago.- Climatic Change 61 (3): 261–293. doi:10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa
Steffen, W., Crutzen, P.J. & McNeill, J.R. (2007): The Anthropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature. AMBIO: A Journal of the Human Environment, 36(8), S.614-621. doi: 10.1579/0044-7447(2007)36[614:TAAHNO]2.0.CO;2
Steffen, W., Grinevald J, Crutzen P &  McNeill J. (2011): The Anthropocene: conceptual and historical perspectives. Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.842 -867. doi: 10.1098/rsta.2010.0327
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Montag, 27. Juni 2011

Glauben und Naturwissenschaft - ein Schülerartikel

Ein Artikel basierend auf Schülerinterviews (Berliner Morgenpost, online Version. Samstag, 25. Juni 2011):

Das schwierige Verhältnis zwischen Glauben und Naturwissenschaft

Bild aus mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Von Kilian Eissenhauer, Pascal Klose und Benjamin Langner, Kl. 7b, Canisius-Kolleg, Tiergarten

Lassen sich Naturwissenschaften und Glauben miteinander verbinden? Oder gibt es einen Konflikt zwischen beiden? Darüber gibt es immer wieder heftige Diskussionen. Wir haben zum Thema zwei Experten befragt, die aus verschiedenen Lagern kommen: den Berliner Geologen Prof. Reinhold Leinfelder sowie Pater Tobias Zimmermann SJ, den Rektor des Canisius-Kollegs Berlin.

„Wenn die Naturgesetze göttlich sind und die Spielregeln einmal aufgestellt wurden, damit die Welt sich so entwickeln kann, wie sie sich entwickelt hat, dann wäre es ja nicht perfekt, wenn man immer wieder nachjustieren müsste,“ sagt Prof. Leinfelder. Erstaunlicherweise ist Pater Zimmermann als Theologe ähnlicher Meinung: „Ich glaube, wenn man irgendwo in der Schöpfung einen Punkt sucht, den man nicht erklären kann und dann sagt, da muss Gott gehandelt haben, dann macht man einen Fehler.“ Es gibt allerdings einige Menschen, die genau das machen. Heute nennt man diese Leute Kreationisten, also Menschen, die der Meinung sind, dass die wörtliche Auslegung der Heiligen Schriften, insbesondere das 1. Buch Mose, die tatsächliche Entstehung von Leben und Universum beschreiben. Sie glauben, alles wäre Gottes Schaffenswerk, naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle haben in ihrer Welt keinen Platz.

Genau so ein Kreationist war zunächst auch Charles Darwin (1809-1862), .... (weiterlesen im Originalartikel)

Samstag, 12. Februar 2011

Erdbebengrollen in der Darwin-Lücke, am 202. Geburtstag von Charles Darwin

 von Reinhold Leinfelder

Nein, lieber Charles Darwin, wir haben deinen heutigen 202. Geburtstag nicht vergessen, auch wenn uns derzeit die Ereignisse in Ägypten (Evolution? Revolution? Intelligent Design?) oder die Berlinale (Survival of the Prettiest? Survival of the Wittiest?) ein bisschen ablenken. Allzuviel findet man zu deinem heutigen Geburtstag tatsächlich nicht im Netz. Immerhin, etliche Birthday Dinners und sonstige Feierlichkeiten, insb. an US-Museen, auch eine Darwin-Resolution gibt es nochmals, außerdem einige Berichte zum Leben und Wirken Darwins, sogar einen Hinweis auf die DNA-Untersuchung des Enkels von Charles Darwin, sowie das Übliche sonstige: ein bisschen was zum Kreationismus, sowie die übliche Instrumentalisierung Darwins zum Diskreditieren jeglicher Religion.



Aber wir freuen uns mit dir insbesondere über die vielen Geburtstagskuchen, die du heute bekommen hast. Was? Gar nicht bekannt? Also, der Bake-A-Cake-For-Darwin-Contest des Beaty Biodiversity Museums in Vancouver ist doch wirklich etwas ganz Feines. Guten Appetit und Alles Gute für die nächsten 98 Jahre.


Die Darwin-Cakes gibt es hier:
http://www.flickr.com/photos/beatymuseum/sets/72157625873558025/
http://www.flickr.com/photos/beatymuseum/
(übrigens gefunden via http://www.macnotes.de/2011/02/12/kolumne-rumble-in-the-jungle/ . Apple verwendet ja im Betriebssystem den Darwin-Core). 

Das wichtigste und erfreulichste ist jedoch, dass das Thema Evolution nach dem 200. Geburtstag von Charles Darwin nicht wieder verschwunden ist, sondern dass die Evolutionsthemen des Darwin-Jahrs 2009 ins UN-Biodiversitätsjahr 2010 übergingen und hierbei auch immer wieder betont wurde, dass die Biodiversität nichts anderes als das Produkt der Evolutionsfaktoren Variabilität, Anpassung und Selektion darstellt (wobei jedoch der menschengemachte Selektionsdruck der Anpassungsfähigkeit und der Variabilität heute zu starke Grenzen setzt). Nun begehen wir das Internationale Jahr der Wälder 2011, auch dies gewissermaßen ein Thema Charles Darwins, denn seine erste Station nach der Überfahrt über den Atlantik war der Besuch des brasilianischen Regenwalds hinter Salvador da Bahia. Er fand ihn so faszinierend, dass er sicherlich auch daraus die Kraft schöpfte, möglichst vieles zu erkunden.

Also, lieber Darwin, spätestens seit dir wissen wir ja, dass alles in der Natur mit rechten Dingen zugeht.

Aber wir wissen auch, dass du damals beim gigantischen Erdbeben in der Region Conceptíon/Chile vom 20.2.1835, als du selbst in Valdivia/Chile warst sehr erschrocken bist.
Obwohl die Region der Anden und ihres Vorlandes enorm erdbebenaktiv ist, hat es gerade dort dann so lange nicht mehr gebebt, dass Geologen die 200 km lange Zone zwischen Concéption und Constitucíon nach dir sogar "Darwin-Lücke" genannt haben.

Diese Lücke ist extrem gefährlich, wie die Welt am 27.2.2010 erfahren musste, denn es stauten sich gefährliche Spannungen auf, die sich im Februar 2010 wiederum in einem sehr schweren Beben der Magnitude 8.8 entluden, dem 700 Menschen zum Opfer fielen. Wissenschaftler warnten danach, dass sich nicht die gesamte Darwin-Lücke entspannt habe. Sie hatten recht, denn nicht nur zum Jahresbeginn 2011 gab es ein weiteres schweres, jedoch glimpflich ausgehendes Beben. Nein, ausgerechnet heute an deinem Geburtstag gab es gleich zwei weitere schwere Beben in der Region von Conceptíon. Wir wissen also auch dank dir und deines Geologie-Mentors Charles Lyell, dass sich Erdbeben ganz natürlich erklären lassen, dass auch die Koninzidenz deines Geburtstags mit dem Beben in der nach dir benannten Region nichts anderes als eine Zufälligkeit innerhalb einer statistischen Wahrscheinlichkeit für weitere Beben dieser Region ist, dass also alles mit natürlichen Dingen zuging und keinesfalls ein Attentat fundamentalistischer Wissenschaftsleugner auf deinen Geburtstag war. Immerhin dies ist doch beruhigend.

Samstag, 4. September 2010

Ach du lieber Darwin - warum hat Sarrazin dich nicht gelesen?

von Reinhold Leinfelder

Es darf vermutet werden, dass Thilo Sarrazin Charles Darwins Hauptwerk nicht gelesen hat. Und zugegeben, ich habe umgekehrt Sarrazins Buch nicht komplett gelesen. Es hat mir schon genügt, was ich am Freitag vor dem offiziellen Erscheinen in einem renommierten Berliner Buchladen sah: meterhohe Stapel des Buchs im Eingangsbereich, vor den Kassen und in den Leseecken. Ja, und das lange Reinlesen im Buchladen sowie die Vorabpublikationen waren genügend aufschlussreich. Warum aber erwähne ich dies hier, in diesem Blog geht es doch um Dinge rund um die Evolutionstheorie? Nun, Sarrazin beruft sich bekanntermaßen in diesem Buch auf Selektion, Genetik, Vererbung von Intelligenz usw.. Darwin und die daraus abgeleitete und ständig modernisierte Evolutionstheorie hat er dabei jedoch überhaupt nicht verstanden, wie er sich nun vielfach nachweisen lassen musste. Statt dessen argumentiert er mit einem Sozialdarwinismus (eigentlich richtiger einem Spencerismus) schlimmster Sorte.

Für diejenigen, die davon nicht überzeugt sein sollten, oder die "Dysgenik"-Argumentation Sarrazins nicht kritisch finden, sei nachfolgend nur auf wenige, exemplarische Zeitungsartikel verwiesen, die vielleicht ein klareres Bild ergeben.

Das im Kontext des Darwin-Blogs wirklich Ärgerliche an Sarrazins "Thesen" ist jedoch, dass auch nach einem (Darwin-)Jahr intensiver Diskussion um Bedeutung, Übertragbarkeit und Grenzen der Erklärungsfähigkeit der biologischen Evolutionstheorie, sowie nach vielfältigen Klarstellungen, dass Mensch und menschliches Verhalten nicht allein "biologistisch" erklärbar sind (was auch von differenziert vorgehenden Soziobiologen und Evolutionspsychologen so gesehen wird), nun sogar eine quasi-Eugenik-Debatte wieder salonfähig wird. Wie hoch oder niedrig die Defizite einer deutschen Migrationspolitik auch sein mögen, was ich an dieser Stelle nicht weiter diskutieren möchte - mit derartiger pseudowissenschaftlicher Polemik und derart fehlerhafter Datenverwendung wie sie Herr Sarrazin betreibt, verhindert man nicht nur eine differenzierte Debatte um Integration, sondern untergräbt letztendlich auch das Vertrauen in wissenschaftsbasiertes Arbeiten. Herr Sarrazin fördert damit m.E. indirekt auch wieder Vorbehalte gegen die Wissenschaft und verstärkt den weitverbreiteten Wissenschaftsskeptizismus. Auch dies ist ein Grund, warum nachfolgend einige Zeitungsausschnitte aufgeführt werden. Mir ist klar, dass Auszüge aus Artikeln ggf. nicht den Tenor des Gesamtartikels wiedergeben könnten, daher werden auch, sofern vorhanden, die Links zu den Online-Versionen der Artikel angegeben. Ich empfehle diese auch zu lesen.

