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Dienstag, 19. Juli 2011

Darwin und kein Ende?

Heute einmal in eigener Sache. Basierend auf dem an der Humboldt-Universität durchgeführten Symposium "Streit um Darwin" sind nun die  Ergebnisse in überarbeiteter, stark ergänzter und reich bebilderter Form in Buchform erschienen. Das Buch richtet sich insbesondere an Biologie- und Theologielehrer, ist aber auch für alle anderen am Thema interessierten Leser geeignet.

Aus der Verlagsinformation:

Herausgegeben von Horst Bayrhuber, Astrid Faber, Reinhold Leinfelder

Darwin und kein Ende?
Kontroversen zu Evolution und Schöpfung

Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie hat die Biologie revolutioniert. Sie wurde seit dem 19. Jahrhundert enorm weiterentwickelt und vielfältig abgesichert, hat aber das menschliche Welt- und Selbstverständnis so nachhaltig beeinflusst, dass sie bis heute Gegenstand heftiger Diskussionen und Kontroversen ist. Von religionsfundamentalistischer Seite wird die Evolutionstheorie abgelehnt; von szientistischer Seite wird sie oft zur Widerlegung des religiösen Glaubens angeführt.
In diesem Buch setzen sich Biologen und Theologen in 12 Beiträgen mit dem Thema „Evolution und Schöpfung“ auseinander, wobei kein Widerspruch zwischen naturwissen- schaftlichen Aussagen zur Evolution und theologischen Aussagen zur Schöpfung gesehen wird. Die lebendigen Kontroversen zu Evolution und Schöpfung, zu Atheismus und Intelligent Design sind auch im Unterricht Thema. Lehrkräfte erhalten in diesem Buch profunde Hintergrundinformationen, wobei auch aktuelle Untersuchungen zu Einstellungen und Vorstellungen von SchülerInnen dargestellt werden. Das umfangreiche Bild- und Textmaterial unterstützt eine fächerverbindende Bearbeitung des Themas.

Die Herausgeber:
Prof. Dr. Horst Bayrhuber ist Biologiedidaktiker und Herausgeber des Schulbuches Linder Biologie. Er war bis 2007 Direktor am IPN in Kiel.
Astrid Faber ist Diplom-Biologin und arbeitet im Bereich Museumspädagogik am Museum für Naturkunde, Berlin.
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Paläontologe und Geobiologe an der Humboldt Universität zu Berlin und war bis 2010 Generaldirektor des Museums für Naturkunde, Berlin.



Die Autoren: Roman Asshoff, Horst Bayrhuber, Dirk Evers, Marcus Hammann, Hansjörg Hemminger, Uwe Hoßfeld, Britta Klose, Martina Kölbl-Ebert, Reinhold Leinfelder, Harald Lesch, Martin Rothgangel, Richard Schröder, Annette Upmeier zu Belzen


Textsammlung, mit Texten von Charles Darwin, Ernst Haeckel, Jostein Gaarder, Albert Einstein, Karl Barth, Stephen Jay Gould, Richard David Precht, Tycho Brahe, William Paley, Daniel Dennett, Bertrand Russell, Richard Dawkins, Monika Maron, Genesis, Joseph Haydn, Heinrich Heine und weiteren.


Horst Bayrhuber, Astrid Faber, Reinhold Leinfelder, 2011, Darwin und kein Ende? Kontroversen zu Evolution und Schöpfung. 21,5 x 23 cm, 240 Seiten, vierfarbig, Hardcover, mit Lesebändchen, Friedrich-Verlag (Klett-Gruppe), ISBN 978-3-7800-1078-0 € 27,95

Weitere Informationen:

> Verlagsseite
> Inhaltsverzeichnis (pdf, 444 kb)
> Vorwort (pdf, 1033 kb)

