Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 13. Dezember 2010

Nach Nagoya und Cancun - Kultur, Technik und Natur für die neue Menschenzeit

Rezension: Christian Schwägerl: Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten. 320 S., Riemann 2010. € 19,95

von Reinhold Leinfelder

Der aktuelle Ausgang der Klimaverhandlungen in Cancun sowie der Biodiversitätsverhandlungen in Nagoya zeigt umso klarer, dass die globale Staatengemeinschaft bestenfalls einen Rahmen zur nachhaltigen Entwicklung vorgeben kann, die eigentliche Transformation der Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft jedoch nur von ihr selbst vorangetrieben werden kann. Hierbei müssen Vermeidung und Anpassung, wissenschaftliches Wissen und Lebensfreude, Lebensstil und Verantwortung, regionales und globales verknüpft und gemeinsam behandelt werden. Eine der besten Anregungen hierzu liefert das o.a.Buch von Christian Schwägerl. Eine Kurzrezension dieses Buches durch den Rezensenten ist bereits im Tagesspiegel sowie in den Potsdamer Neueste Nachrichten erschienen. Nachfolgend finden Sie zur weiteren Meinungsbildung eine erweiterte Version, die von einer aktuellen, persönlichen Anregung zur weiteren Diskussion der Visualisierung, Gestaltung und Erprobung der Menschenzeit ergänzt wird.


Höchste Zeit, dass ein Buch über das Zeitalter des Menschen geschrieben wurde? Oder doch überflüssige Zeit, mit der Lektüre einen Teil seiner persönlichen Menschenzeit zu opfern? Dem ökologischen Zeitgeist entspricht das Buch „Menschenzeit“ von Christian Schwägerl jedenfalls nicht, es ist Zeitverschwendung höchstens für diejenigen, die sich bereits eine völlig festzementierte Meinung dazu gebildet haben, wie wir in Zukunft mit unserem Planeten weitermachen können.

Die Richtung, so scheint es, gibt Schwägerl gleich mit dem Untertitel vor:
Zerstören oder gestalten? Das ist natürlich zum einen rhetorisch gemeint, denn selbstverständlich zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, dass wir eben nicht zerstören können, ohne den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.  Aber gestalten als Alternative? Das klingt nach der oft verteufelten „Adaptation“, also der Anpassung an die eh nicht mehr aufzuhaltende Umweltzerstörung mit technischen Mitteln. Gutmenschen lieben statt dessen die „Mitigation“, also die Vermeidung von Umweltrisiken.  Schrieb Schwägerl eine Fibel für technophilen Größenwahn, für diejenigen, die meinen, die Erde sei genügend verstanden, so dass man sie nun komplett ingenieursmäßig steuern könne? Agrogentechnik, Geoengineering und molekularbiologische Menschenoptimierung werden die Welt schon retten?

Wer nur kursorisch durchs Buch blättert, könnte diesen Eindruck vielleicht gewinnen. Schon das erste Kapitel heißt „die künstliche Erde“. In Gentechnik sieht Schwägerl tatsächlich eine wesentliche Möglichkeit, künftig 9 Milliarden Menschen zu ernähren.  Selbst „intelligente Gase“ in die Atmosphäre zu pumpen, kann sich Schwägerl grundsätzlich vorstellen und ja, er denkt  sogar, dass es zum Standard werden würde, Gene des Menschen stillzulegen oder anzuwerfen.  Und am Schluss skizziert er sogar noch einen neuen Menschen, der, wann auch immer, dem Homo sapiens nachfolgen könnte.

Wer das Buch komplett in eine Science-fiction-Ecke stellen möchte, hat das Cover nicht ausführlich genug studiert. Dort findet sich nämlich eine Zeichnung des französischen Künstlers Jean de Gourmot aus dem Jahr 1575, in welcher der Weltbeherrscher Mensch als Narr porträtiert wird. Und tatsächlich, das Buch ist auch voll von der Notwendigkeit zu Vermeidungstrategien: weg von fossilen Energien, Effizienzsteigerung und Lebensstiländerung. Allen voran weg vom Fleisch. Fleischverzehr als Ausnahme, als Fest, vielleicht sogar mit säkularen Riten: Habewohlgelebt-Zeremonien vor dem Schlachten und Verzehr von Tieren, die der Konsument persönlich kannte.