Christian Geyer war wohl der erste, der den Sarrazinschen Biologismus beim Namen nannte. Er schrieb dazu zu Sarrazins Thesen unter dem Titel "So wird Deutschland dumm" in der FAZ vom 26.8.2010.
Auszüge: "... Tatsächlich ist das Elementare bei Sarrazin das Biologische. Kulturell ist bei ihm ein Deckwort für genetisch. Hat man dies begriffen, liest man Sarrazins Sorge um die „kulturelle Identität“, die „kulturelle Substanz“ und den „Volkscharakter“ Deutschlands mit anderen, den richtigen biologischen Augen. Obwohl halb verschwiegen, tritt die These in seinem Buch klar hervor: Die islamische Immigration nach Deutschland muss gestoppt werden – und zwar aus „letztlich“ genetischen Gründen. ... Das ganze Buch liest sich wie ein antimuslimisches Dossier auf genetischer Grundlage. Wie ein verdeckt operierender Detektiv versucht Sarrazin, aus „elementarer Sicht“ belastendes Material gegen Türken, Afrikaner und Araber zusammenzustellen. Um den Leser für die Genetik der Intelligenz zu gewinnen, legt Sarrazin die jüdischen Ursprünge der Intelligenzforschung und deren Verbot durch die Nazis dar. ... Jedes Kapitel bietet eine weitere Facette des biologistischen Panoptikums. „Das Problem ist nicht, dass die Zahl der Nachfahren von Menschen mit hoher Bildung von Generation zu Generation schrumpft“, schreibt Sarrazin. „Das wäre nicht so wichtig, wenn alle Menschen gleich begabt wären, dann wäre Bildung nämlich eine reine Erziehungsfrage. Da Bildungsgrad und erbliche Intelligenz aber in einem befruchtenden Zusammenhang stehen, muss es mit der Zeit abträglich für das intellektuelle Potential der Bevölkerung sein, wenn Menschen mit hohem Bildungsgrad andauernd eine unterdurchschnittliche und Menschen mit niedrigem Bildungsgrad andauernd eine überdurchschnittliche Fertilität haben.“

> zum ganzen Artikel

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Interview mit dem Genetiker Markus Nöthen im Kölner Stadtanzeiger vom 31.8.2010:
„Es gibt keinen Volks-IQ“. Der Bonner Genetiker Markus Nöthen betont, dass Lernfähigkeit keine Frage der Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder sozioalen Gruppe ist.

Auszug: "Herr Professor Nöthen, Thilo Sarrazin beschreibt Migranten-Gruppen wie Araber oder Türken als bildungsfern und lernschwach und leitet diese Eigenschaften auch von genetisch vererbten Anlagen her. Sind solche Thesen wissenschaftlich haltbar?
MARKUS NÖTHEN: Nein. Sarrazin bezieht sich auf Studien, nach denen 50 bis 80 Prozent der Intelligenz genetisch begründet seien. Fest steht, dass Intelligenz zu gewissen Teilen vererbt werden kann, es durch die Vielzahl der beteiligten Gene aber bei Nachkommen immer wieder zu neuen Kombinationen kommt. Weniger intelligente Eltern können hochintelligente Kinder haben und umgekehrt. Die Bandbreite ist riesengroß. Außerdem spielen die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, in denen Kinder aufwachsen, für die Intelligenz ebenfalls eine wichtige Rolle. Wenn Migranten aus ländlichen Gebieten ohne nennenswerte Bildungsangebote zu uns kommen, ist deren Bildungstand logischerweise im Durchschnitt eher gering. Aber über die durchschnittliche Intelligenz dieser Gruppe sagt das überhaupt nichts aus. Sie wird eine ähnliche Zusammensetzung aus intelligenten und weniger intelligenten Mitgliedern aufweisen wie die Bevölkerung insgesamt."

> Zum ganzen Artikel


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Frank Schirrmacher schrieb am 1.9.2010 in der FAZ:
Sarrazins Quellen. Biologismus macht die Gesellschaft dümmer
Als hätte es alle Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben: Im Innersten seines Buches hat Thilo Sarrazin eine vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie versteckt. Der Autor verschleiert die Terminologie und geht fahrlässig mit seinen Quellen um.

(Auszüge:".... Ein Kernsatz des Buches lautet: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ,survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“ .... Das sind unerhörte Sätze. Und Sarrazin weiß das. Es ist schlichtweg unseriös, wie fahrlässig er mit seinen Quellen umgeht.
Damit der Kunde nicht merkt, wohin die Reise mit Sarrazin geht ... Sarrazin meint faktisch „Entartung“ – daran kann angesichts der Quelle kein Zweifel bestehen –, aber er nennt das Wort nicht. So geht es einem immer wieder mit diesem Buch. Es täuscht über seine Grundlagen. ... Sarrazin blendet eine jahrhundertelange, zum Teil verheerende wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte darwinistischer Theorien aus und schließt an sie an, als seien sie Erkenntnis von heute. Damit es nicht auffällt, verschleiert er die Terminologie. ... ... Die Amerikaner, die 1914 mit der Diskussion einer Einwanderungspolitik auf erbbiologischer Grundlage begannen, haben dies bitter bereut .... "

> zum ganzen Artikel.  (Link inzwischen inaktiv, siehe ggf. hier)
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Adrian Kreye und Christian Weber schreiben in der Süddeutschen vom 2.9.2010 unter dem Titel "Gehirn und Erbse" zum Thema Intelligenz im Sarrazinschen Kontext: "Es gibt ja auch kein Strick-Gen: Thilo Sarrazin politisiert mit seinen Aussagen über erbliche Intelligenz wissenschaftliche Ungewissheiten. Und was ist überhaupt Intelligenz?"

Auszüge: "... Und deswegen sind solche volkstümlichen Debatten kein Bildungserfolg, sondern ein Problem. Thilo Sarrazin hat in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" ein rhetorisches Minenfeld betreten. Er führt die Naturwissenschaften als Zeugen für seine gesellschaftspolitischen Thesen vor. ... "Es gibt keine Einbahnstraße vom Genom zur Persönlichkeit, sondern ein viele Aktivitätsebenen umspannendes Wirkungsnetz", kommentiert der Berliner Psychologe Asendorpf. Dass ein Gen direkt auf eine Persönlichkeitseigenschaft wie Intelligenz wirke, sei ähnlich abwegig wie die Annahme, es müsse sich ein Strick-Gen im menschlichen Genom verbergen, nur deshalb, weil fast ausschließlich Frauen diese Tätigkeit ausüben und das Geschlecht sich nun mal in aller Regel rein genetisch entscheide. ... im Übrigen gibt es für die Warner vor dem intellektuellen Untergang des Abendlandes noch eine interessante Nachricht: In den westlichen Kulturen nahm zumindest bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der durchschnittliche IQ beständig zu. Und dieser Zuwachs von etwa drei Punkten pro Jahrzehnt war zu schnell, um ihn genetisch zu erklären. Vermutlich beruhte dieser sogenannte Flynn-Effekt auf den sich ständig verbessernden Lebensbedingungen von Schwangeren und Kleinkindern, wohl deshalb korreliert er auch mit der ständig wachsenden Körpergröße.
So wissenschaftlich differenziert argumentiert Thilo Sarrazin also gar nicht. Er führt dann eben doch Charles Darwin und Gregor Mendel ins Feld, deren genetische Grundlagenforschungen aus dem 19. Jahrhundert zunächst einmal den Erbsen und den Schnabeltieren galten. Die großen Namen der modernen Genetik und Evolutionsbiologie, Steven Pinker, George Church oder Craig Venter, die Debatten die sie auslösten, die fehlen. Denn die Unsicherheiten der Wissenschaft passen nicht in die schlichte Rhetorik von "Deutschland schafft sich ab"."

> zum ganzen Artikel.
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Interview mit der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern, auf die sich Sarrazin beruft (FAZ vom 2.9.2010): Jeder kann das große Los ziehen. Thilo Sarrazin beruft sich für sein Programm der positiven Selektion auf die Lernforschung der Psychologin Elsbeth Stern. Sie lehnt diese Vereinnahmung ab. Es mache keinen Sinn, davon zu sprechen, Intelligenz sei zwischen 50 und 80 Prozent erblich.

> zum ganzen Interview
(Link ist inzwischen deaktiv, > hier kostenpflichtig)
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Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland hat am 2.9.2010 ebenfalls deutlich die Vereinnahmung der Evolutionswissenschaften und Genetik durch Sarrazin zurückgewiesen:
VBIO: Thilo Sarrazin hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden.

Auszüge: "... In Bezug auf die Aussagen Sarrazins zur Genetik verwehrt sich der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) entschieden gegen jede politische Instrumentalisierung biologischer Fakten. – Sei es durch Thilo Sarrazin selbst, sei es durch andere Teilnehmer der derzeit laufenden öffentlichen und medialen Debatte. Die genetischen Thesen von Herrn Sarrazin sind nicht mit den modernen Erkenntnissen zur Evolutionsbiologie des Menschen vereinbar.
Evolutionsbiologisch gesehen ist der Mensch eine der genetisch homogensten Spezies die es auf der Erde gibt. Im Vergleich zu anderen Spezies sind die Unterschiede zwischen Populationsgruppen sehr gering. Tatsächlich sind die Unterschiede innerhalb von Populationsgruppen etwa 5-fach höher als zwischen ihnen.
.... Intelligenz wird von vielen Genregionen beeinflusst, die in jedem Individuum neu zusammengewürfelt werden. Das kann zu großen Unterschieden innerhalb einer Gruppe führen, wirkt aber gleichzeitig im Vergleich zwischen Gruppen wie ein Puffer. Wissenschaftlich formuliert: die Varianz innerhalb der Gruppe übersteigt die Unterschiede zwischen Gruppen bei weitem. Selbst wenn es zu lokalen Veränderungen der Häufigkeit von Genvarianten kommen sollte (wie z.B. durch Inzucht in Alpentälern), würden diese Verteilungsunterschiede im Falle von Rückkreuzungen schnell wieder ausgeglichen (dafür reicht bereits ein 1%-iger Genfluss). Es ist daher davon auszugehen, dass jede Volksgruppe grundsätzlich das gleiche genetische Potential für Intelligenzleistungen hat."

Zum ganzen Artikel
Die VBIO-Stellungnahme wurde auch in Tagesspiegel online publiziert.
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Allan Posener fragt sich in der WELT (2.9.10) in einem lesenswerten Artikel sogar, warum Sarrazin antisemitische Stereotypen transportiert.
> zum Artikel
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Und zum Schluss sei noch auf den sehr dezidierten, m.E. aber durchaus gerechtfertigten Artikel im aktuellen SZ-Magazin (3.9.2010) hingewiesen, in dem sich Andreas Bernard u.a. überaus wundert, warum Spiegel und Bild derart lange Passagen dieses Buchs abgedruckt haben und damit eine öffentliche Diskussion auslösten, die das Buch noch vor Erscheinen zum Verkaufsschlager machte (Artikel leider nicht online verfügbar).

Auszüge: "... In einem PISA-Test für Sachbücher läge Deutschland schafft sich ab ungefähr auf dem Platz von Bremen, was seine Lesbarkeit und die Sorgfältigkeit des Lektorats betrifft. Dieses Buch ist ein wucherndes Gebilde: in seiner Fehlerhaftigkeit überraschend bildungsfern, in seiner Dickleibigkeit fast adipös, dabei allerdings so fortpflanzungsfreudig, dass der Argumentatsionskeim eines Kurzreferats zu einem Riesenwälzer angewachsen ist. Nimmt man noch die Perspektive des Erzählers hinzu, die es an Verengung mit dem Augenschlitz einer Burka lässig aufnehmen kann, gleicht Thilo Sarrazins Buch eigentlich exakt seinem Feindbild: ein übergewichtiger, fertiler Religionsfanatiker. .... Ein Buch prägt also die gegenwärtige Diskussion, das in Vokabular und Argumentation nahtlos an die rassenbiologischen STandardwerke der Zeit um 1900 anschließt. Man müsste in den Traktaten eines Alfred Ploetz, Erfinder des Wortes "Rassenhygiene", nur das Wort "slawisch" durch "muslimisch" und "Rasse" durch "Glauben" ersetzten und hätte dieselben Hypothesen. ... Seit 70 Jahren diskreditierte Scchlagwörter wie "Eugenik" etwa kommen kein einziges Mal vor. DEr Seltene und daher ungefärdete Gegenbegriff der "Dysgenik" fällt dagegen ständig, in dem Zusammenhang, dass die ungehinderte Fortpflanzung muslimischer Einwanderer zur Schädigung des deutschen Erbguts führt.
Es gäbe eigentlich nur eine angemessene Reaktion auf Deutschland schafft sich ab: Schweigen"
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Und schweigen wird der Ach du lieber Darwin-Blog zum Thema Sarrazin nun auch wieder.

