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Mittwoch, 4. November 2009

Das "Darwin-Jahr-Komitee" jagt Naturkundemuseen?

von Reinhold Leinfelder

Schade, gerade wollte ich einen Beitrag des mit Kürzel AM redaktionell verantworteten Evo-Magazins mal loben, schon passiert da folgendes:

In seiner Presseschau vom 30.10.09 für die Website "Evolution ist überall!" sieht AM schon wieder ein deutsches Naturkundemuseum, gar noch ein staatliches von Kreationisten unterwandert ("Kreationisten im staatlichen Naturkundemuseum" ). Und das wird gleich noch garniert damit, dass das Museum auch noch zu dem von Reinhold Leinfelder (also mir) geleiteten DNFS-Konsortium gehört, und dass ich diese Kreationistenunterwanderung offenbar gut leiden könne. Dies natürlich ganz im Gegenteil zum Eingehen auf weltanschauliche Konsequenzen der Giordano Bruno-Stiftung und der AG Evolutionsbiologie durch die Evolutionstheorie (AM ist Mitglied der Giordano Bruno-Stiftung). Das kann ich ja wohl gar nicht ab, denn ich hätte ihnen (gemeint ist wohl ein sog. Darwin-Jahr Komitee, welches die "Evolution ist überall"-Webseite betreibt) auch noch untersagt, auf Veranstaltungen in Museen der DNFS hinzuweisen. Und damit die Katastrophe auch noch perfekt ist, weist AM auf eine weitere Unglaublichkeit hin, eine Arche Noah im Naturkundemuseum in Düsseldorf, angeblich ein weiterer großer Hit für die Sechs-Tage-Theoretiker.


Die Evolution der Gliedmaßen der Wirbeltiere vom Fisch zum Amphibium, aus der Stuttgarter Evolutionsausstellung "Der Fluss des Lebens"


Gut, dass wir derart kritischen Webjournalismus haben, der auf solche Skandale hinweist. Aber eine kurze Stellungnahme, ähm, auch ein bisschen Korrektur, sei gestattet:

1) die erwähnte Arche Noah steht nicht wie behauptet im Naturkundemuseum in Düsseldorf, sondern in Erfurt. Unter dem angegebenen Link zum Naturkundemuseum Düsseldorf verbirgt sich ein Link zu einer weiteren heißen Reportage von AMs Presseschau, diesmal vom 22.10. Dort wird allerdings vom Naturkundemuseum Erfurt berichtet. Oops, AM. Aber wollen wir mal nicht so sein, dann eben die Erfurter: sie haben "sich entschlossen, die Artenvielfalt ausgerechnet mit Hilfe der Arche Noah und ihrer tierischen Bewohner" zu erklären. "Gäbe es einen Preis für schlechte Ideen", wüsste AM den Erstplatzierten. Schön. Und erst mal danke für den Hinweis - diese Ausstellung kannte ich nämlich noch gar nicht.

Sieht man nun ganz weltanschaulich verstört auf der Seite des Naturkundemuseums Erfurt nach, wird dort deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Arche Noah ein Symbol für die Bewahrung der Artenvielfalt darstellen soll. Überlesen hat AM allerdings offensichtlich folgendes auf der Website: " Unter der Schiffsbrücke erzählt die Schiffsratte Rainer den kleinen Besuchern die Geschichte der Arche Noah: "Wie es wirklich war!""

Die Fotos der Erfurter Ausstellung zeigen, dass die Anordnung der Objekte innerhalb der Arche Noah nach biogeographischen Regionen (z.B. Neotropis, Äthiopis) vorgenommen wurde, ganz schön wissenschaftlich, sogar bis in die Antarktis ist die Arche Noah vorgestoßen. Das Ganze erscheint mir also in etwa so viel Arche Noah wie auch die Beagle Arche Noah war. Ob man die Arche-Idee nun gut findet oder nicht, kann ja jeder selbst entscheiden, aber was das Verwenden von Metaphern oder Symbolen mit Kreationismus zu tun hat, muss mir erst mal jemand erklären. Ach so, Begriffe wie Arche Noah oder Schöpfung outen einen als Kreationisten? Ja, dann. Auch die Bundesregierung ist dann also komplett kreationistisch. Denn bei dem Ministersegment des UN-Biodiversitätsgipfels setzte die Bundeskanzlerin einen "Meilenstein für die Bewahrung der Schöpfung", indem sie für 2009-2012 zusätzliche 500 Mio. Euro für den weltweiten Schutz der Wälder und Ökosysteme versprochen hat, danach soll es jährlich jeweils eine halbe Milliarde werden (siehe Pressemeldung). AM, wie wäre es mit dieser Schlagzeile "Bundesregierung fördert kreationistisches Gedankengut mit mehreren Milliarden Euro". Ach so, das war die CDU-Kanzlerin. CDU hat ja schon mit dem C im Namen zugegeben kreationistisch zu sein, nicht wahr? Genau, denn die SPD hat diese Meilenstein-These ja auch kräftig kritisiert, etwa in dieser Meldung. Aber Mist, dort wurde nur kritisiert, dass man mehr tun müsse, um die Schöpfung zu bewahren, denn auch hier steht: "Noch haben wir die Möglichkeit, an der Bewahrung der Schöpfung politisch mitzuwirken. Je länger wir zögern, desto teurer und schwieriger wird der Klimaschutz." Und bei den Grünen sieht es auch nicht besser aus, die wollen auch "Die Schöpfung bewahren". Alles Kreationisten, quer durch die Naturkundemuseen, quer durch die Parteien. Armes Deutschland, Katastrophe, lamentando. Oder hat das mit den Metaphern vielleicht doch eine andere Bedeutung? Ich biete mal meine Lieblings-Arche-Noah (Cartoon oben) zur Diskussion an.

2) Ja, die Info zum Begleitprogramm der Stuttgarter Evolutionsausstellung scheint richtig zu sein, wie eine Nachfrage meinerseits ergab. Hervorragende Recherche, denn die Namen der teilnehmenden Kreationisten stehen offensichtlich noch nirgendwo. Auf der Webseite des Museums steht bislang nur, dass am 24.11.09, also dem Tag der Erstveröffentlichung von Darwins "On the Origin of Species" ein Evolution Day im Museum stattfindet, mit folgendem Abendprogramm: "18 h Design ohne Designer? Eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zwischen Evolutionsbiologen und Darwinkritikern". Mir sind inzwischen auch die Namen nicht nur der Kreationisten, sondern auch der Wissenschaftler bekannt, die an der Diskussionsrunde teilnehmen und ich bin sicher, es wird spannend.