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Korrektur / Update zum Anthropozän (Stand 9. Aug. 2011): Auf S. 33 des Buchs wurde bzgl. des Beginns des Anthropozäns leider nicht exakt formuliert. Korrekt ist, dass mit dem Beginn der menschlichen Kultur die teils sehr starken menschlichen Einflüsse auf die Umwelt begannen. Steffen, Crutzen & McNeil (2007) sprechen hierbei jedoch von präanthropozänen Ereignissen innerhalb des Pleistozäns und Holozäns. Das eigentliche Anthropozän lassen die Autoren erst etwa um das Jahr 1800, also mit dem ersten Industrialisierungsschub beginnen. Dies basiert auf dem  Originalvorschlag von Paul Crutzen und Eugene Stoermer (2000) bzw. Paul Crutzen (2002). Allerdings wird der Beginn des Anthropozäns nach wie vor sehr kontrovers diskutiert und ist bislang noch nicht verbindlich festgelegt. So schlug Ruddiman (2003) in einer umfassenden, gut dokumentierten Stellungnahme zu Crutzen & Stoermer (2002) vor, den Anthropozän-Beginn auf mehrere Tausend Jahre (bis zu 8000 Jahre vor heute) zurückzuverlegen (Early Anthropocene sensu Ruddiman). Doughty et al (2010) griffen dies nochmals auf und sehen gute Argumente dafür, den Beginn des Anthropozäns tatsächlich ins Pleistozän zurückzuverlegen.  Zur aktuellen Diskussion siehe u.a. Steffen et al. (2011) und Ellis (2011). Weitere Infos zum Anthropozän unter http://en.wikipedia.org/wiki/Anthropocene (Abfrage am 9.8.2011) sowie demnächst unter http://www.anthropocene.de.

Zitierte Literatur:
Crutzen, P. & Stoermer, E. (2000): The 'Anthropocene'". Global Change  Newsletter 41, S. 17-18, IGBP ((Royal Swedish Academy of Sciences, Stockholm)
Crutzen, P.  (2002) Geology of mankind. Nature 415 (6867): 23. doi:10.1038/415023a
Doughty, C. E.; Wolf, A.; Field, C. B. (2010): "Biophysical feedbacks between the Pleistocene megafauna extinction and climate: The first human-induced global warming?". Geophysical Research Letters 37 (L15703): 1–5. doi:10.1029/2010GL043985.
Ellis, E.C. (2011): Anthropogenic transformation of the terrestrial biosphere. Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.1010 -1035. doi: 10.1098/rsta.2010.0331
Ruddiman, William F. (2003): The anthropogenic greenhouse era began thousands of years ago.- Climatic Change 61 (3): 261–293. doi:10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa
Steffen, W., Crutzen, P.J. & McNeill, J.R. (2007): The Anthropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature. AMBIO: A Journal of the Human Environment, 36(8), S.614-621. doi: 10.1579/0044-7447(2007)36[614:TAAHNO]2.0.CO;2
Steffen, W., Grinevald J, Crutzen P &  McNeill J. (2011): The Anthropocene: conceptual and historical perspectives. Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.842 -867. doi: 10.1098/rsta.2010.0327
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Sonntag, 10. April 2011

Evolution und Biodiversität als Comic

Comics und Cartoons erleben nicht nur eine Renaissance, sie sind offensichtlich auch ganz besonders geeignet, um neue Übersetzungswege und neue Interessenten für Wissenschaftsthemen zu finden. Einer der renommiertesten Comiczeichner ist sicherlich Jens Harder. Sein Buch Alpha directions, ein Band einer Trilogie zur Darstellung der Entwicklung der Erdgeschichte und der Evolution, hat Maßstäbe gesetzt, viele Fans fiebern bereits dem nächsten Band entgegen. Alpha directions wurde im Museum für Naturkunde Berlin vorgestellt, die Medien berichteten eifrig, etwa die Berliner Morgenpost (vom 26.5.2010):

"Das Jahrhundertwerk entsteht mit Blick auf den Fußballplatz. Jens Harder beugt sich tief über den Glastisch, wenn er zeichnet, dann taucht er in Epochen mit Namen wie Kryptozoikum oder Känozoikum ein. Und das ist ein gewaltiger Schritt zurück, denn das Känozoikum, die Erdneuzeit, begann vor gut 65 Millionen Jahren. Lange her! Momentan ist Jens Harder mit dem Paläolithikum beschäftigt, der Altsteinzeit, in der der Mensch sich in Wäldern und Savannen herausbildet.
Er stellt dar, wie der Mensch den aufrechten Gang lernt, wie er Nahrung sucht und Werkzeuge entdeckt. Wenn der Zeichner den Stift beiseite legt und hochschaut, sieht er homo sapiens in kurzen Hosen, die im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark trainieren. Alle Menschheitsgeschichte ist zugleich auch Gegenwart. Und umgekehrt.  ..." (> ganzen Artikel lesen).
Eine Rezension mit Bildstrecke aus Alpha directions gibt es auf Spiegel online.
 