(Link-Fix vom27.4.2016)

Sonntag, 25. April 2010

Darwin im Depot - Ausstellung in Jena

Die Ausstellung des Berliner Museums für Naturkunde zum Darwin-Jahr ist nun unter dem Titel "Darwin im Depot" nach Jena weitergezogen. Der Ausstellungstitel ist wunderbar doppeldeutig, denn er weist zum einen darauf hin, dass die Ausstellung großzügig im dortigen alten Straßenbahndepot aufgestellt wurde, zum zweiten impliziert er die Frage, ob Darwin nach dem Darwin-Jahr nun wirklich im Depot abgelegt und die Akte "Evolution" wieder geschlossen wird. Selbstverständlich ist das überhaupt nicht der Fall. Evolutionswissenschaften sind aktueller denn je, denn gerade im Jahr der Biodiversität, nach den Klimaverhandlungen in Kopenhagen sowie angesichts der immer sichtbarer werdenden Plünderung unserer Meere wird immer deutlicher, wie eng Klima-, Umwelt-, Biologische Vielfalt und Evolution miteinander verknüpft sind.


Wer also die Darwin-Ausstellung im Berliner Naturkundemuseum nicht gesehen hat, oder schon immer mal nach Jena fahren wollte, sollte sich "Darwin im Depot" nicht entgehen lassen und danach am besten gleich ins Phyletische Museum in Jena weitergehen, um sich dort noch ausführlicher über die Evolutionsprozesse zu informieren. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen Phyletischem Museum Jena und dem Museum für Naturkunde Berlin.

Einen ersten bebilderten Bericht zur gestrigen Ausstellungseröffnung im Straßenbahndepot finden Sie im Jena-Lebt-Blog unter http://jenalebt.blogspot.com/2010/04/die-beagle-hat-in-jena-festgemacht.html
(obiges Bild stammt aus diesem Blog)
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Mittwoch, 3. Februar 2010

Wir lieben nur, was wir kennen

von Reinhold Leinfelder

02. Februar 2010: Was würde Charles Darwin sagen, wenn er sich heute auf der Erde umsähe? Die Bestätigung und Weiterentwicklung seiner Evolutionstheorie würde ihn gewiss freuen. Zugleich wäre er wohl entsetzt über den ökologischen Zustand so mancher Regionen, die er bei seiner Reise mit der "Beagle" besuchte: den Pantanal-Regenwald in Brasilien, der vom Zuckerrohranbau bedroht wird, die industrielle Überfischung vor Chile, die Gefährdung des Galapagos-Pinguins, das Abtauchen vieler Korallenriffe im Pazifik.

Vielleicht würde Darwin sich da die Bemerkung nicht verkneifen, dieses globalen Selektionsversuchs durch den Menschen bedürfe es doch wirklich nicht mehr, um seine Theorie zu untermauern. Und er könnte sich zu dem Hinweis genötigt fühlen, dass die Evolutionstheorie nicht zu sehr zur Erklärung der kulturellen Evolution herangezogen werden sollte und insbesondere nicht zur Rechtfertigung einer utilitaristischen Moral taugt, nach welcher unser Umgang mit dem Rest der Natur sich letztlich an dem Prinzip des mittelalterlichen Gewürzhandels orientiert, wo nur das, was uns nützt, Chance auf Beachtung und Pflege hat.


Umweltbewusstsein ansteigend

Warum aber sollen wir uns dann um die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten bemühen? Immerhin, Klima- und Umweltschutz sind heute auf den höchsten Ebenen angekommen. Anlässlich der Eröffnung des Jahrs der biologischen Vielfalt im Berliner Museum für Naturkunde gaben die Bundeskanzlerin, in- und ausländische Umweltminister sowie hochrangige UN-Vertreter wieder ein eindeutiges Bekenntnis zur Notwendigkeit nachhaltigen Umweltwirtschaftens und zum Biodiversitätsschutz ab. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist das Umweltbewusstsein stark angestiegen - Klimaschutz gehört laut Umfragen zu den Themen, welche die Deutschen am meisten bewegen, und selbst das sperrige Wort Biodiversität ist inzwischen kein Fremdwort mehr. Regenwaldabholzung, Riffsterben oder ökologische Schäden durch eine übertechnisierte Landwirtschaft sind allgemein bekannt.
Die Botschaft wird also verkündet, nur gehört wird sie offenbar nicht. Die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe kommt nicht recht voran. In Kopenhagen ist kein Vertrag zum Klimaschutz zustande gekommen, die von den UN für 2010 gesteckten Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind nicht erreicht worden.

Woran liegt es? Haben wir alles schon zu oft gehört, und die Erde dreht sich immer noch? Und zeigt uns die Erdgeschichte nicht, dass sich Klima, Umwelt, Biodiversität schon immer geändert haben, wir also vielleicht nur ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Natur sich selbst und damit auch uns von allein hilft? Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, welche die Fakten durchaus zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass es nach Korallenriffsterben in der Erdgeschichte Millionen von Jahren gedauert hat, bis sich diese wieder erholten. Oder dass sich das Klima zwar auch nach dem Erscheinen des Homo sapiens noch kräftig geändert hat, es aber seit der Entwicklung von Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur und Industrie global betrachtet extrem stabil war.


Die emotionale Dimension

Doch auch die Einsicht in die Gefahr, die der Organismen-Vielfalt auf der Erde droht, scheint noch nicht zu reichen. Offenbar ist selbst denen, die ihre Augen nicht verschließen, immer noch unklar, was hier wirklich auf dem Spiel steht. ..... (weiterlesen, >> zum ganzen Artikel auf FAZ-net vom 2.2.2010)

(gedruckt erschienen am 31.1.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, S. 54)


Montag, 28. Dezember 2009

Darwin und Weltbilder ein Jahr später - gibt es ein Fazit?

Während der letzten Wochen war berufsbedingt keine Zeit für weitere Blogeinträge, aber nun ist es Zeit, so langsam an ein Fazit des Darwin-Jahrs zu denken. Hierzu finden Sie nachträglich mein (Teil-)Fazit sowie meinen Ausblick (beides aus einem ausgearbeiteten Vortragsmanuskript. Den Vortrag hielt ich schon vor etlichen Monaten an meinem "alten" Gymnasium, in dem ich zur Schule ging und das Abitur machte). Der Text ist damit zwar schon ein paar Monate alt, er hat aber gerade wegen des "Kopenhagen"-Gipfels sowie des Übergangs in das UNO-Jahr der Biodiversität 2010 vielleicht doch eine gewisse Aktualität und schlägt auch ein paar versöhnliche, "nachweihnachtliche" Töne an.

Auszüge aus: (R)evolutionär unseres Weltbildes - Die Evolutionstheorie im Jahre 200 nach Darwin. Von Reinhold Leinfelder

Fazit: Selbstbeschränkung und Kooperation

Aus den Diskussionen und Debatten im Darwin-Jahr 2009 kann man vieles lernen. Den Naturwissenschaften ist dringend eine notwendige Selbstbeschränkung anzuraten: Naturwissenschaften sind zuständig für das Verständnis des „Wie funktioniert die Natur“? Wenn sie vom „Zweck“ reden, machen sie keine existenziell sinnhaften Aussagen, sondern sprechen über biologische Funktionen. Naturwissenschaftler sollten auch akzeptieren, dass es noch offene, vielleicht sogar wissenschaftlich nie lösbare Fragen gibt. Aber auch die Religionen sollten Selbstbeschränkung üben. Wo nachgefragt sind sie zuständig für Sinnfragen und „Metaphysik“. Religionen liegen für mich auf anderen Ebenen als Naturwissenschaften und kommen sich deshalb in aller Regel mit den Naturwissenschaften nicht in die Quere. Naturgemäß sind die Antworten der Religionen nichtwissenschaftlich (wobei ich hier nicht die Religionswissenschaften meine), sondern stellen Glaubensaussagen dar, man kann diese glaubhaft oder gar vernünftig finden oder auch nicht. Ein naturwissenschaftliches Weltbild kann als solches philosophisch reflektiert werden und zu einer persönlichen agnostischen oder atheistischen Weltanschauung erweitert werden, es kann aber auch um ein religiöses Weltbild zur Sinnhaftigkeit der Welt ergänzt werden und dann in eine wissenschaftsoffene, religiöse Weltanschauung münden. Beides ist weder zwingend noch allgemeingültig, sondern eine rein persönliche Entscheidung. Weltanschauliches Missionieren lehne ich von allen Seiten ab, sofern nicht nur ein Überzeugen durch Beispiel und Diskurs damit gemeint ist. Religiöse Traditionen sind allerdings auch Teil unseres Kulturverständnisses. Kulturelle Traditionen sind jedoch nicht sakrosankt, sie müssen natürlich hinterfragbar sein. Speziell für den Schulunterricht wären vielleicht modernisierte Bibelexegesen als Grundlagen für den Religionsunterricht wünschenswert. Es sollte auch durchaus Diskussionen zwischen Religion und Biologie geben, allerdings bei Wahrung der inhaltlichen Abgrenzung. Das Beispiel Kreationismus ist als Thema für entsprechende transdisziplinäre Module geeignet, um gemeinsam sowohl korrektes wissenschaftstheorisches Arbeiten als auch die Metaphysik der Religionen zu behandeln. Insgesamt muss die Evolutionstheorie auch möglichst authentisch vermittelt werden. Hierzu eignen sich Versuche und Beobachtungsreihen im Schulunterricht, Besuche in Universitätslabors sowie Integration von thematischen Schulausflügen in Zoos, botanische Gärten und Naturkundemuseen.


Abb. Hypothetisches Schema der Situationsbezogenheit von Wechselwirkungen zwischen evolutionsbiologischem Erbe und kultureller Evolution. Grün: biologisches Anteile, Orange: kulturelle Erweiterung, Orange um Grün: Kulturelle Überprägung des biologischen Anteils. Hellblau: gesellschaftliche normative „Kontrollkappe“.

a. wesentliche Grundbedürfnisse des Menschen, wie Essen und Schlafen sind selbstverständlich biologisch dominiert. Sie können in einem gewissen Umfang kulturell kontrolliert werden (Verteilung der Nahrungsaufnahme auf Frühstück-, Mittags-, und Abendessen, vegetarische Ernährung; teilweise Nachtarbeit ohne Schlaf), eine normative Kontrolle (z.B. Erwerb statt Raub von Nahrung) ist ebenfalls vorhanden.
b. Wissenschaft und Technik sind stark kulturell dominiert. Zwar verwenden bereits viele Tiere Werkzeuge, diese werden jedoch in der Regel nicht extra hergestellt. Auch ist die wissenschaftliche Neugier sicherlich zum Teil biologisch begründet. Wissenschaft und Technik können als Kulturtechniken in gewisser Weise als verlängerter Arm der biologischen Evolution gesehen werden, denn sie erlauben dem Menschen eine enorme Anpassung an seine Umwelt, auch an sich ändernde Bedingungen. Da die Fortschritte jedoch nicht genetisch, sondern kulturell tradiert werden, stellt diese Form gleichzeitig eine starke Emanzipation von unserem biologischen Erbe dar. Die starke Eigenständigkeit solcher kultureller Prozesse, darunter auch die Forschung benötigt jedoch eine besonders starke normative „Kontrollkappe“. Nicht alles Machbare ist gesellschaftlich sowie für das Überleben der Menschheit sinnvoll.
c. Unser sonstiges zwischenmenschliches und gesellschaftliches Verhalten setzt sich, sicherlich zu unterschiedlichen Anteilen aus biologisch ererbten Grundmustern und deren kulturellen Überprägung zusammen, wobei die kulturelle Überprägung eine stark regulative Wirkung besitzt. Eine normative Kontrollkappe (Gesetze, gesellschaftliche Regeln, ggf. auch religiöse Regeln) ist auch hier notwendig.
d. In speziellen, insbesondere Stresssituationen kann sich das biologische Erbe dominant in den Vordergrund schieben (etwa Aggressivität). Eine normative Kontrollkappe ist sicherlich gerade auch hier notwenig, dennoch erscheint es gerade hier sinnvoll, auch, normativ kontrolliert „Dampf ablassen“ zu können.
Abbildung und Abbildungserläuterung aus Leinfelder [27]



Ausblick: Quo Vadis?