Schwägerl verbindet und verwebt die Gegenpole von Mäßigung und Technologiegläubigkeit nicht zu einem Einheitsgrau, sondern zu einem vielfarbigen Fleckenteppich, der schon in seiner Buntheit und Sprache fasziniert. Dem Buch merkt man an, was der Autor meint, wenn er sagt, dass es den Menschen als solchen nicht gibt, sondern dass die bald sieben Milliarden Individuen dieser Spezies mit ihren Gehirnen eine Vielfalt an Gedanken, Träumen, Wissen und Ideen generieren, die es mit der Vielfalt des Regenwalds durchaus aufnehmen kann. Und hier sind wir beim Grundtenor des Buches. Es ist trotz schonungsloser Bestandsaufnahme der Zerstörungskraft des Menschen ein durch und durch optimistisches Buch. Der Autor sieht Wissenschaft als die wesentliche Kultur des Menschen an, er findet sie schon in den Anfängen der menschlichen Kultur. Schon der Urmensch, der die besten Samen nach Versuch und Irrtum auswählte, war ein experimentierender Wissenschaftler. Heute ist es Craig Venter, dem er vieles zutraut, den er aber auch indirekt kritisiert, da er sich von der Erdölindustrie sponsern lässt.

Wissenschaft zur Rettung der Welt, aber eben reflektiert, eingebunden ins Tagesgeschehen, partizipativ und differenziert in möglichst allen Bereichen. Schwägerl ist durchdrungen vom Humboldtschen Gedanken nach Einheit von Wissenschaft und Kultur, von Körper und Geist. Die Vielfalt des Lebens sieht er wichtig für die Wahrnehmung, Zufriedenheit und Kreativität des Menschen. Humboldt drückte dies so aus: „Die Einsicht in den Weltorganismus erzeugt geistigen Genuss und innere Freiheit“. Bemerkenswert, wie Schwägerl daher den Dualismus der Kirchen ob dessen Natur- und Körperfeindlichkeit geißelt, aber auch im materialistischen Monismus keinen Gefallen findet.
Nein, Schwägerl ist Holist, er sieht, wie hinderlich für ein Wissensverständnis die Gegensätze von Körper und Seele, diesseits und jenseits, Natur und Kultur, oder Schöpfer und Schöpfung sind und plädiert für deren Verbindung. Dabei ist er weit davon entfernt, Religionen abschaffen zu wollen. Er hält Religionen eigentlich für ideal gegen Kurzfristdenken, denn sie stabilisieren Lebensziele über Jahrzehnte und Werte sogar über Jahrhunderte. Aber materielles, molekulares und animalisches als moralisch schlecht zu bewerten, die Erde nur als Vorraum, Sinnestäuschung oder Ablenkung zu sehen, trägt nicht dazu bei, Verantwortung für den „Weltorganismus“ zu übernehmen. Religionen könnten sogar viel dazu beitragen, aber das Beten sei in Wünschen übergegangen, das Finanzsystem ein moderner Ablasshandel und apokalyptische Vorstellungen sowie kalvinistische Kurzzeitlebensweise kontraproduktiv.  Er wünscht sich einen grünen Papst, der ohne Papamobil durch die Lande ziehe, am besten um die ganze Welt wandert und mit den Menschen darüber redet, was es bedeutet, dass wir uns nun die Erde untertan gemacht haben.