Nun hat es auch mich erwischt. Der ebenfalls cartoon-o-phile Illustrator Jan Feindt, der auch das wunderschöne Buch "Tiefsee: Von Schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen" von Dagmar Röhrlich (Mareverlag, 2010) illustrierte,  hat nun ein von mir gegebenes Interview zur Bedeutung der Biodiversität zusammen mit Autorin Alexandra Hamann in einen Cartoon umgesetzt. Wer Interesse hat, kann ja mal schauen. Das Museum für Naturkunde ist mit Dinosauriersaal und Biodiversitätswand sehr gut zu erkennen. Meine Person wurde vom Zeichner aus "künstlerischen Gründen" allerdings bewusst deutlich verfremdet. So sollte man auch meinen erhobenen Zeigefinger nicht als zu realistisch betrachten ;-)
Das Cartoon-Interview ist unter dem Namen "Diversity Inaction" auf der US-amerikanischen Cartoon-Movement-Website veröffentlicht und thematisiert insbesondere den Bienentod, der insbesondere in den USA massenhaft auftritt.

(zur aktuellen Diskussion um den massenhaften Bienentod siehe auch Focus online-Artikel)


Buchempfehlung:
"Tiefsee: Von Schwarzen Rauchern und blinkenden Fischen" von Dagmar Röhrlich, mit Illustrationen von Jan Feindt (Mareverlag, 2010)
Rezension u.a. auf NDR

Mittwoch, 3. Februar 2010

Wir lieben nur, was wir kennen

von Reinhold Leinfelder

02. Februar 2010: Was würde Charles Darwin sagen, wenn er sich heute auf der Erde umsähe? Die Bestätigung und Weiterentwicklung seiner Evolutionstheorie würde ihn gewiss freuen. Zugleich wäre er wohl entsetzt über den ökologischen Zustand so mancher Regionen, die er bei seiner Reise mit der "Beagle" besuchte: den Pantanal-Regenwald in Brasilien, der vom Zuckerrohranbau bedroht wird, die industrielle Überfischung vor Chile, die Gefährdung des Galapagos-Pinguins, das Abtauchen vieler Korallenriffe im Pazifik.

Vielleicht würde Darwin sich da die Bemerkung nicht verkneifen, dieses globalen Selektionsversuchs durch den Menschen bedürfe es doch wirklich nicht mehr, um seine Theorie zu untermauern. Und er könnte sich zu dem Hinweis genötigt fühlen, dass die Evolutionstheorie nicht zu sehr zur Erklärung der kulturellen Evolution herangezogen werden sollte und insbesondere nicht zur Rechtfertigung einer utilitaristischen Moral taugt, nach welcher unser Umgang mit dem Rest der Natur sich letztlich an dem Prinzip des mittelalterlichen Gewürzhandels orientiert, wo nur das, was uns nützt, Chance auf Beachtung und Pflege hat.


Umweltbewusstsein ansteigend

Warum aber sollen wir uns dann um die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten bemühen? Immerhin, Klima- und Umweltschutz sind heute auf den höchsten Ebenen angekommen. Anlässlich der Eröffnung des Jahrs der biologischen Vielfalt im Berliner Museum für Naturkunde gaben die Bundeskanzlerin, in- und ausländische Umweltminister sowie hochrangige UN-Vertreter wieder ein eindeutiges Bekenntnis zur Notwendigkeit nachhaltigen Umweltwirtschaftens und zum Biodiversitätsschutz ab. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist das Umweltbewusstsein stark angestiegen - Klimaschutz gehört laut Umfragen zu den Themen, welche die Deutschen am meisten bewegen, und selbst das sperrige Wort Biodiversität ist inzwischen kein Fremdwort mehr. Regenwaldabholzung, Riffsterben oder ökologische Schäden durch eine übertechnisierte Landwirtschaft sind allgemein bekannt.
Die Botschaft wird also verkündet, nur gehört wird sie offenbar nicht. Die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe kommt nicht recht voran. In Kopenhagen ist kein Vertrag zum Klimaschutz zustande gekommen, die von den UN für 2010 gesteckten Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind nicht erreicht worden.

