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Montag, 23. August 2010

Nun auch noch Biodiversitätsskeptiker?

von Reinhold Leinfelder

Das Darwin-Jahr 2009 ging mit der Kopenhagener Klimakonferenz zu Ende und führte direkt ins laufende UN-Jahr der Biologischen Vielfalt. In unserem Ach-du-lieber-Darwin-Blog hatten wir daher die Kurve von der Evolution zu Klima (als Selektionsfaktor) und von der Evolution zur Biodiversität (als Produkt der Evolution) ebenfalls genommen, denn Evolution-Klima-Biodiversität sind eben allesamt vernetzt. Allerdings war nicht geplant, dass wir auch bei den Skeptikern diesen Bogen schlagen müssen. Klimaskeptiker und Evolutionsskeptiker hatten wir ja schon mal verglichen. Kommen nun auch noch die Biodiversitätsskeptiker?

Es ist zu befürchten, zumindest geht ein Artikel im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. August (Millionen für Molche) genau in diese Richtung. Dieser Artikel bekam immerhin etlichen Gegenwind, was die Leserkommentare der Online-Version, darunter auch der einer renommierten Wissenschaftsjournalistin zeigen.
Heute erschien auch eine längere Stellungnahme im Biodiversitäts-Blog der Leibniz-Gemeinschaft unter dem treffenden Titel "Artenschutz auf Stammtischniveau".
Hingewiesen werden sollte durchaus auch darauf, dass der "Millionen für Molche"-Artikel im Wirtschaftsteil der FAS erschien, der Wissenschaftsteil von FAZ und FAS bringt hier sehr viel differenziertere Artikel, z.B. 18.5.10: Biodiversität - Unkraut vergeht besser nicht oder 3.2.10: Was kostet die Welt? sowie bereits 8.5.2008: Was kostet die Welt, wer hat soviel Geld?. Gerade die beiden letzt genannten Artikel hätte der Wirtschaftsjournalist der Stammtisch-Analyse wohl einmal lesen sollen, hier geht es sehr differenziert um den Wert der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter für uns alle.

Noch findet Google nur zwei Einträge bei der Suche nach "Biodiversitätsskeptiker" und dies auch nicht im obigen Kontext, aber was nicht ist mag ja noch kommen. Es steht zu befürchten, dass die Biodiversitätsskeptiker aus ganz verschiedenen Ecken auftauchen werden, zum einen aus manchen Bereichen der Wirtschaftslobby, welche auch gerne mal versucht, Biodiversitätswissenschaftler und Naturschutz als Wirtschaftsbremse an den Pranger zu stellen. Zum anderen aber auch aus der Klimaschutzecke: Eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Naturschutz ist zwar die Einhaltung eines globalen 2-Grad-Limits der anthropogenen Klimaerwärmung, denn die Natur passt sich mit der Zeit an, aber nicht in dieser Änderungsgeschwindigkeit, wie es heute der Klimawandel mit sich bringt, so dass wir uns damit auch vieler unserer eigenen Lebensgrundlagen berauben werden, wenn der anthropogene Treibhauseffekt nicht gebremst wird. Naturschutz ist so betrachtet also nichts anderes als Selbstschutz. Aber Windkraftwerke und Vogelflug, Biosprit und Waldschutz, offshore-Windparks und Lärmbelästigung in den Meeren können sich, falls jeweils allein betrachtet entgegenstehen. Richtig angepackt, ist zwar vieles miteinander verträglich, aber es gibt auch Interessenskonflikte und deshalb Diskussions- und Regelungsbedarf. Klimaschutz muss nicht auf Kosten des Biodiversitätsschutzes gehen und umgekehrt, wenn beides gemeinsam gedacht wird.

Biodiversität ist allerdings im Vergleich zum Klimaschutz deutlich komplexer, was es zu berücksichtigen gilt:
  • * das Biodiversitätsgeschehen ist stark regional geprägt und kann bisher sehr schlecht regional modelliert werden;
  • * Biodiversität ist ein Produkt aus sehr vielen Faktoren, wie regionaler Geologie, geographischer Konstellation (Topographie, Niederschlag, Boden, Verbindungskorridore), menschlicher Besiedlungsdichte, Landnutzungart und Intensität, Klima, Schadstoffeintrag, adaptiver Strategien, Populationsdynamik und vielem mehr).
  • * Damit ist die Erfassung und das Monitoring der Biodiversität, aber auch die Prognostik deutlich schwieriger als etwa die Erfassung und Prognostik von Klimaveränderung. Bislang wird vieles über die Erfassung von Indikatorarten geregelt, eine an sich sinnvolle Methode, die aber auch ihre Grenzen hat. Neue Monitoringmethoden und -strategien müssen entwickelt werden, etwa automatisierte Erkennung von Tierstimmen, Barcoding-Erfassung mithilfe genetischer Signaturen sowie partizipative Monitoringprojekte zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
  • * Biodiversität ist ökonomisches Gut für uns alle, aber die Werterfassung der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter ist überaus komplex und auch relativ ungenau, damit natürlich auch angreifbar
  • * Gerade weil Biodiversität ein Produkt aus vielen Faktoren ist, eignet sich die Erfassung von Änderungen der Biodiversität aber auch als Frühwarnsystem für andere kritische Änderungen, etwa bei Klima, Wasserhaushalt, Überdüngung, Umweltverschmutzung, unnachhaltiger Landnutzung; Überfischung etc.. Auch hierzu sind übrigens Molche als Indikatorarten wichtig.
  • * Manche gutmeinenden Menschen unterstellen der Wissenschaft, dass sie selbst zur Biodiversitätszerstörung beiträgt, da das Erfassen von Biodiversitätsmustern ja auch mit Hilfe von Aufsammlungen geschehen muss. Diese seien aber nur dazu da, indigenen Völkern und Entwicklungsländern ihre wichtigen genetischen Ressourcen zu rauben. Hier sind der Wissenschafts- und Forschungsprozess noch besser darzustellen, aber auch entsprechende UN-Regelungen (Access-Benefit-Sharing-Regelungen der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt) endlich zu vereinbaren.

Vieles des oben genannten fordert bestimmt etliche dazu heraus, zu relativieren, abzuwiegeln, die Selbstheilungskräfte der Natur zu betonen (wie nun auch wieder fälschlicherweise beim Ölunglück im Golf) oder eben zu behaupten, so ein paar Molche oder Lurche würden doch nicht die Welt aus den Angeln heben, wenn sie verschwunden sind. Im Wissensvermittlungs-Spannungsfeld (siehe Abbildung) wird also Biodiversitätsschutz sicherlich im Bereich des Relativierens besonders zerredet werden, v.a. wenn es um kurzfristige finanzielle Interessen geht. Auch alarmistisch-polemische Überziehungen, etwa nach dem Motto: Biodiversitätsschutz lässt uns verhungern, Lurche statt Menschen etc. werden wir sicherlich noch mehr zu hören bekommen. Und Handlungsempfehlungen werden hoffentlich nicht so ausgehen wie im Molchartikel der FAS.


Unsere Abbildung zeigt wie Wissenschaftsvermittlung und wissenschaftsbasierte Politikberatung sein sollte (grünes Dreieck), wie sie aber häufig tatsächlich abläuft bzw. wahrgenommen wird (rotes Dreieck). Wissenschaftliche Ergebnisse, aber auch der wissenschaftliche Prozess, der zu diesen Ergebnissen geführt hat, müssen authentisch und differenziert vermittelt werden. Daraus können Szenarien abgeleitet werden, die auf diesem Wissen basieren. Auch Handlungsempfehlungen dürfen ausgesprochen werden, wenn möglich sogar mehrere, so dass dann Gesellschaft und Politik darüber diskutieren und ggf. entscheiden. Statt differenzierter, authentifizierter Ergebnisdarstellung wird aber gerne stark relativiert, nach dem geschilderten Motto, wir wüssten doch noch viel zu wenig. Bezüglich statistisch abgesicherter Szenarien, bei denen auch die Fehlergrenzen aufgezeigt werden, wird gerne unterstellt, die Wissenschaft betreibe Alarmismus, und bei den Handlungsempfehlungen, die aus der Wissenschaft stammen, machen manche bestenfalls Eigeninteressen der Wissenschaft, gerne aber auch mal ideologische Beweggründe aus. Nehmen wir die Evolutionswissenschaften als Beispiel: ja, wir wissen trotz vieler offener Fragen unendlich viel darüber, die Evolutionstheorie ist bestens belegt, die Kreationisten behaupten jedoch, das würde nicht stimmen, man wisse viel zu wenig. Ein angewandtes Szenario Richtung nachhaltigem Umweltmanagement könnte wie folgt aussehen: die Natur bietet zwar evolutionäre „Selbstheilungskräfte“, allerdings ist die Geschwindigkeit der heute menschendominierten Selektion, etwa durch Landverbrauch, Regenwaldabholung, Überfischung und Klimaveränderung einfach zu rasch, als dass die evolutionäre Anpassungsfähigkeit hier positiv wirksam werden könnte. Gerne werden derartige Szenarien dann als alarmistisch abgetan. Wissensbasierte Handlungsempfehlungen wären bei diesem Beispiel die Reduktion von Treibhausgasen, die Ausweisung vernetzter Schutzgebiete, nachhaltiges Management von Agrargebieten, vielleicht auch Umstellen von Ernährungsgewohnheiten. Hier wittern dann wieder andere Interessensgruppen umstürzlerische Intentionen, Kontrollwut oder Vorwände, um eine, immer wieder herbei geredete Weltregierung einzurichten.
Abbildung aus: Leinfelder, R.R. (2010): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. & Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)

Politiker, Ökonomen und auch Wirtschaftsjournalisten sollten jedoch nicht vergessen, dass für fast jeden von uns die Natur überaus positiv emotional besetzt ist und schon einen sinnhaften Wert an sich darstellt. Egal, ob man die Natur nun als Produkt der Schöpfung oder der Evolution oder von beidem sieht - wir alle sind trotz aller Zivilisation nach wie vor auch Teil der Natur, deshalb wird sich die Gesellschaft die Natur nicht so leicht wegnehmen lassen! Es kommt allerdings darauf an, dass auch für nachfolgene Generationen genügend viel Natur erhalten bleibt. Wir hoffen also auf differenzierte Diskussionen, nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf die nächste UN-Konferenz zur Biologischen Vielfalt im November 2010 in Nagoya, Japan. Und übrigens, auch ein Darwin war fasziniert von der Vielfalt des Lebens, auch dieses Erbe Darwins, die Faszination für die Natur und die Erforschung der Natur gilt es weiterzugeben.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Evolution - Fotoausstellung von J.B. de Panafieu und P. Gries

von Reinhold Leinfelder

Wer die wunderschöne, derzeit durch Deutschland tourende Fotoausstellung Evolution zum gleichnamigen Buch von von Jean Baptiste de Panafieu & Patrick Gries noch nicht gesehen hat, hat ab sofort im Museum für Naturkunde Berlin Gelegenheit hierzu.

