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Sonntag, 10. April 2011

Evolution und Biodiversität als Comic

Comics und Cartoons erleben nicht nur eine Renaissance, sie sind offensichtlich auch ganz besonders geeignet, um neue Übersetzungswege und neue Interessenten für Wissenschaftsthemen zu finden. Einer der renommiertesten Comiczeichner ist sicherlich Jens Harder. Sein Buch Alpha directions, ein Band einer Trilogie zur Darstellung der Entwicklung der Erdgeschichte und der Evolution, hat Maßstäbe gesetzt, viele Fans fiebern bereits dem nächsten Band entgegen. Alpha directions wurde im Museum für Naturkunde Berlin vorgestellt, die Medien berichteten eifrig, etwa die Berliner Morgenpost (vom 26.5.2010):

"Das Jahrhundertwerk entsteht mit Blick auf den Fußballplatz. Jens Harder beugt sich tief über den Glastisch, wenn er zeichnet, dann taucht er in Epochen mit Namen wie Kryptozoikum oder Känozoikum ein. Und das ist ein gewaltiger Schritt zurück, denn das Känozoikum, die Erdneuzeit, begann vor gut 65 Millionen Jahren. Lange her! Momentan ist Jens Harder mit dem Paläolithikum beschäftigt, der Altsteinzeit, in der der Mensch sich in Wäldern und Savannen herausbildet.
Er stellt dar, wie der Mensch den aufrechten Gang lernt, wie er Nahrung sucht und Werkzeuge entdeckt. Wenn der Zeichner den Stift beiseite legt und hochschaut, sieht er homo sapiens in kurzen Hosen, die im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark trainieren. Alle Menschheitsgeschichte ist zugleich auch Gegenwart. Und umgekehrt.  ..." (> ganzen Artikel lesen).
Eine Rezension mit Bildstrecke aus Alpha directions gibt es auf Spiegel online.
 
Nun hat es auch mich erwischt. Der ebenfalls cartoon-o-phile Illustrator Jan Feindt, der auch das wunderschöne Buch "Tiefsee: Von Schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen" von Dagmar Röhrlich (Mareverlag, 2010) illustrierte,  hat nun ein von mir gegebenes Interview zur Bedeutung der Biodiversität zusammen mit Autorin Alexandra Hamann in einen Cartoon umgesetzt. Wer Interesse hat, kann ja mal schauen. Das Museum für Naturkunde ist mit Dinosauriersaal und Biodiversitätswand sehr gut zu erkennen. Meine Person wurde vom Zeichner aus "künstlerischen Gründen" allerdings bewusst deutlich verfremdet. So sollte man auch meinen erhobenen Zeigefinger nicht als zu realistisch betrachten ;-)
Das Cartoon-Interview ist unter dem Namen "Diversity Inaction" auf der US-amerikanischen Cartoon-Movement-Website veröffentlicht und thematisiert insbesondere den Bienentod, der insbesondere in den USA massenhaft auftritt.

(zur aktuellen Diskussion um den massenhaften Bienentod siehe auch Focus online-Artikel)


Buchempfehlung:
"Tiefsee: Von Schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen" von Dagmar Röhrlich, mit Illustrationen von Jan Feindt (Mareverlag, 2010)
Rezension u.a. auf NDR

Montag, 23. August 2010

Nun auch noch Biodiversitätsskeptiker?

von Reinhold Leinfelder

Das Darwin-Jahr 2009 ging mit der Kopenhagener Klimakonferenz zu Ende und führte direkt ins laufende UN-Jahr der Biologischen Vielfalt. In unserem Ach-du-lieber-Darwin-Blog hatten wir daher die Kurve von der Evolution zu Klima (als Selektionsfaktor) und von der Evolution zur Biodiversität (als Produkt der Evolution) ebenfalls genommen, denn Evolution-Klima-Biodiversität sind eben allesamt vernetzt. Allerdings war nicht geplant, dass wir auch bei den Skeptikern diesen Bogen schlagen müssen. Klimaskeptiker und Evolutionsskeptiker hatten wir ja schon mal verglichen. Kommen nun auch noch die Biodiversitätsskeptiker?

Es ist zu befürchten, zumindest geht ein Artikel im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. August (Millionen für Molche) genau in diese Richtung. Dieser Artikel bekam immerhin etlichen Gegenwind, was die Leserkommentare der Online-Version, darunter auch der einer renommierten Wissenschaftsjournalistin zeigen.
Heute erschien auch eine längere Stellungnahme im Biodiversitäts-Blog der Leibniz-Gemeinschaft unter dem treffenden Titel "Artenschutz auf Stammtischniveau".
Hingewiesen werden sollte durchaus auch darauf, dass der "Millionen für Molche"-Artikel im Wirtschaftsteil der FAS erschien, der Wissenschaftsteil von FAZ und FAS bringt hier sehr viel differenziertere Artikel, z.B. 18.5.10: Biodiversität - Unkraut vergeht besser nicht oder 3.2.10: Was kostet die Welt? sowie bereits 8.5.2008: Was kostet die Welt, wer hat soviel Geld?. Gerade die beiden letzt genannten Artikel hätte der Wirtschaftsjournalist der Stammtisch-Analyse wohl einmal lesen sollen, hier geht es sehr differenziert um den Wert der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter für uns alle.