Auch hier ist natürlich jedem Museum freigestellt, ob es mit Kreationisten diskutiert oder nicht, auf die Stufe von Wissenschaft werden Kreationisten durch eine derartige Diskussion deswegen noch lange nicht gestellt. Wenn ich mit einem Politiker diskutiere, werde ich selbst nicht zu einem und umgekehrt er nicht zu einem Wissenschaftler, und wenn ich mit einem Theologen diskutiere mutieren mich geheime Kräfte auch nicht zu einem Pfarrer. Dem Museum und auch mir (die Museen sind auch innerhalb von Konsortien unabhängig) jedoch zu unterstellen, dass wir die Auftritte von Kreationisten gut leiden können? Sollte ich versucht sein, von Creationism Delusion zu sprechen? OK, lassen wir das. Aber statt dessen der dringende Appell: schauen Sie sich doch mal die Stuttgarter Evolutionsausstellung an, um die es ja insbesondere geht. Kaum ein anderes Haus hat sich derart viel Mühe gemacht, sich gegen Kreationismus zu positionieren. Da wird der Flagellenmotor an einem sehr guten Objekt erklärt und die pfiffige "Kreationismus-Waage" ist auch klasse. Trotz immenser Füllung mit Kreationismusbüchern senkt sich die Waagschale auf der Seite, auf der zwei Darwin-Bücher liegen. Kreationismus hat keine Chance, die Wissenschaft zu diskreditieren. Prädikat sehenswert! Und ansonsten: die DNFS, also dieses erwähnte Konsortium hat zum Beginn des Darwin-Jahrs ein gemeinsames Positionspapier gegen Kreationismus publiziert, gibt's auch auf diesem Blog nachzulesen. Und dass ich selbst gerne mit Kreationisten kuschle, wird wirklich zum allerersten Mal impliziert, Teile meiner Stellungnahmen gegen Kreationismus sind hier aufgelistet.

Abbildungen: oben: Nicht die Arche Noah, sondern ein Beagle-Nachbau ziert die Stuttgarter Evolutionsausstellung.
darunter: Wissenschaftliche Erklärung des Flagellenmotors, ein entkräftetes Paradebeispiel der Intelligent-Design-Kreationisten. Modell im Stuttgarter Naturkundemuseum.


Abb. Kreationismus versus Evolutionswissenschaften. Auch noch so viel kreationistisches Papier (links) kann fundamentale evolutionsbiologische Arbeiten wie die von Charles Darwin (rechts: Die Entstehung der Arten sowie Die Abstammung des Menschen) nicht aufwiegen. Installation gegen Kreationismus in der Evolutionsausstellung des Stuttgarter Naturkundemuseums.

3) Als angeblichen Beleg dafür, dass ich es nicht leiden kann, dass die Giordano Bruno Stiftung und die AG Evolutionsbiologie "auch auf die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie eingehen" wird ein Link zu meinem Blogeintrag "Instrumentalisierung von Darwin durch religionskritische Stiftung?" geschaltet. Also was kann ich nicht leiden? Genau: Instrumentalisierung. Das hat Darwin nicht verdient. Ich habe mit vielen Kollegen, die in der AG Evolutionsbiologie oder auch in der Giordano Bruno Stiftung aktiv sind, überhaupt keine Probleme, sondern kooperiere teilweise mit ihnen. Ich wage auch zu bezweifeln, dass dieser Presseschaueintrag von AM wirklich auch im Namen der AG Evolutionsbiologie geschrieben wurde. Weltanschauliche Konsequenzen sollen nach meiner Meinung nicht diskutiert werden? Die Beiträge in diesem Blog sind voll von Diskussionen dazu. Die Frage, die ich aufwerfe ist nur, ob zusätzlich zu unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, welches sich auf Darwin und andere Wissenschaftler begründet, jeder auch darüber hinaus verpflichtend eine allgemeingültige Weltanschauung adoptieren muss oder ob bei weltanschaulichen Fragen nicht jeder selbst für seine Anschauung verantwortlich sein sollte. Ich hab nichts gegen Diskussionen oder Anführen von Argumenten zum Überzeugen anderer, nur gegen Missionarisches, von welcher Seite auch immer, hab ich was.

4) Ich hätte untersagt, auf Veranstaltungen der DNFS-Museen im Kalender von "Evolution ist überall" hinzuweisen. Die DNFS betreibt einen eigenen Kalender und nimmt dort nur Termine auf, wenn wir darum gebeten werden. Keiner soll sich von der DNFS instrumentalisiert fühlen. Umgekehrt gibt es ebenfalls Regeln, etwa Bilder zu übernehmen, ungefragt sollte dies nicht passieren. Ob wir mit der Befürchtung, dass wir ggf. für Zwecke außerhalb der Naturwissenschaft instrumentalisiert werden könnten, richtig lagen, kann ja jeder Leser - ggf. auch unter Berücksichtigung dieses Eintrags - für sich selbst entscheiden.

5) Ach so, ich wollte ja auch loben. Klar, wird nicht vergessen, denn wir können doch Dinge auseinanderhalten. Nun ganz ehrlich: Vielen Dank für den Artikel zur Kampagne "Kreationisten aller Länder vereinigt Euch". Das ist ja wirklich nochmals ein Versuch, geballt die Wissenschaft in Misskredit zu bringen. Tatsächlich sollte man die ProGenesis-Kreationisten weiter im Auge behalten. (Dieser Artikel ist mit Darwin-Jahr-Komitee unterschrieben).

Ein Vorschlag zur Güte an AM: berichten wir doch weiter möglichst Interessantes und Erwähnenswertes rund ums Darwin-Jahr und lassen Unterstellungen einfach weg. Einverstanden?

Ihr
Reinhold Leinfelder

Die Ausstellung "Der Fluss des Lebens. 150 Jahre Evolutionstheorie am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (Schloss Rosenstein) ist noch bis Mai 2010 geöffnet. Weitere Informationeun unter www.evolution2009.de

Abbildung ganz oben aus scienceblogs.com
Der Arche Noah-Cartoon stammt von bruxelles.blogs.liberation.fr
(exakt: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2009/02/prix-européen-du-dessin-de-presse.html )
Weitere Abbildungen von R. Leinfelder, aus Staatlichem Museum für Naturkunde Stuttgart, mit Genehmigung verwendet.