Sonderausstellung EVOLUTION - Dienstag, 13. Oktober 2009 - Sonntag, 22. November 2009 - Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin.

Fotoausstellung von Jean Baptiste de Panafieu & Patrick Gries in Kooperation mit dem Verlag Frederking & Thaler und dem Naturmuseum Senckenberg. Mit freundlicher Unterstützung von GEO

Die Ähnlichkeit zwischen den Skeletten verschiedener Wirbeltiere wurde schon früh als Indiz für die Verwandtschaft aller Tierarten gedeutet und beschäftigte seit der Antike die Forscher. Schließlich lieferte Charles Darwin mit der modernen Evolutionstheorie die wissenschaftliche Erklärung für die gemeinsame Abstammung. Doch noch nie wurde dies so ästhetisch ansprechend und überraschend erzählt. Die Fotos des renommierten Design-Fotografen Patrick Gries präsentieren jedes Skelett wie eine kostbare Skulptur und bringen die enorme Bandbreite der Lösungen, die die Evolution gefunden hat, voll zur Geltung. 
Die Ausstellung wird von Skelettmodellen ergänzt, die extra dafür von den Präparatoren des Museums für Naturkunde angefertigt wurden.


(aus den Webseite von www.naturkundemuseum-berlin.de)

Dienstag, 16. Juni 2009

Goethe, Darwin und Lefebvre

von Reinhold Leinfelder, 16.6.2009

Artikel auf den Webseiten des Goethe-Instituts

Das renommierte deutsche Goethe-Institut hat das Thema Evolution und Religion ebenfalls längst entdeckt. Schon lange vor dem Beginn des Darwin-Jahrs 2009, im Dezember 2007 begann es mit einem Artikel zum Thema "Arche Noah statt Beagle? Evolutionstheorie, Kreationismus und Bildung" von Dirk Lammers, in dem insbesondere auf die Verbreitung des Kreationismus in Deutschland eingegangen wurde (> siehe hier)

Im Oktober 2008 folgte ein Artikel zum "Verhältnis von Glaube und Wissenschaft" von Richard Lamers, in dem unterschiedliche persönliche Auffassungen zur Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft dargestellt werden (> siehe hier)

Ein aktueller Artikel (Mai 2009) von Roland Detsch greift nochmals das Thema Kreationismus in Deutschland auf ("Zum Teufel mit Darwin? Kreationismus in Deutschland" (> siehe hier). Hier geht es zum einen um den aktuellen Stand der Planungen des "biblischen Disneylands" namens Genesis-Park. Dem Besucher soll hier die Schöpfungsgeschichte u.a. durch den Turms zu Babel, einen glasüberdachter Garten Eden, die Altstadt von Jerusalem oder Himmel- und Höllebahn sprich"wörtlich" näher gebracht werden. (> Details siehe auch hier). Bisher ist dies am massiven Widerstand der evangelischen Landeskirche von Baden-Württemberg gescheitert. Nun wird Berlin oder München erwogen. Bislang allerdings gibt es den mit 500.000 Quadratmeter geplanten "Erlebnispark" jedoch nur digital, immerhin in 3D-Modellen (> Webpage des Genesis-Land)

Der eindeutigen Position der Evangelischen Landeskirchen und der EKD gegen Kreationismus stteht allerdings die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) entgegen, die besser als Evangelike Kirchen zu bezeichnen wären. Ihr gehören etwa 260.000 Gläubige an. Roland Detsch berichtet, dass sich die VEF zwar angeblich klar vom Fundamentalismus der US-amerikanischen Evangelikalen distanziere, "nicht aber vom kreationistischen Gedankengut und seinen bildungspoltischen Forderungen". Der Beauftragte der VEF, Peter Jörgensen sagt: „Vertreter der Evolutionstheorie, aber auch des Intelligent Design und des Kreationismus haben ihren Platz in den Freikirchen“, Detsch erwähnt die 70 Bekenntnisschulen, die es in Deutschland (darunter auch in Berlin gibt, > "Ach Du lieber Darwin" berichtete) und geht näher auf zwei Kreationisten mit akademischen Titeln ein, Werner Gitt (> siehe hier) sowie Siegfried Scherer, zwei besonders sichtbare Protagonisten der evangelikalen Studiengemeinschaft "Wort und Wissen"
(> zum Artikel).


Neues von den Lefebrveisten

Aber nicht nur die Evangelische Kirche hat Probleme mit kreationistischen Evangelikalen. Die Priester-Bruderschaft St. Pius X. in Nachfolge ihres Gründers Marcel Lefebvre, die ja nach wie vor Bestandteil der katholischen Kirche ist, gibt diesbezüglich auch keine Ruhe. "Ach Du lieber Darwin" dokumentierte vor kurzem, dass die Webseiten der Pius-Bruderschaft ein erzkreationistisches Video bewarben, welches jedoch nach dem Skandal der Holocaust-Leugnung von den Webseiten verschwand (> siehe hier).

So findet sich auf den aktuellen Webseiten der deutschen Pius-Bruderschaft zwar unter anderem einen Artikel, in dem es um den Urknall geht und bei dem folgendes behauptet wird "Man sieht auch: Die katholische Kirche stellt sich nicht gegen die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Die Kirche betont auch immer: Der Glaube widerspricht niemals der Vernunft! Die Kreationisten, die es vor allen in manchen evangelikalen Kreisen gibt, halten sich dagegen exakt an den wörtlichen Verlauf des Schöpfungsberichtes und nutzen ihn als wissenschaftlichen Bericht. Hier war die katholische Kirche schon immer zurückhaltender und freier. So warnt bereits der hl. Augustinus seine Gläubigen, den christlichen Glauben nicht durch eine unhaltbar buchstäbliche (äußerliche) Deutung des Schöpfungsberichtes dem Spott der Ungläubigen auszusetzen." (> zum Artikel)

Aber es gibt auch solche Fundstücke: Im Artikel "Die ganze Wahrheit" stehen Dinge wie "Kann man vernünftigerweise annehmen, daß ein solch kompliziertes Gebilde durch Zufall entstanden ist, daß mehrere tausend Zufälle in der Ursuppe glücklich zusammengetroffen sind? Wenn man auf einer einsamen Insel einen Fotoapparat fände, würde auch niemand auf die Idee kommen, daß dieses Gerät durch eine glückliche Abfolge von Zufällen ganz von allein entstanden sein könnte. Wieviel komplizierter aber als ein Fotoapparat ist eine primitive Zelle!" oder "Auch die Theorie, eine Art von Lebewesen habe sich aus einer anderen durch zufällige Mutationen entwickelt (Evolutionstheorie), erweist sich bei näherem Hinsehen als barer Unsinn. Zunächst einmal müßte es dann eine Fülle von Übergangsformen von einer Art zur anderen geben. Tatsache aber ist, daß solche Übergangsformen praktisch völlig fehlen. Sodann ist klar, daß für die Entwicklung beispielsweise eines neuen Organes Hunderte und Tausende von Mutationen notwendig wären, die alle gleichzeitig zusammentreffen müßten, damit das neue Organ einigermaßen funktionsfähig sein könnte."
Das könnte direkt aus der Kreationistenbibel des Islamisten Harun Yahya s(> siehe hier) stammen. So geht es dann den ganzen Artikel weiter (> zum Artikel).

Besonders ärgerlich sind Passagen in einer Kritik der Pius-Bruderschaft zum Film Religulous. Es sei ihnen (und anderen) selbstverständlich unbenommen, diesen Film zu kritisieren. Bedenklich ist jedoch, dass von der Bruderschaft zwar (zu Recht) klargestellt wird, der Film verwechsle Fehler des Kirchenpersonals mit der christlichen Religion (Zitat: "Die Lehre auf der einen Seite und die Schwäche des 'Bodenpersonals' darf nicht verwechselt oder vermischt werden"), dass jedoch dieser Differenzierung dann wieder ein Pauschalressentiment gegen den Islam entgegensteht und das auch noch mit pseudotheologischen Biologismen vermischt wird (Zitat: "Der Film enthält auch eine Kritik am Islam. Diese Kritik ist zweifellos gerechtfertigt, da diese Religion der Vernunft widerspricht, wie Papst Benedikt in seiner berühmten Regensburger Rede deutlich zu machen versuchte. Der Koran ruft im Gegensatz zum Christentum zur Gewalt statt zur Feindesliebe auf und die Frau ist weniger wert als der Mann. Im Christentum ist die Frau gleichwertig mit dem Mann, aber Mann und Frau haben verschiedene Aufgaben (was die Biologie bereits deutlich vorprägt) und das unterscheidet sie.") (> zum Artikel).
Sieht fast so aus, als wolle man die Holocaust-Leugnung nun mit einem Angriff auf den Islam wettmachen? Allerdings ist schon länger bekannt, dass die Bruderschaft nicht nur antisemitisch, sondern auch islamfeindlich ist.
Die katholische Kirche wäre m.E. gut beraten, die Pius-Bruderschaft komplett auszuschließen, das würde ihren Anspruch, dass Glaube und Vernunft vereinbar seien, doch deutlich unterstreichen. Vernünftig ist an den Haltungen der Pius-Bruderschaft nämlich überhaupt nichts.


Und was war nun mit Goethe?

Also gut, hier noch ein Fundstück: "Ahnte Johann Wolfgang von Goethe von der Evolution? " Studentin Edda Afeld von der Uni Bielefeld schreibt hier zu Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen zum Zwischenkieferknochen:
"1784 stand noch in seinem Manuskript zum Zwischenkieferknochen: 'Welch Kluft zwischen dem osse intremaxillari der Schildkröte und des Elefanten! Und doch läßt sich eine Reihe Wesen dazwischen stellen, die beide verbindet'. Zwei Jahre später überarbeitete Goethe noch einmal sein Manuskript. Er strich das Wort 'Wesen' und ersetzte es durch 'Formen'. Viel später behauptete der Dichter, er wäre allein aus seinem Glauben an die Kontinuität in der Natur auf diese Entdeckung gestoßen und nicht durch Zufall und Nachdenken. Noch im Dezember des Jahres `84 schrieb er an einen Freund, daß er es unterließe, einige Gedanken zu schreiben, weil er 'nicht zu früh durch hypotetische Behauptungen verdächtig' werden wollte. Denn Goethe war sich damals sicher, daß 'man nämlich den Unterschied des Menschen vom Tier in nichts einzelnem finden könne. Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt'.