Aber trotz allen Wissenschaftspositivismus’ zielt Schwägerl mit seiner Kritik auch auf die heutige Wissenschaft. Eine Aufspaltung in Natur- und Geisteswissenschaften sei zu bequem. Und sich gar anzumaßen, die Natur nur naturwissenschaftlich verstehen zu können, helfe auch nicht: die Natur ist keine Maschine, die heutige Neurobiologie sei zu materialistisch.  Auch hier sei ein Verschmelzen angebracht. Eben auch ganzheitlich. Und aus einem ganzheitlichen Ansatz könne sogar eine „Neurobiologie der Naturverbundenheit“ generiert werden – der Mensch als Teil der Natur, ja, aber eben auch Gärtner der Natur, allerdings eben humboldtianisch: nachhaltigen Wohlstand gibt es vor allem aus dem Hineindenken in die Natur, Herausnehmen allein kann nicht funktionieren.

Hier setzt der Autor mit dem ein, was er Biofuturismus nennt. Das beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit. Der Autor wirft neue Aspekte in die Diskussion um ökologische Fußabdrücke, um Gemeinsinn, Gerechtigkeit, die unerwartet sind. Baron d’Holbach meinte schon 1770, dass sich die Rechte des Menschen über seine Mitgeschöpfe nur auf die Glückseligkeit gründen können, die er diesen selbst gewährt. Aus dieser tief antimaterialistischen Haltung leitet Schwägerl dennoch eine freie Marktwirtschaft ab. Nichts liegt ihm ferner als eine irgendwie geartete „Ökodiktatur“.  Freie Marktwirtschaft ja, aber nur, wenn alle Verursacher- und Folgekosten dabei eingespeist sind. Es geht darum, so zu leben und Produkte so zu bepreisen, dass der Mensch nicht nur keine Spur der Zerstörung hinterlässt, sondern dass vielmehr sein Geld dazu dient, technologisch mit den Ökosystemen der Natur zu wachsen statt gegen sie.  Natürlich müssen sich dazu Werte weiter ändern. Freiheit kann nur durch positiven Verzicht verstehen, einem neuen Individualismus traut Schwägerl hier viel zu.

Vielleicht hätte das Buch hier aufhören können. Aber Schwägerl wird nun vollends, und ganz positiv zum Futuristen. Er skizziert einen neuen, auf Wissenschaft aufbauenden Jugendstil. Er schwärmt von abfallfreien, je nach Bedarf neu zusammensetzbaren Bioprodukten, von einer neuen Nachhaltigkeitstechnik, von einem neuen Kunstgefühl, in dem sich Wissenschaft und Kultur treffen. Die Wissenschaft muss die Gebrauchstechnik und die Weltdaten liefern, aber im Worst Case auch die Notmaßnahmen bereitstellen. Nur deshalb ist er dafür, dass auch Geoengineering, also insbesondere das Einblasen von Schmutzpartikeln in die Atmosphäre zur Temperaturreduktion erforscht werden müsse. Zu alle dem braucht es viel Geld. Zum ersten Mal in einem derartigen Zukunftsbuch lese ich hierzu neues über die Alten. Die Wissenschaft hat erkannt, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch und dynamisch bleiben kann. Die Gesellschaft braucht diese Altersweisheit, jedoch keine Altersegoisten, die sich auf ihrem Wohlstand ausruhen.
Wer, wenn nicht die Alten, so sein Credo, könnte denn Verantwortung für die junge Generation übernehmen, etwas zurückgeben von dem materiellen Reichtum, der eben auch durch, wenn auch oft unbewusste, Ausbeutung der Natur erreicht wurde.