Woran liegt es? Haben wir alles schon zu oft gehört, und die Erde dreht sich immer noch? Und zeigt uns die Erdgeschichte nicht, dass sich Klima, Umwelt, Biodiversität schon immer geändert haben, wir also vielleicht nur ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Natur sich selbst und damit auch uns von allein hilft? Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, welche die Fakten durchaus zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass es nach Korallenriffsterben in der Erdgeschichte Millionen von Jahren gedauert hat, bis sich diese wieder erholten. Oder dass sich das Klima zwar auch nach dem Erscheinen des Homo sapiens noch kräftig geändert hat, es aber seit der Entwicklung von Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur und Industrie global betrachtet extrem stabil war.


Die emotionale Dimension

Doch auch die Einsicht in die Gefahr, die der Organismen-Vielfalt auf der Erde droht, scheint noch nicht zu reichen. Offenbar ist selbst denen, die ihre Augen nicht verschließen, immer noch unklar, was hier wirklich auf dem Spiel steht. ..... (weiterlesen, >> zum ganzen Artikel auf FAZ-net vom 2.2.2010)

(gedruckt erschienen am 31.1.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, S. 54)


Dienstag, 8. Dezember 2009

Klima als Selektionsfaktor - ein Interview zu Kopenhagen

Klima sucht Schutz

Drei Fragen zum Klimagipfel in Kopenhagen. Beantwortet von Reinhold Leinfelder
Aus www.klima-sucht-schutz.de vom 6.12.09:



1. Welcher Aspekt des Klimawandels wird bei der öffentlichen Diskussion in 
Deutschland bisher vernachlässigt?

Noch sehr wenig öffentlich berücksichtigt ist die enge Verbindung zwischen Biosphäre und Klima. So verschieben sich Ökosysteme bei Klimaerwärmung nicht einfach weiter polwärts oder in größere Höhen, sondern es kann zu einem kompletten Umbau kommen. Des Weiteren werden kumulative Effekte und "Kippelement-Reaktionen" zunehmen. Dies bedeutet, dass bei Erreichen eines bestimmten klimatischen Schwellenpunkts ganze Kaskaden von irreversiblen und sehr raschen Änderungen auftreten können – der berühmte letzte Tropfen bring das Fass zum Überlaufen. 

Ein Beispiel sei genannt: Gesunde Korallenriffe vertragen ohne weiteres eine vorübergehende Überhitzung des Wassers, sie werden zwar geschädigt, aber erholen sich davon. Andere, die bereits an Übersäuerung – auch ein Klimaeffekt –, Überdüngung oder Überfischung leiden, können beim selben kleinen Überhitzungsereignis komplett kollabieren. Auch gesunde Riffe können kollabieren, wenn die Überhitzungsereignisse einfach zu oft auftreten und die Regenerationszeiten dazwischen zu kurz werden. Die umfassenden Ökosystemgüter und -dienstleistungen der Korallenriffe für die Menschen sind natürlich davon betroffen – neuere Arbeiten gehen von einem ökonomischen Nutzen der Korallenriffe von ca. 270 Milliarden Euro pro Jahr aus. Umso wichtiger ist es, jetzt endlich zu einer umfassenden Reduktion des anthropogenen CO2 zu kommen, um das 2 °C-Ziel einzuhalten.


2. Was wäre aus Ihrer Sicht die wirkungsvollste Klimaschutzmaßnahme auf internationaler Ebene? 



Die atmosphärische CO2-Wanne ist schon sehr voll, aber der Abfluss ist viel kleiner als der Zulauf, deshalb muss dieser Zulauf ganz stark zurückgedreht werden. An der umfassenden Reduktion von anthropogenem CO2 führt kein Weg vorbei, denn CO2 akkumuliert wegen seiner langen Verweildauer in der Atmosphäre über hunderte und tausende von Jahren. Hierzu müsste eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung zur Einhaltung des 2-Grad-Temperaturziels sowie ein einfacher, transparenter und gerechter Verteilungs- und Handelsmechanismus, etwa wie ihn der WBGU vor kurzem vorgeschlagen hat.

Außerdem müssen eventuelle Schlupflöcher gestopft werden. Deshalb sollte sich der Emissionshandel auf fossiles CO2 beschränken. Es ist schon eine gute Idee, dass auch Gelder an arme Länder fließen können, wenn diese keine Wälder mehr abholzen. Die REDD-Regelung (Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern) soll dies gewährleisten, nur ist bei Gegenverrechnung mit fossilem CO2 Missbrauchsgefahr gegeben. Man könnte nämlich einige Waldgebiete unter REDD-Schutz stellen, dafür Gelder kassieren, aber die ungeschützten Wälder drumherum abholzen, das wäre eine klassische Milchmädchenrechnung. Auch dürfen keine Länder die Leidtragenden sein, die bislang schon, wie etwa Costa Rica deutlich mehr Wälder unter Schutz gestellt haben und deshalb von den neuen Regelungen gar nicht mehr profitieren könnten.