(Der Artikel gibt ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder)
(Abbildung aus http://www.uni-bielefeld.de/biologie/Studenten/Schaedel/zwischenkiefer.html)

Samstag, 23. Mai 2009

Videoblog von Josef Reichholf zur Evolution

(vom 23.5.09, mit späteren Nachträgen, letzter Nachtrag vom 8.12.09)

Prof. Dr. Josef Reichholf, bekannter Evolutionsbiologe der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns videobloggt seit einiger Zeit für die WELT-online zu Themen rund um die Evolutionswissenschaften. In seinem "Fenster zur Evolution" behandelte er bislang folgende Themen:


  • Liebe Rehe, wo sind die Hirsche?
  • Warum wir uns die Natur so aufgeräumt wünschen
  • Warum es das Superraubtier gar nicht geben kann
  • Wie der Mensch die Naturgesetze außer Kraft setzt
  • Warum Biber eine Ethikdebatte auslösen können
  • So wirkt sich die Klimaerwärmung aus
  • Warum die Natur unterschiedliche Augen kennt
  • Warum die Blesshühner cooler sind als die Schwäne
  • Warum zieht es Tiere in die Stadt?
  • Warum kann der Mensch die Arten nicht zählen?
  • Warum nutzt der Mensch die Tierwelt so wenig?
  • Alles Öko - und was ist das?
  • Hinterlassen Tiere eigentlich Müll?
  • Warum lieben wir Blumen?
  • Warum ist Gentechnik so gefährlich?
  • Warum haben Vögel einen Schnabel?
  • Warum haben Menschen eine schwere Geburt?
  • Warum haben Vögel eigentlich Federn?
  • Waren unsere Urahnen Vegetarier?
  • Warum gibt es überhaupt Schönheit?
> zum Videoblog von J. Reichholf

Tipp: Schauen Sie doch mal auch bei den Museen und Gärten der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns vorbei:
  • Museum Mensch und Natur München
  • Botanischer Garten München-Nymphenburg
  • Paläontologisches Museum München
  • Geologisches Museum München
  • Museum Reich der Kristalle München
  • Jura-Museum Eichstätt
  • Naturkundemuseum Bamberg
  • Rieskrater Museum Nördlingen
  • Urwelt-Museum Oberfranken
Siehe hier.


Ihr Reinhold Leinfelder

Samstag, 16. Mai 2009

Let's Talk about Sex (or research it) - die Darwin-Reihe der Süddeutschen ist exzellent

Zitate, Kommentare und Bewertungen zu den neuesten Artikeln der Serie
"200 Jahre Darwin" in der Süddeutschen Zeitung, zusammengestellt von Reinhold Leinfelder.


Über sexuelle Selektion, biologistische Sinnhuberei, Darwins Erkenntniswege und fehlende Zauberschlüssel für Welträtsel




Beitrag (16) Alles, was Sie noch nie über Sex wissen wollten und deshalb auch nie gefragt hätten, finden Sie heute in der Süddeutschen Zeitung.
Nein, dies ist keine Kritik am heutigen Artikel von Christopher Schrader zum Thema "Lohn der Pracht. Grotesker Schmuck und bizarre Vorlieben: Erst die sexuelle Selektion hat Farbe in die Evolution gebracht", sondern ganz im Gegenteil:

Christopher Schrader stellt das häufig viel zu plakativ und vereinfacht dargestellte Thema Sexuelle Selektion nicht nur äußerst gut lesbar, sondern auch sehr differenziert dar. Wussten Sie dass manche Entenvögel blind endende Schein-Vaginas besitzen, welche gewalttätige Erpel austricksen, dass eine Entenart eine spiralförmige Vagina besitzt, die genau zum spiralförmigen Penis des Erpels passt, wodurch das Entenweibchen durch notwendige Mithilfe alleine entscheidet, ob der Erpel zum Zuge kommt oder nicht? Schöne Beispiele für Koevolution (> mehr hierzu in der New York Times). Oder wussten Sie schon, dass manche Insekten ihrer Partnerin nach der Kopulation einen Keuschheitsgürtel verpassen, indem sie den Hinterleib des Weibchens mit einer Flüssigkeit verkleben?

Insbesondere aber ist Christopher Schrader dafür zu loben, dass er platte, biologistische Analogieschlüsse zum menschlichen Geschlechtsleben unterlässt, dennoch aber die biologische Dimension der sexuellen Selektion auch beim Menschen natürlich nicht außer acht lässt - wie könnte man auch, denn nichts ist biologischer als die Fortpflanzung, natürlich auch die menschliche, selbst wenn sie noch so kulturell überprägt und kontrollierbar geworden ist. Sein Fazit lautet:

"Eine Besonderheit der sexuellen Fortpflanzung hat auch beim Menschen wesentlich zum Erfolg der Spezies beigetragen. Weil Frauen im Gegensatz zu den Weibchen im Tierreich kein äußeres Zeichen geben, wann sie ihre fruchtbaren Tage haben, mussten sich Männer mit Kinderwunsch ständig um sie bemühen und immer wieder zum Sex überreden. Weil bei Homo sapiens beide Partner stark investieren, wählen die Paare einander aus: Die Männer achten auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Frau, die das Schönheitsideal geprägt hat; sie unterstützt ihr Aussehen mit Kleidung und Schminke. Die Partnerin wiederum schätzt im Aussehen und Verhalten des Mannes vor allem seine Fähigkeit und Bereitschaft, für sie und das Kind zu sorgen.
So entstanden im Lauf der Evolution feste Partnerschaften, in denen Mann und Frau gemeinsam für die Aufzucht des im Vergleich zu anderen Tierarten extrem hilflosen Babys sorgten. Es war die Grundlage der menschlichen Kultur, die Homo sapiens ermöglicht hat, alle Kontinente zu erobern. Und kluge Fragen zu stellen.

(> kompletten Artikel von Christopher Schrader lesen)




Beitrag (15): Kulturkampf der Geschöpfe -
Kreationismus ist ein religiöser Gegenentwurf zu einem Wissenschaftsglauben, der durch Erkennen Lebenssinn gewinnen will.

Von Friedrich Wilhelm Graf.

Dies ist ein überaus differenzierter Artikel zum Thema Kreationismus, der insbesondere auch auf die politische Dimension des Kreationismus eingeht:

Zitat: "Die aktuellen Auseinandersetzungen um den modernen Kreationismus lassen sich nur mit Blick auf den fundamentalpolitischen Gehalt religiöser Schöpfungssprache angemessen deuten. Im Streit zwischen den Anhängern Darwins und den diversen Kreationisten geht es keineswegs nur um die Frage, wer Entstehung und Entwicklung des Lebens richtig versteht. Gekämpft wird um kulturelle Deutungsmacht. Zur Debatte steht erneut das spannungsreiche Verhältnis von wissenschaftlicher Rationalität und religiösem Glauben. Gestritten wird primär über die normativen Grundlagen des Gemeinwesens und verbindliche Ethik."

Graf geht ebenfalls auf die Beziehung zwischen den großen Kirchen und dem Kreationismus ein und beleuchtet hier sehr korrekt, dass es um moralische Deutungshoheiten geht, für die gerne auch mal ein Zweckbündnis geschlossen wird.

Zitat: "Zwar lehnen große protestantische Volkskirchen wie die EKD und die Church of England kreationistische Theorien ab. Doch lässt sich im evangelikalen Spektrum der europäischen Protestantismen viel kreationistisches Denken beobachten.
Die römisch-katholische Kirche nutzt die Kreationismus-Kontroversen gern zur religionspolitischen Profilierung. Sie lehrt Kreatianismus statt Kreationismus, also die Ansicht, dass Gott jede menschliche Seele durch einen je eigenen unmittelbaren Schöpfungsakt ins Leben ruft.
Kreationismus wird in Rom als biblizistischer Irrweg eines schriftfixierten protestantischen wie islamischen Fundamentalismus verworfen. Denn große Zustimmung finden Argumente westlicher protestantischer Kreationisten inzwischen auch im islamischen und jüdisch-orthodoxen Diskurs. In diesen interreligiösen Ursprungsdiskursen geht es um harte Moralpolitik: Kreationisten unterschiedlicher Couleur schließen etwa Zweckbündnisse im Kampf gegen die Akzeptanz von Homosexualität und lehnen gleichgeschlechtliche Partnerschaften als "schöpfungswidrig" ab."

Zur Rezeptionsgeschichte von Darwins Theorie schreibt Graf:

(Zitat) "Die diversen Kreationismen lassen sich nur historisch verstehen. Charles Darwins "Origin Of Species" hatte bei hohen Kirchenvertretern zunächst Begeisterung hervorgerufen. Um 1900 versteht sich die große Mehrheit der Universitätstheologen in den USA und in Großbritannien als Anhängerschaft Darwins. Vor allem im evangelikalen Protestantismus äußert eine Minderheit der Frommen aber lautstark Kritik. Seitdem werden die Religionsgeschichten der englischsprachigen Länder von immer neuen Wellen des Anti-Evolutionismus geprägt.
Eine erste weltweit beachtete Kreationismus-Debatte wird in den 1920er Jahren in den USA geführt. Für die aktuelle Diskussionslage ist die prononcierte Verwissenschaftlichung des Kreationismus seit 1960 entscheidend. Dieser sogenannte Scientific Creationism, der sich auf Außenseiterpositionen der frühen 1920er Jahre beruft, bricht mit den älteren Kreationismen."

Insbesondere gelingt es dem Autor, die gesellschaftspolitischen Ursachen des Kreationismus sowie die teils arroganten Gegenreaktionen konsequent darzustellen:

(Zitat) "Bei europäischen Intellektuellen lässt sich viel arrogante Abwehr des Kreationismus als eines Irrglaubens der unwissenschaftlich Bornierten beobachten. Geboten sind jedoch religionsanalytische Erklärungen seiner wachsenden Erfolge, auch bei Bildungsbürgern. .... Religiöse Fundamentalkritik moderner Zweckrationalität gehört von vornherein zum Projekt der Moderne. Je mehr die schnelle soziale, kulturelle und wissenschaftlich-technische Modernisierung als krisenhaft und zerstörerisch erlitten wird, desto stärker gewinnt die Suche nach neuem festen Halt an Gewicht."