Noch findet Google nur zwei Einträge bei der Suche nach "Biodiversitätsskeptiker" und dies auch nicht im obigen Kontext, aber was nicht ist mag ja noch kommen. Es steht zu befürchten, dass die Biodiversitätsskeptiker aus ganz verschiedenen Ecken auftauchen werden, zum einen aus manchen Bereichen der Wirtschaftslobby, welche auch gerne mal versucht, Biodiversitätswissenschaftler und Naturschutz als Wirtschaftsbremse an den Pranger zu stellen. Zum anderen aber auch aus der Klimaschutzecke: Eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Naturschutz ist zwar die Einhaltung eines globalen 2-Grad-Limits der anthropogenen Klimaerwärmung, denn die Natur passt sich mit der Zeit an, aber nicht in dieser Änderungsgeschwindigkeit, wie es heute der Klimawandel mit sich bringt, so dass wir uns damit auch vieler unserer eigenen Lebensgrundlagen berauben werden, wenn der anthropogene Treibhauseffekt nicht gebremst wird. Naturschutz ist so betrachtet also nichts anderes als Selbstschutz. Aber Windkraftwerke und Vogelflug, Biosprit und Waldschutz, offshore-Windparks und Lärmbelästigung in den Meeren können sich, falls jeweils allein betrachtet entgegenstehen. Richtig angepackt, ist zwar vieles miteinander verträglich, aber es gibt auch Interessenskonflikte und deshalb Diskussions- und Regelungsbedarf. Klimaschutz muss nicht auf Kosten des Biodiversitätsschutzes gehen und umgekehrt, wenn beides gemeinsam gedacht wird.

Biodiversität ist allerdings im Vergleich zum Klimaschutz deutlich komplexer, was es zu berücksichtigen gilt:
  • * das Biodiversitätsgeschehen ist stark regional geprägt und kann bisher sehr schlecht regional modelliert werden;
  • * Biodiversität ist ein Produkt aus sehr vielen Faktoren, wie regionaler Geologie, geographischer Konstellation (Topographie, Niederschlag, Boden, Verbindungskorridore), menschlicher Besiedlungsdichte, Landnutzungart und Intensität, Klima, Schadstoffeintrag, adaptiver Strategien, Populationsdynamik und vielem mehr).
  • * Damit ist die Erfassung und das Monitoring der Biodiversität, aber auch die Prognostik deutlich schwieriger als etwa die Erfassung und Prognostik von Klimaveränderung. Bislang wird vieles über die Erfassung von Indikatorarten geregelt, eine an sich sinnvolle Methode, die aber auch ihre Grenzen hat. Neue Monitoringmethoden und -strategien müssen entwickelt werden, etwa automatisierte Erkennung von Tierstimmen, Barcoding-Erfassung mithilfe genetischer Signaturen sowie partizipative Monitoringprojekte zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
  • * Biodiversität ist ökonomisches Gut für uns alle, aber die Werterfassung der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter ist überaus komplex und auch relativ ungenau, damit natürlich auch angreifbar
  • * Gerade weil Biodiversität ein Produkt aus vielen Faktoren ist, eignet sich die Erfassung von Änderungen der Biodiversität aber auch als Frühwarnsystem für andere kritische Änderungen, etwa bei Klima, Wasserhaushalt, Überdüngung, Umweltverschmutzung, unnachhaltiger Landnutzung; Überfischung etc.. Auch hierzu sind übrigens Molche als Indikatorarten wichtig.
  • * Manche gutmeinenden Menschen unterstellen der Wissenschaft, dass sie selbst zur Biodiversitätszerstörung beiträgt, da das Erfassen von Biodiversitätsmustern ja auch mit Hilfe von Aufsammlungen geschehen muss. Diese seien aber nur dazu da, indigenen Völkern und Entwicklungsländern ihre wichtigen genetischen Ressourcen zu rauben. Hier sind der Wissenschafts- und Forschungsprozess noch besser darzustellen, aber auch entsprechende UN-Regelungen (Access-Benefit-Sharing-Regelungen der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt) endlich zu vereinbaren.

Vieles des oben genannten fordert bestimmt etliche dazu heraus, zu relativieren, abzuwiegeln, die Selbstheilungskräfte der Natur zu betonen (wie nun auch wieder fälschlicherweise beim Ölunglück im Golf) oder eben zu behaupten, so ein paar Molche oder Lurche würden doch nicht die Welt aus den Angeln heben, wenn sie verschwunden sind. Im Wissensvermittlungs-Spannungsfeld (siehe Abbildung) wird also Biodiversitätsschutz sicherlich im Bereich des Relativierens besonders zerredet werden, v.a. wenn es um kurzfristige finanzielle Interessen geht. Auch alarmistisch-polemische Überziehungen, etwa nach dem Motto: Biodiversitätsschutz lässt uns verhungern, Lurche statt Menschen etc. werden wir sicherlich noch mehr zu hören bekommen. Und Handlungsempfehlungen werden hoffentlich nicht so ausgehen wie im Molchartikel der FAS.