Was eine Gesellschaft leisten könnte, die sich auf Langfristigkeit trainiert und ihre Ressourcen in den Dienst eines schonenden Umgangs mit der Erde stellt, beschreibt Schwägerl in Bildern, die heute noch fremd anmuten: China zwingt mit scharfen Grenzwertvorgaben Europa in einen Wettkampf zu Umwelttechnologien, ergrünte Städte produzieren ihre eigenen Lebensmittel und generieren hohe Artenvielfalt. Die islamische Welt hat sich auf ihre wissenschaftlichen Großtaten zurückbesonnen und gestaltet ein „bionisches Kalifat“. Kleidung besteht aus verflüssigbaren biotechnischen Materialien, als weite Sonderwirtschaftsflächen werden Evolutionsgebiete ausgewiesen. Gene in Datenbanken sind öffentlich zugänglich, die Nutzung wird in demokratischen Entscheidungsprozessen geregelt. iBusse und iTrains, grüne True Counter Märkte, Wiederaufbaumärkte, wo echte Preise bezahlt werden, florieren. Autos und größere Elektrogeräte werden nur noch bei Bedarf gemietet, die Kreislaufwirtschaft ist ein Renner. Statt Roter Listen der bedrohten Arten gibt es grüne Listen der Wiederkehr, Aquakulturen flottieren mit Windkraft über die Meere, die Grünhelme der vereinten Nationen regeln eventuelle Krisenfälle, die Weltbevölkerung befindet sich auf einem Schrumpfungspfad. Erwerbsarbeit, Ämter und Ehrenämter sind ein Leben lang durchmischt, die Blütezeit der Wissenschaft hat begonnen.  Natürlich weiß Schwägerl auch, dass er hier bei Visionen, vielleicht auch nur Träumen angelangt ist, entsprechend bezeichnet er eines der Unterkapitel auch als Blütenträume. 

Wem das aber nun schon alles zuviel wurde, sollte vielleicht auf das letzte Kapitel verzichten. Hier wird der Visionär und Biofuturist nun doch ein bisschen zum Utopisten. Er skizziert, wie gegebenenfalls eine neue Menschenart nach dem letzten Individuum des Homo sapiens leben und handeln könnte. Das sind natürlich Spekulationen, aber um die geht es Schwägerl nicht wirklich. Er will nur skizzieren, dass das Ende keine Apokalypse sein muss – zu viel wurde bislang mit dem Beschwören von Apokalypsen verhindert. Er nennt das Schlusskapitel entsprechend eben nicht „Weltuntergang“ sondern „Weltaufgang.“ Ob ihm hier jeder folgen mag, ob wir nach der Lektüre des Buchs tatsächlich unser Langzeitdenken schon so geübt haben, dass wir uns auch einen Menschenzeit 2.0 mit einer anderen Menschenart vorstellen können, muss jeder Leser selbst herausfinden.

Als Fazit stelle ich fest, dass das Buch eine kleine Sensation ist. Wissenschaftlich akribisch recherchiert und mit geeigneten Literaturzitaten versehen ist das Buch ein positives, differenziertes Werk, welches nicht wie viele andere nur lamentiert und fordert. Es kann, so meine ich, vielmehr Lust machen auf eine von uns allen gestaltete Transformation in die Zukunft, auf eine Menschenzeit, in der das Prinzip Verantwortung für die Zukunft ins Grundgesetz aufgenommen wurde und von jedermann wie selbstverständlich akzeptiert wird. Hervorzuheben ist vor allem die Schwägerl’sche Ganzheitlichkeit, nicht nur im naturwissenschaftlichen Ansatz, der im Unterschied zu ähnlichen Zukunftsbüchern nicht nur die Klimafrage, sondern auch die Biodiversität, die Landwirtschaft mit ins Visier nimmt, sondern eben Natur- und Kulturwissenschaften zu einer tatsächlichen Transformationswissenschaft verschmelzen möchte. Vielleicht wird der Leser nicht in allen Bereichen folgen wollen oder können, aber das Buch ist eine Fundgrube für viele neue Ideen und Ansätze in Sachen Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Es ist zudem stilistisch hervorragend geschrieben und bereitet vollen Lesegenuss. Vor allem aber ist es ein subtiles, reflektiertes Mutmacherbuch, und das können Gesellschaft und Politik derzeit wirklich dringend gebrauchen.

Und zum Schluss noch eine persönliche Vision: Müsste man sich die neue Menschenzeit nicht noch besser veranschaulichen, als dies in einem Buch möglich ist? Wie wäre es mit einer museumssparten-übergreifenden, wissenschaftsbasierten, vielleicht sogar partizipativen In- und Outdoor-Ausstellung, etwa unter dem Motto: „Das Anthropozän - Kultur, Technik und Natur für die neue Menschenzeit“?  Hier könnten, vielleicht auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof sowie unter Einbeziehung und entsprechender Gestaltung einer Internationalen Bauausstellung sowie einer Internationalen Garten- und Ackerbauausstellung Zukunftsvisionen für neue, nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweisen und Kulturtechniken visionär dargestellt werden und Berlin gleichermaßen als potentieller Motor und potentielles Beispiel für eine entsprechende Entwicklung diskutiert werden. 




Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

----------------
weitere Informationen zum Buch und zur Menschenzeit:

Samstag, 2. Mai 2009

Charles Darwin zur Einführung (von Julia Voss)

Julia Voss' Einstiegsbuch zu Darwin gehört sicherlich zu den beachtlichsten Neuerscheinungen im Darwin-Jahr, nachfolgend finden Sie Ausschnitte aus einer sehr informativen Rezension in der "Berliner Literaturkritik" vom 21.4.09

Typisch Darwin: Kampf ums Erbe
Julia Voss’ Einführung in Charles Darwins Evolutionstheorie
© Die Berliner Literaturkritik, 21.04.09 (von Mirco Drewes)

Charles Darwin hat mit seinem 1859 veröffentlichten Werk „Origin of Species“, in Deutschland unter dem Titel „Die Entstehung der Arten“ erschienen, Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Seine Evolutionstheorie veränderte den Blick auf die Entstehung und die kosmologisch verbürgte Ordnung von Flora und Fauna grundlegend. Unter den Erkenntnissen und Schlussfolgerungen des studierten Theologen Darwin wandelte sich die Schöpfungsgeschichte zu einem chaotischen und wechselvollen Szenario, in welchem Anpassung an sich ändernde Lebensbedingungen über das Überleben oder Aussterben von Organismen entscheidet und in welchem Wandel und fließende Übergänge unter den Arten das einzig Konstante scheint.
...
Gerade in Zeiten kollektiver Existenzängste wird „Darwinismus“ zur Metapher für den Überlebenskampf unterschiedlicher Gesellschaftsschichten oder Kulturformationen gegeneinander stilisiert; im Wesentlichen sind die Argumentationsmuster auf denselben Reflex zurückzuführen, wie im Fall der sozialpolitischen Debatten des biologistischen Rassismus. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin wird mal zynisch-agitatorisch, mal kritisch-konservativ für oder gegen allerhand Diskurse mobilisiert. Es bleibt die Frage, inwiefern die hergebrachten Denkmuster über den „Darwinismus“ ernst zu nehmende Schlussfolgerungen der darwinschen Evolutionstheorie darstellen oder es sich um das ungenaue Aufgreifen von Schlagworten und das Fortschreiben einer schwierigen Rezeptionsgeschichte handelt. Mit anderen Worten: Wie viel Darwin ist tatsächlich im „Darwinismus“?
Diesen Fragen hat sich FAZ-Redakteurin Julia Voss angenommen, die der Reihe „… zur Einführung“ des Hamburger Junius-Verlages den Band zu Charles Darwin hinzugefügt hat. Um einen Einblick in die Evolutionstheorie geben zu können, ist es erforderlich, Darwins Theorie im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit zu verorten. Julia Voss beschreibt hierzu detailliert und pointiert die Rezeptions- und Entstehungsgeschichte der Veröffentlichungen Charles Darwins und umreißt dabei präzise den zeitgenössischen Stand der Naturforschung. Ziel der Auseinandersetzung ist es, zu einer kulturwissenschaftlich fruchtbaren Einordnung des Werkes Charles Darwins zu gelangen. Daher werden die biografischen Elemente dieser Einführung stets auf das handlungsleitende Interesse bezogen. Nebenbei entwirft Julia Voss ein eindrückliches Panorama der Forschungslandschaft und -methoden im England des 19. Jahrhunderts, spannend und aufschlussreich zu lesen wie eine gut geschriebene Reportage.