Die Menschheit hat sich durch die menschengemachte Klima- und Umweltkrise den größten Selektionsversuch selbst auferlegt. Das Sterben der Korallenriffe, steigender Meeresspiegel, veränderte Niederschlagsmuster, immense Überfischung und Verlust der genetischen Ressourcen können Milliarden von Menschen bedrohen. Auch zur Bewältigung dieser Krise bedarf es evolutionären Wissens. Zum einen sind Biodiversität, Evolution, Umwelt und Klima eng miteinander vernetzt. Hier gilt es insbesondere, die dynamischen Prozesse von Biodiversitätsänderungen besser erkennen und möglicherweise sogar vorhersagen zu können. Dabei ist das Verständnis auch heute ablaufender Evolutionsprozesse wesentlich, um Reaktionen der belebten Natur auf Klima- und Umweltänderungen sowie mögliche natürliche und kulturelle Anpassungswege prognostizieren und bewerten zu können. Zum anderen benötigen wir für die Bewältigung der Umweltkrise auch eine weitere kulturelle (R)evolution. Seit der Industrialisierung pumpt die Menschheit ungezügelt alle fossilen Energieträger wieder in die Atmosphäre zurück. Kohlendioxid, welches über mehrere hunderte Millionen von Jahren entzogen wurde, wird nun - geologisch gesehen – sozusagen auf einmal als CO2 wieder in die Atmosphäre zurückgeführt. Zusätzlich werden biologische Kohlenstoffspeicher, wie Wälder oder Moore durch uns selbst vernichtet. Der Mensch muss, um die Erde weiterhin auch für die nachfolgenden Generationen nutzen zu können, radikal umdenken. Dazu benötigen wir mehr denn je unseren kulturellen Verstand, für den die biologische Evolution unseres Gehirns die Grundlage geliefert hat: Vor etwa 2,5 Millionen Jahren begann der Urmensch einfachste Steinwerkzeuge zu verwenden, was ihn jedoch kulturell noch nicht sehr vom Tier unterschied. Die erste kulturelle Revolution des Jägers und Sammlers fand vor etwa 600.000 Jahren mit der Bearbeitung von Faustkeilen und Feuergebrauch statt. Vor etwa 10.000 Jahren v. Chr. begann die neolithische Revolution, die uns Ackerbau und Viehzucht sowie im Gefolge den Hausbau brachte. Seit etwa 8000 Jahren v.Chr. breiteten sich Stadtkulturen und mit ihnen das Handwerk und Dienstleistungen, also umfassende Arbeitsteilung aus. Im späten 18 und 19. Jahrhundert erfolgte die Industrielle Revolution. Bleibt nur zu hoffen, dass die nächste, notwendige (R)evolution, eine „Kohlenstoff-Abrüstung“ und mit ihr der Eintritt in ein „postkarbones“, nachhaltiges Industriezeitalter nicht mehr lange auf sich warten lässt [28].

Was nützt unser Wissen über die Evolutionsvorgänge, welche zu Biodiversitätsverlust führen, was nützt es, wenn wir über die Klimaprozesse Bescheid wissen und wissenschaftlich abgesicherte Wahrscheinlichkeitsszenarien zur klimatischen Entwicklung machen können, was nützt es, wenn wir sogar die richtigen Handlungsweisen und Technologien zur Vermeidung beschreiben können, aber diese nicht umsetzen können? Diese Umsetzung muss demokratisch geschehen, aber sie kann damit nur erreicht werden, wenn wir die Auswirkungen unseres Handeln auch über die Generationen hinweg verstehen und dies entsprechend berücksichtigen. Dieser hohe Anspruch kann nur mit Hilfe einer kulturellen Transformation erfüllt werden. Prinzipiell sollten wir dazu fähig sein. Der Mensch ist zwar biologisch ein Tier (bzw. chemisch ein Molekülcocktail), das ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Der Mensch ist zusätzlich eben gerade auch ein Kulturwesen. Die berühmte Menschenaffenforscherin Jane Goodall brachte es zum Eingang des Darwin-Jahrs in einem Cicero-Interview auf den Punkt: „Die Sprache, mit der wir moralische Entscheidungen treffen können, macht uns zum Menschen. Damit überlassen wir uns nicht dem bloßen Instinkt. Es ist die Fähigkeit, diskutieren und über abstrakte Dinge sprechen zu können, die nicht real existieren, sondern vor unserem geistigen Auge stehen. Diese Befähigung ist es, durch die sich unser Intellekt so explosionsartig weiterentwickelt hat“ [29]. Und der leider noch vor dem Darwin-Jahr im August 2008 verstorbene Neurobiologe und Tierphysiologe Gerhard Neuweiler sieht im Menschen eben doch die Krone der Evolution. Allerdings gilt dies nur, wenn wir es auf die Komplexität unseres Gehirns und seiner Fähigkeiten beziehen, denn der Mensch kann weder ohne Hilfsmittel fliegen noch lange tauchen, viele Tiere hören und riechen besser, oder laufen schneller. Aber unser höchst erhobenes Körperteil erlaubte uns die kulturelle Evolution. Neuweiler schreibt: „Im Menschen emanzipiert sich die Evolution, denn er ist das einzige Lebewesen, das die Werkzeuge der natürlichen Evolution in die Hände nehmen und ihr eine eigene humane Welt entgegensetzen kann“ . [30]
Diese humane Welt hat nichts mit einem „Neo-Humanismus“ bzw. „evolutionären Humanismus“ der Szientisten und Biologisten zu tun, welche allen Ernstes als „erklärtes Ziel“ fordern, „den Eigennutz in den Dienst der Humanität zu stellen“. Außerdem soll man zwar nicht lügen, betrügen, stehlen oder töten, „es sei denn es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten die Ideale der Humanität durchzusetzen.“ [31] Wenn zur Durchsetzung der Ideale eines „Neo-Humanismus“ davon gebraucht gemacht werden sollte, dann rette sich wer kann vor diesem Humanismus. (siehe Anm. 34)

Wie wunderbar hingegen, aus einer Stadt zu stammen und von einer Schule zu kommen, die sich echtem Humanismus verpflichtet fühlt. So wurde schon am 25. September 1555 im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden folgendes festgelegt: „Setzen demnach, ordnen, wollen und gebieten, daß fernerhin niemand, welcher Würde, Standes oder Wesens er auch sei, den anderen befehden, bekriegen, fangen, überziehen, belagern, […] [möchte], sondern ein jeder den anderen mit rechter Freundschaft und christlicher Liebe entgegentreten soll“ [32]. Dies schließt sich im aktuellen Schulkonzept des Gymnasiums bei St. Anna, welches ich weiter oben auszugsweise zitiert habe und welches auf Humanismus, Bewusstsein über die Würde des Individuums, auf Notwendigkeit zur Erforschung der Welt, auf Offenheit, Achtung, Toleranz und Respekt des Anderen fokussiert. Hier finden sich Aristoteles, Charles Darwin, Albert Einstein, Jürgen Habermas und Hans Jonas gleichermaßen: Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen schließt sich hier zum „Ökologische Imperativ“ von Hans Jonas (1979): „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ [33]. Gerade als Naturwissenschaftler bin ich überzeugt, dass uns hier unser evolutionäres Erbe nicht weiterhelfen kann. Wir müssen hier gegen unseren biologisch-evolutionäres Eigennutz-Erbe handeln, denn biologische Evolution und biologisches Eigennutzverhalten können eben nicht weit vorausplanen. Unsere Welt weiter lebenswert zu machen und dabei über Generationen und über die eigenen Gene hinweg vorauszuschauen, ist eine kulturelle Herausforderung, in die unser gesamtes naturwissenschaftliches und kulturwissenschaftliches Wissen mit einfließen muss. Die Aufgabe kann nur gelingen, wenn Schulen wie das Gymnasium bei St. Anna hier die notwendigen Grundsteine legen.

> Zum gesamten Artikel: www.tinyurl.com/darwin-revolution (pdf 3 MB)

Oben verwendete Zitate:
  • 27 Leinfelder, R. R. (im Druck): Epilog: Darwins Erbe für die Zukunft, in: Charles Darwin Die Entstehung der Arten, mit zwei Beiträgen von Alfred Russel Wallace, illustriert, kommentiert und herausgegeben von Paul Wrede und Saskia Wrede, VCH- Wiley Weinheim.
  • 28 siehe hierzu auch: Schellnhuber, H.-J.,, Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R.R., Nakicenovik, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R. (2009): Kassensturz für den Weltklimavertrag.- Sondergutachten, 58 S., Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung, Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin. http://www.wbgu.de/wbgu_sn2009.html
  • 29 http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&item=3057
  • 30 Neuweiler, G. (2008): Und wir sind es doch - die Krone der Evolution. 253 S., Wagenbach-Verlag, Berlin.
  • 31 Schmidt-Salomon, M. (2006): Manifest des evolutionären Humanismus: Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 196 S., Alibri-Verlag, Aschaffenburg (für die Giordano Bruno-Stiftung).
  • 32 Fide http://de.wikipedia.org/wiki/Augsburger_Reichs-_und_Religionsfrieden , Stand 17.7.2009
  • 33 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M., 1979. Neuauflage als Suhrkamp Taschenbuch, 1984
  • 34 Anm.: Dies ist keine Pauschalkritik an der evolutionären Psychologie bzw. der Soziobiologie, siehe hierzu die Diskussion im Gesamtartikel sowie Abbildung oben. Die Anteile des biologischen Erbes, auch des biologischen Eigennutzfaktors zu verstehen, um alle Verhaltensaspekte des Menschen insgesamt besser zu verstehen ist jedoch etwas völlig anderes, als eine biologistische, gar noch als "evolutionär-humanistisch" bezeichnete Weltanschauung darauf zu gründen.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Adam, Eva und die Evolution - Kreationismus auf dem Vormarsch

Der SWR produzierte einen aktuellen Beitrag zum Thema Kreationismus, welcher am 19. und 21.11.2009 ausgestrahlt wurde und am 26.11. sowie 3.12.09 vom WDR übernommen wurde.