Unsere Abbildung zeigt wie Wissenschaftsvermittlung und wissenschaftsbasierte Politikberatung sein sollte (grünes Dreieck), wie sie aber häufig tatsächlich abläuft bzw. wahrgenommen wird (rotes Dreieck). Wissenschaftliche Ergebnisse, aber auch der wissenschaftliche Prozess, der zu diesen Ergebnissen geführt hat, müssen authentisch und differenziert vermittelt werden. Daraus können Szenarien abgeleitet werden, die auf diesem Wissen basieren. Auch Handlungsempfehlungen dürfen ausgesprochen werden, wenn möglich sogar mehrere, so dass dann Gesellschaft und Politik darüber diskutieren und ggf. entscheiden. Statt differenzierter, authentifizierter Ergebnisdarstellung wird aber gerne stark relativiert, nach dem geschilderten Motto, wir wüssten doch noch viel zu wenig. Bezüglich statistisch abgesicherter Szenarien, bei denen auch die Fehlergrenzen aufgezeigt werden, wird gerne unterstellt, die Wissenschaft betreibe Alarmismus, und bei den Handlungsempfehlungen, die aus der Wissenschaft stammen, machen manche bestenfalls Eigeninteressen der Wissenschaft, gerne aber auch mal ideologische Beweggründe aus. Nehmen wir die Evolutionswissenschaften als Beispiel: ja, wir wissen trotz vieler offener Fragen unendlich viel darüber, die Evolutionstheorie ist bestens belegt, die Kreationisten behaupten jedoch, das würde nicht stimmen, man wisse viel zu wenig. Ein angewandtes Szenario Richtung nachhaltigem Umweltmanagement könnte wie folgt aussehen: die Natur bietet zwar evolutionäre „Selbstheilungskräfte“, allerdings ist die Geschwindigkeit der heute menschendominierten Selektion, etwa durch Landverbrauch, Regenwaldabholung, Überfischung und Klimaveränderung einfach zu rasch, als dass die evolutionäre Anpassungsfähigkeit hier positiv wirksam werden könnte. Gerne werden derartige Szenarien dann als alarmistisch abgetan. Wissensbasierte Handlungsempfehlungen wären bei diesem Beispiel die Reduktion von Treibhausgasen, die Ausweisung vernetzter Schutzgebiete, nachhaltiges Management von Agrargebieten, vielleicht auch Umstellen von Ernährungsgewohnheiten. Hier wittern dann wieder andere Interessensgruppen umstürzlerische Intentionen, Kontrollwut oder Vorwände, um eine, immer wieder herbei geredete Weltregierung einzurichten.
Abbildung aus: Leinfelder, R.R. (2010): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. & Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)

Politiker, Ökonomen und auch Wirtschaftsjournalisten sollten jedoch nicht vergessen, dass für fast jeden von uns die Natur überaus positiv emotional besetzt ist und schon einen sinnhaften Wert an sich darstellt. Egal, ob man die Natur nun als Produkt der Schöpfung oder der Evolution oder von beidem sieht - wir alle sind trotz aller Zivilisation nach wie vor auch Teil der Natur, deshalb wird sich die Gesellschaft die Natur nicht so leicht wegnehmen lassen! Es kommt allerdings darauf an, dass auch für nachfolgene Generationen genügend viel Natur erhalten bleibt. Wir hoffen also auf differenzierte Diskussionen, nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf die nächste UN-Konferenz zur Biologischen Vielfalt im November 2010 in Nagoya, Japan. Und übrigens, auch ein Darwin war fasziniert von der Vielfalt des Lebens, auch dieses Erbe Darwins, die Faszination für die Natur und die Erforschung der Natur gilt es weiterzugeben.

Sonntag, 28. März 2010

Der Darwin-Blog nach dem Darwin-Jahr

Liebe Freude des Darwin-Blogs,

auch nach dem Darwin-Jahr ist das Evolutionsthema sowie die Diskussion rund um die Akzeptanz der Evolutionswissenschaften natürlich nicht abgeschlossen. Auch Evolutionsausstellungen laufen weiter. So wandert die Ausstellung "Darwin - Reise zur Erkenntnis" demnächst nach Jena weiter. Aber neue Themen sind dazu gekommen. Wir befinden uns 2010 im UN-Jahr der Biodiversität, welches international am Museum für Naturkunde Berlin unter Dinosauriern (und hier meine ich nicht die nationalen und internationalen Politiker, die waren ganz schön lebendig) eingeläutet wurde (> Bericht). Auch in diesem Blog haben wir das Thema Evolution mehrfach in Richtung Biodiversität (als Produkt der Evolution, also der Variabilität, Anpassung und Selektion) geführt. Auch der Veranstaltungskalender der deutschen Naturkundemuseen zum Darwin-Jahr (http://www.darwinjahr2009.de) ist direkt in den Veranstaltungskalender der Naturkundemuseen zum Biodiversitätsjahr übergegangen (www.biodiversitaet2010.de).

Wir werden in unregelmäßiger Folge auch hier weitere Artikel rund ums Thema Darwin, Evolutionstheorie und Vermittlung der Evolutionswissenschaften posten bzw. auf andernorts gepostete hinweisen, zusätzlich verweisen wir Sie auf den extra zum Biodiversitätsjahr eingerichteten Blog zur Biologischen Vielfalt der Biodiversitätsgruppe der Leibniz-Gemeinschaft (http://www.vielfalter-blog.de), bei dem ich auch regelmäßiger Autor bin. Auf einige ausgewählte Artikel werden wir auch in diesem Blog querverweisen.

Vielen Dank für Ihre Treue im Darwin-Jahr und viel Spaß auch weiterhin mit Themen rund um die Evolution und Biodiversität,
sehr herzlich
Ihr Reinhold Leinfelder

Mittwoch, 3. Februar 2010

Wir lieben nur, was wir kennen

von Reinhold Leinfelder

02. Februar 2010: Was würde Charles Darwin sagen, wenn er sich heute auf der Erde umsähe? Die Bestätigung und Weiterentwicklung seiner Evolutionstheorie würde ihn gewiss freuen. Zugleich wäre er wohl entsetzt über den ökologischen Zustand so mancher Regionen, die er bei seiner Reise mit der "Beagle" besuchte: den Pantanal-Regenwald in Brasilien, der vom Zuckerrohranbau bedroht wird, die industrielle Überfischung vor Chile, die Gefährdung des Galapagos-Pinguins, das Abtauchen vieler Korallenriffe im Pazifik.