Durchaus als Warnung darf man sein Fazit verstehen:

(Zitat) "In entschiedener Politisierung setzten die amerikanischen Fundamentalisten seit den 1970er Jahren nun umgekehrt darauf, über die Grenzen des eigenen Milieus hinaus antiliberale Zweckbündnisse von Kräften zu schmieden, die die freiheitsdienliche Entkoppelung von Religion und Politik als Wertverlust und verunsichernden Relativismus erfuhren. Man hofft auf neue Ordnung, klare Werte, bindende Orientierung - und genau dazu wird der Schöpfungsbegriff besetzt. Das ist nicht Regression ins Mittelalter, sondern ein höchst moderner religionskultureller Habitus: moderne Antimodernität und immer neue Verschärfung von Kulturkämpfen. ...
Kreationismus ist ein religiöser Gegenentwurf zu einem Wissenschaftsglauben, der Professoren zu Propheten stilisiert und durch besseres Erkennen Lebenssinn gewinnen will. Man muss nur Max Webers kantianische Polemik gegen solche wissenschaftliche Sinnhuberei ernst nehmen, um für Kreationisten partiell Verständnis aufbringen zu können: Sie setzen einer Naturwissenschaft, die sich als naturalistische "Weltanschauung" missversteht, nur eine andere moderne Ideologie entgegen, formuliert in religiösen Sprachspielen. So schreiben die Schöpfungsfundamentalisten, die unter dem modernen Pluralismus leiden, ihn nur auf ihre Weise fort."

Das sollten sich die "Sinnhuberer" unter den Biologen und Naturphilosophen unbedingt ins Stammbuch schreiben, bevor sie Naturwissenschaften wieder einmal zu einer allerklärenden Weltanschauung hochstilisieren.

(> zum kompletten Artikel von Friedrich Wilhelm Graf)






Beitrag (14): Route der Erkenntnis (von Richard Friebe)

Dieser Beitrag könnte eigentlich als Begleitprogramm der Darwin-Ausstellung am Berliner Museum für Naturkunde durchgehen, die sich ja "Charles Darwin - Reise zur Erkenntnis" nennt. Richard Friebe zeichnet in seiner Zusammenfassung nochmals sehr schön die Entwicklung von Charles Darwin vom Sammler zum Forscher nach, fokussiert auf den starken Einfluss, den die Geologie auf Charles Darwin und auf die Erarbeitung der biologischen Evolutionstheorie hatte und zeigt, wie gerade Darwins Untersuchung von Korallenriffen nicht nur in einer heute noch gültigen Rifftheorie mündete, sondern wie damit eigentlich bereits wesentliche Grundzüge der Evolutionstheorie gelegt waren (siehe auch hier). Richard Friebe betont auch nochmals, dass der Besuch der Galapagos-Inseln nur sehr verzögerte wissenschaftliche Auswirkungen bei Charles Darwin zeigte. Als Fazit schreibt Richard Friebe:

(Zitat) "Diese Wandlung Darwins vom Sammler zum Forscher hatte in Rio de Janeiro begonnen. Auf der Fazenda Itaocaia nördlich der Metropole steht seit vergangenem November eine Gedenktafel, die an die "Caminhos de Darwin" erinnern soll. Gemeint sind die Wege des Naturforschers in Brasilien, doch sie stellen den Anfang verstrickter Pfade vom Studenten zum Wissenschaftler dar. Wie die Veränderung der Arten war auch die "Entwicklung von meinem Geist und Charakter", wie Darwin es im Titel seiner Autobiographie formulierte, eine Akkumulation kleiner Schritte - die letztlich in etwas Großem endete."

Also eine sehr schöne Zusammenfassung von Darwins Reise der Erkenntnis - wer dazu Vertiefendes wissen will und auch die Objekte der Originalschauplätze (incl. echter Darwin-Originale) sehen möchte, kann sich ja gerne die Berliner Darwin-Ausstellung ansehen ;-)

(> zum kompletten Artikel von Richard Friebe)
(> zu einem früheren Artikel von Richard Friebe im Handelsblatt zur Rast von Charles Darwin auf der Fazenda Itaocaia)




Beitrag (13): Wie biologisch die Moral ist.
Moral kann doch nicht nach denselben Prinzipien erklärt werden wie die Körperbehaarung! Aber warum eigentlich nicht? Was uns die Biologie vorschreibt - und wo sie Spielraum lässt. (von Kurt Bayertz)

Ein sehr differenzierter und dadurch vorbildlicher Artikel zum Beitrag evolutionärer Aspekte zum Thema Moral und Ethik. Der Artikel sollte in Gänze gelesen werden, denn einzelne Zitate können den sehr gut gelegten roten Faden nicht unbedingt reflektieren. Einige Auszüge seien dennoch als Appetithäppchen nachfolgend wiedergegeben:

Bayertz zur Grundidee einer "evolutionären Ethik":

"Die Grundidee einer solchen "evolutionären Ethik" besteht darin, dass der Mensch kein übernatürliches, sondern ein biologisches Wesen ist, dessen Lebensäußerungen von biologischen Faktoren abhängt. Auch die Moral macht davon keine Ausnahme. Und wenn das so ist, dann kann für sie ebenso eine evolutionäre Erklärung gegeben werden, wie für alle anderen Verhaltensweisen oder körperlichen Merkmale des Menschen.

In ihrem Kern besteht eine solche Erklärung immer darin, die Vorteile zu identifizieren, die ein solches Verhalten oder Merkmal für die "Fitness", also den Fortpflanzungserfolg der betreffenden Organismen bietet. Auf lange Sicht, so die einleuchtende Grundthese, kann sich auch moralisches Verhalten nur dann durchsetzen, wenn es zu einer möglichst zahlreichen Nachkommenschaft beiträgt. ....

Aber was heißt hier Moral? Nehmen wir etwa einen Verhaltensforscher, der mit Schimpansen arbeitet und beobachtet, wie das eine Tier dem anderen zur Hilfe kommt oder es tröstet, nachdem dieses von einem Artgenossen angegriffen wurde.

Nehmen wir weiter an, dass sich die Beispiele für empathisches, dankbares oder altruistisches Verhalten als keineswegs selten erweisen. Daraus kann dann geschlossen werden, dass das moralische Handeln von Menschen nur ein spezieller Fall einer viel allgemeineren, auch unter Tieren verbreiteten Disposition zu moralischem oder proto-moralischen Verhalten ist. ...

Ähnlich ist es mit den Befunden der Soziobiologie, nach denen die Opfer, die (tierische ebenso wie menschliche) Eltern für ihre Kinder erbringen, eine solide genetische Basis haben. Da Fürsorge für die eigenen Kinder zweifellos eine moralische Norm ist, kann der Soziobiologe auf biologische Wurzeln dieser Norm verweisen.
"

Nun aber zeigt Bayertz die Erforschungsproblematik auf:

"Bevor wir uns über dieses Ergebnis allzu sehr freuen, sollten wir aber eine Frage stellen. Woher weiß der Verhaltensbiologe, dass gerade das Trösten eines angegriffenen Tieres (proto-)moralisch ist? Immerhin ist der getröstete Affe ja von einem Artgenossen angegriffen worden; warum gilt dieser Angriff nicht als (proto-)moralisch?"

Die Schlussfolgerung hieraus ist so einfach wie essenziell:

"Primaten, so sehen wir an diesem Beispiel, haben ein Verhaltensrepertoire, das Empathie ebenso einschließt wie Aggression. Beide Verhaltensweisen sind "natürlich" und beide, so nehmen wir an, haben eine biologische Funktion.
Wenn unser Verhaltensforscher nur die erste der beiden als Wurzel der menschlichen Moral charakterisiert, so geht er von einem kulturell geprägten Vorverständnis von dem aus, was "moralisch" ist und was nicht.
Allgemein ausgedrückt: Eine evolutionäre Ethik kann zwar ein bestimmtes Verhalten biologisch erklären, sie kann es aber nicht aus biologischen Gründen als (proto)moralisch charakterisieren.
Das heißt: Eine biologische Ethik kann ihren Gegenstand nicht aus sich selbst heraus bestimmen. Sie ist nicht voraussetzungslos, sondern muss sich von anderer Seite sagen lassen, was Moral überhaupt ist - und kann erst dann nach ihren biologischen Wurzeln fahnden. .. Dass es, wie wir hier sehen, kein biologisches Moralitätskriterium gibt, ist zwar kein Fehler der evolutionären Ethik. Es zeigt aber eine prinzipielle Grenze jeder Biologisierung der Ethik.
Die Relevanz dieses Punktes ist beträchtlich. Sie zeigt sich daran, dass um die Frage, was Moral eigentlich ist, ausgedehnte Debatten geführt werden: nicht nur in der Philosophie, sondern in modernen Gesellschaften allgemein."

Damit kommt Bayertz zur Bedeutung einer philosophischen Ethik:

"Denn die Moral ist zugleich enger und weiter als der Altruismus. Enger, weil nicht jedes altruistische Verhalten moralisch ist. (Wer Geld stiehlt, um es zu verschenken, handelt vielleicht altruistisch, aber nicht moralisch.) Weiter, weil die Moral unverzichtbarerweise Gerechtigkeit einschließt.
Diese ist nicht auf Altruismus reduzierbar, denn sie folgt einer ganz anderen "Logik": einer Logik der Unparteilichkeit, deren biologische Wurzeln mehr als dünn sind. ...

Beim Menschen ist das aber anders. Menschen verhalten sich nicht nur moralisch; sie verfügen auch über moralische Normen, nach denen sie ihr Handeln wechselseitig bewerten. Wenn im Alltag von "Moral" die Rede ist, meinen wir oft gerade die moralischen Normen.Und die philosophische Ethik nimmt das tatsächliche Verhalten von Menschen meist nur beiläufig in den Blick und konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Normen oder auch ganze Normengefüge.