Der Beitrag ist auf www.planet-schule.de eingestellt und dort folgendermaßen anmoderiert:

"Der Mensch als Krone der Schöpfung, von Gott vor ungefähr 6000 Jahren erschaffen oder das Produkt von Millionen Jahren Evolution? Kreationisten glauben an die Wahrheit der biblischen Schöpfungsgeschichte und lehnen die Evolutionstheorie ab. In den USA pilgern sie ins "Creation Museum", wo sie ihre Sicht vom Anfang des Lebens bestätigt sehen. In Deutschland bezieht vor allem die Studiengemeinschaft Wort und Wissen Stellung gegen die gängige Lehrmeinung. Christliche Bekenntnisschulen gestalten den Biologieunterricht evolutionskritisch. Warum wird dieses Thema auch noch 150 Jahre nach Charles Darwins "Entstehung der Arten" so kontrovers diskutiert? An Schauplätzen in Deutschland, Nordamerika und dem Vatikan, beleuchten wir die aktuelle Diskussion pro und contra Evolution, sprechen mit Evolutionsgegnern, Wissenschaftlern und Theologen."
> zum Beitrag

Der Film ist außerdem, in drei Teilen, in youtube abrufbar. Siehe nachfolgende Verlinkungen:

Teil 1:



Teil 2:



Teil 3:



Wer also nicht auf der Podiumsdiskussion zwischen Wissenschaftlern und Kreationisten in Stuttgart dabei war und dennoch wissen will, wie Kreationisten argumentieren, sollte sich diesen Film ansehen.
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Und hier noch ein weiterer TV-Tipp, ebenfalls auf planet-schule.de hinterlegt:
Darwins Erben, gesendet wiederum auf SWR und WDR zwischen 12.11. und 2.12.2009:

Anmoderation aus www.planet-schule.de:
"Charles Darwin, eine Ikone der Wissenschaft, ist längst ein Fall fürs Museum. 200 Jahre nach seinem Geburtstag und 150 Jahre nach seinem Werk über die "Entstehung der Arten" machen sich zwei Forscher aus dem Naturkundemuseum in Berlin auf die Spuren seiner Arbeit. Auf Sulawesi -eine der vielen Inseln Indonesiens - versuchen sie herauszufinden, wie einzelne Tier- und Pflanzenarten entstehen. Der 30-minütige Film zeigt an Beispielen die teilweise mühselige Arbeit der Wissenschaftler und ermöglicht so einen Einblick in aktuelle Forschung. Dabei werden die einzelnen Sequenzen filmisch immer wieder verwoben mit Darwins seinerzeit bahnbrechenden Erkenntnissen."
>> zum Film



Viel Spaß,

Ihr
Reinhold Leinfelder

Freitag, 27. November 2009

Charles Darwin und das Insekt des Jahres 2010

von Reinhold Leinfelder

So unbekannt vielen vielleicht das Insekt des Jahres 2010 ist, für Charles Darwin war es bereits ein faszinierendes "Geschöpf". Aber der Reihe nach:

Gestern wurde im Museum für Naturkunde Berlin der Ameisenlöwe zum Insekt des Jahres 2010 gekürt. Die Wahl zum Insekt des Jahres ist eine Kooperation zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Schirmherrschaft hat Dr. Johannes Hahn, Österreichischer Bundesminister für Wissenschaft und Forschung (Wien) übernommen. Das Insekt des Jahres wurde das zwölfte Mal proklamiert und soll auf diese besondere Tiergruppe hinweisen, die in der Bevölkerung häufig nur als lästig, z.B. Wanzen und Mücken, und nur in wenigen Fällen als schön empfunden wird, nämlich Schmetterlinge. Insekten sind die größte Tiergruppe überhaupt. Schätzungen gehen davon aus, dass über 80 % aller Tiere Insekten sind.

Aus der Pressemeldung vom 27.11.09:

Versteckter Räuber: Ameisenlöwe Insekt des Jahres

Berlin (dpa) - Ein winziger Räuber kommt ganz groß heraus: Der Ameisenlöwe ist das Insekt des Jahres 2010. Menschen bekommen den nur etwa 17 Millimeter kleinen Jäger kaum je zu Gesicht. Und wenn die Beute, meist Ameisen und andere kleine Tiere, dem Insekt zu nahe kommt, ist es schon zu spät.

Dann schnappt der Ameisenlöwe in dem Sandtrichter, den er sich geschaufelt hat und in dem er sich versteckt, mit seinen Zangen unerbittlich zu. Gleichzeitig injiziert er ein lähmendes Gift in sein Opfer. Trotz dieser raffinierten und erfolgreichen Fangmethode ist der Ameisenlöwe europaweit stark in seinem Bestand gefährdet, wie das Kuratorium «Insekt des Jahres» am Freitag in Berlin mitteilte.

Die tückische Stärke des Insekts ist es, dass es sich binnen Sekunden rückwärts in Sand eingraben kann. Dort wartet das Tier darauf, dass seine Nahrung in den meist steil angelegten Sandtrichter fällt, aus dem es dann kein Entkommen mehr gibt. Die Neigung ist so steil, dass ein Fluchtversuch oft nur damit endet, dass die Beute noch tiefer hineinrutscht in den Schlund. (> weiterlesen)

Charles Darwin und der Ameisenlöwe:

Weniger bekannt ist, dass Charles Darwin ebenfalls vom Ameisenlöwen fasziniert war. Insbesondere, als er im Januar 1836 in Australien das ihm von England gut bekannte Insekt fand, gleichzeitig aber auch ihm sehr fremdartig erscheinende Tiere, wie das Schnabeltier beobachtete, ging er - damals noch ziemlich vom physikotheologischen Schöpfungsglauben geprägt - von einer Schöpfung Gottes aus und diskutierte sogar eine doppelte Schöpfung. So schrieb er in seinem Tagebuch für den 19. Januar 1836:

"...I had been lying on a sunny bank & was reflecting on the strange character of the animals of this country compared to the rest of the World. An unbeliever in everything beyond his own reason might exclaim, "Surely two distinct Creators must have been at work; their object is the same & certainly the end in each case is complete". Whilst thus thinking, I observed the conical pitfall of a Lion-Ant:- a fly fell in & immediately disappeared; then came a large but unwary Ant. His struggles to escape being very violent, the little jets of sand described by Kirby (Vol. I. p. 425) were promptly directed against him.- His fate however, was better than that of the fly's. Without doubt the predaecious Larva belongs to the same genus but to a different species from the [European] kind.- Now what would the Disbeliever say to this? Would any two workmen ever hit on so beautiful, so simple, & yet so artificial a contrivance? It cannot be thought so. The one hand has surely worked throughout the universe. A Geologist perhaps would suggest that the periods of Creation have been distinct & remote the one from the other; that the Creator rested from his labor." (> Quelle)

In der gedruckten Form erschien dies 1839. In der darauf basierenden deutschen Ausgabe von 1844 (Charles Darwin's naturwissenschaftliche Reisen, übersetzt von Ernst Dieffenbach, Erster Theil, Verlag Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig) heißt dies dann so, man beachte die leicht unterschiedlichen weltanschaulichen Passagen:



Interessanterweise wurde diese Passage in späteren Auflagen in eine Annotation verbannt und auch teilweise geändert. So lautet dieser Text in der 2009 erschienenen Neuübersetzung, welche auf der 1845 erschienenen 2. englischen Auflage basiert (Charles Darwin, die Fahrt der Beagle, mit einer Einleitung von Daniel Kehlmann, Deutsch von Eike Schönfeld, Fischer Taschenbuch Verlag) folgendermaßen (Annotation 5, 19. Kap.):

"Interessanterweise fand ich hier die hohle, konische Fallgrube des Ameisenlöwen oder eines anderen Insekts; erst rutschte eine Fliege den tückischen Hang hinab und verschwand sogleich, dann kam eine große, aber arglose Ameise; da ihr Kampf ums Entrinnen sehr heftig war, wurden jene eigenartigen kleinen Sandstrahlen, die Kirby und Spence beschrieben haben (Entomology, Bd. I, S.425) und die vom Schwanz des Insekts geworfen werden, prompt auf das erwartete Opfer gerichtet. Doch der Ameise wurde ein besseres Schicksal zuteil als der Fliege; sie entkam den tödlichen Fängen, welche am Grund der konischen Höhlung verborgen lagen. Diese australische Fallgrube war nur ungefähr halb so groß wie jene des europäischen Ameisenlöwen."

Hier ließ Darwin also sämtliche weltanschaulich-religiösen Anmerkungen weg und beschränkte sich auf die naturwissenschaftliche Analyse.

Schon 1836 hat also Charles Darwin die Mission des Insekt des Jahres 2010 vorweggenommen und auf dieses interessante Insekt (genauer: Insektenlarve, das erwachsene Insekt heißt Ameisenjungfer) hingewiesen.

Sonntag, 15. November 2009

Palaeontologia Quo Vadis?

Nachdem wir im vorherigen Beitrag auf die sehr frühe paläontologische Evolutionsforschung in Deutschland eingingen, präsentieren wir nachfolgend einen kleinen, persönlichen Kommentar zur Situation der heutigen Paläontologie in Deutschland sowie ihrer möglichen Zukunft.

Die deutsche Paläontologie war und ist im Darwin-Jahr überaus aktiv, die meisten Sonderausstellungen zu Darwin und der Evolutionstheorie beinhalten paläontologische Aspekte, manche Sonderausstellungen, wie im Goldfuß-Museum in Bonn präsentieren Darwin als Geologen und Paläontologen (siehe Bild), und die 79. Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft fand unter dem Rahmenthema „ Paläontologie - Schlüssel zur Evolution" statt (> Rückblick und Programm). Die Ausstellungen wurden überwiegend in abgestimmter und kooperierender Weise erstellt und sind in einem gemeinsamen Veranstaltungskalender dargestellt. Außerdem vereinbarten die Naturkundemuseen der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen e.V. eine gemeinsame Positionierung gegenüber pseudowissenschaftlichen Angriffen auf die Evolutionsforschung (AdlD berichtete), die gerade auch die paläontologische Evolutionsforschung betrifft. Im Darwin-Jahr fand auch ein Archaeopteryx-Klassentreffen in München statt (AdlD berichtete), aber im Anbetracht des Abwanderns des in Deutschland gefundenen und im Darwin-Jahr nach Norwegen verkauften Darwinius, aka "Tante Ida" (AdlD berichtete) wurden gemeinsame Anstrengungen zum Erwerb in zukünftigen Fällen zwischen verschiedenen großen Museen vereinbart. Erwähnenswert ist auch, dass der 2009 neu gewählte Präsident der Paläontologischen Gesellschaft, Dr. Michael Wuttke beruflich für den Fossilschutz eines Bundeslandes zuständig ist.

Der nachfolgende Auszug aus dem Fazit eines soeben erschienen Artikel fokussiert nun insbesondere auf der Aspekt der Forschung der deutschen Paläontologie:


Palaeontologia Quo Vadis?