Vielleicht würde Darwin sich da die Bemerkung nicht verkneifen, dieses globalen Selektionsversuchs durch den Menschen bedürfe es doch wirklich nicht mehr, um seine Theorie zu untermauern. Und er könnte sich zu dem Hinweis genötigt fühlen, dass die Evolutionstheorie nicht zu sehr zur Erklärung der kulturellen Evolution herangezogen werden sollte und insbesondere nicht zur Rechtfertigung einer utilitaristischen Moral taugt, nach welcher unser Umgang mit dem Rest der Natur sich letztlich an dem Prinzip des mittelalterlichen Gewürzhandels orientiert, wo nur das, was uns nützt, Chance auf Beachtung und Pflege hat.


Umweltbewusstsein ansteigend

Warum aber sollen wir uns dann um die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten bemühen? Immerhin, Klima- und Umweltschutz sind heute auf den höchsten Ebenen angekommen. Anlässlich der Eröffnung des Jahrs der biologischen Vielfalt im Berliner Museum für Naturkunde gaben die Bundeskanzlerin, in- und ausländische Umweltminister sowie hochrangige UN-Vertreter wieder ein eindeutiges Bekenntnis zur Notwendigkeit nachhaltigen Umweltwirtschaftens und zum Biodiversitätsschutz ab. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist das Umweltbewusstsein stark angestiegen - Klimaschutz gehört laut Umfragen zu den Themen, welche die Deutschen am meisten bewegen, und selbst das sperrige Wort Biodiversität ist inzwischen kein Fremdwort mehr. Regenwaldabholzung, Riffsterben oder ökologische Schäden durch eine übertechnisierte Landwirtschaft sind allgemein bekannt.
Die Botschaft wird also verkündet, nur gehört wird sie offenbar nicht. Die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe kommt nicht recht voran. In Kopenhagen ist kein Vertrag zum Klimaschutz zustande gekommen, die von den UN für 2010 gesteckten Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind nicht erreicht worden.

Woran liegt es? Haben wir alles schon zu oft gehört, und die Erde dreht sich immer noch? Und zeigt uns die Erdgeschichte nicht, dass sich Klima, Umwelt, Biodiversität schon immer geändert haben, wir also vielleicht nur ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Natur sich selbst und damit auch uns von allein hilft? Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, welche die Fakten durchaus zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass es nach Korallenriffsterben in der Erdgeschichte Millionen von Jahren gedauert hat, bis sich diese wieder erholten. Oder dass sich das Klima zwar auch nach dem Erscheinen des Homo sapiens noch kräftig geändert hat, es aber seit der Entwicklung von Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur und Industrie global betrachtet extrem stabil war.


Die emotionale Dimension

Doch auch die Einsicht in die Gefahr, die der Organismen-Vielfalt auf der Erde droht, scheint noch nicht zu reichen. Offenbar ist selbst denen, die ihre Augen nicht verschließen, immer noch unklar, was hier wirklich auf dem Spiel steht. ..... (weiterlesen, >> zum ganzen Artikel auf FAZ-net vom 2.2.2010)

(gedruckt erschienen am 31.1.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, S. 54)


Montag, 28. Dezember 2009

Darwin und Weltbilder ein Jahr später - gibt es ein Fazit?

Während der letzten Wochen war berufsbedingt keine Zeit für weitere Blogeinträge, aber nun ist es Zeit, so langsam an ein Fazit des Darwin-Jahrs zu denken. Hierzu finden Sie nachträglich mein (Teil-)Fazit sowie meinen Ausblick (beides aus einem ausgearbeiteten Vortragsmanuskript. Den Vortrag hielt ich schon vor etlichen Monaten an meinem "alten" Gymnasium, in dem ich zur Schule ging und das Abitur machte). Der Text ist damit zwar schon ein paar Monate alt, er hat aber gerade wegen des "Kopenhagen"-Gipfels sowie des Übergangs in das UNO-Jahr der Biodiversität 2010 vielleicht doch eine gewisse Aktualität und schlägt auch ein paar versöhnliche, "nachweihnachtliche" Töne an.

Auszüge aus: (R)evolutionär unseres Weltbildes - Die Evolutionstheorie im Jahre 200 nach Darwin. Von Reinhold Leinfelder