Auch andere Querverrechnungen, etwa durch Reduktion anderer Treibhausgase, oder durch Berücksichtigung früher nicht verwendeter Emissionsanteile sollten nicht möglich gemacht werden. Zwar ist es notwendig, auch Methan, Lachgas und andere Treibhausgase zu reduzieren, wegen der Kurzlebigkeit etwa von Methan, ist der Effekt jedoch langfristig wesentlich geringer als bei der Reduktion von CO2, weshalb man hier nicht mit CO2-Äquivalenten rechnen sollte. Wie "kreativ" die Schlupflochsuche ist, zeigt ein weiterer Vorschlag Indonesiens, doch nationale Meeresflächen der Länder als CO2-Senken anerkennen zu lassen und dies in den CO2-Budgethandel mit einbauen zu können.



3. Ich glaube nicht an wirkungsvolle Ergebnisse des Gipfels, weil...

...es momentan mit Kopenhagen nicht sehr gut aussieht. Aber vielleicht ist die derzeitige Situation auch eine Chance, allerdings nur, wenn Schlüsselländer wie USA, China, Indien und natürlich die EU-Vertreter wirklich mit ihren Spitzen nach Kopenhagen kommen, und doch mehr im Koffer haben, als sie derzeit aus taktischen Gründen vielleicht zugeben. Eine verbindliche Vereinbarung zum 2-Grad-Ziel wäre ein großer Durchbruch, und könnte als Zielvorgabe ermöglichen, in Nachverhandlungen ein gerechtes, transparentes und einfaches Regelwerk auszuhandeln.

Befürchtungen wecken aber auch die nun stark zunehmenden Diskussionen auch von Seiten mancher technologisch orientierten Wissenschaftler, ob denn das 2-Grad-Ziel wirklich so wichtig sei bzw. überhaupt noch umzusetzen sei. Maßnahmen des Geoengineerings, etwa das dauerhafte Einbringen von Schwefelartikeln oder Spiegelflittern in die Atmosphäre zur Reduzierung der Sonneneinstrahlung auf der Erde werden genannt, aber auch die Forderung nach Akzeptieren der Klimaänderung, woraus sich nun zu fördernde technologische Anpassungsmöglichkeit durch Höherverlagerung von Dämmen, schwimmenden Städten, gentechnisch dominierter Welternährung etc. ergäbe. Derartige Vorstöße könnten in einem gefährlichen Relativismus bzw. einer falschen Technologiegläubigkeit resultieren.
Um nicht missverstanden zu werden: um gewisse Anpassungsmaßnahmen werden wir nicht herum kommen, auch 2 Grad (gemittelte) globale Temperaturerhöhung macht dies nötig. Aber Anpassungen allein werden nicht ausreichen, Vermeidungen von anthropogenem CO2-Ausstoß und damit der Aufbruch in ein überwiegend "postkarbones" Zeitalter müssen nun endlich eingeläutet werden.

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe, in seinen aktuellen Forschungen beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Riffen, Umweltveränderungen und neuen Methoden des Wissenstransfers. Seit 2006 steht er dem Museum für Naturkunde in Berlin als Generaldirektor vor. Er ist Vorsitzender des Konsortiums "Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen", Gründungsmitglied des Geo-Bio-Zentrums an der Universität München sowie Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2008 gehört er dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) an.


Der Webdienst Klima sucht Schutz ist vom Bundesumweltministerium gefördert und bietet unter anderem ein Themenspezial zum Klimagipfel in Kopenhagen, Kurzinformationen zum Klimawandel, umfassende Energiespartipps, sowie Anregungen für Mitmachprojekte.
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Mittwoch, 21. Oktober 2009

Streit um Darwin - Öffentliche Tagung, Berlin, 14.11.2009



Streit um Darwin

Kreationismus und Szientismus aus biologischer, wissenschaftstheoretischer und theologischer Sicht.