Dieser Unterschied zwischen evolutionärer und philosophischer Ethik verdient festgehalten zu werden. Denn zwischen Verhalten und Normen besteht ein kategorialer Unterschied. Das erstere ist ein körperlicher Vorgang, der unmittelbar an die jeweilige biologische Konstitution des betreffenden Organismus gebunden bleibt und daher mit den Mitteln der Biologie gut untersucht werden kann. Normen hingegen lösen sich von dieser biologischen Konstitution mehr oder weniger ab. Sie entstehen als implizite verallgemeinerte Verhaltenserwartungen zwischen den Individuen. Sie können dann explizit versprachlicht und bisweilen auch verschriftlicht werden. In einigen Fällen werden sie darüber hinaus auch förmlich institutionalisiert, etwa im Recht. Auf diese Weise gewinnen sie ein außerbiologisches Dasein. Ähnlich wie Werkzeuge, können sie als Artefakte aufgefasst werden, die eine (relativ) selbständige Existenz haben. Ein Faustkeil ist zunächst nur eine Verlängerung der menschlichen Hand; im Unterschied zu ihr kann er aber von verschiedenen Personen benutzt, in der Generationenfolge vererbt und schrittweise verbessert werden.
Beispiel Faustkeil: Während die Hand als Organ eng an biologische Faktoren gebunden bleibt, entgleitet der Hammer diesen Faktoren und gerät unter den Einfluss anderer, die sich als "kulturell" charakterisieren lassen.
Ähnliches geschieht mit den moralischen Normen. Entstanden als verallgemeinerte und versprachlichte Verhaltenserwartungen, lösen sie sich von diesen biologischen Wurzeln. Sie können (wie der Faustkeil) von mehreren Individuen geteilt und in der Generationenfolge weitergegeben werden."

Hier das Fazit des Autors:

"Daraus lassen sich zwei Einsichten gewinnen. Die erste besteht darin, dass die Freilegung ihrer biologischen Wurzeln kein Anschlag auf die Moral ist. Eine wirkliche Provokation kann die evolutionäre Ethik nur für diejenigen sein, die daran festhalten wollen, dass die Menschheit die moralischen Normen auf dem Berg Sinai von höchster Stelle fix und fertig mitgeteilt bekommen hat.
Die zweite Einsicht besteht darin, dass mit der Freilegung ihrer biologischen Wurzeln noch lange nicht alles über die Moral gesagt ist. Selbst über Bäume gibt es mehr zu wissen, als die Biologie uns vermitteln kann. Die Zeiten eines Ernst Haeckel, der die Evolutionstheorie für den Zauberschlüssel zur Lösung aller Welträtsel hielt, sollten vorbei sein."

Der reflektierte Artikel von Kurt Bayertz zeigt, wie wichtig der konstruktive Dialog sowie das interdisziplinäre Arbeiten zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ist.

(> zum kompletten Artikel von Kurt Bayertz).

Kurt Bayertz lehrt praktische Philosophie an der Universität Münster. Er veröffentlichte u.a. das Buch "Warum überhaupt moralisch sein?" (Verlag C.H. Beck, 2004)




Auf frühere Artikel der Serie 200 Jahre Charles Darwin möchte ich hier nicht weiter eingehen, sie sind jedoch ausnahmslos lesenswert und alle hier aufrufbar: www.sueddeutsche.de/darwin

Herzlichen Glückwunsch an die Redaktion Wissen der Süddeutschen Zeitung und ihre Mitarbeiter für diese exzellente Serie!

PS: Wie ich gerade bemerke, gibt es tatsächlich noch einen Blogeintrag einer amerikanischen Bloggerin mit demselben Titel ;-)

Abbildungen:
Mandrill aus Wikimedia Commons, > Autorin
Eva und die Dinosaurier aus DIE WELT
Schild an der Fazenda Itaocaia von Richard Friebe im Handelsblatt
Moral vom Dulcinea-Blog


Reinhold Leinfelder, 16.5.2009

Samstag, 2. Mai 2009

Charles Darwin zur Einführung (von Julia Voss)

Julia Voss' Einstiegsbuch zu Darwin gehört sicherlich zu den beachtlichsten Neuerscheinungen im Darwin-Jahr, nachfolgend finden Sie Ausschnitte aus einer sehr informativen Rezension in der "Berliner Literaturkritik" vom 21.4.09

Typisch Darwin: Kampf ums Erbe
Julia Voss’ Einführung in Charles Darwins Evolutionstheorie
© Die Berliner Literaturkritik, 21.04.09 (von Mirco Drewes)

Charles Darwin hat mit seinem 1859 veröffentlichten Werk „Origin of Species“, in Deutschland unter dem Titel „Die Entstehung der Arten“ erschienen, Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Seine Evolutionstheorie veränderte den Blick auf die Entstehung und die kosmologisch verbürgte Ordnung von Flora und Fauna grundlegend. Unter den Erkenntnissen und Schlussfolgerungen des studierten Theologen Darwin wandelte sich die Schöpfungsgeschichte zu einem chaotischen und wechselvollen Szenario, in welchem Anpassung an sich ändernde Lebensbedingungen über das Überleben oder Aussterben von Organismen entscheidet und in welchem Wandel und fließende Übergänge unter den Arten das einzig Konstante scheint.
...
Gerade in Zeiten kollektiver Existenzängste wird „Darwinismus“ zur Metapher für den Überlebenskampf unterschiedlicher Gesellschaftsschichten oder Kulturformationen gegeneinander stilisiert; im Wesentlichen sind die Argumentationsmuster auf denselben Reflex zurückzuführen, wie im Fall der sozialpolitischen Debatten des biologistischen Rassismus. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin wird mal zynisch-agitatorisch, mal kritisch-konservativ für oder gegen allerhand Diskurse mobilisiert. Es bleibt die Frage, inwiefern die hergebrachten Denkmuster über den „Darwinismus“ ernst zu nehmende Schlussfolgerungen der darwinschen Evolutionstheorie darstellen oder es sich um das ungenaue Aufgreifen von Schlagworten und das Fortschreiben einer schwierigen Rezeptionsgeschichte handelt. Mit anderen Worten: Wie viel Darwin ist tatsächlich im „Darwinismus“?
Diesen Fragen hat sich FAZ-Redakteurin Julia Voss angenommen, die der Reihe „… zur Einführung“ des Hamburger Junius-Verlages den Band zu Charles Darwin hinzugefügt hat. Um einen Einblick in die Evolutionstheorie geben zu können, ist es erforderlich, Darwins Theorie im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit zu verorten. Julia Voss beschreibt hierzu detailliert und pointiert die Rezeptions- und Entstehungsgeschichte der Veröffentlichungen Charles Darwins und umreißt dabei präzise den zeitgenössischen Stand der Naturforschung. Ziel der Auseinandersetzung ist es, zu einer kulturwissenschaftlich fruchtbaren Einordnung des Werkes Charles Darwins zu gelangen. Daher werden die biografischen Elemente dieser Einführung stets auf das handlungsleitende Interesse bezogen. Nebenbei entwirft Julia Voss ein eindrückliches Panorama der Forschungslandschaft und -methoden im England des 19. Jahrhunderts, spannend und aufschlussreich zu lesen wie eine gut geschriebene Reportage.
...
Darwins Theorie wurde in der Öffentlichkeit diskutiert, journalistisch besprochen und vielfach satirisch aufbereitet. Julia Voss räumt in ihrer Darstellung der Rezeptionsgeschichte mit dem Mythos des Wissenschaftsskandals durch das Formulieren der Evolutionstheorie gründlich auf. Zwar spalteten Darwins Erkenntnisse die Öffentlichkeit in Befürworter und Gegner, aber von einem Aufschrei seitens der Kirche oder breiter Bevölkerungsschichten kann keine Rede sein. Naturforschung und die Ergründung des Ursprungs des Lebens stießen auf großes Interesse und so wurden auch Darwins Theorien abwägend diskutiert und häufig humoristisch verhohnepipelt, wobei sich deren Schöpfer als äußerst beflissener Brief-korrespondent mit Wissenschaftskollegen, Zeitungen und sogar Hobbyforschern beteiligte und teilweise großen Humor bewies.
Zwar sprach Sigmund Freud von der Evolutionstheorie als „großer narzisstischer Kränkung in der Menschheitsgeschichte“, neben derjenigen durch die astronomische Revolution des Kopernikus und durch seine eigene Psychoanalyse und das daraus resultierende Menschenbild. Darwin wurde aber in alle wichtigen wissenschaftlichen Gesellschaften berufen und mit Ehrungen überhäuft, so dass Freuds Einschätzung, zumindest im Hinblick auf die realen Reaktionen des öffentlichen Lebens, als nachträgliche Mythenbildung anzusehen ist. Darüber hinaus fiel die Evolutionstheorie nicht vom Himmel bzw. Darwin genialisch in den Schoß. In „Origin of Species“ setzte sich Darwin selbst mit den Vorläufern seiner Theorie auseinander, zum einen aus wissenschaftlicher Redlichkeit, zum anderen reihte er sich bereitwillig in Forschungstraditionen ein, da ihm der Gestus des Revolutionärs selbst nicht besonders behagte.
...
Zu den Vorwürfen, Darwin sei Atheist, Rassist oder vertrete eine kalte, erbarmungslose Weltsicht, in welcher, im Sinne Hobbes’, ein Krieg aller gegen alle ums Überleben stattfinde, nimmt Julia Voss am Ende ihrer Einführung kritisch Stellung. Darwins Evolutionstheorie muss zur Beantwortung dieser Fragen auf ihren historischen Kontext bezogen werden. Charakteristisch für die Verklammerung von Theologie und Naturforschung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Betrachtung der Tier- und Pflanzenwelt war das „argument from design“, welches 1802 in William Paley einen einflussreichen Vertreter gefunden hatte, dessen „Natürliche Theologie“ auch auf Deutsch und Französisch erschienen war. Dieser Position zufolge, die sich sicher in einer Traditionslinie bis Descartes zurückverfolgen ließe, sei die unverkennbare und Maschinen ähnliche Zweckmäßigkeit der tierischen und pflanzlichen Organe auf ein intelligentes Schöpfungsdesign zurückzuführen, für welches letztlich Gott verantwortlich zeichne.