Fazit: Selbstbeschränkung und Kooperation

Aus den Diskussionen und Debatten im Darwin-Jahr 2009 kann man vieles lernen. Den Naturwissenschaften ist dringend eine notwendige Selbstbeschränkung anzuraten: Naturwissenschaften sind zuständig für das Verständnis des „Wie funktioniert die Natur“? Wenn sie vom „Zweck“ reden, machen sie keine existenziell sinnhaften Aussagen, sondern sprechen über biologische Funktionen. Naturwissenschaftler sollten auch akzeptieren, dass es noch offene, vielleicht sogar wissenschaftlich nie lösbare Fragen gibt. Aber auch die Religionen sollten Selbstbeschränkung üben. Wo nachgefragt sind sie zuständig für Sinnfragen und „Metaphysik“. Religionen liegen für mich auf anderen Ebenen als Naturwissenschaften und kommen sich deshalb in aller Regel mit den Naturwissenschaften nicht in die Quere. Naturgemäß sind die Antworten der Religionen nichtwissenschaftlich (wobei ich hier nicht die Religionswissenschaften meine), sondern stellen Glaubensaussagen dar, man kann diese glaubhaft oder gar vernünftig finden oder auch nicht. Ein naturwissenschaftliches Weltbild kann als solches philosophisch reflektiert werden und zu einer persönlichen agnostischen oder atheistischen Weltanschauung erweitert werden, es kann aber auch um ein religiöses Weltbild zur Sinnhaftigkeit der Welt ergänzt werden und dann in eine wissenschaftsoffene, religiöse Weltanschauung münden. Beides ist weder zwingend noch allgemeingültig, sondern eine rein persönliche Entscheidung. Weltanschauliches Missionieren lehne ich von allen Seiten ab, sofern nicht nur ein Überzeugen durch Beispiel und Diskurs damit gemeint ist. Religiöse Traditionen sind allerdings auch Teil unseres Kulturverständnisses. Kulturelle Traditionen sind jedoch nicht sakrosankt, sie müssen natürlich hinterfragbar sein. Speziell für den Schulunterricht wären vielleicht modernisierte Bibelexegesen als Grundlagen für den Religionsunterricht wünschenswert. Es sollte auch durchaus Diskussionen zwischen Religion und Biologie geben, allerdings bei Wahrung der inhaltlichen Abgrenzung. Das Beispiel Kreationismus ist als Thema für entsprechende transdisziplinäre Module geeignet, um gemeinsam sowohl korrektes wissenschaftstheorisches Arbeiten als auch die Metaphysik der Religionen zu behandeln. Insgesamt muss die Evolutionstheorie auch möglichst authentisch vermittelt werden. Hierzu eignen sich Versuche und Beobachtungsreihen im Schulunterricht, Besuche in Universitätslabors sowie Integration von thematischen Schulausflügen in Zoos, botanische Gärten und Naturkundemuseen.


Abb. Hypothetisches Schema der Situationsbezogenheit von Wechselwirkungen zwischen evolutionsbiologischem Erbe und kultureller Evolution. Grün: biologisches Anteile, Orange: kulturelle Erweiterung, Orange um Grün: Kulturelle Überprägung des biologischen Anteils. Hellblau: gesellschaftliche normative „Kontrollkappe“.

a. wesentliche Grundbedürfnisse des Menschen, wie Essen und Schlafen sind selbstverständlich biologisch dominiert. Sie können in einem gewissen Umfang kulturell kontrolliert werden (Verteilung der Nahrungsaufnahme auf Frühstück-, Mittags-, und Abendessen, vegetarische Ernährung; teilweise Nachtarbeit ohne Schlaf), eine normative Kontrolle (z.B. Erwerb statt Raub von Nahrung) ist ebenfalls vorhanden.
b. Wissenschaft und Technik sind stark kulturell dominiert. Zwar verwenden bereits viele Tiere Werkzeuge, diese werden jedoch in der Regel nicht extra hergestellt. Auch ist die wissenschaftliche Neugier sicherlich zum Teil biologisch begründet. Wissenschaft und Technik können als Kulturtechniken in gewisser Weise als verlängerter Arm der biologischen Evolution gesehen werden, denn sie erlauben dem Menschen eine enorme Anpassung an seine Umwelt, auch an sich ändernde Bedingungen. Da die Fortschritte jedoch nicht genetisch, sondern kulturell tradiert werden, stellt diese Form gleichzeitig eine starke Emanzipation von unserem biologischen Erbe dar. Die starke Eigenständigkeit solcher kultureller Prozesse, darunter auch die Forschung benötigt jedoch eine besonders starke normative „Kontrollkappe“. Nicht alles Machbare ist gesellschaftlich sowie für das Überleben der Menschheit sinnvoll.
c. Unser sonstiges zwischenmenschliches und gesellschaftliches Verhalten setzt sich, sicherlich zu unterschiedlichen Anteilen aus biologisch ererbten Grundmustern und deren kulturellen Überprägung zusammen, wobei die kulturelle Überprägung eine stark regulative Wirkung besitzt. Eine normative Kontrollkappe (Gesetze, gesellschaftliche Regeln, ggf. auch religiöse Regeln) ist auch hier notwendig.
d. In speziellen, insbesondere Stresssituationen kann sich das biologische Erbe dominant in den Vordergrund schieben (etwa Aggressivität). Eine normative Kontrollkappe ist sicherlich gerade auch hier notwenig, dennoch erscheint es gerade hier sinnvoll, auch, normativ kontrolliert „Dampf ablassen“ zu können.
Abbildung und Abbildungserläuterung aus Leinfelder [27]



Ausblick: Quo Vadis?