Von Reinhold Leinfelder

Die Paläontologie war immer wieder der Pulsgeber der Naturwissenschaften. Nicolaus Steno war, als Begründer der Paläontologie im 17. Jahrhundert seiner Zeit weit voraus. Der Paläontologe Leopold von Buch formulierte bereits vor Darwin kohärente evolutionäre Gedanken. Auch Charles Darwin wäre ohne sein geologisches und paläontologisches Wissen, welches insbesondere auf seinen Mentor und Freund Charles Lyell zurückging, wohl deutlich langsamer vorangekommen. Darwin bezeichnete sich ja auch selbst gerne als Geologe, was die Paläontologie mit einschloss. Paläontologischer Forschung haftete also schon immer ein progressives Element an. Andererseits waren es immer wieder gerade auch Paläontologen, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse leugneten und Evolutionsskeptiker waren. So hielt der große Paläontologe George Cuvier überhaupt nichts von den evolutionären Überlegungen eines Jean-Baptiste Lamarck, obwohl Cuvier selbst hervorragende Ergebnisse zur späteren Untermauerung der Evolutionstheorie Darwins erarbeitete. Im Unterschied zum Biologen Ernst Haeckel lehnten viele deutsche Paläontologen die darwinsche Evolutionstheorie lange ab, so etwa der Münchner Paläontologe Andreas Wagner, der den 1. Archaeopteryx-Fund als darwinistische Propaganda abtat und den Urvogel als ungewöhnliches Reptil ansah (Wagner 1861). Noch 1950, also schon über 90 Jahre nach Erscheinen der „Origin of Species“ von Charles Darwin formulierte O.F. Schindewolf seine Typostrophentheorie (Schindewolf 1950), eine eigenwillige Evolutionstheorie, die im Widerspruch zu Darwins Theorie steht (Korn 2003).
Auch heute gilt es wieder, sich zwischen Zweifel an neuen wissenschaftlichen Befunden und Überinterpretation von Wissenschaft zu positionieren. Die Geowissenschaften tun gut daran, weder bei einer unauthorisierbaren „Siebenmeilenstiefel“-Forschung mitzuarbeiten, noch grundsätzliche Vorbehalte gegenüber alternativen Ansätzen, wie Molekularbiologie, Systembiologie und physikalisch-mathematischer Klimaforschung zu hegen, sondern sich konstruktiv einzubringen und auch umgekehrt Kompetenz und Kooperation anzubieten. Sehr vieles davon geschieht auch bereits, es gilt dies allerdings noch besser sichtbar zu machen.

Die Paläontologie hat sich in den letzten Jahren zunehmend modularisiert. Dies ist kein Schaden, sondern ein allgemeiner Zug der Naturwissenschaften. Andere Fächer haben damit keinerlei Probleme. Disziplinäre Grenzen verschwinden häufig, die Forschungsprojekte sind stark fragenorientiert und basieren nicht mehr auf angehäuften, jedoch bis dato unbearbeiteten Objekten und Daten. Viele junge, aber auch ältere Paläontologen arbeiten heute selbstverständlich auch mit molekularen und geochemischen Methoden, wie auch umgekehrt molekular arbeitende Biologen und Geochemiker immer enger auch mit Paläontologen zusammenarbeiten. Die Vernetzung der Paläontologen und Geobiologen in die Umweltwissenschaften hinein ist ebenfalls als positiv anzusehen. Die klassische paläontologische Systematik und Taxonomie muss selbstverständlich ein starkes Modul bleiben, denn sie hat starken Service-Charakter für Evolutions-, Biodiversitäts- und sonstige Umweltforschung. Allerdings muss auch sie sich weiter öffnen. Gerade die Methodenvielfalt taxonomischen und phylogenetischen Arbeitens macht ihre Stärke aus. Und auch für die Taxonomie muss die Frage gestattet sein: warum mache ich gerade das, was ich hier untersuche, wem nützt es?

Integratives, ganzheitliches, auch quantitatives Arbeiten stellt die wesentliche, in Teilen jedoch bereits sehr gut angenommene Herausforderung für die Paläontologie dar. Qualitatives Wissen allein, etwa mit Aussagen, dass sich die Umwelt ja immer geändert hat, oder dass es bei Meeresspiegelanstieg zu Sauerstoffzehrung kommen kann, genügt heute nicht mehr. Gefragt ist, wie exakt sich derartige Änderungen quantifizieren sowie, ggf. auf der retrognostischen Methode aufbauend, genügend exakt vorhersagen lassen. Die Biologie zieht ihren Forschungsweg vom Gen zum Genom, von DNA-Expression zu EvoDevo, von Modellorganismen zum quantitativen Studium ganzer Ökosysteme. Die Paläontologie muss ähnliche Wege gehen. Palaeogenomics wird eine wichtige Bedeutung in der Paläontologie erlangen, aber auch datenbankbasiertes Arbeiten, insbesondere unter Benutzung von Sammlungen muss stärker zunehmen. Internationale Plattformen und Infrastrukturen sollten hier umfassend ausgebaut werden. Isolierte Elfenbeintürmchen sind also durch ein Leuchtfeuer aus der ganzen Community einzutauschen.

Gerade in der Öffentlichkeitsarbeit hat die Paläontologie ganz besonders gute Karten. Um den Dinosaurier-Faktor werden die Paläontologen von vielen anderen beneidet, auch wenn sich Paläontologen oft einmal wünschen würden, dass auch häufiger anderes aus ihrer Forschung im Vordergrund stehen möge. Um so besser, dass gerade in Deutschland die Dinosaurierforschung auch kräftig, innovativ und transdisziplinär mit modernsten Methoden weiter voran geht. Ob Dinos leicht Rückenschmerzen hatten, wie viel sie fressen mussten und warum sie es schafften, ihren langen Hals überhaupt zu halten, interessiert viele und findet oft sogar Einzug in Science oder Nature. Auch spektakuläre Neufunde in die Medien zu bringen, fällt nicht allzu schwer. Aber die Gemeinschaft sollte sich nicht darauf beschränken, sondern auch versuchen, Ergebnisse, welche für heutige Herausforderungen relevant sind, etwa zu Paläoklima, fossiler Ozeanversauerung oder Aussterben noch stärker öffentlich darzustellen. Die Trennung in durch Proben und Daten belegbares faktenbasiertes Wissen und hypothetischem Wissen muss dabei ebenfalls verbessert werden.

Ganz wesentlich erscheint mir, dass Geowissenschaftler, darunter insbesondere Paläontologen besser als alle anderen Naturwissenschaftler ein „inniges“ Verhältnis zu Zeitskalen und Zeitdynamik aufweisen. Dies gilt es besser herauszuarbeiten, besser zu beforschen. Die Welt ist nicht statisch, sondern dynamisch, das wussten die Geowissenschaftler als erste. Die Bedeutung dieser Dynamik besser in den Griff zu bekommen, über Verzögerungs- und Kumulationseffekte, nichtlineare, exponentielle oder kaskadenartige Prozesse genauere Aussagen machen zu können, ist eine anstehende wesentliche Aufgabe. Eine höhere Zeitauflösung aller dynamischen Abläufe und Prozesse der Erdgeschichte zu erreichen und damit ein besseres Verständnis für die Elastizität bzw. Reaktivität komplexer Natursysteme zu erarbeiten, ist wohl die größte Herausforderung, aber auch die größte Chance für die Paläontologie der nächsten Jahrzehnte.

Die deutsche Paläontologie verfügt insgesamt über ein weites Spektrum an Forschungsaktivitäten, auf die selbstbewusst geblickt werden kann, auch wenn viele davon tatsächlich nicht mehr ohne weiteres als „klassische“ Paläontologie bezeichnet werden können. Nicht scheuen solle man sich vor der selbstbewussten Verwendung des Begriffs „Paläontologie“, also der „Lehre vom alten Sein“, welche sich auf alle Aspekte und Prozesse des Lebens, sowie auf deren Relevanz für das Heute bezieht, genauso wie auch Politikwissenschaften den Bogen von früher zum heute spannen, um das heute und morgen zu verstehen.

Quelle: Leicht abgeänderter Auszug aus:

Leinfelder, R.R. (2009): Palaeontologia Quo Vadis? - Zur Situation und Zukunft der paläontologischen Forschung. - In: Kohring, R., Riedel, F. & Zobel, K. (eds), Zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Helmut Keupp, Berliner paläobiologische Abhandlungen, 10, 229-243, Berlin. (erschienen am 11.11.2009)

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Über Darwin und die Sklaverei, evolutionäre Kopfsteinzeiten und unvernünftige Theologen

Wenn seit Sommer auch in etwas eingeschränkter Weise, so erschienen doch das ganze Jahr über erstaunlich viele Artikel rund ums Darwin-Jahr. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen konnte und wollte ADLD diese Artikel nicht alle im Einzelnen vorstellen oder kommentieren. Statt dessen verweisen wir auf unsere thematischen Google-News-Liste in der rechten Spalte von ADLD (relativ weit unten) sowie auf unseren Artikel-Clipboard-Dienst am unteren Ende dieser Seite. Vor dem 150. Jahrestag des Ersterscheinens von Darwins "On the Origin of Species" (erschienen 24. November 2009) nehmen nun nicht nur die landesweiten Darwin-Aktivitäten, sondern auch die Medienberichte wieder zu, ob es nun ein Jahresendspurt wird oder das Thema Evolution auch im nächsten Jahr im öffentlichen Interesse hoch angesiedelt bleibt, wird sich herausstellen. Jedenfalls Grund genug, auf drei in den letzten Tagen erschienene, sehr interessante Artikel nachfolgend direkt hinzuweisen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2009:

Darwin und die Sklaverei. Der größte Fluch auf Erden

Dieser umfassende Artikel von Henning Richter diskutiert sehr differenziert, dass der "Daseinskampf" im Denken Darwins nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, da er mit "survival of the fittest" bzw. dem späteren "struggle for existence" weniger den Kampf als vielmehr die Anpassung an veränderte Existenzbedingungen meinte.