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Nachtrag vom 5.11.09: kleiner Hinweis: AM hat die falsche Linkbezeichnung (Link zu Beitrag zu Erfurter Naturkundemuseum war fälschlicherweise als Beitrag zum Düsseldorfer Naturkundemuseum bezeichnet) nun geändert.
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Sonntag, 5. Juli 2009

Sind wir denn jetzt alle Kreationisten? Zwei Umfragen zum Kreationismus im Vergleich

von Reinhold Leinfelder

Heinz-Hermann Peitz, promovierter katholischer Theologe und Biologe ist Referent an der katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und hier insbesondere für den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie zuständig. Dazu betreibt er u.a. das Forum Grenzfragen.

Er eröffnete nun auf diesem Forum eine lesenswerte Diskussion zu einer gerade erschienenen Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Zogby. Diese Umfrage scheint offen zu legen, dass die breite Mehrheit der US-Amerikaner auf der Seite der neokreationistischen "Intelligent-Design-Theorie" stünde und die Evolutionstheorie eher skeptisch einschätzen würde. Nur ein Drittel der US-Amerikaner scheint danach der Evolutionstheorie zu trauen. Herr Peitz fragt sich nun, ob diese Zahlen die kulturelle Realität tatsächlich abbilden oder vielleicht eher aus dem Forschungsdesign des Auftraggebers der Studie - dem Kreationismus-Think-Tank Discovery Institute resultieren. Er tendiert in seiner Einschätzung unzweifelhaft zu letzterem. Nachfolgend möchte ich diese Diskussion aufgreifen, aber an Hand eines Beispiels auch um die Frage erweitern, ob auch in Deutschland ähnlich tendenzielle Umfragen stattfinden könnten.

Hier nun die jeweiligen Aussagen bzw. Fragen der Zogby-Umfrage, bei denen die Interviewten entscheiden mussten, welche Alternative ihnen am nächsten liegt bzw. in welchem Umfang sie zustimmen:


A: Die Entwicklung des Lebens ereignete sich durch einen ungelenkten Prozess zufälliger Mutationen und natürlicher Selektion
B: Die Entwicklung des Lebens wurde durch ein Intelligent Design gelenkt.
33% stimmten für A, für den ungelenkten Prozess durch die evolutiven Mechanismen Mutation und Selektion; 52% stimmten für B, die Lenkung durch ein intelligentes Design. 15% waren sich nicht sicher oder hätten eine andere Option gewollt.



Stimmen Sie zu oder lehnen Sie ab, dass Lehrer wie Schüler die akademische Freiheit haben sollten, Stärken und Schwächen der Evolutionstheorie zu diskutieren?
Zusammengenommen stimmten 80% zu, 17% lehnten ab, 4% waren sich nicht sicher.



A: Biologielehrer sollten nur Darwins Evolutionstheorie und die wissenschaftlichen Belege für sie lehren.
B: Biologielehrer sollten Darwins Evolutionstheorie lehren, aber auch die wissenschaftlichen Belege gegen sie.
Verständlicherweise stimmen wenige für A, nämlich 14%. 78% wollen B, die vermeintlich ausgewogene Diskussion von pros und cons.

Als Charles Darwin über die Beweise für seine Evolutionstheorie nachdachte, schrieb er: "Ein richtiges Ergebnis lässt sich aber nur dadurch erlangen, dass man alle Tatsachen und Gründe, welche für und gegen jede einzelne Frage sprechen, zusammenstellt und sorgfältig gegeneinander abwägt".
Die Befragten wurden wieder um abgestufte Zustimmung oder Ablehung gebeten. 76% stimmten insgesamt zu, 18% lehnten ab, 5% waren sich nicht sicher.


Heinz-Hermann Peitz diskutiert die Art der Fragestellung und die verbundenen Implikationen sehr offen und umfassend. Er kommt zu folgendem Fazit:

"... Offenbar geht es nicht um Erkenntnis, sondern um politischen Einfluss und um kulturelle Deutungshoheit. Mit der Zogby-Umfrage hat man nun - die juristischen Blamagen von Dover noch im Hinterkopf - von einem weltanschaulich unabhängigen Institut den Beleg, dass die Mehrheit der US-Amerikaner hinter den Argumenten des Discovery Institutes steht! Denn die Fragen der Meinungsforschung griffen auf nichts anderes zu als auf zentrale Argumentationsmuster des Intelligent Design Movement (wenn man einmal von dem in Telefoninterviews schwer vermittelbaren Argument der irreduziblen Komplexität absieht). Scheinbar paradox: Man kann den geschickt gestellten Fragen eigentlich nur im Sinne des Discovery Institutes zustimmen, gleichzeitig aber mit guten Gründen dem "Intelligent Design" naturwissenschaftlich, weltanschaulich, theologisch und politisch eine klare Absage erteilen. In diesem Sinne bin ich sehr auf die Wirkung der Umfrage gespannt."

Lesen Sie die ausführliche Interpretation der Umfrageergebnisse durch Herrn Peitz auf dem Forum Grenzfragen:
http://www.forum-grenzfragen.de/aktuelles/010709-die-mehrheit-der-amerikaner-fuer-id.php
Die Originalumfrage ist hier hinterlegt: http://www.evolutionnews.org/zogby09poll063009%20(2).pdf



Diskussion:

Herrn Peitz ist mit seiner kritischen Einschätzung zur Zogby-Umfrage überaus Recht zu geben
. Unstrittig ist, dass Kreationismus, incl. der sog. "Intelligent Design-Theorie" in USA nach wie vor einen ernstzunehmenden Einfluss ausübt. Sicherlich ist auch richtig, dass einige der Ziele der US-Kreationisten, nämlich Verunsicherung zu streuen und viele gesellschaftliche Bereiche zu infiltrieren, auch teilweise erreicht worden sind. Dennoch will das Discovery Institute gerade mit dieser Umfrage offensichtlich den "Erfolg" der eigenen Bemühungen überbetonen und damit auch verzerrt darstellen.

Vollkommen offensichtlich wurden, wie Herr Peitz sehr genau erkannt hat, die meisten Fragen sehr tendenziös gestellt. Die Antworten darauf können jedenfalls nicht als Unterstreichen des Erfolgs des (Neo-)Kreationismus gewertet werden. Herr Peitz hat Recht mit seiner Einschätzung, dass die Art der Fragestellung im Prinzip von vorne herein die Beantwortungsverteilung eindeutig präjudizierte. Wesentliche Fragen, wie die, ob man Evolutionstheorie als Interpretation der biologischen Mechanismen der Evolution und Religion(en) oder metaphysische Philosophie als Hilfsmittel zur Beantwortung von Sinnfragen sieht und ob sich diese zwingend widersprechen müssen, wurden nicht gestellt.


Design: ein Begriff ohne Definition?