Öffentliche Tagung im Audimax der Humboldt-Universität
Samstag, 14.11.2009, freier Eintritt

Eine Veranstaltung des Museums für Naturkunde Berlin - Leibniz-Institut für Evolutions-und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, gefördert von der Friedrich Stiftung. In Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin

"Geht es in der Welt mit rechten Dingen zu?"

Der methodische Naturalismus ist die Grundlage für die modernen Naturwissenschaften. Unter Verwendung minimaler metaphysischer Annahmen und der Hypothese maximalen Realismus, versuchen Naturwissenschaften möglichst transparent den evolutionären Charakter der Natur zu erklären. Mithilfe einiger Sparsamkeitsprinzipien und der strikten Anwendung des kritischen Rationalismus hat sich damit ein für alle zugängliches Programm entwickelt, das sowohl die Entwicklung des Kosmos als Ganzes als auch seiner Teilbereiche immer besser und besser versteht.

Harald Lesch ist seit 1995 Professor für theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtet Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Einer breiten Öffentlichkeit ist er durch die Moderation der ZDF-Wissensreihe »Abenteuer Forschung« und der BR-Sendereihe alpha-Centauri bekannt. Prof. Lesch ist Autor zahlreicher Bücher und wurde vielfach für seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit ausgezeichnet.

Prof.Dr.Harald Lesch, Einführungsvortrag 10.15 –11.00 Uhr



"Unser Menschenbild heute"

Die biologische Revolution des 19. Jahrhunderts hat unser Menschenbild tief erschüttert. Der Mensch steht nicht länger frei über der Natur, sondern er ist ein Teil von ihr. Und die Geschichte des Menschen und seiner Psyche muss von der Bakterie an aufwärts erzählt werden. Doch lässt sich all unser menschliches Verhalten rein naturwissenschaftlich erklären? In welchem Verhältnis stehen Physis und Psyche, Biologie und Kultur? Auch 150 Jahre nach Darwins »Entstehung der Arten« herrscht über diese Frage große Unklarheit. Der Philosoph und Publizist Richard David Precht vermisst das Terrain der konkurrierenden Deutungen über die Natur des Menschen und zieht seine eigenen Schlussfolgerungen.

Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Schriftsteller und als Autor von erfolgreichen Büchern zu philosophischen Themen bekannt geworden. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten, sowie als Fellow bei der »Chicago Tribune«. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Seinen bislang größten Erfolg erlangte er mit dem Buch »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?«, einer Einführung in die Philosophie mit Verbindungen zur Hirnforschung, Psychologie und Anthropologie.

Dr. Richard David Precht, Vortrag 13.15 –14.00 Uhr



Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie hat die Biologie revolutioniert. Sie wurde seither mit neuen Methoden enorm weiterentwickelt und vielfältig abgesichert. Kein einziges Ergebnis der Biologie widerspricht der Evolutionstheorie. Dennoch wird die Evolutionstheorie seit ihrer erstmaligen Veröffentlichung teilweise angefeindet und zweckentfremdet. Kreationisten bezweifeln sie nach wie vor und kreieren eigene pseudowissenschaftliche Thesen.

Dagegen ist strikt zu trennen zwischen nachprüfbaren naturwissenschaftlichen Aussagen der Evolutionstheorie über die Entstehung und allmähliche Veränderung der Lebewesen und nicht nachprüfbaren theologischen Aussagen über den Sinn und das Ziel des menschlichen Lebens. Biologische und theologische Argumente geraten bei strikter Trennung nicht in Widerspruch. Dementsprechend lassen die großen Kirchen in Deutschland in der Regel keinen Zweifel an der Gültigkeit der Evolutionstheorie aufkommen.

Die Aussage, dass Naturwissenschaften und Gottesglaube sich nicht ausschließen, ist allerdings auch in der Biologie umstritten. Eine Gruppe Evolutionsbiologen im Gefolge von Richard Dawkins glaubt aus der Evolutionstheorie Atheismus ableiten zu können. Gemäß dieser biologistisch-szientistischen Auffassung lassen sich alle Fragen mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden beantworten. Auf der Tagung setzen sich Biologen, Fachdidaktiker, Journalisten, Theologen und Wissenschaftstheoretiker mit dem Kreationismus und szientistischen Positionen auseinander und wagen den Versuch, ein Resümee sowie didaktische Empfehlungen aus den vielfältigen Diskussionen und Diskursen des laufenden Darwin-Jahrs zu erarbeiten.