Die Menschheit hat sich durch die menschengemachte Klima- und Umweltkrise den größten Selektionsversuch selbst auferlegt. Das Sterben der Korallenriffe, steigender Meeresspiegel, veränderte Niederschlagsmuster, immense Überfischung und Verlust der genetischen Ressourcen können Milliarden von Menschen bedrohen. Auch zur Bewältigung dieser Krise bedarf es evolutionären Wissens. Zum einen sind Biodiversität, Evolution, Umwelt und Klima eng miteinander vernetzt. Hier gilt es insbesondere, die dynamischen Prozesse von Biodiversitätsänderungen besser erkennen und möglicherweise sogar vorhersagen zu können. Dabei ist das Verständnis auch heute ablaufender Evolutionsprozesse wesentlich, um Reaktionen der belebten Natur auf Klima- und Umweltänderungen sowie mögliche natürliche und kulturelle Anpassungswege prognostizieren und bewerten zu können. Zum anderen benötigen wir für die Bewältigung der Umweltkrise auch eine weitere kulturelle (R)evolution. Seit der Industrialisierung pumpt die Menschheit ungezügelt alle fossilen Energieträger wieder in die Atmosphäre zurück. Kohlendioxid, welches über mehrere hunderte Millionen von Jahren entzogen wurde, wird nun - geologisch gesehen – sozusagen auf einmal als CO2 wieder in die Atmosphäre zurückgeführt. Zusätzlich werden biologische Kohlenstoffspeicher, wie Wälder oder Moore durch uns selbst vernichtet. Der Mensch muss, um die Erde weiterhin auch für die nachfolgenden Generationen nutzen zu können, radikal umdenken. Dazu benötigen wir mehr denn je unseren kulturellen Verstand, für den die biologische Evolution unseres Gehirns die Grundlage geliefert hat: Vor etwa 2,5 Millionen Jahren begann der Urmensch einfachste Steinwerkzeuge zu verwenden, was ihn jedoch kulturell noch nicht sehr vom Tier unterschied. Die erste kulturelle Revolution des Jägers und Sammlers fand vor etwa 600.000 Jahren mit der Bearbeitung von Faustkeilen und Feuergebrauch statt. Vor etwa 10.000 Jahren v. Chr. begann die neolithische Revolution, die uns Ackerbau und Viehzucht sowie im Gefolge den Hausbau brachte. Seit etwa 8000 Jahren v.Chr. breiteten sich Stadtkulturen und mit ihnen das Handwerk und Dienstleistungen, also umfassende Arbeitsteilung aus. Im späten 18 und 19. Jahrhundert erfolgte die Industrielle Revolution. Bleibt nur zu hoffen, dass die nächste, notwendige (R)evolution, eine „Kohlenstoff-Abrüstung“ und mit ihr der Eintritt in ein „postkarbones“, nachhaltiges Industriezeitalter nicht mehr lange auf sich warten lässt [28].

Was nützt unser Wissen über die Evolutionsvorgänge, welche zu Biodiversitätsverlust führen, was nützt es, wenn wir über die Klimaprozesse Bescheid wissen und wissenschaftlich abgesicherte Wahrscheinlichkeitsszenarien zur klimatischen Entwicklung machen können, was nützt es, wenn wir sogar die richtigen Handlungsweisen und Technologien zur Vermeidung beschreiben können, aber diese nicht umsetzen können? Diese Umsetzung muss demokratisch geschehen, aber sie kann damit nur erreicht werden, wenn wir die Auswirkungen unseres Handeln auch über die Generationen hinweg verstehen und dies entsprechend berücksichtigen. Dieser hohe Anspruch kann nur mit Hilfe einer kulturellen Transformation erfüllt werden. Prinzipiell sollten wir dazu fähig sein. Der Mensch ist zwar biologisch ein Tier (bzw. chemisch ein Molekülcocktail), das ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Der Mensch ist zusätzlich eben gerade auch ein Kulturwesen. Die berühmte Menschenaffenforscherin Jane Goodall brachte es zum Eingang des Darwin-Jahrs in einem Cicero-Interview auf den Punkt: „Die Sprache, mit der wir moralische Entscheidungen treffen können, macht uns zum Menschen. Damit überlassen wir uns nicht dem bloßen Instinkt. Es ist die Fähigkeit, diskutieren und über abstrakte Dinge sprechen zu können, die nicht real existieren, sondern vor unserem geistigen Auge stehen. Diese Befähigung ist es, durch die sich unser Intellekt so explosionsartig weiterentwickelt hat“ [29]. Und der leider noch vor dem Darwin-Jahr im August 2008 verstorbene Neurobiologe und Tierphysiologe Gerhard Neuweiler sieht im Menschen eben doch die Krone der Evolution. Allerdings gilt dies nur, wenn wir es auf die Komplexität unseres Gehirns und seiner Fähigkeiten beziehen, denn der Mensch kann weder ohne Hilfsmittel fliegen noch lange tauchen, viele Tiere hören und riechen besser, oder laufen schneller. Aber unser höchst erhobenes Körperteil erlaubte uns die kulturelle Evolution. Neuweiler schreibt: „Im Menschen emanzipiert sich die Evolution, denn er ist das einzige Lebewesen, das die Werkzeuge der natürlichen Evolution in die Hände nehmen und ihr eine eigene humane Welt entgegensetzen kann“ . [30]
Diese humane Welt hat nichts mit einem „Neo-Humanismus“ bzw. „evolutionären Humanismus“ der Szientisten und Biologisten zu tun, welche allen Ernstes als „erklärtes Ziel“ fordern, „den Eigennutz in den Dienst der Humanität zu stellen“. Außerdem soll man zwar nicht lügen, betrügen, stehlen oder töten, „es sei denn es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten die Ideale der Humanität durchzusetzen.“ [31] Wenn zur Durchsetzung der Ideale eines „Neo-Humanismus“ davon gebraucht gemacht werden sollte, dann rette sich wer kann vor diesem Humanismus. (siehe Anm. 34)