Nachfolgend greife ich einen Aspekt besonders heraus: Das sind Fragen zur Bedeutung eines "Designs". Ganz eindeutig wird der Begriff "Design" in der Theologie, in der Biologie und in der ID-Bewegung unterschiedlich verwendet.

Ich erlaube mir hier zunächst einen entsprechenenden Abschnitt eines früheren Gastkommentars im Achdulieberdarwin-Blog zu zitieren. Frau Dr. Kölb-Ebert diskutierte folgendes zum Begriff "Design":

"Wenden wir uns nun dem theologischen Gegenpol des Zufallsbegriff zu, dem Wörtchen Zweck oder Design: Im Alltag benutzen wir das Wort Design, um die bewusste, künstlerische Gestaltung eines Gebrauchsgegenstandes oder einer Gebrauchsgraphik zu charakterisieren. Im angelsächsischen Sprachraum umfasst der Begriff auch technisch-konstruktive Anteile der Gestaltung, den „Bauplan“. In diesem Sinne taucht Design auch als Fachbegriff in der Biologie auf. Die Naturwissenschaft leugnet also keineswegs Design in der Natur und sie hat jede Menge Indizien gesammelt, die darauf hindeuten, dass dieses Design durch natürliche Prozesse im Rahmen der biologischen Evolution entsteht.
Im 19. Jahrhundert meinte Design im Englischen jedoch noch etwas anderes, nämlich Absicht oder Zweck. So
gebraucht beispielsweise Jane Austen in ihren Romanen dieses Wort. Dass der Romanheld die Heldin im Garten traf, war kein Zufall, denn er tat es „by design“, mit Absicht. Und das entspricht im Prinzip dem heutigen theologischen Sprachgebrauch: Hier ist Gott derjenige, der Absichten mit uns und der Welt verfolgt.
Noch einmal anders verwendete die so genannte Natürliche Theologie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts den Begriff. Sie sah in der zweckmäßigen Angepasstheit der Organismen an ihren Lebensraum und ihre Lebensweise einen wichtigen Hinweis auf einen fürsorgenden und lenkenden Gott. Einzelne Vertreter wie etwa William Paley bauten diese Argumentation zu dem Versuch eines teleologischen Gottesbeweises aus. Dem gegenüber war es Darwins Verdienst, zu zeigen, dass Design im Sinne von zweckmäßigen Biokonstruktionen auch durch di
e Wirkung von natürlichen Ursachen (Zweitursachen im theologischen Sinne) erklärt werden kann, was selbstverständlich keine Aussage über eine Erstursache macht. Deshalb konnte Charles Darwin in seinem Buch über den Ursprung der Arten denn auch schreiben: „Nach meiner Ansicht, stimmt es besser mit dem überein, was wir über die Gesetze wissen, die der Schöpfer der Materie auferlegt hat, wenn wir davon ausgehen, das die Erzeugung und das Aussterben gegenwärtiger und vergangener Bewohner der Welt Zweitursachen geschuldet ist, wie jene, die Geburt und Tod des Individuums bestimmen.”
Während die Vertreter der Natürlichen Theologie noch die Gesamtheit der Organismen und ihrer Biokonstruktionen im Blick hatten, die sie mit den größten feinmechanischen Wunderwerken ihrer Zeit verglichen, und als tiefgläubige Menschen aus ihrem Glauben heraus die Welt interpretierten, verortet die in den 1980er Jahren entstandene, kreationistische Intelligent Design-Bewegung Gottes Wirken in den Lücken gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnis und degradiert ihn damit zu einer „natürlichen“ Ursache unter vielen. Der Plan, also die Absicht Gottes - design im Sinne des 19. Jahrhunderts - wird so zum Bauplan - design im modernen, angelsächsischen Sinne - eines Schöpfergottes, der an seiner - offenbar mangelhaften? - Schöpfung ständig in den Lücken naturalistischer Erklärungen herumbasteln muss. Damit wird dem Gottesverständnis natürlich ein schlechter Dienst erwiesen. Denn
man schiebt Gott gedanklich mit jeder durch neue Erkenntnis geschlossenen Lücke unweigerlich aus der Welt hinaus, in die man ihn doch gerade hineinholen wollte. Dass „Intelligent Design“ dennoch gelegentlich einen Weg in theologische Gedankengänge findet, verdankt die Bewegung wesentlich dem geschilderten Missverständnis um das Wörtchen Design oder Zweck.
Daran sieht man, wie gefährlich Fachsprachen für den interdisziplinären Dialog von Naturwissenschaft und Theologie sein können. Wo es sich nur um lateinische oder griechische Fremdwörter handelt, merken wi
r dies schnell und fragen nach. Schwierig wird es, wo scheinbar ganz einfache, der Umgangssprache entlehnte Begriffe verwenden werde, leider aber jeder etwas anderes darunter verstehen. Wenn wir Glück haben, so fällt uns rechtzeitig auf, dass wir aneinander vorbeireden. Wenn wir Pech haben, missverstehen wir uns gründlich und ziehen uns frustriert vom Dialog zurück mit dem fatalen Eindruck, dass mit dem andern ja doch nicht vernünftig zu reden ist. Das Ergebnis sind unnötige Konflikte zwischen Parteien, die eigentlich in selben Boot sitzen." (Zitat Ende)
(aus http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/03/wir-sind-kein-reiner-zufall-oder-doch.html)

Nach diesem Einschub um Begriffsklärung zurück zur Zogby-Umfrage. Diese Umfrage soll also eindeutig veranschaulichen, wie sehr die erklärte Strategie der Kreationisten, nämlich einen gesellschaftlichen Keil zwischen Religion und Wissenschaft einzutreiben, bereits vorangeschritten ist. Sie und fügt sich letztendlich in die übliche Strategie der Kreationisten ein, nach erzielter Verunsicherung eine Entweder - Oder-Position zu erreichen: Man kann sich also entweder nur für Wissenschaft oder nur für Religion entscheiden. Damit dies nicht so offensichtlich und plakativ daher kommt, stellt man eben als Alternativen eine angeblich religionsinkompatible etablierte Naturwissenschaft einer angeblich gotteskompatiblen Pseudowissenschaft gegenüber, sozusagen die Lösung aus dem Dilemma: man kann also doch Glauben und Wissenschaft zusammenbringen, aber nur wenn man den kruden Vorstellungen eines Discovery Instituts und seiner Anhänger folgt. Auf zum fundamentalistischen Gottesstaat mit dem Discovery Institute vornedran! (das ursprünglich geheime, dann aber doch versehentlich aufgetauchte Wedge-Document des Discovery-Instituts finden Sie hier: http://ncseweb.org/creationism/general/wedge-document )

Zogby International hat sich mit dieser tendenziös gefärbten Umfrage also wohl keinen guten Dienst erwiesen. Das an sich sehr renommierte Institut kam letztens während der Obama-Wahlkampagne in den Ruf, tendenziöse Umfragen, sog. "Push Polls" getätigt zu haben.
(siehe hierzu u.a. Zogby's Misleading Poll of Obama Voters: Wall Street Journal: http://blogs.wsj.com/numbersguy/zogbys-misleading-poll-of-obama-voters-459/
Zogby won't duplicate Obama poll
: Politico: http://www.politico.com/news/stories/1108/15829.html)



Push-Polls auch in Deutschland?