Demgegenüber war Darwins Anpassungslehre und sein Fokus auf das Ungeordnete und auch Unzureichende des Evolutionsprozesses, seine Theorie des gemeinsamen Ursprungs aller Arten natürlich „profan“, in einem Sinne freilich, der zur Etablierung des naturwissenschaftlichen Denkens und zur institutionalisierten Eigenständigkeit der Biologie als Wissenschaft beitrug. Darwin selbst kamen durch seine Studien Zweifel an einem Schöpfergott, allerdings blieb er mit der Religion Zeit seines Lebens in privatem Einklang und hielt sie für das Leben des Menschen und seine Sittlichkeit wohl für unerlässlich. Julia Voss präsentiert dazu sensibel interpretiert die Briefe der Ehefrau Darwins, Emma Darwin, geborene Wedgwood. Diese sorgte sich ob der gedanklichen Veränderungen und der zunehmenden Skepsis ihres Mannes hinsichtlich der Existenz Gottes und schrieb ihrem Mann dazu zwei Briefe, die er mit großer Dankbarkeit aufnahm und die die Eheleute einander noch näher brachten. Ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen, der die aus der Rezeptionsgeschichte entstandenen Vorstellungen eines naturwissenschaftlichen Angriffs auf die Religion hanebüchen erscheinen lässt. Darwin hielt es mit der Religion im Sinne eines lebenspraktischen Kantianismus.
Als Rassist in seiner Forschung kann Darwin ebenfalls nicht bezeichnet werden. Er lehnte die Einteilung des Menschen nach rassischen Kriterien ab und glaubte nicht an eine evolutionäre Hierarchie der menschlichen Ethnien. Während beispielsweise in Deutschland Ernst Haeckel Studien über die evolutionäre Nachbarschaft zwischen Afrikanern und Gorillas veröffentlichte, verglich Darwin in „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ lieber wohlhabende Engländer und deren Haustiere im Hinblick auf die Ähnlichkeit der gezeigten Emotionen. Vor arroganten kultur-imperialistischen Äußerungen gegenüber der Ur-Bevölkerung Feuerlands schreckte er jedoch – absolut typisch für seine Zeit – nicht zurück.

Zu guter Letzt ist die landläufige Vorstellung des „Darwinismus“ als Ideologie des Überlebenskampfes der Individuen gegeneinander zu korrigieren. Voss belegt überzeugend die Grundlegung dieser Fehlinterpretation der Evolutionstheorie gerade in Deutschland durch die sehr unglücklichen und nicht autorisierten (Autoren- und Urheberrechte waren im 19. Jahrhundert noch kein justiziables Thema) Übersetzungen von „Origin of Species“. Im Kern besagt Darwins Theorie nichts weiter, als dass die bestangepassten Organismen überleben, wozu auch kollektive Strategien von Solidarität und Fürsorge beitragen können. Die von Darwin verwendeten Begriffe im Themenbereich der Selektion wie „struggle“ oder „survival of the fittest“ wurden durch die deutschen Übersetzer mit „Kampf“ oder „Überleben des Stärkeren“ unglücklich oder mutwillig falsch wiedergegeben.
Als problematisch für die Darwin-Interpretation hat sich zudem dessen Übernahme der Sozialphilosophie von Thomas Malthus erwiesen, der ein stärkeres Wachstum der Bevölkerung als der Nahrungsmittelressourcen prognostizierte und daher die Idee eines Kampfes um Lebensgrundlagen auf den Menschen übertrug. Zwar adaptierte Darwin dieses Modell in Hinsicht auf die Notwendigkeit, kulturelle Überlebenstechniken entwickeln zu müssen, die Korrumpierbarkeit dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Wie sich gezeigt hat, war die Prognose Malthus’ zudem falsch, die gegenwärtige Welt hat vielmehr das Problem ungleicher Verteilung. Heutigen biologistisch argumentierenden Rassisten oder den Allmachtsfantasien der Gen-Designer gegenüber hätte Darwin wohl auf die natürliche Variation und den Faktor Zufall als Prinzipien der Evolution verwiesen, die nicht als „gut“ oder „schlecht“ planbar ist.

Julia Voss ist eine sehr informative und spannend zu lesende Einführung in Leben und Werk Darwins gelungen. Den kritischen Horizont der Evolutionstheorie leuchtet sie überzeugend und plausibel aus, zudem weiß ihre Darstellung durch eine sinnvolle Gliederung zu gefallen, die Biografisches, die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Evolutionstheorie berücksichtigt und in gebotener Präzision deren theoretischen Kern diskursiv offenlegt. Als Einstieg in ein Studium des berühmten Naturforschers kann „Charles Darwin zur Einführung“ nur empfohlen werden, aber auch als unterhaltsames Stück Wissenschaftsgeschichte ist sie sehr lesbar, gerade aufgrund der kulturkritischen Perspektive auf das umstrittene Erbe Darwins.

Von Mirco Drewes

Literaturangaben:
VOSS, JULIA: Charles Darwin zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2008. 217 S., 13,90 €.

> zur gesamten Rezension

Dienstag, 28. April 2009

Darwin und die Kunst

Nicht nur in der FAZ oder der Schirn-Kunsthalle Frankfurt ist Darwin nun auch in der Kunst angekommen. Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrats, Max Fuchs, schreibt in der neuesten Ausgabe der puk (Politik und Kultur) vom Mai/Juni 2009:

Darwin und die Kunst. Hinweise und Einfälle
von Max Fuchs

Vier narzisstische Kränkungen hat der Mensch sich selbst zugefügt, Kränkungen also, die empfindlich sein bisheriges Bild von sich selbst und seiner Rolle in der Welt verändert haben.

Kopernikus war der erste in dieser Reihe, als er zeigte, dass die Erde mitnichten im Zentrum des Alls steht, sondern vielmehr ein durchschnittlicher Trabant einer eher kleinen Sonne in einer Nebenlage des Weltalls ist. Freud zeigte, dass es keineswegs die Vernunft ist, die das Leben des Menschen steuert, sondern meist schamhaft verschwiegene Körperregionen die entscheidende Impulse für sein Verhalten geben. Bourdieu schließlich setzte sich zum Ziel, die Kunst zu entmythologisieren, insbesondere die idealistische Autonomietheorie von Kant: Nicht autonom, nicht abgehoben vom Alltag, nicht verbunden mit der Entwicklung zur Humanität ist sie seinen Studien zufolge, sondern effektivstes Mittel des Machterhalts und der Aufrechterhaltung ungerechter sozialer Verhältnisse. Und natürlich Darwin. Als er sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ vor 150 Jahren veröffentlichte, haben andere schon sehr viel grobschlächtiger als er seine Ergebnisse publikumswirksam veröffentlicht. Ein enormer Publikumserfolg war es dann doch. Man sprach nunmehr von Zuchtwahl und Auslese, vom Kampf ums Dasein und dass es besondere Merkmale, Eigenschaften und Fähigkeiten waren, die dem Tüchtigsten das Überleben sicherten. Dreizehn Jahre später legt er nach: Die Anwendung seiner Theorie auf die Entwicklung des Menschen. Seither ist es nicht mehr zu ignorieren: Nicht ein Schöpfungsakt nach dem Ebenbild Gottes (imago dei) stand am Beginn des Menschen, sondern eine lange Entwicklungsgeschichte, bei der sich irgendwann sogar gemeinsame Vorfahren des Menschen mit den haarigen Freunden auf den Bäumen fanden. Er selbst sah seine Theorie zunächst nicht in Widerspruch zur Religion, hat sich vom Christentum dann aber doch getrennt. Doch was hat all dies mit Kunst zu tun?

Mehrere Fragen sind sinnvoll zu stellen: Gibt es eine Entwicklungsgeschichte der Disposition des Menschen zu ästhetischem Gestalten und zu ästhetischer Erfahrung? Lassen sich vielleicht sogar Vorläufer eines Sinnes für Schönheit bei den vormenschlichen Vorfahren finden? Hat die ästhetische Kompetenz dem Menschen Entwicklungsvorteile verschafft, spielten sie also eine Rolle bei dem berühmten „Survival of the Fittest“? Aber wozu muss uns das interessieren? Zunächst einmal: Mit diesen Fragen rücken gleich zwei der oben erwähnten narzisstischen Kränkungen in die Nähe der Künste und des Ästhetischen. Offenbar ist dieses Feld besonders wichtig – oder besonders anfällig für Kränkungen, weil wir uns hier zu viel in die Tasche lügen. Bei der tagespolitischen Erläuterung, warum Künste wichtig sind (auch: weshalb Kulturförderung daher sein muss) verwenden wir oft anthropologische Argumente: Kunst gehört zum Menschsein dazu, ohne Kunst ist menschliches Leben unvollständig, Kunst ist ein Lebensmittel, es gab keine menschliche Gemeinschaft ohne Kunst, es gab Kunst immer und überall, insbesondere ist sie schon bei den Anfängen der Menschheit zu finden. ...

(weiterlesen, siehe www.kulturrat.de/dokumente/puk/puk2009/puk03-09.pdf (zu S. 43 und 44 blättern)

eingestellt von Reinhold Leinfelder

Montag, 13. April 2009

Vulkanausbruch auf Galápagos

Das hatte Darwin auf Galapagos nicht erlebt: derzeit ist der Vulkan La Cumbre auf Fernandina, der westlichsten Galápagos-Insel aktiv. La Cumbre speit seit letzten Samstag Lava, Gas und Rauch. Die Tierwelt könnte geschädigt werden. Jedenfalls ist die Tier- und Pflanzenwelt zumindest auf La Cumbre ganz konkret einem kräftigen geologischen Selektionsfaktor ausgesetzt. Das Schweizer Fernsehen weist jedoch zu Recht darauf hin, dass das grösste Risiko für die Inseln nicht von Vulkanen ausgeht, sondern vom in den vergangenen Jahren entstandenen Massen-Tourismus, der das filigrane Ökosystem gefährdet.



Bericht der Tagesschau des Schweizer Fernsehens:

Vulkan bedroht Naturerbe - Leguane und Seebären bedroht
Ein Vulkanausbruch auf den Galapagos-Inseln bedroht die einzigartige Tierwelt.

Der Vulkan La Cumbre auf der Insel Fernandina speit seit Samstag Lava, Gas und Rauch. Ein Lavastrom ergiesst sich vom Krater aus bis hinunter an die Meeresküste.

Die Insel Fernandina selbst ist unbewohnt. Die ins Meer fliessende Lava könnte aber Leguane, Seebären und weitere Tiere schädigen, teilte die Nationalparkbehörde mit. Anwohner auf der Nachbarinsel Isabela seien nicht betroffen.

15 Meter dicker Lavastrom

Das Personal des Nationalparks entdeckte den Ausbruch des Vulkans bei einem Überflug der Insel. Die Eruption erfolgte ungefähr 500 Meter unterhalb der Kraterkante an der Südwestflanke des Vulkans.