Prof. Dr. Horst Bayrhuber
ehemaliger Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder
Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin


Klick auf das nachstehende Programm vergrößert dieses:


Ausstellung:


> nähere Infos und Tagungsflyer als pdf:
www.naturkundemuseum-berlin.de/streit-um-darwin

Grafiken: Nils Hoff, © Museum für Naturkunde Berlin (kann im Kontext mit obiger Tagung bzw. der Darwin-Ausstellung des Museums für nicht kommerzielle Zwecke unter Copyrightangabe verwendet werden)

Sonntag, 18. Oktober 2009

Evolutionäre Medizin - den Globus heilen

Von Reinhold Leinfelder

Vom 14. - 18. Oktober 2009 fand unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin sowie des französischen Staatspräsidenten der World Health Summit an der Charité in Berlin statt. Im Rahmen dieses Gipfels organisierte die Charité mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Volkswagenstiftung ein hochrangiges Arbeitssymposium zum neuen Forschungsfeld "Evolutionäre Medizin" unter dem Thema "Diseases of Civilisation", welches am 13. und 14. Oktober 2010 unter der Leitung von Prof. Dr. Randolph Nesse stattfand.
(Bild aus theobservershunch.blogspot.com/2007/02/evolution-cartoons.html)

Der Tagesspiegel schreibt hierzu (16.10.09): "... das Anliegen des amerikanischen Biologen Randolph Nesse, der ebenfalls an der Eröffnungspressekonferenz teilnahm, .... Er hoffe, dass alle von dem Kongress mitnähmen, wie wichtig Darwin für die Medizin sei, sagte er. „Um zu verstehen, warum unser Körper von bestimmten Erkrankungen bedroht ist, müssen wir die Gründe für die natürliche Selektion verstehen.“ Nesse gilt als einer der Begründer der evolutionären Medizin. Forscher auf diesem Gebiet versuchen, Krankheiten im Rahmen der Evolution zu erklären.
Man könne die Regeln der Evolutionstheorie auch auf das Gesundheitssystem anwenden, sagte Nesse und verwies auf das Motto des Gipfels „Evolution der Medizin“. Auch das Gesundheitssystem sei etwas, das gewachsen und von äußeren Kräften geformt worden sei. Das Ergebnis sei genauso fehlerhaft wie der menschliche Körper. So sei es ein offensichtlicher Makel, dass manche Länder wichtige Medikamente nicht hätten, weil sie sich diese nicht leisten können. „Wir müssen endlich verstehen, warum das so ist, und es ändern.“ (> zum Artikel).

Am Abend des 13.10. fand im Dinosauriersaal des kooperierenden Museums für Naturkunde Berlin ein Abendempfang für die Symposiumsteilnehmer zur Evolutionären Medizin statt. Natürlich wurde auch die Darwin-Ausstellung besichtigt. Das Grußwort des Generaldirektors finden Sie nachstehend. (> mehr Infos zu evolutionärer Medizin)

---- Welcome Address by Reinhold Leinfelder ----

Dear Dr. Detlev Ganten, dear Dr. Randolph Nesse, dear colleagues, ladies and gentlemen,

After you have had a first fruitful day at the symposium „Evolutionary Medicine“, which is an integral part of the World Health Summit here in Berlin, it is a pleasure to welcome you here to a "night at the museum", the Museum für Naturkunde. You are here in the midst of these old guys, actually they are very old, about 150 Million years old, but as you might know, you are not in a exhibition temple but rather in a vivid research museum which houses - as our major research infrastructure - more than 30 million objects. However, I won’t tell you about all these objects tonight, I’d rather tell you a bit, how this museum, with its main focus on evolution, also has its, partly unexpected, relations to medicine.

Here are a few examples:

As the Charité, the museum also celebrates an important anniversary next year, but whereas the Charité will have its 300. anniversary, we are only 200 years old (and this building is even younger, namely from 1889). However our collections are partially much older, dating back in some cases to the 16th century, and a lot of material is from the 18th century.

Actually, one of the oldest and culturally as well as scientifically most important collections which we house is from a physician from Berlin, Marcus Elesier Bloch who collected this material in the 18th century. He is considered the founder of ichthyology, the science of fishes. Being a physician, his scientific work is really special. It is amazing, how he described the anatomy of known and new species, including their ecological behaviour, and how he added very fine copperplate prints - but he went further: To each and every of the described species, he added the best cooking recipe, and not only this - he even suggested variations. If you have a weak stomach, he suggests a different cooking style than if you can have it more spicy. And he even gave, let’s say, pyschotheological advice: Although the cat fish is delicious, it is, in his eyes, so ugly that it would be a sin to eat and relish this devilish fish. However, he still gives advise how those who eat it, should cook it.