Die Naturwissenschaftler und viele moderne Theologen sind sich einig: den Kreationisten geht es nicht darum, alternative wissenschaftliche Theorien fundiert zu belegen und zu diskutieren, ihre Annahmen sind ja grundsätzlich nicht falsifizierbar und damit a priori unwissenschaftlich. Wissenschaft im Sinne der etablierten Wissenschaften und Religion erscheinen den Kreationisten nicht kompatibel, deshalb muss ein "Keil" dazwischen "eingetrieben" werden.

Allerdings vetreten "missionarische" Atheisten (- und nur diese Gruppe der Konfessionslosen sei hier gemeint - ), in Deutschland zum Beispiel die Giordano Bruno-Stiftung, dieselbe Strategie: Auch sie sehen Wissenschaft und Glaube als grundsätzlich nicht vereinbar an und arbeiten damit kräftig am Erfolg der Keil-Strategie der Kreationisten mit. Manche Gruppen unterstellen hierbei allen Religiösen naiven, unverantwortlichen Kinderglauben, der Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung bezeichnete sie gar als Religioten.

Von derartigen Gruppen in Auftrag gegebene Umfragen können meiner Einschätzung nach teilweise ähnlichen Mustern wie diejenige der Zogby-Umfrage. Ein Beispiel sei hierfür angegeben. Das von der Giordano Bruno-Stiftung gegründete und ursprünglich selbst als Projekt betriebene Fowid-Meinungsforschungsinstitut ließ 2005 Menschen in Deutschland ab 14 Jahren zu ihrer Einstellung zur Evolutionstheorie befragen. Es wurden folgende Aussagen zur Auswahl gestellt, wobei man sich offensichtlich für eine der Aussagen entscheiden musste:

1) „Das Leben auf der Erde ist ohne Einwirken einer höheren Macht entstanden und hat sich in einem natürlichen Entwicklungsprozess weiterentwickelt.“
61 Prozent (925 Personen) stimmten zu. Sie werden als "mit der Auffassung einer Evolution übereinstimmend" bezeichnet.


2) „Das Leben auf der Erde wurde von einem höheren Wesen bzw. von Gott erschaffen, durchlief aber einen langwierigen Entwicklungsprozess, der von dem höheren Wesen bzw. von Gott gesteuert wurde.“
25,2% der Befragten (383 Personen) stimmten hiermit überein. Herausgestellt wurde, dass hierbei 9 von 10 Mitglied einer Religionsgemeinschaft seien, Katholiken seien dort stärker
vertreten als Evangelische. Diese Gruppe wurde in der Auswertung als mit "der Auffassung eines Intelligenten Designs am ehesten zustimmend" bezeichnet.

3) Befragte, welche der Auffassung seien "Gott hat das Leben auf der Erde mit sämtlichen Arten direkt erschaffen, so, wie es in der Bibel steht“ werden in der Auswertung korrekterweise als Kreationisten bezeichnet. Dieser Position stimmen 12% der Befragten (188 Personen) zu.

Die Fowid-Umfrage findet sich unter http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Evolution_-_Intelligentes_Design_-_Kreationismus_2005_01.pdf (dies ist die Fassung vom 10.10.2005)


Hinweis: Die Zahlen dieser Umfrage wurden später von FOWID nochmals leicht korrigiert sowie stärker aufgeschlüsselt. In einer Fowid-Meldung vom 11.11.2005 findet sich die Zahl, dass 13% einem biblischen Kreationismus anhingen, 25% der kreationistischen Variante Intelligent Design, und damit 38% die Evolutiontheorie bestreiten (http://fowid.de/aktuelles/einzelansicht/artikel/news-4/), gleichzeitig wird im Anhang eine Aufschlüsselung der Zahlen nicht nur nach Konfessionen, sondern auch nach alten und neuen Bundesländern gegeben(!). Der Osten ist danach deutlich weniger kreationistisch als der Westen, und angeblich sind 80% aller Kirchgänger kreationistisch, was wohl auf einen klaren Zusammenhang zwischen Unverträglichkeit von Religion und Naturwissenschaft hinweisen soll (?!), siehe nebenstehende Abbildungen sowie hier:
http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Evolution_Kreationismus_Deutschland__2005.pdf


Zu FOWID: Fowid ist ein Projekt der Giordano Bruno Stiftung. Zwischenzeitlich wurde Fowid eine andere Trägerschaft gegeben, die aber ebenfalls von der GBS mitgetragen wird.
http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Evolution_Kreationismus_Deutschland__2005.pdf

Aus http://fowid.de/fowid/: "fowid ist ursprünglich ein Projekt der Giordano Bruno Stiftung, Ende März 2006 ging es in die Trägerschaft der Humanistischen Arbeitsgemeinschaft (HUMAG GbR), in der sich die Giordano Bruno Stiftung und der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) zusammengefunden hatten. Seit Novmber 2007 ist
fowid Teil des Humanistischen Pressedienstes, der vom hpd e.V. getragen wird."