Daraufhin entwickelte sich ein Lavastrom von 10 Meter Breite, der auf einer Länge von 500 Metern ins Meer abfliesst. An gewissen Stellen erreicht die Lavamasse eine Dicke von fast 15 Metern.
(weiterlesen)

Weitere Informationen zu Galápagos:

Galápagos-Karte basierend auf Wikimedia Commons (siehe hier)

> Mehr zu den Galápagos-Inseln auf Wikipedia.

> Galapagos Archipelago aus Charles Darwins "The Voyage of the Beagle"

Samstag, 11. April 2009

Die naturwissenschaftliche Entzauberung des Osterhasen

von Reinhold Leinfelder

Na, das passt ja, gerade ist Darwins Osterei entdeckt worden, wie viele Zeitungen und Zeitschriften berichteten (z.B. hier). Allerdings stammt das braune, inzwischen leicht zerbrochene Ei (siehe rechts) von einem Steißhuhn und nicht vom Osterhasen. Also doch kein ganz aktueller Beitrag zum Thema Ostern. Deshalb müssen wir selbst ran. Hier unser natürlich ganz ernstgemeinter Beitrag zum Thema Ostern, Osterhase und Ostereier aus wissenschaftlicher Sicht:


Unabhängig von christlichen Glaubensinhalten besteht in der Fachwelt Konsens, dass zwar mit paques, pasqua, pascoa, paskdagen oder pasen das jüdische Pessach-Fest gemeint ist, jedoch die Herkunft des Begriffs Ostern (oder Easter) eher unklar ist. Ob hinter "Ostern" die Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs Osten, der nordgermanische Begriff austr (begießen, als bereits vorchristlicher Brauch Neugeborene mit Wasser zu begießen) oder doch eher die heidnische Frühlingsgöttin Eostrae steht, ist bei Geisteswissenschaftlern umstritten (weitere Informationen hier).

Wussten Sie jedoch Folgendes? Abstruserweise beschweren sich laut eines Themen-Internetportal der Jusos zu NPD-Aktivitäten die Rechtsradikalen über den "Missbrauch" von Ostern für die Christen. Zitat:

"Nach dem germanischen Julfest ist Ostern das bedeutsamste Fest im Kreislauf der Jahreszeiten. Von der christlichen Kirche sei das Osterfest umgewertet worden, erklärt NPD-Frau Edda Schmidt, sie sieht sich des Osterbrauchs von den Christen beraubt.
Osterfeuer, Osterwasser, Osterhase, Osterei – haben allesamt heidnischen Ursprung, sie sind Teil des „heidnischen Frühlingsfestes“, darauf weist die Brauchbeauftragte des "Ring Nationaler Frauen" (RNF), Edda Schmidt, auf der Internetseite der NPD-Frauenorganisation hin. Viele Rec
htsextreme sehen im Heidentum ihre „natürliche“ Religion. Das Christentum wird von vielen Rechtsextremen abgelehnt, da es orientalischen Ursprungs sei, noch dazu handelte es sich bei Jesus um einen Juden." (Quelle).

Nach dieser magengeschwür-bereitenden Osterkost wenden wir uns lieber anderen Erklärungen von Osterhasen und Ostereiern zu. Wikipedia berichtet:

"
Der Osterhase wird zum ersten Mal vom Medizinprofessor Georg Franck von Frankenau im Jahr 1682 (andere Quelle: 1678) in seiner (medizinischen) Abhandlung „De ovis paschalibus – von Oster-Eiern“ erwähnt. Er schildert den Brauch für die Region des Elsass und der angrenzenden Gebiete und ergeht sich in einer Beschreibung der negativen gesundheitlichen Folgen, die der übermäßige Verzehr dieser Eier mit sich bringe. Die Verbindung des christlichen Osterfestes mit dem Ei als Symbol ist für verschiedene europäische Länder spätestens aus dem Mittelalter bekannt, möglicherweise auch früher anzusetzen. Es gibt daneben seit Ambrosius auch eine ältere Deutung des Hasen als Auferstehungssymbol. Die Verbindung des Hasen mit dem österlichen Eierbrauch ist jedoch noch unklar. Folgende Hypothesen werden gerne angeführt: ...."
Lesen Sie gerne im
Wikipedia-Gesamtartikel die dort angeführten sechs Hypothesen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht interessiert uns hierbei vor allem eine der dort aufgeführten:

"Christliches Symbol des Osterfestes ist das Lamm. Der Osterhase könnte von einem mehr als schlecht gezeichneten Schaf bzw. einem „verbackenen“ Osterlamm herstammen. Dies erklärt zwar den Hasen – nicht, warum er die Eier bringt."

Genau. Wenn wir einen naturwissenschaftlichen Ansatz verfolgen wollen, bringt uns das Lamm nicht weiter, wir benötigen eher eine evolutionäre Erklärung, die uns sowohl die hasenartigen Ohren als auch die Eier erklärt. Das Mysterium des eierlegenden Osterhasens wurde allerdings tatsächlich schon in den 90-er Jahren gelüftet, die Ergebnisse sind nur meist übersehen worden. Urteilen Sie selbst. So berichtete eine hier nicht näher genannte Paläontologengruppe bereits 1996:

"Wir waren schon immer davon überzeugt, daß sich Osterhasen bereits früher in der Erdgeschichte entwickelt haben, aber dies haben wir nun wirklich nicht erwartet:
Wir fanden jetzt tatsächlich Ostereier aus der jüngeren Kreidezeit (also etwa 90 Millionen Jahre alt)!!!


Einige Knochenfunde, Relikte der typischen langen Löffelohren und theoretische Überlegungen überzeugten uns von der Richtigkeit der nachfolgenden Rekonstruktion des Paläo-Osterhasen:


Der Paläo-Osterhase (links im Vordergrund) ist ein enger Verwandter von Protoceratops. Wir nannten ihn Pascoasaurus!
Offensichtlich war das Leben für unser Pascoasaurus-Häschen ganz schön hart. Oviraptor (vorne rechts) versuchte gerade, ein Osterei zu klauen, bekam aber seine Tracht Prügel. Velociraptor (rechts hinten) hatte mehr Glück. Er schlürft gerade ein Ei aus (oder war's ein junges Osterhäschen?). Psittacosaurus (hinten links) beobachtet das Ganze.

Sorry, David Norman, to mess up the nice figures from your splendid book DINOSAUR! (BOXtree Ltd). But it will certainly raise the bookselling number astronomically! Dear reader, this book is a MUST for the dinosaur-enthusiast."
(Beitrag aus www.palaeo.de/special/easter.html, vom 20.3.1996)


Nun aber die aktuelle Metaebene zum Darwin-Jahr: Das Beispiel zeigt einmal mehr eindringlich, dass die Naturwissenschaften einen Allerklärungsanspruch auch für unerklärliche metaphysische Phänomene durchaus ableiten können. Platz für Mystisches bleibt hier nicht, alles ist naturwissenschaftlich erklärbar. Oder wie es ein deutscher Evolutionsbiologe in Abwandlung eines berühmten Spruchs vor einiger Zeit ausdrückte: "Nichts in den Geisteswissenschaften macht Sinn außer im Licht der Biologie."

Wenn Ihnen die Entzauberung des Osterhasen durch streng wissenschaftliche Ansätze noch nicht genügt, können Sie ja noch die Entzauberung eines weiteren Fabelwesens verfolgen, auch diese nahmen wir bereits im Jahr 1997 vor. Kennen Sie das Fabelwesen "Wolpertinger", welches in den Bayerischen Alpen vor allem Nordlichter erschrecken soll? Auch für dieses offensichtlich mehrfach gesichtete Fabelwesen gibt es seit über 10 Jahren eine evolutionäre Erklärung, die sogar die Soziobiologie der evolutionär beachtlichen Mischform berücksichtigt:
Die Evolution des Wolpertingers, siehe hier.

Ein Hinweis sei aufgrund dieses Beitrags allerdings noch erlaubt: nachdem die religionskritische Giordano Bruno-Stiftung den christlichen Feiertag Christi Himmelfahrt zum säkularen Evolutionsfeiertag umbestimmt haben möchte (> Bericht Spiegel, > Bericht FAZ), böte sich doch auch ein evolutionistischer Feiertag für Ostern an, zu dem ja vielleicht Eiertänze aufgeführt werden könnten. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Giordano-Bruno-Stiftung dann gemäß obigem Bericht auch mit der NPD um die Deutungshoheit für Ostern streiten müsste.

Also, dann stampfe ich meinen Vorschlag lieber wieder ein und wir sollten alle Ostern so feiern, wie wir das immer schon getan haben.


Ich wünsche in diesem Sinne allen religiös-konfessionellen und allen agnostisch oder atheistisch konfessionsfreien Lesern ein frohes Osterfest

Ihr
Reinhold Leinfelder


PS: und wenn Ihr Osterspaziergang durch Heuschnupfen getrübt sein sollte, haben wir auch hier noch evolutionären Trost: nur lange genug warten, dann gibt es eine evolutionäre Lösung. Glauben Sie nicht? Eruieren Sie den Einfluss von Pollen auf die Evolution an unserem Spezialbeispiel (vom Feb. 1997, sorry für altertümliches Design)

PPS: und wenn es doch etwas ernsthafter für Ostern sein darf, empfehle ich bei Interesse - ganz ausgewogen - zwei Artikel im Feuilleton der aktuellen ZEIT (Nr. 16, 8.4.2009):
  • Für Gläubige (und Zweifler?):
    Warum ich daran glaube. Die biblische Auferstehungsgeschichte ist eine unfassbare Zumutung. Sie verändert unser Leben (von Sabine Rückert) (online siehe hier)

  • Für Nicht-Gläubige (und Suchende?):
    "Höher als alle Vernunft". Was ist dran am Auferstehungsglauben? Eine kleine Quellenkunde für Atheisten (von Robert Leicht)
    (
    online siehe hier)
Und hier noch die wohl aktuellste Erklärung der Herkunft von Ostereiern und ihres Zusammenhangs mit dem Osterhasen (EKD, 11.4.09, siehe hier)


Sonntag, 5. April 2009

Wissenschaft zwischen Elfenbeinturm und Weltanschauung?

von Reinhold Leinfelder

Im Darwin-Jahr werden Debatten zu den Evolutionswissenschaften zwischenzeitlich häufig in den weltanschaulichen Bereich verlagert. Die Debatte zur Wissenschaftsfeindlichkeit des Kreationismus (incl. Intelligent Design), also einer fundamentalistisch-religösen Strömung mit (pseudo-)wissenschaftlichen Anspruch wird zunehmend zu einer generellen Diskussion zum Verhältnis von Naturwissenschaften und Religionen. Diese Diskussion ist notwendig, muss aber zum einen differenziert geführt werden, um die Naturwissenschaften, aber auch Geisteswissenschaften nicht in Misskredit zu bringen. Hierzu finden Sie auch auf diesem Blog etliche Beiträge.