Zitate aus dem Artikel:
"Der Entwicklungsprozess ließ für Leidenschaften im Guten wie im Bösen keinen Raum, und folgerichtig war die Theorie Darwins, im Gegensatz zur darwinistischen Weltanschauung, auch ein einziges Plädoyer, die Natur nicht länger unter moralischen Kategorien zu betrachten. Der Entwicklungsprozess ignorierte alle moralischen Begriffe, und angesichts der großen Rechnung, die er aufmachte, musste es aussichtslos erscheinen, ein Bild des Geschehens festzuhalten, in das moralische Kategorien eingewoben waren. Er rechnete in Zeitdimensionen, in denen die Epochen der Moral nur eine Episode ausmachten. ....
Die Entmoralisierung, die durch Darwins Theorie bewirkt wurde, konnte eine Betrachtungsweise nicht gänzlich entmutigen, die, zurückblickend auf das ungeheure Ausmaß der Gewalt in der Geschichte, diese als Bedingung der Höherentwicklung rechtfertigte oder zumindest in Rechnung stellte. Es war verlockend und doch ein Missverständnis, auch die geschichtlichen Siege und Niederlagen mit dem kalten Blick der Evolutionslehre zu betrachten.....
Das Viktorianische Zeitalter bediente sich des Euphemismus der Anpassung, wenn es die Grausamkeit der sozialen Forderungen meinte. In der Sprache von Darwins „Origin of Species“ wurde freilich alles getan, um solche Grausamkeitsassoziationen zu unterbinden. Offenbar wolle Darwin jede Analogisierung mit der menschlichen Erfahrungswelt fernhalten, wie er auch sonst in seinem Hauptwerk jede Anwendung seiner Theorie auf den Menschen aus seinen Darlegungen ausklammerte. ...
Es gehörte zu Darwins publizistischer Strategie, Auseinandersetzungen über theologische und soziale Fragen im Zusammenhang mit seiner Theorie zu vermeiden. In der Zeit, als er den Auslesemechanismus entdeckte, war seine Sprache energischer als später. Man weiß aus seinen Notizbüchern, dass eine Lektüre des berühmten Bevölkerungsessays von Robert Malthus zu seiner Erkenntnis des Auslesemechanismus entscheidend beigetragen hatte.
...... So steckte in dem entwicklungsgeschichtlich begründeten Begriff der Zivilisation eine Verrohung, die nur durch eine von der Evolution nicht vorgesehene humane Energie zum Ausgleich gebracht werden konnte. Um so bedrückender musste es erscheinen, wenn diese Aufgabe versäumt wurde durch die Verblendung, der die tüchtigsten Vertreter der Zivilisation erlagen, weil sie die Humanität durch den Entwicklungsprozess für garantiert hielten....
Auf diese vertrackten Verhältnisse von Moral und Evolution reagierte Darwin mit einem moralischen Quietismus. Diese Haltung hat er nur in einer einzigen Frage aufgegeben - in der Sklavenfrage. Es war die einzige moralische und politische Frage, zu der er öffentlich Stellung bezog. .... Dass die Portugiesen völlig ungestört Afrikaner nach Brasilien brachten und dass hier keine Schritte zur Sklavenbefreiung unternommen wurden, nannte Darwin einen „Skandal der christlichen Nationen“. ...
Darwins Erschrecken zeigt wie kaum eine andere seiner Äußerungen das Bedürfnis, in moralische Distanz zu seiner Zeit zu treten. ...
In seinem Briefwechsel mit Asa Gray, dem amerikanischen Anhänger seiner Lehre, ließ er sich, erregt über den Krieg um die Sklaverei, sogar zur Anrufung Gottes herbei: „Ich habe nicht eine einzige Seele gehört oder gesehen, die nicht mit dem Norden ist. Einige wenige, und ich bin einer davon, flehen sogar zu Gott, dass der Norden, sogar um den Preis des Verlusts von Millionen Menschenleben, einen Kreuzzug gegen die Sklaverei ausrufen möge.“ Der Gewinn für die Sache der Humanität würde sich auf lange Sicht vielfach auszahlen, auch wenn eine Million Tote in Kauf zu nehmen wären.
Mit dem Ausruf: „Großer Gott, wie gerne sähe ich diesen größten Fluch auf Erden, die Sklaverei beseitigt“, schloss Darwin sein Bekenntnis. ...
Keine Lehre des neunzehnten Jahrhunderts hat die Grausamkeitsphantasie der Zeit so sehr angeregt wie der Darwinismus mit seinen Schlagworten vom Daseinskampf und vom Überleben der Tüchtigsten. ...Dieser Darwinismus der Grausamkeit hat lange Zeit einen Schatten auf die Theorie Darwins geworfen und legt die Behauptung nahe, dass Darwin kein Darwinist gewesen ist."

(die Zitate können den Inhalt des Gesamtartikels nicht repräsentativ wiedergeben, das Lesen des gesamten, überaus informativen Artikels wird sehr empfohlen >> zum Artikel)

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Die Süddeutsche Zeitung hat ihre Darwin-Serie, die in unregelmäßiger Folge erscheint, während des ganzen Darwin-Jahrs bisher durchgehalten. Sebastian Herrmann schrieb nun den 27. Beitrag unter dem Titel:

Die Steinzeit im Kopf - Dynamische Umgebung, veränderlicher Geist.
(Süddeutsche Zeitung vom 12.11.2009).

Hieraus einige Auszüge:
"Wurde das heutige Verhalten dem Gehirn schon während der Steinzeit eingemeißelt? Muss der Mensch deshalb fremdgehen oder Blondinen lieben? Diese Thesen sind beliebt - aber äußerst fragwürdig.
Scarlett Johansson verdankt ihre Karriere dem Wollhaarmammut. Weil die Jagd nach den großen elefantenähnlichen Tieren einst so gefährlich war, konnte die blonde Schauspielerin heute zum Traum vieler Männer werden. Scarlett Johanssons Beliebtheit und das Wollhaarmammut - diese logische Kette ist selbstverständlich brüchig, der Zusammenhang konstruiert. Doch es passt zu einer Nachricht, die vor einiger Zeit aus der schottischen Universität St. Andrews drang.
Demnach seien am Ende der vergangenen Eiszeit in Nordeuropa Frauen in der Überzahl gewesen. Nahrungsknappheit habe die Männer gezwungen, gefährliches Großwild zu jagen - vielleicht sogar Wollhaarmammuts. So eine Steinzeitpirsch war aber riskant, viele Jäger ließen ihr Leben. Für die dezimierte Männerschar entpuppte sich das als Vorteil: Die Überlebenden waren wenige und begehrt. Sie konnten sich die Partnerinnen nehmen, die ihnen gefielen, und sie wählten das Besondere - Frauen mit blonden Haaren.
So verbreiteten Nordeuropas Männer vor Tausenden Jahren die damals noch junge Erbgut-Mutation für helles Haar. Es ist eine nette und schlichte Geschichte, die weit über Studierstuben hinaus Beachtung fand. Wegen der Mammutjäger finden Männer Blondinen attraktiv, wurde in der Öffentlichkeit munter interpretiert.
Solche Behauptungen sind nicht weit entfernt von den Kernaussagen der Evolutionspsychologie. Deren Vertreter argumentieren, der menschliche Geist sei noch immer an ein Leben als Jäger und Sammler angepasst. Verhalten, das sich während der Entwicklung des modernen Menschen vor 100.000 Jahren in der Savanne Afrikas oder Jahrtausende später bei der Großwildhatz als Überlebensvorteil erwies, sei bis heute in der Psyche verankert......
Ist es das, was Charles Darwin meinte, als er schrieb, seine Theorie stelle die Psychologie auf eine ganz neue Grundlage? Oder handelt es sich bei den Erklärungen der Evolutionspsychologie um Phantastereien und naive Überinterpretationen? ....
Männer stehen demnach auf Frauen, die jünger als sie sind, weil sie ihnen viele Kinder gebären können. Frauen verlieben sich in ältere Männer mit hohem Status, weil sie ihre Kinder besser versorgen können - das schreibt zum Beispiel David Buss, Evolutionspsychologe der Universität Texas. ...
Randy Thornhill und Craig Palmer behaupten in ihrem Buch "A Natural History of Rape" sogar, Männer trügen eine Art Vergewaltigungsgen in sich. Wer einst Frauen mit Gewalt zum Sex zwang, der habe mehr Nachkommen gezeugt als ein prähistorischer Romantiker. Vergewaltigung sei also eine erfolgreiche evolutionäre Strategie und gehöre zum vererbten Verhaltensrepertoire, lautet die provozierende Argumentationslinie der amerikanischen Wissenschaftler. ...
Tatsächlich wandelt sich auch das menschliche Erbgut sehr viel schneller, als die Begründer der Evolutionsbiologie angenommen haben. Epigenetiker zeigen, wie ständig neue Erbgutabschnitte aktiviert, andere lahmgelegt werden. An Mäusen lassen sich die Spuren traumatischer Erfahrung aus deren Kindheit in der Aktivität einzelner Gene nachweisen....
Aber im Schädel des Menschen soll ein Grottengeist aus der Steinzeit hausen? Das Dogma der Evolutionspsychologie, der Mensch habe das Fundament seines Geistes seit 10.000 Jahren nicht verändert, ist mit solchen Forschungsergebnissen unvereinbar.... So bleibt die Theorie wohl nur eine dieser netten Geschichten - von Männern, Frauen und Sex."

(Auch hier konnten nur einige Ausschnitte wiedergegeben werden, >> hier geht es zum kompletten Artikel)
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Süddeutsche Zeitung vom 13.11.2009

Der Außenseiter Vernunft. In der Amtskirche bleibt die kritische Theologie unerwünscht.
Von Martin Urban

Ausschnitt: "Religiöse Gefühle soll man nach alter Sitte nicht verletzen. Die Vernunft dagegen darf man ungestraft beleidigen. Die Kirchen fühlen sich hierzulande zuständig für die religiösen Gefühle. Sie prägen die unterschiedlichen Vorstellungen davon, was denn beleidigend sein kann und was nicht. Die Vernunft darf traditionell außen vor bleiben. Seit mehr als hundert Jahren gibt es die historisch-kritische Theologie. Aber deren Erkenntnisse werden nicht beachtet. Das würde die gerne zitierten "geistlich Armen" beleidigen.
... Mittlerweile klaffen Welten zwischen dem frommen Geschwätz und dem Wissen der historisch-kritisch arbeitenden Theologen beider Konfessionen, ergänzt um die Forschungsergebnisse anderer Wissenschaften. Die Brüchigkeit der Fundamente zeigt sich in der wissenschaftlich fundierten Deutung insbesondere der Bibel, des wirkmächtigsten Buchs der Weltgeschichte. Wer sie einfach nur liest, muss sie missverstehen, und das nicht erst seit heute. Die Bibel sorgt seit 2000 Jahren für Missverständnisse, das ist so gewollt.
.... Der Rückmarsch in den Fundamentalismus ist auch ein Politikum
.... Nur einzelne forschende Theologen wehren sich öffentlich gegen den schlichten Kirchenglauben. Viele habben Angst, sie müssten als Erste dran glauben, wenn theologische Lehrstühle mangels Interesse von Studenten geschlossen werden sollten. Und so spielen die Erkenntnisse der kritischen Theologie im Diskurs der Wissenschaften heute außerhalb der Feuilletons (fast) keine Rolle."

Der Artikel ist online nicht unter sueddeutsche.de verfügbar, ein Blogger hat ihn jedoch > hier eingestellt.

Martin Urban war bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2001 der Leiter der Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung. Er ist u.a. Autor des Buchs "Wer leichter glaubt, wird schwerer klug. Wie man das Zeifenln lernen und den Glauben bewahren kann" (Informationen zu Martin Urban auf Wikipedia)
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Abbildungsquellen:

oben: http://www.peacebuttons.info/E-News/images/peacehistorymarch.htm
Mitte: Rekonstruktion eines Neandertalers mit moderner Kleidung, aus:
http://www.darkdaily.com/neanderthalgenome-sequenced-using-dna-from-38000-year-old-bones
unten: gefunden in http://forum.gamed.de/showthread.php?t=168491&page=62

Mittwoch, 4. November 2009

Das "Darwin-Jahr-Komitee" jagt Naturkundemuseen?

von Reinhold Leinfelder

Schade, gerade wollte ich einen Beitrag des mit Kürzel AM redaktionell verantworteten Evo-Magazins mal loben, schon passiert da folgendes:

In seiner Presseschau vom 30.10.09 für die Website "Evolution ist überall!" sieht AM schon wieder ein deutsches Naturkundemuseum, gar noch ein staatliches von Kreationisten unterwandert ("Kreationisten im staatlichen Naturkundemuseum" ). Und das wird gleich noch garniert damit, dass das Museum auch noch zu dem von Reinhold Leinfelder (also mir) geleiteten DNFS-Konsortium gehört, und dass ich diese Kreationistenunterwanderung offenbar gut leiden könne. Dies natürlich ganz im Gegenteil zum Eingehen auf weltanschauliche Konsequenzen der Giordano Bruno-Stiftung und der AG Evolutionsbiologie durch die Evolutionstheorie (AM ist Mitglied der Giordano Bruno-Stiftung). Das kann ich ja wohl gar nicht ab, denn ich hätte ihnen (gemeint ist wohl ein sog. Darwin-Jahr Komitee, welches die "Evolution ist überall"-Webseite betreibt) auch noch untersagt, auf Veranstaltungen in Museen der DNFS hinzuweisen. Und damit die Katastrophe auch noch perfekt ist, weist AM auf eine weitere Unglaublichkeit hin, eine Arche Noah im Naturkundemuseum in Düsseldorf, angeblich ein weiterer großer Hit für die Sechs-Tage-Theoretiker.