Diese Befragung ist meiner Auffassung nach zumindest ähnlich tendenziös wie die vom Discovery-Institut in Auftrag gegebene:
Unzweifelhaft sind 12% (bzw. 13%) "echte" Kreationisten. Unzweifelhaft sind auch die 61%, welche Aussage 1 zustimmten, von der wissenschaftlichen Korrektheit der Evolutionstheorie überzeugt.
Inwieweit jedoch tatsächlich 25% Intelligent-Design-Neokreationisten sind, ist mehr als fraglich. In Aussage 2 werden nämlich potentielle Erst- und Zweitursachen kräftig vermengt. Wäre die Aussage nur: "Das Leben auf der Erde wurde von einem höheren Wesen bzw. von Gott erschaffen, durchlief aber einen langwierigen Entwicklungsprozess", wäre sie nicht automatisch mit dem als Intelligent-Design-Theorie bezeichneten Neo-Kreationismus in Verbindung zu bringen (der ja "ein bisschen" Evolution "zulässt", ein höheres Wesen allerdings als Lückenbüßer für angeblich zu komplexe Evolutionsvorgänge postuliert). Eine derartige Aussage wäre für viele kompatibel mit der theistischen oder gar deistischen Aussage: "Gott macht, dass sich die Dinge selber machen" (Teilhard de Chardin), wie sie ähnlich auch Charles Darwin aufgeschrieben hat (siehe auch oben im Text von Frau Kölbl-Ebert). Auch die Aussage, dass das Leben von Gott erschaffen wurde, ist nicht sehr klar verständlich. Ob damit eine generelle metaphysische Aussage gemeint ist, oder doch ein konkreter Akt der Schaffung des ersten Lebens bleibt recht unklar. Im zweiten Fall könnte man die Aussage tatsächlich im Sinne eines "Lückenbüßer-Eingriffes" sehen. Tatsächlich bleibt zu konzidieren, dass die Naturwissenschaften derzeit nur verschiedene miteinander konkurrierende Hypothesen zur Entstehung des ersten Lebens aufstellen können, von denen sich noch keine als fundierte wissenschaftliche Theorie in die Evolutionstheorie integrieren lässt. Obwohl also die Naturwissenschaften hier ihr bisheriges Unwissen ohne weiteres zugeben müssen, und dies auch ohne Probleme tun, wäre eine Entstehung ersten Lebens durch direkten göttlichen Eingriff natürlich dennoch eine klassische "Lückenbüßer-Argumentation".

Aber insbesondere ist der in der Umfrage verwendete Zusatz: "... langwierigen Entwicklungsprozess, der von dem höheren Wesen bzw. von Gott gesteuert wurde" sehr missverständlich. Er kann eigentlich so interpretiert werden, dass man sich das Leben damit gerade nicht nur als einmal generierten Prozess vorstellt, sondern den gesamten Ablauf der Evolution als Entstehung des Lebens auf der heutigen Erde vorstellt. Statt dessen wird der Satz bei Bejahung als Zustimmung zu neokreationistischen ID-Positionen interpretiert. Hätte man wirklich die gesellschaftliche Akzeptanz eines ID-Neo-Kreationismus analysieren wollen, hätte der Halbsatz etwa lauten müssen: ""... langwierigen Entwicklungsprozess, in den von dem höheren Wesen bzw. von Gott laufend in die biologischen oder geologischen Abläufe eingegriffen wird".

Hier wird also der Begriff "design" einmal mehr (bewusst?) missverstanden. "Gesteuert wurde" kann theologisch-metaphorisch auch "nur" bedeuten, mit einem allgemeinen "design", also übergeordneten "sinnhaften Zweck" ausgestattet worden zu sein, so wie dies von Kölbl-Ebert dargestellt wurde, während es in der Umfrage mit der neo-kreationistischen Bedeutung eines "intelligent design" im Sinne von immer wieder stattfindenden direkten Eingriffen in die natürliche Evolution zur Schaffung komplexer biologischer Strukturen vermengt wird.

Papst Benedikt XVI. sprach 2006 ebenfalls von einem „intelligenten Plan“ des Kosmos, der im obigen Sinne, also wohl nicht im Sinne eines kreationistischen Intelligent Design gemeint war. Wegen der verursachten sprachlichen
Verwirrung hat sich der Vatikan inzwischen deutlich vom kreationistischen "Intelligent Design" distanziert (Siehe hierzu auch einen Artikel der TIMES vom 11.2.2009: Vatican buries the hatchet with Charles Darwin.- siehe hier.). Eine metaphorisch gemeinte Steuerung der "Schöpfung" durch einen Gott wird jedoch weiterhin von der Katholischen Kirche angenommen und basiert u.a. auf einer vom "Kirchenvater" Augustinus so bezeichneten Philosophie einer "creatio continua" zurück. Augustinus wollte damit wohl verdeutlichen, dass die Schöpfung noch nicht abgeschlossen sei, sondern innerhalb ihrer Gesetze offen ist. Dieses innerhalb der Gesetze liegende kann, wer mag, auch als (durch Zweitursachen naturgesetzlich ablaufende) Evolution bezeichnen. Die Implementierung einer eventuellen gewollten Sinnhaftigkeit hinter einer Schöpfung, inklusive ihres naturgesetzlichen Anteils Evolution, wäre dann die theologisch angenommene Erstursache.

Ob man eine übergeordnete, nicht näher analysierbare Sinnfrage zur Evolution stellen will oder nicht (vereinfacht könnte man vielleicht auch sagen: ob man religiös ist oder nicht), bleibt selbstverständlich jedem einzelnen
überlassen. Für viele genügt ein aus der Evolutionstheorie ableitbares naturwissenschaftliches Weltbild auch als persönlicher Sinngeber. Fragen nac metaphysischen Erstursachen ergeben sich dann nicht. Für andere kommt aber zum naturwissenschaftlichen Weltbild eben noch ein tranzendentes, sinnstiftendes auf einer anderen Ebene hinzu. In beiden Fällen ergibt sich eine persönliche Weltanschauung, die jedoch nicht für alle verbindlich sein kann. Wenn also religiöse Menschen eine - selbstverständlich auch heute noch aktiv stattfindende - Evolution im Sinne einer "creatio continua" als metaphorisch verstandene Steuerung bzw. Sinngebung innerhalb einer Schöpfung interpretieren möchten (und dabei wie oben erwähnt klar bleibt, dass natürliche Evolution innerhalb der Naturgesetze nach kausalen Gesetzmäßigkeiten abläuft), kann dies meiner Auffassung nach als persönliche Glaubensangelegenheit von jedem Naturwissenschaftler akzeptiert werden, ohne dass solche Gläubige gleich mit den ID-Kreationisten (welche ja an einen "Lückenbüßer-Gott" glauben, der seine eigene unvollkommene Schöpfung laufend nachbessern muss) in einen Topf geworfen werden müssten. Derartiges zu implizieren, könnte man auch als in Kauf genommene Irreführung bezeichnen, vielleicht sogar, um alle Menschen, die auch religiös veranlagt sind, als ungebildete Religioten pauschalisieren zu können?

Die dargelegte Auswertung der GBS-Fowid-Umfrage behauptet also, dass 49% der Gesamtbevölkerung in Deutschland Kreationisten (incl. der ID-Neokreationisten) seinen. Tatsächlich zeigte die Umfrage, eine repräsentative Befragerauswahl vorausgesetzt, dass nachweisbar nur 12% Kreationisten sind, denn die mit 25% angegebene zusätzliche Gruppe, die an eine übergeordnete Steuerung glaubt, ist nicht insgesamt mit Anhängern der neokreationistischen "Intelligent-Design-Theorie" gleichzusetzen, obwohl sich darunter sicherlich auch etliche Neo-Kreationisten befinden.