...
Darwins Theorie wurde in der Öffentlichkeit diskutiert, journalistisch besprochen und vielfach satirisch aufbereitet. Julia Voss räumt in ihrer Darstellung der Rezeptionsgeschichte mit dem Mythos des Wissenschaftsskandals durch das Formulieren der Evolutionstheorie gründlich auf. Zwar spalteten Darwins Erkenntnisse die Öffentlichkeit in Befürworter und Gegner, aber von einem Aufschrei seitens der Kirche oder breiter Bevölkerungsschichten kann keine Rede sein. Naturforschung und die Ergründung des Ursprungs des Lebens stießen auf großes Interesse und so wurden auch Darwins Theorien abwägend diskutiert und häufig humoristisch verhohnepipelt, wobei sich deren Schöpfer als äußerst beflissener Brief-korrespondent mit Wissenschaftskollegen, Zeitungen und sogar Hobbyforschern beteiligte und teilweise großen Humor bewies.
Zwar sprach Sigmund Freud von der Evolutionstheorie als „großer narzisstischer Kränkung in der Menschheitsgeschichte“, neben derjenigen durch die astronomische Revolution des Kopernikus und durch seine eigene Psychoanalyse und das daraus resultierende Menschenbild. Darwin wurde aber in alle wichtigen wissenschaftlichen Gesellschaften berufen und mit Ehrungen überhäuft, so dass Freuds Einschätzung, zumindest im Hinblick auf die realen Reaktionen des öffentlichen Lebens, als nachträgliche Mythenbildung anzusehen ist. Darüber hinaus fiel die Evolutionstheorie nicht vom Himmel bzw. Darwin genialisch in den Schoß. In „Origin of Species“ setzte sich Darwin selbst mit den Vorläufern seiner Theorie auseinander, zum einen aus wissenschaftlicher Redlichkeit, zum anderen reihte er sich bereitwillig in Forschungstraditionen ein, da ihm der Gestus des Revolutionärs selbst nicht besonders behagte.
...
Zu den Vorwürfen, Darwin sei Atheist, Rassist oder vertrete eine kalte, erbarmungslose Weltsicht, in welcher, im Sinne Hobbes’, ein Krieg aller gegen alle ums Überleben stattfinde, nimmt Julia Voss am Ende ihrer Einführung kritisch Stellung. Darwins Evolutionstheorie muss zur Beantwortung dieser Fragen auf ihren historischen Kontext bezogen werden. Charakteristisch für die Verklammerung von Theologie und Naturforschung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Betrachtung der Tier- und Pflanzenwelt war das „argument from design“, welches 1802 in William Paley einen einflussreichen Vertreter gefunden hatte, dessen „Natürliche Theologie“ auch auf Deutsch und Französisch erschienen war. Dieser Position zufolge, die sich sicher in einer Traditionslinie bis Descartes zurückverfolgen ließe, sei die unverkennbare und Maschinen ähnliche Zweckmäßigkeit der tierischen und pflanzlichen Organe auf ein intelligentes Schöpfungsdesign zurückzuführen, für welches letztlich Gott verantwortlich zeichne.