Wie wunderbar hingegen, aus einer Stadt zu stammen und von einer Schule zu kommen, die sich echtem Humanismus verpflichtet fühlt. So wurde schon am 25. September 1555 im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden folgendes festgelegt: „Setzen demnach, ordnen, wollen und gebieten, daß fernerhin niemand, welcher Würde, Standes oder Wesens er auch sei, den anderen befehden, bekriegen, fangen, überziehen, belagern, […] [möchte], sondern ein jeder den anderen mit rechter Freundschaft und christlicher Liebe entgegentreten soll“ [32]. Dies schließt sich im aktuellen Schulkonzept des Gymnasiums bei St. Anna, welches ich weiter oben auszugsweise zitiert habe und welches auf Humanismus, Bewusstsein über die Würde des Individuums, auf Notwendigkeit zur Erforschung der Welt, auf Offenheit, Achtung, Toleranz und Respekt des Anderen fokussiert. Hier finden sich Aristoteles, Charles Darwin, Albert Einstein, Jürgen Habermas und Hans Jonas gleichermaßen: Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen schließt sich hier zum „Ökologische Imperativ“ von Hans Jonas (1979): „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ [33]. Gerade als Naturwissenschaftler bin ich überzeugt, dass uns hier unser evolutionäres Erbe nicht weiterhelfen kann. Wir müssen hier gegen unseren biologisch-evolutionäres Eigennutz-Erbe handeln, denn biologische Evolution und biologisches Eigennutzverhalten können eben nicht weit vorausplanen. Unsere Welt weiter lebenswert zu machen und dabei über Generationen und über die eigenen Gene hinweg vorauszuschauen, ist eine kulturelle Herausforderung, in die unser gesamtes naturwissenschaftliches und kulturwissenschaftliches Wissen mit einfließen muss. Die Aufgabe kann nur gelingen, wenn Schulen wie das Gymnasium bei St. Anna hier die notwendigen Grundsteine legen.

> Zum gesamten Artikel: www.tinyurl.com/darwin-revolution (pdf 3 MB)

Oben verwendete Zitate:
  • 27 Leinfelder, R. R. (im Druck): Epilog: Darwins Erbe für die Zukunft, in: Charles Darwin Die Entstehung der Arten, mit zwei Beiträgen von Alfred Russel Wallace, illustriert, kommentiert und herausgegeben von Paul Wrede und Saskia Wrede, VCH- Wiley Weinheim.
  • 28 siehe hierzu auch: Schellnhuber, H.-J.,, Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R.R., Nakicenovik, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R. (2009): Kassensturz für den Weltklimavertrag.- Sondergutachten, 58 S., Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung, Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin. http://www.wbgu.de/wbgu_sn2009.html
  • 29 http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&item=3057
  • 30 Neuweiler, G. (2008): Und wir sind es doch - die Krone der Evolution. 253 S., Wagenbach-Verlag, Berlin.
  • 31 Schmidt-Salomon, M. (2006): Manifest des evolutionären Humanismus: Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 196 S., Alibri-Verlag, Aschaffenburg (für die Giordano Bruno-Stiftung).
  • 32 Fide http://de.wikipedia.org/wiki/Augsburger_Reichs-_und_Religionsfrieden , Stand 17.7.2009
  • 33 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M., 1979. Neuauflage als Suhrkamp Taschenbuch, 1984
  • 34 Anm.: Dies ist keine Pauschalkritik an der evolutionären Psychologie bzw. der Soziobiologie, siehe hierzu die Diskussion im Gesamtartikel sowie Abbildung oben. Die Anteile des biologischen Erbes, auch des biologischen Eigennutzfaktors zu verstehen, um alle Verhaltensaspekte des Menschen insgesamt besser zu verstehen ist jedoch etwas völlig anderes, als eine biologistische, gar noch als "evolutionär-humanistisch" bezeichnete Weltanschauung darauf zu gründen.

Samstag, 15. August 2009

Von der Evolutions- zur Biodiversitätsforschung - Eine Aufgabe der Naturkundemuseen (am Beispiel des Berliner Museums für Naturkunde).

Evolutionsforschung, Biodiversitätsforschung und Umweltforschung gehen Hand in Hand. Die Biodiversität ist ein Produkt der Evolutionsprozesse (Variation, Selektion, Anpassung). Evolutionäre Erneuerungen können die Biodiversität genauso wie umfassende Umweltänderungen stark beeinflussen. Umweltänderungen, wie wir sie derzeit großmaßstäblich selbst verursachen, können Biodiversität direkt dezimieren, Umbauten der Biodiversität bewirken oder auch neue evolutionäre Prozesse auslösen. Zu diesem Themenkreis befragte die Verbraucher-Initiative e.v. sowie Öko-Fair den Autor dieses Blogs, Reinhold Leinfelder. Ausschnitte aus diesem Interview finden Sie nachfolgend.


(Bild: Ausschnitt aus der 14 Meter breiten, 3000 Arten darstellenden Wand der Artenvielfalt am Museum für Naturkunde Berlin, © Museum für Naturkunde Berlin)

Das Berliner Museum für Naturkunde ist bekannt für sein riesiges Saurierskelett. Teilen Sie die Ansicht, dass das Wirken des Menschen naturhistorisch gesehen ähnlich dramatische Folgen für das Artenreichtum hat wie der Meteoriteneinschlag für die Dinosaurier?

Ja, es ist zu befürchten, dass es sogar noch dramatischer werden könnte als alles bisher Dagewesene. Geowissenschaftler zählen das Aussterben der Dinosaurier und vieler anderer Organismen vor 65 Millionen Jahren zu den so genannten „Big Five“, den fünf großen, katastrophalen, globalen
Aussterbeereignissen. Wir können die aktuelle Umweltkrise durchaus als sechstes großes globales Aussterbeereignis bezeichnen. Dabei ist es auchkein Trost, dass die biologische Vielfalt nach den großen Aussterbeereignissen der Erdgeschichte immer wieder Höhenflüge erlebt hat. Zum Beispiel starben die tropischen Korallenriffe mehrfach in der Erdgeschichte aus oder wurden extrem dezimiert. Bis sie wieder zu alter Blüte gelangt waren, dauerte es aber Hunderttausende, ja Millionen von Jahren, in einem Fall sogar 140 Millionen Jahre. Darauf können wir nicht warten, die Erdgeschichte bietet hier für menschliche Maßstäbe also keinen Trost, sondern spricht statt dessen eine unmissverständliche Warnung aus.