Realistischer erscheinen hier schon Umfragen des SCIENCE-Magazins aus dem Jahr 2006, bei denen für Deutschland etwa 25% der Befragten angaben, die Evolutionstheorie nicht zu akzeptieren (SCIENCE-Artikel siehe hier, Ergebnissdiskussion in The Panda's Thumb siehe hier, siehe auch nebenstehende Abbildung daraus).



Persönlicher Nachsatz:
Ich vermute, dass ein Nachsatz zu diesen Zeilen notwendig ist: Ich wäre der letzte, der den nach wie vor weit verbreiteten und vielleicht auch teilweise noch zunehmenden Kreationismus (incl. des ID-Neokreationismus) relativieren oder gar verharmlosen möchte. Das erklärte bzw. implizierte Ziel der Kreationisten, gesellschaftliche Einflussnahme auf Bildung, Forschung und allgemeine Politik zu nehmen, ist nach wie vor sehr bedenklich. Und dass 20% oder 25% Prozent der Bevölkerung die Evolutionstheorie ablehnen, sollte gerade wegen der damit verbundenen gesellschaftspolitischen Aktivitäten nicht zum Sich-Zurücklehnen veranlassen. Aber gerade deshalb helfen plakative oder gar polemisierende Vereinfachungen und Schwarz-Weiß-Malereien à la "Gott oder Evolution" nichts (oder anders ausgedrückt: sie helfen nur den Kreationisten).
Um die Ausmaße kreationistischer Einflüsse zu erfassen, können sicherlich auch Umfragen hilfreich sein, allerdings nur, wenn sie keine Push-Polls darstellen, also nicht selbst lobbyistische Ziele verfolgen, sondern so unabhängig wie möglich durchgeführt werden und dies in den Fragen entsprechend reflektiert wird.
Unbestritten ist meines Erachtens allerdings ebenfalls, dass auch die modernen Kirchen noch Nachholbedarf haben, die Metaphorik etwa von biblischen Wundern näher zu erklären, damit eine theologisch-philosophische "Creatio Continua" eben nicht doch wieder zu einer Art von Zweitursachen-Eingriffe in die naturgesetzlich ablaufende Evolution und damit zu Neo-Kreationismus degradiert wird.

Gute argumentative Unterstützung bekommen sie hier bereits vom Begründer der "Creatio Continua"-Auffassung, nämlich Kirchenvater Augustinus, der (wie bereits an anderer Stelle in diesem Blog geschrieben) schon im Jahre 408 n.Chr. folgendes bemerkte: "Durch Einsicht oder Erfahrung kann man sehr sichere Erkenntnis über die Erde erfahren, und über den Himmel oder aus was die Welt sonst besteht. Auch über die Bewegung, Drehung ja selbst die Größe und die Entfernung der Sterne, über Finsternisse, Jahreszeiten, die Nature der Tiere, Früchte oder Steine - und dazu muß man gar kein Christ sein. Allerdings ist es wirklich schändlich und schädlich wenn ein Christ (...) über diese Dinge Unsinn erzählt weil das angeblich so in der christlichen Überlieferung stehe“.


FAZIT: Insgesamt zeigt sich, dass der Untergang des Abendlandes erfreulicherweise nicht bevorsteht. Dies scheint zwar die Giordano-Bruno-Stiftung mir den von ihr erhobenen Zahlen, sowie deren entsprechenden Darstellung implizieren zu wollen. Diese Zahlen sollen wohl beweisen, dass schon fast die Hälfte der Bevölkerung der alten Bundesländer kreationistisch sei, und dass sogar 80 % aller regelmäßigen Kirchgänger die Evolutionstheorie ablehnen würden. Bei Sätzen wie "Die Unterschiede - hinsichtlich der Auffassung einer Evolution - zwischen den Kirchenmitgliedern (58 bzw. 53 % Zustimmung) und den Konfessionslosen (87 % Zustimmung) sind deutlich" (aus der FOWID-Umfrage, siehe
hier) wird offensichtlich, dass hier theistische Einstellungen, die aufgrund der mehr als missverständlichen Frage 2 von FOWID zur Kategorie "Intelligent-Design-Kreationismus" gepackt wurden, bewusst und missbräuchlich als Ablehnung der Evolutionstheorie interpretiert werden. Ähnliches gilt für die Anmerkung, die von FOWID in ihrer Zahlendarstellung gemacht wird: "Für die deutsche Schulbildung ist es kein Qualitätsbeweis, dass in den Alten Bundsländern von den 14-44-Jährigen rund jeder Dritte eine Auffassung vertritt, die dem Kreationismus bzw. dem Intelligenten Design nahe steht. Für eine moderne Industrienation ist es in dieser Hinsicht kein Ruhmesblatt wissenschaftlich begründeter Schulbildung bzw. vernünftiger Weltorientierung." (Zitat Ende, siehe hier)

Ganz im Gegenteil ist es jedoch so, dass trotz der immensen Bemühungen der Kreationisten die naturwissenschaftliche Bildung bzw. Akzeptanz der Bevölkerung keinesfalls so katastrophal ist, wie hier behauptet wird. Gemäß SCIENCE-Bericht und weiteren Umfragen kann man plausibel einen Bevölkerungsanteil von 20-25% annehmen, welcher die Evolutionstheorie heute noch ablehnt bzw. vermutlich besser ausgedrückt, aus welchen Gründen auch immer nichts von ihr wissen möchte. Hier ist sicherlich noch weiter Boden gut zu machen, was auch möglich ist, wenn Deutschland konsequent auf sein ureigentliches Kapital, nämlich die Bildung setzt. Ideologisierende Argumentation und Datenmassage, von welcher Seite auch immer, sind hierzu jedoch nicht angebracht.