Demgegenüber war Darwins Anpassungslehre und sein Fokus auf das Ungeordnete und auch Unzureichende des Evolutionsprozesses, seine Theorie des gemeinsamen Ursprungs aller Arten natürlich „profan“, in einem Sinne freilich, der zur Etablierung des naturwissenschaftlichen Denkens und zur institutionalisierten Eigenständigkeit der Biologie als Wissenschaft beitrug. Darwin selbst kamen durch seine Studien Zweifel an einem Schöpfergott, allerdings blieb er mit der Religion Zeit seines Lebens in privatem Einklang und hielt sie für das Leben des Menschen und seine Sittlichkeit wohl für unerlässlich. Julia Voss präsentiert dazu sensibel interpretiert die Briefe der Ehefrau Darwins, Emma Darwin, geborene Wedgwood. Diese sorgte sich ob der gedanklichen Veränderungen und der zunehmenden Skepsis ihres Mannes hinsichtlich der Existenz Gottes und schrieb ihrem Mann dazu zwei Briefe, die er mit großer Dankbarkeit aufnahm und die die Eheleute einander noch näher brachten. Ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen, der die aus der Rezeptionsgeschichte entstandenen Vorstellungen eines naturwissenschaftlichen Angriffs auf die Religion hanebüchen erscheinen lässt. Darwin hielt es mit der Religion im Sinne eines lebenspraktischen Kantianismus.
Als Rassist in seiner Forschung kann Darwin ebenfalls nicht bezeichnet werden. Er lehnte die Einteilung des Menschen nach rassischen Kriterien ab und glaubte nicht an eine evolutionäre Hierarchie der menschlichen Ethnien. Während beispielsweise in Deutschland Ernst Haeckel Studien über die evolutionäre Nachbarschaft zwischen Afrikanern und Gorillas veröffentlichte, verglich Darwin in „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ lieber wohlhabende Engländer und deren Haustiere im Hinblick auf die Ähnlichkeit der gezeigten Emotionen. Vor arroganten kultur-imperialistischen Äußerungen gegenüber der Ur-Bevölkerung Feuerlands schreckte er jedoch – absolut typisch für seine Zeit – nicht zurück.

Zu guter Letzt ist die landläufige Vorstellung des „Darwinismus“ als Ideologie des Überlebenskampfes der Individuen gegeneinander zu korrigieren. Voss belegt überzeugend die Grundlegung dieser Fehlinterpretation der Evolutionstheorie gerade in Deutschland durch die sehr unglücklichen und nicht autorisierten (Autoren- und Urheberrechte waren im 19. Jahrhundert noch kein justiziables Thema) Übersetzungen von „Origin of Species“. Im Kern besagt Darwins Theorie nichts weiter, als dass die bestangepassten Organismen überleben, wozu auch kollektive Strategien von Solidarität und Fürsorge beitragen können. Die von Darwin verwendeten Begriffe im Themenbereich der Selektion wie „struggle“ oder „survival of the fittest“ wurden durch die deutschen Übersetzer mit „Kampf“ oder „Überleben des Stärkeren“ unglücklich oder mutwillig falsch wiedergegeben.
Als problematisch für die Darwin-Interpretation hat sich zudem dessen Übernahme der Sozialphilosophie von Thomas Malthus erwiesen, der ein stärkeres Wachstum der Bevölkerung als der Nahrungsmittelressourcen prognostizierte und daher die Idee eines Kampfes um Lebensgrundlagen auf den Menschen übertrug. Zwar adaptierte Darwin dieses Modell in Hinsicht auf die Notwendigkeit, kulturelle Überlebenstechniken entwickeln zu müssen, die Korrumpierbarkeit dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Wie sich gezeigt hat, war die Prognose Malthus’ zudem falsch, die gegenwärtige Welt hat vielmehr das Problem ungleicher Verteilung. Heutigen biologistisch argumentierenden Rassisten oder den Allmachtsfantasien der Gen-Designer gegenüber hätte Darwin wohl auf die natürliche Variation und den Faktor Zufall als Prinzipien der Evolution verwiesen, die nicht als „gut“ oder „schlecht“ planbar ist.

Julia Voss ist eine sehr informative und spannend zu lesende Einführung in Leben und Werk Darwins gelungen. Den kritischen Horizont der Evolutionstheorie leuchtet sie überzeugend und plausibel aus, zudem weiß ihre Darstellung durch eine sinnvolle Gliederung zu gefallen, die Biografisches, die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Evolutionstheorie berücksichtigt und in gebotener Präzision deren theoretischen Kern diskursiv offenlegt. Als Einstieg in ein Studium des berühmten Naturforschers kann „Charles Darwin zur Einführung“ nur empfohlen werden, aber auch als unterhaltsames Stück Wissenschaftsgeschichte ist sie sehr lesbar, gerade aufgrund der kulturkritischen Perspektive auf das umstrittene Erbe Darwins.

Von Mirco Drewes

Literaturangaben:
VOSS, JULIA: Charles Darwin zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2008. 217 S., 13,90 €.

> zur gesamten Rezension