Die Evolution der Gliedmaßen der Wirbeltiere vom Fisch zum Amphibium, aus der Stuttgarter Evolutionsausstellung "Der Fluss des Lebens"


Gut, dass wir derart kritischen Webjournalismus haben, der auf solche Skandale hinweist. Aber eine kurze Stellungnahme, ähm, auch ein bisschen Korrektur, sei gestattet:

1) die erwähnte Arche Noah steht nicht wie behauptet im Naturkundemuseum in Düsseldorf, sondern in Erfurt. Unter dem angegebenen Link zum Naturkundemuseum Düsseldorf verbirgt sich ein Link zu einer weiteren heißen Reportage von AMs Presseschau, diesmal vom 22.10. Dort wird allerdings vom Naturkundemuseum Erfurt berichtet. Oops, AM. Aber wollen wir mal nicht so sein, dann eben die Erfurter: sie haben "sich entschlossen, die Artenvielfalt ausgerechnet mit Hilfe der Arche Noah und ihrer tierischen Bewohner" zu erklären. "Gäbe es einen Preis für schlechte Ideen", wüsste AM den Erstplatzierten. Schön. Und erst mal danke für den Hinweis - diese Ausstellung kannte ich nämlich noch gar nicht.

Sieht man nun ganz weltanschaulich verstört auf der Seite des Naturkundemuseums Erfurt nach, wird dort deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Arche Noah ein Symbol für die Bewahrung der Artenvielfalt darstellen soll. Überlesen hat AM allerdings offensichtlich folgendes auf der Website: " Unter der Schiffsbrücke erzählt die Schiffsratte Rainer den kleinen Besuchern die Geschichte der Arche Noah: "Wie es wirklich war!""

Die Fotos der Erfurter Ausstellung zeigen, dass die Anordnung der Objekte innerhalb der Arche Noah nach biogeographischen Regionen (z.B. Neotropis, Äthiopis) vorgenommen wurde, ganz schön wissenschaftlich, sogar bis in die Antarktis ist die Arche Noah vorgestoßen. Das Ganze erscheint mir also in etwa so viel Arche Noah wie auch die Beagle Arche Noah war. Ob man die Arche-Idee nun gut findet oder nicht, kann ja jeder selbst entscheiden, aber was das Verwenden von Metaphern oder Symbolen mit Kreationismus zu tun hat, muss mir erst mal jemand erklären. Ach so, Begriffe wie Arche Noah oder Schöpfung outen einen als Kreationisten? Ja, dann. Auch die Bundesregierung ist dann also komplett kreationistisch. Denn bei dem Ministersegment des UN-Biodiversitätsgipfels setzte die Bundeskanzlerin einen "Meilenstein für die Bewahrung der Schöpfung", indem sie für 2009-2012 zusätzliche 500 Mio. Euro für den weltweiten Schutz der Wälder und Ökosysteme versprochen hat, danach soll es jährlich jeweils eine halbe Milliarde werden (siehe Pressemeldung). AM, wie wäre es mit dieser Schlagzeile "Bundesregierung fördert kreationistisches Gedankengut mit mehreren Milliarden Euro". Ach so, das war die CDU-Kanzlerin. CDU hat ja schon mit dem C im Namen zugegeben kreationistisch zu sein, nicht wahr? Genau, denn die SPD hat diese Meilenstein-These ja auch kräftig kritisiert, etwa in dieser Meldung. Aber Mist, dort wurde nur kritisiert, dass man mehr tun müsse, um die Schöpfung zu bewahren, denn auch hier steht: "Noch haben wir die Möglichkeit, an der Bewahrung der Schöpfung politisch mitzuwirken. Je länger wir zögern, desto teurer und schwieriger wird der Klimaschutz." Und bei den Grünen sieht es auch nicht besser aus, die wollen auch "Die Schöpfung bewahren". Alles Kreationisten, quer durch die Naturkundemuseen, quer durch die Parteien. Armes Deutschland, Katastrophe, lamentando. Oder hat das mit den Metaphern vielleicht doch eine andere Bedeutung? Ich biete mal meine Lieblings-Arche-Noah (Cartoon oben) zur Diskussion an.

2) Ja, die Info zum Begleitprogramm der Stuttgarter Evolutionsausstellung scheint richtig zu sein, wie eine Nachfrage meinerseits ergab. Hervorragende Recherche, denn die Namen der teilnehmenden Kreationisten stehen offensichtlich noch nirgendwo. Auf der Webseite des Museums steht bislang nur, dass am 24.11.09, also dem Tag der Erstveröffentlichung von Darwins "On the Origin of Species" ein Evolution Day im Museum stattfindet, mit folgendem Abendprogramm: "18 h Design ohne Designer? Eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zwischen Evolutionsbiologen und Darwinkritikern". Mir sind inzwischen auch die Namen nicht nur der Kreationisten, sondern auch der Wissenschaftler bekannt, die an der Diskussionsrunde teilnehmen und ich bin sicher, es wird spannend.

Auch hier ist natürlich jedem Museum freigestellt, ob es mit Kreationisten diskutiert oder nicht, auf die Stufe von Wissenschaft werden Kreationisten durch eine derartige Diskussion deswegen noch lange nicht gestellt. Wenn ich mit einem Politiker diskutiere, werde ich selbst nicht zu einem und umgekehrt er nicht zu einem Wissenschaftler, und wenn ich mit einem Theologen diskutiere mutieren mich geheime Kräfte auch nicht zu einem Pfarrer. Dem Museum und auch mir (die Museen sind auch innerhalb von Konsortien unabhängig) jedoch zu unterstellen, dass wir die Auftritte von Kreationisten gut leiden können? Sollte ich versucht sein, von Creationism Delusion zu sprechen? OK, lassen wir das. Aber statt dessen der dringende Appell: schauen Sie sich doch mal die Stuttgarter Evolutionsausstellung an, um die es ja insbesondere geht. Kaum ein anderes Haus hat sich derart viel Mühe gemacht, sich gegen Kreationismus zu positionieren. Da wird der Flagellenmotor an einem sehr guten Objekt erklärt und die pfiffige "Kreationismus-Waage" ist auch klasse. Trotz immenser Füllung mit Kreationismusbüchern senkt sich die Waagschale auf der Seite, auf der zwei Darwin-Bücher liegen. Kreationismus hat keine Chance, die Wissenschaft zu diskreditieren. Prädikat sehenswert! Und ansonsten: die DNFS, also dieses erwähnte Konsortium hat zum Beginn des Darwin-Jahrs ein gemeinsames Positionspapier gegen Kreationismus publiziert, gibt's auch auf diesem Blog nachzulesen. Und dass ich selbst gerne mit Kreationisten kuschle, wird wirklich zum allerersten Mal impliziert, Teile meiner Stellungnahmen gegen Kreationismus sind hier aufgelistet.

Abbildungen: oben: Nicht die Arche Noah, sondern ein Beagle-Nachbau ziert die Stuttgarter Evolutionsausstellung.
darunter: Wissenschaftliche Erklärung des Flagellenmotors, ein entkräftetes Paradebeispiel der Intelligent-Design-Kreationisten. Modell im Stuttgarter Naturkundemuseum.


Abb. Kreationismus versus Evolutionswissenschaften. Auch noch so viel kreationistisches Papier (links) kann fundamentale evolutionsbiologische Arbeiten wie die von Charles Darwin (rechts: Die Entstehung der Arten sowie Die Abstammung des Menschen) nicht aufwiegen. Installation gegen Kreationismus in der Evolutionsausstellung des Stuttgarter Naturkundemuseums.

3) Als angeblichen Beleg dafür, dass ich es nicht leiden kann, dass die Giordano Bruno Stiftung und die AG Evolutionsbiologie "auch auf die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie eingehen" wird ein Link zu meinem Blogeintrag "Instrumentalisierung von Darwin durch religionskritische Stiftung?" geschaltet. Also was kann ich nicht leiden? Genau: Instrumentalisierung. Das hat Darwin nicht verdient. Ich habe mit vielen Kollegen, die in der AG Evolutionsbiologie oder auch in der Giordano Bruno Stiftung aktiv sind, überhaupt keine Probleme, sondern kooperiere teilweise mit ihnen. Ich wage auch zu bezweifeln, dass dieser Presseschaueintrag von AM wirklich auch im Namen der AG Evolutionsbiologie geschrieben wurde. Weltanschauliche Konsequenzen sollen nach meiner Meinung nicht diskutiert werden? Die Beiträge in diesem Blog sind voll von Diskussionen dazu. Die Frage, die ich aufwerfe ist nur, ob zusätzlich zu unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, welches sich auf Darwin und andere Wissenschaftler begründet, jeder auch darüber hinaus verpflichtend eine allgemeingültige Weltanschauung adoptieren muss oder ob bei weltanschaulichen Fragen nicht jeder selbst für seine Anschauung verantwortlich sein sollte. Ich hab nichts gegen Diskussionen oder Anführen von Argumenten zum Überzeugen anderer, nur gegen Missionarisches, von welcher Seite auch immer, hab ich was.

4) Ich hätte untersagt, auf Veranstaltungen der DNFS-Museen im Kalender von "Evolution ist überall" hinzuweisen. Die DNFS betreibt einen eigenen Kalender und nimmt dort nur Termine auf, wenn wir darum gebeten werden. Keiner soll sich von der DNFS instrumentalisiert fühlen. Umgekehrt gibt es ebenfalls Regeln, etwa Bilder zu übernehmen, ungefragt sollte dies nicht passieren. Ob wir mit der Befürchtung, dass wir ggf. für Zwecke außerhalb der Naturwissenschaft instrumentalisiert werden könnten, richtig lagen, kann ja jeder Leser - ggf. auch unter Berücksichtigung dieses Eintrags - für sich selbst entscheiden.

5) Ach so, ich wollte ja auch loben. Klar, wird nicht vergessen, denn wir können doch Dinge auseinanderhalten. Nun ganz ehrlich: Vielen Dank für den Artikel zur Kampagne "Kreationisten aller Länder vereinigt Euch". Das ist ja wirklich nochmals ein Versuch, geballt die Wissenschaft in Misskredit zu bringen. Tatsächlich sollte man die ProGenesis-Kreationisten weiter im Auge behalten. (Dieser Artikel ist mit Darwin-Jahr-Komitee unterschrieben).

Ein Vorschlag zur Güte an AM: berichten wir doch weiter möglichst Interessantes und Erwähnenswertes rund ums Darwin-Jahr und lassen Unterstellungen einfach weg. Einverstanden?

Ihr
Reinhold Leinfelder

Die Ausstellung "Der Fluss des Lebens. 150 Jahre Evolutionstheorie am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (Schloss Rosenstein) ist noch bis Mai 2010 geöffnet. Weitere Informationeun unter www.evolution2009.de

Abbildung ganz oben aus scienceblogs.com
Der Arche Noah-Cartoon stammt von bruxelles.blogs.liberation.fr
(exakt: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2009/02/prix-européen-du-dessin-de-presse.html )
Weitere Abbildungen von R. Leinfelder, aus Staatlichem Museum für Naturkunde Stuttgart, mit Genehmigung verwendet.

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Nachtrag vom 5.11.09: kleiner Hinweis: AM hat die falsche Linkbezeichnung (Link zu Beitrag zu Erfurter Naturkundemuseum war fälschlicherweise als Beitrag zum Düsseldorfer Naturkundemuseum bezeichnet) nun geändert.
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