5.7.2009, Reinhold Leinfelder

(Dieser Artikel stellt ausschließlich die persönliche Meinung des Verfassers dar)

Samstag, 25. April 2009

Leitplanken für den Werteunterricht

Reinhold Leinfelders persönliche Überlegungen zu Kreationismus, Biologismus und Integrationsaufgaben der Berliner Schulen:

Leitplanken für den Werteunterricht
(aus der Berliner Morgenpost vom 25.4.2009):

Kulturelle Vielfalt ist genauso wie biologische Vielfalt für uns überlebenswichtig. Dies kann aber nicht bedeuten, dass wir über bedenkliche Entwicklungen hinwegsehen dürfen, sondern dass ein geeigneter Integrationsmechanismus existieren muss. Der Werteunterricht ist hierbei wesentlich. Das Beispiel USA zeigt allerdings, wie es nicht funktioniert. Gerade weil dort Religionsunterricht nicht an Schulen gegeben werden darf, hat sich der wissenschaftsfeindliche Kreationismus in den USA durch die Hintertür breiten gesellschaftlichen Einfluss erarbeitet. Die modern ausgerichteten Kirchen erscheinen dort im Vergleich zu den vielen evangelikalen, oft wissenschaftsfeindlichen Gruppen schon fast in der Minderheit. In Deutschland ist dies wegen der Kooperation zwischen Kirche und Staat im Schulunterricht anders, die großen christlichen Kirchen, aber auch jüdische und viele muslimische Mitbürger sowie Anhänger anderer Konfessionen sind keinesfalls wissenschaftsfeindlich. Allerdings greifen auch hierzulande fundamentalreligiöse Kreationisten die Naturwissenschaften an, weil diese nicht mit ihrem Glauben kompatibel seien. Umgekehrt verkünden auch in Deutschland manche Wissenschaftler den Untergang der Aufklärung, solange überhaupt noch irgendwelche Religionen existieren. Dies drängt dann die modernen Kirchen, aber auch viele konfessionsfreie Menschen wiederum zu einem Skeptizismus hinsichtlich naturwissenschaftlicher Erklärungsansätze für gesellschaftliche Fragen. All dies fördert Vorbehalte gegenüber den Wissenschaften, deren Akzeptanz wir zur Lösung wesentlicher Zukunftsfragen wie Klima- und Biodiversitätskrise dringend benötigen. Keinesfalls dürfen derartige „Glaubenskriege“ auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.
(> weiterlesen in der Berliner Morgenpost)

(Abbildung aus: www.andreame.at/blog?page=2)



Aus der Langversion, mit weiteren Aspekten:

... Es gilt aufzupassen: Kreationisten, welche die Evolutionstheorie ablehnen, nehmen inzwischen auch in Berlin Einfluss auf die Bildungsinhalte. So wird an der Corrie-ten-Boom-Realschule im Biologieunterricht vermittelt, dass eine evolutionäre Höherentwicklung im Laufe der Zeit mit der Bibel unvereinbar sei, für den Geschichtsunterricht seien die Prophezeiungen der Bibel zu berücksichtigen, im Literaturunterricht sei zu fragen, in welche neue Abhängigkeiten die Aufklärung den Menschen geführt habe (siehe hier). Lehrkräfte an migrantenreichen Schulen berichten hinter vorgehaltener Hand, dass manche Schüler bei Verwendung des Wortes Evolution den Unterricht verlassen. Möglicherweise spielt hierbei auch der Einfluss des nicht nur in der Türkei sehr bekannten Fundamentalkreationisten Harun Yahya, dessen wissenschaftsfeindliche Arbeiten auch an Berliner Bildungsinstitutionen kostenlos verteilt wurden, eine wichtige Rolle.

Als Naturwissenschaftler graut mir aber auch vor einem „evolutionären Humanismus“, der in der Etablierung einer „naturalistischen Ethik“ münden soll. Zwar stellen die Soziobiologie, die evolutionäre Psychologie sowie die Hirnforschung spannende aktuelle Forschungsfelder dar, die es uns vielleicht einmal erlauben werden, unsere Verhaltensweisen als situationsbezogene Mischungen aus biologischer Disposition und kultureller Freiheit besser zu verstehen. Auch gilt es in der Ethik evolutionäre Voraussetzungen zu berücksichtigen. Biologie alleine eignet sich allerdings keinesfalls als Grundlage für alternative Wertesysteme. Dennoch wird von den, ebenfalls zunehmend einflussreichen Protagonisten genau ein derartiges, biologisch-basiertes Wertesystem vehement und aggressiv gefordert. Christen werden von manchen gar wegen der Kommunionsfeier als Kannibalen, Religiöse aller Couleur als Religioten bezeichnet. Diese Art von „naturalistischer Ethik“ basiert auf falschen Analogieschlüssen, behauptet, moralische Wertungen seien nicht zulässig, Maßstab sei nur der direkte oder indirekte Eigennutz, wobei es genüge, fair zu sein. Persönlichkeitsrechte solle man zwar pragmatisch ab Geburt definieren, wissenschaftlich fundiert seien sie jedoch erst im Kleinkindalter, wenn Menschen autonom entscheiden könnten. Eine solchermaßen biologistische „Ethik“ darf nie verwirklicht werden, das wäre laut Vorsitzendem der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sogar ein Arbeitsfeld für den Verfassungsschutz. Erfreulicherweise schütteln nicht nur religiöse, sondern auch viele konfessionsfreie und atheistische Mitbürger bei derartigem nur den Kopf.

Was hat dies alles mit der Pro Reli-Diskussion zu tun? Der Berliner Werteeunterricht erscheint mir derzeit unverdächtig, fundamentreligiösen oder biologistischen Einflüssen zu unterliegen. Die Ausbildung der Ethiklehrer ist längst professionalisiert. Der Lebenskundeunterricht wird vom toleranten Humanistischen Verband umgesetzt, der sich offensichtlich in weiten Teilen von dieser Art von „evolutionär-naturalistischen“ Pseudoethik distanziert, welche von der extrem religionskritischen Giordano Bruno-Stiftung als neue Leitkultur propagiert wird. Allerdings ist diese Stiftung mit dem Humanistischen Verband zumindest teilweise verquickt , insbesondere durch ein gemeinsam betriebenes Presseportal sowie durch gemeinsame Mitgliedschaft beider Gruppen im neuen atheistisch-humanistischen Dachverband KORSO. Der geschilderte Kreationismus-Unterricht findet bedenklicherweise an einer staatlich anerkannten Schule statt.

Der Werteunterricht ist also in einem zunehmend unübersichtlichen gesellschaftlichen Umfeld eingebettet. Dieser Gemengelage sollte aus den folgenden Gründen mit einer Wahlpflichtmöglichkeit zwischen Religion, Ethik und Lebenskunde begegnet werden:
...

(> Langversion weiterlesen)

Nachtrag: zur oben geschilderten Einschätzung der Situation in den USA passen die aktuellen Vorgänge in Texas, siehe z.B.:

"Evolutionstheorie im Unterricht. Kreationismus durch die Hintertür". Von Katja Gelinsky, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.4.2009, siehe hier.