(Abb.: "Sinnliche" Wissensvermittlung auf dem "Space-Sofa"
des Museums für Naturkunde Berlin)


Zum anderen zeigt die Debatte jedoch, dass der weltanschauliche Diskurs gerne mal überwiegt, und dabei andere wesentliche Aspekte der Wissensvermittlung außer Acht gelassen werden. Das Konsortium der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen (DNFS e.V.) hat mit seinem Positionspapier zum Darwinjahr (siehe hier) unterstrichen, dass es sich zur Authentizität der Wissenschaft verpflichtet fühlt und sich klar gegen alles positioniert, was Wissenschaftsfeindlichkeit hervorrufen kann. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan.

Gerade erschien ein Symposiumsband zu einer im Januar 2008 durchgeführten Tagung zum Thema "Weiterbildung im Elfenbeinturm!?" Auch hier ging es um Transfer von wissenschaftlichen Leistungen in die Gesellschaft. Credo war, dass über allgemeine Weiterbildungsaktivitäten hinaus ein Beitrag zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung geleistet werden muss. Die Tagung beschäftigte sich insbesondere mit der (stark ausbaufähigen) Rolle der Hochschulen im Transfer von Wissenschaft, aber auch die Rolle der Museen wurde hierbei in einem eigenen Workshop berücksichtigt.

Um einige Facetten zum Thema Wissenschaftsignoranz und Wissenschaftsfeindlichkeit kurz anzureißen, finden Sie nachfolgend einige Ausschnitte aus einem Beitrag des Blogverfassers . Debatten zur Vermittlung der Evolutionsforschung sollten sich nicht auf Diskussionen zur weltanschaulichen Einordnung der Evolutionsforschung beschränken, sondern die Gesamtproblematik der Wissenschaftsvermittlung dringend berücksichtigen. Differenzierung zwischem abgesicherten und hypothetischen Wissen, Grenzziehungen der Anwendbarkeit von Wissenschaften sowie undogmatisches, unrechthaberisches Herangehen an gesellschaftsrelevante Auswirkungen von Wissenschaft gehören nach meiner Meinung nach zwingend dazu. Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen einerseits nicht relativiert werden, wenn sie abgesichert sind, aber auch nicht alarmistisch dargestellt werden, insbesondere wenn sie teilweise hypothetisch sind, oder gar mit Ideologie-Anspruch daherkommen. Wissenschaftsvermittlung muss Wissenschaft und Forschung schlichtweg an Hand exemplarischer, nachvollziehbarer Beispiele glaubwürdig machen.

(Auszug aus Leinfelder 2009, Zitat siehe unten):

Wie kann Wissenschaft für die Öffentlichkeit attraktiv gestaltet werden?

Einleitung: Zur Situation der Forschungsvermittlung
Universitäten und andere Forschungseinrichtungen verfügen in der Regel über eigene institutionalisierte Öffentlichkeitsarbeit. Sie geben häufig allgemeinverständliche Zeitschriften zu ihren Forschungsaktivitäten heraus, schreiben Pressemitteilungen zu besonderen Forschungsergebnissen und veranstalten Wissenschaftstage oder Tage der Offenen Tür. Manche Wissenschaftler sind selbst überaus aktiv, um öffentliche Vorträge zu halten, an Podiumsdiskussionen teilzunehmen, ihre Ergebnisse in Medieninterviews vorzustellen, oder Presse- und Fernsehredakteure mit Informationen zu versehen. Zeitungen, Zeitschriften und Medien bringen häufiger als je zuvor Beiträge zu Geistes- und Naturwissenschaften und manche Wissenschaftler schreiben sogar allgemeinverständliche Bestseller-Bücher. Dies alles ist erfreulich.

Dennoch nehmen Debatten um Klimaänderung, Biologische Vielfalt oder Evolution teilweise erschreckende Schwarz-Weiß-Züge an, sind Pseudowissenschaften und Pseudoreligionen auf dem Vormarsch. Zumindest ein Teil der Ursache scheint im schwindenden Vertrauen in die Naturwissenschaften begründet zu sein. Tatsächlich muss man Medienberichte als Nichtspezialist häufig einfach glauben – oder auch nicht. Umso wichtiger erscheint es, stärker zwischen naturwissenschaftlich gesicherten Fakten bzw. fundierten Theorien und wissenschaftlichen Hypothesen oder gar purer Spekulation zu differenzieren. Naturwissenschaften – und dieser Beitrag begrenzt sich darauf – müssen wieder authentischer vermittelt werden. Dies bedeutet auch, dass die naturwissenschaftlichen Objekte und Daten verfügbar und überprüfbar sein müssen. Außerdem sollen nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse, sondern vor allem auch die Methodik der Forschung transparent übersetzt werden. Naturwissenschaftliche Forschungsmuseen können hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Sie machen hochmoderne Forschung, die gesellschaftsrelevante Grundsatzfragen (Entwicklung der Erde und des Lebens) genauso beinhalten wie aktuelle problemorientierte Themen (Klima- und Umweltveränderungen, Veränderung der Vielfalt des Lebens und der Ökosysteme, Verlust von Ökosystem-Gütern und Ökosystem-Diensten und vieles mehr). Sie arbeiten meist objektbasiert, insbesondere mit ihren naturkundlichen Sammlungsobjekten. Weiterhin sind sie – geeignete Aufarbeitung der Themen vorausgesetzt – besonders geeignet, verschiedensten Bevölkerungsgruppen lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Manche naturkundliche Forschungsmuseen, etwa in Berlin oder Hamburg, sind Institutionen von Universitäten [Anm. seit 2009 ist das Museum für Naturkunde Berlin eine selbständige Einrichtung in der Leibniz-Gemeinschaft, bleibt jedoch inhaltlich mit der Humboldt-Universität assoziiert]. Darüber hinaus pflegen die meisten der großen nichtuniversitären naturkundlichen Forschungsmuseen Deutschlands, aber auch viele kleinere Museen enge Beziehungen zu Universitäten, so dass sich aus der Kooperation auch eine enge Zusammenarbeit hinsichtlich öffentlicher Bildung ergeben kann.
.......


Abb.: Die große Wand der Artenvielfalt als ästhetisches Erlebnis im Museum für Naturkunde Berlin. Die Wand besteht aus 3000 Einzelobjekten und ist Teil der aktuellen Ausstellung "Darwin - Reise zur Erkenntnis" (© Museum für Naturkunde)

Ausblick: Themen und Dienstleistungen der großen Forschungsmuseen für die öffentliche Bildung
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Folgende Rahmenthemen bieten sich gleichermaßen wegen ihrer nachhaltigen und aktuellen Bedeutung besonders an:
  • Evolution der Erde und des Lebens;
  • Veränderung der Vielfalt des Lebens;
  • Stabilität und Änderung von Klima- und Umwelt;
  • angewandte Themen wie Evolutionäre Medizin, Parasitenforschung, Wirkstoff-
  • und Schadstoffforschung und Bionik.
Besonders attraktiv ist es, die Forschung als moderne Entdeckungsreisen der Welt
und des Kosmos zu gestalten, etwa zur Erforschung
  • der Meere, darunter der Tiefsee;
  • der Pole;
  • der weiteren unentdeckten Artenvielfalt in Tropen, Savannen, Wüsten, Städten und anderen Lebensbereichen;
  • des Kosmos und der Planeten, darunter auch der Geologie der Erde;
  • des Menschen sowie
  • der Beziehungen zwischen Mensch und Natur.
Das Thema „Klimaänderung“ wird weiterhin die wissenschaftspolitischen Debatten dominieren, hier ist es wichtig, das Thema stärker in den Gesamtkontext „Globale Umweltveränderungen“ zu integrieren. Hierbei bietet sich an, noch viele weitere Aspekte des Rahmenthemas „Vielfalt des Lebens“ stärker herauszustellen. Vielfalt des Lebens umfasst gleichermaßen die Vielfalt der Gene, der Arten, der Ökosysteme und der Ökosystem-Dienstleistungen. Themen wie nachhaltige Nutzung der Natur sowie Naturschutz lassen sich ausgezeichnet integrieren und ggf. auch über Sonderausstellungen besonders aktuell halten.

Auch das Thema „Erforschung des Menschen“ könnte an Naturkundemuseen stark über den bisherigen, in der Regel eher paläoanthropologischen Aspekt hinaus ausgebaut werden. Sonderausstellungen und Diskussionsveranstaltungen zur Stammzellenforschung, zur Hirnforschung oder zur Beziehung Umwelt und Gesellschaft könnten verstärkt werden. In diesem Zusammenhang sollten die Kooperationen nicht nur mit Universitäten und weiteren Forschungseinrichtungen, sondern auch mit Technikmuseen und „Science-Centern“ noch weiter ausgebaut werden. „Science-Center“ können einen besonders hohen Grad an Besucherbetreuung, sowie besonders viele Experimentierstationen bieten, Naturkundemuseen können insbesondere die Faszination, Authentizität und Methoden der Forschung an Hand von Originalobjekten bzw. direktem Bezug zwischen Originalobjekt (z. B. Skelett eines ausgestorbenen Tiers) und Rekonstruktion vermitteln. Beide gemeinsam können die Metapher „sich fortbilden wie ein Forscher“ durch geeignete PUSH-Ausstellungskonzepte umsetzen.

Die großen Forschungsmuseen beteiligen sich trotz ihrer heterogenen Trägerschaft aktiv an der Diskussion zur Erarbeitung ge¬meinsamer Qualitätsstandards auch ihrer Bildungsangebote (Leinfelder, 2007) und stehen auch für nachhaltige, konzertierte Aufgaben im Bereich der wissenschaft¬lichen Bildung und Weiterbildung zur Verfügung."


(Auszug aus: Leinfelder, R. R. (2009): Wie kann Wissenschaft für die Öffentlichkeit attraktiv gestaltet werden? Ein Vorgehen mit allen Sinnen am Beispiel des Museums für Naturkunde Berlin.- In: M. Knust & A. Hanft (eds.), Weiterbildung im Elfenbeinturm!?, p. 115-121, Münster, New York, München, Berlin (Waxmann).
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