Am Naturkundemuseum erforschen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die Evolution der Artenvielfalt. Wie tragen Ergebnisse daraus zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen bei?

Viele unserer Beiträge haben mit unseren immensen, 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlungen zu tun. Ich nenne drei Bereiche. Zum Ersten gehören unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur kleinen, aber sehr wichtigen Gruppe taxonomischer Experten, die Arten exakt bestimmen und neue Arten überhaupt erkennen und beschreiben können. Zum Zweiten sind wir an Monitoring-Projekten beteiligt, also an der Gesamterfassung der Biodiversität in definierten Regionen, aber auch global. Zum Beispiel muss man vor der Ausweisung neuer Naturschutzgebiete Wanderwege der Arten und ihre ökologischen Ansprüche genau untersuchen, was wir unter anderem in Afrika tun. Wir sind auch maßgeblich an der
Überwachung des Zustands von Korallenriffen beteiligt und arbeiten im Reef Check-Monitoring-Programm auch mit Hobby-Sporttauchern eng zusammen. Außerdem entwickeln wir neue Monitoring-Methoden, etwa das automatisierte Erkennen von Artverteilungen über Tierstimmen. Zum Dritten erforschen wir das dynamische Verhalten von Ökosystemen. Dabei können wir dank unserer umfassenden Datenbanken abschätzen oder gar berechnen, wie stabil oder labil Ökosysteme und ihre Artverteilung in der Erdgeschichte auf Umweltstörungen reagierten. So verstehen wir auch die Dynamik von Ökosystemen und Artverteilungen unter menschlicher Nutzung besser. Ein konkretes Beispiel sei noch genannt. Wir beteiligen uns bei der Wiedereinsetzung der durch Wasserverschmutzung ausgestorbenen Elblachse durch den genetischen Vergleich zwischen am Museum befindlichen, in Alkohol konservierten Elblachsen mit heute lebenden Lachspopulationen. Schwedische Lachse erwiesen sich als nächste Verwandte und fühlen sich heute in der sauber gewordenen Elbe wieder zunehmend wohl.


Wie machen Sie Ihre Ergebnisse bekannt?

Unser Expertenwissen und unsere Forschungsergebnisse werden nicht nur wissenschaftlich publiziert. Wir informieren auch die Bevölkerung mit vielfältigen Aktivitäten wie Vortragsreihen, Diskussionsrunden, thematischen Abenden, allgemeinverständlichen Publikationen und natürlich Ausstellungen. Unsere Korallenriff-Sonderausstellung „abgetaucht“ wurde als Beitrag zum Internationalen Jahr des Riffes 2008 von uns erstellt und am Museum für Naturkunde gezeigt. Zur Zeit ist sie im Münchner Museum „Mensch und Natur“ zu sehen. Weiterhin arbeiten wir nationalen und internationalen Umweltkonventionen zu, insbesondere der Konvention über die biologische Vielfalt. Natürlich diskutieren wir auch mit
Parlamentariern und beteiligen uns an der Erarbeitung wissenschaftlicher Gutachten zur Beratung der Politik.

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Samstag, 28. März 2009

Der Beitrag der Augsburger Puppenkiste zur Evolutionsforschung

Nachdem die Wogen zu Themen rund ums Darwin-Jahr, etwa zur Hirnforschung und evolutionären Psychologie, aber auch zu Mechanismen der Evolution sowie insbesondere zu Kreationismus und Weltanschaulichem doch recht hoch schlagen, versucht der Blog-Autor, gleichzeitig gebürtiger Augsburger, die Bedeutung von Jim Knopf (die FAZ und wir berichteten) für die Evolutionstheorie weiterzuführen und damit weiter zur Entspannung - sozusagen im Geiste des Augsburger Religionsfriedens - beizutragen.


Hierbei soll herausgearbeitet werden, dass Jim Knopf nun nicht nur anlässlich des Darwin-Jahrs die Evolutionstheorie büffelt, was ja die FAZ in ihrem aktuellen Video dokumentiert, sondern dass sich die Augsburger Puppenkiste schon vor Jahrzehnten kräftig in die Erforschung der Evolution eingebracht hat und hierbei Vorreiter für wesentliche wissenschaftliche Ergebnisse war.


So erforschte die Augsburger Puppenkiste schon früh die unbekannten, wilden Kreaturen der Meere sowie die spezielle Evolution auf Inseln und in Höhlenmilieus. Sie war ihrer Zeit in der Hirnforschung weit voraus und erbrachte fundierte Beispiele zur Kommunikationsfähigkeit von Tieren. Insbesondere aber lieferte sie die ersten relevanten Ergebnisse zur Brutpflege und Sozialisierung bei Dinosauriern.



Und nicht zuletzt positionierte sich die Augsburger Puppenkiste schon beizeiten zum Thema Schöpfung und Kreationismus .



Aber sehen Sie selbst in unserem Beitrag zum 1. April im Darwinjahr 2009 unter www.palaeo.de/edu/wildkreas/
Viel Spaß,

Ihr Reinhold Leinfelder
28.3.2009

PS: und noch ein Outing: zumindest nach Überzeugung der Augsburger Allgemeinen hat die Berufswahl des Blog-Autors auch etwas mit der Augsburger Puppenkiste zu tun:


PPS von 2016: das o.a. FAZ-Video ist verschwunden, der zugehörige FAZ-Artikel ist aber noch im Archiv der FAZ auffindbar (€)