Or another example: Actually, it were the Humboldt brothers who convinced the prussian King that all these very distributed collections, housed at the King’s palace, at various academies and so forth would be lost for research and eductiation if they would not be gathered. Hence, geological, palaeontological, zoological and anatomical collections were gathered and transferred to the newly founded Berlin University (founded in 1810). This was the start of what is now called Museum für Naturkunde, but Virchow who became Ordinarius Professor in 1856 wanted his own museum, and the other collection professors wanted theirs, too. Virchow got his museum in 1899, and we got ours 10 years earlier, which is this very building. By the way, not only Virchow, but also we have meanwhile left university - since the beginning of this year we are an independant foundation and belong to the prestigious Leibniz Association.

In a way it was consequent to split at that time, because Virchow was not really a fan of Darwin, whereas the Museum für Naturkunde always was and continues to be. But as we see, nowadays, physicians are also fans of evolution :-)

This is why today we very fruitfully work together with physicians, such as Dr. Hanns Christian Gunga, from the Charité, who helps us to find out how lungs, heart, blood vessels and stomach must have worked to get this guy (Brachiosaurus brancai) going. By working together with anatomists and physicians, we also know that some dinosaurs must have had strong backaches.

We could add many more examples demonstrating how medicinical aspects and evolution tie together. For instance, we know that several pathways of evolution, such as in some ammonites went through pathogenic traits which were positively selected.

Thus, medicine does help us to understand evolution.
Now it is about time that evolution helps us to understand medicine.

Let me add another thought in this respect.
We here at the museum do not only focus on evolutionary processes, but we also study the product of evolution, biodiversity and selective parameters such as climate change. We believe we know a lot about such complex systems, but we also are aware of the fact that we still know too little. Hence, it appears even more puzzling to us when some geotechnicians come up with ideas of „geoengineering“ in order to „manage“ the climate of the world. They are thinking about fertilising the sea to cause artificial plankton blooms (hoping these nifty critters might use up carbon dioxide), or to continuously blow dust into the atmosphere to shade the world from the sun and hence avoid further heating up.

Well, if we would do the latter, we might have a „nice“ grey sky without sun - and again I see an impact to medicine. Probably there would be less skin cancer, so less dermatologists would be needed, but don’t worry about your profession. We would need much more psychotherapists because I would assume a strong increase of depressions owing to lack of sunlight.

Dear colleagues, as scientists we know that simply curing symptoms by, say, technical treatment is no sustainable solution. We are very glad that a similar view is increasingly been adopted in medicine.

Theodosius Dhobzansky, a famous evolutionary biologist said a wise and frequently cited word in 1970: "Nothing makes sense in biology except in the light of evolution".
I think time is ripe to extend this and also say: "Nothing makes sense in medicine except in the light of evolution".

We hope you will proceed rapidly with this new process-based research. Our collections are a research infrastructure open to all researchers. So if you would like to check our moskitos, bats or apes preserved in alcohol, our fur collections, or any other objects for viruses, bugs or any other so-called pests, feel free to do so.

However, we might not have to start this today, this evening is to celebrate and talk together. Once again, nice having you here, enjoy your night at the museum!

Reinhold Leinfelder, 13. Oct 2009, Museum für Naturkunde, Dinosaur Hall.
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Nachtrag vom 21.10.09: Artikel zu World Health Summit und evolutionärer Medizin in heutiger Ausgabe der FAZ: "Durch den Geburtskanal in die Praxis".

Samstag, 3. Oktober 2009

Geisteswissenschaften im Dialog: von der Evolutions- zur Biodiversitätsforschung

von Reinhold Leinfelder

Evolutions- und Biodiversitätsforschung sind auf vielfache Weise eng miteinander verknüpft. Zum einen war und ist die taxonomisch erfasste Vielfalt der belebten Natur die empirische Datenbasis zur Entschlüsselung der Evolutionsmechanismen, zum anderen ist die heutige Biodiversität eben auch das dynamische Produkt der Evolution. Die Vielfalt der Gene, Arten und Ökosysteme ist nur verständlich als Wechselspiel von Variabilität, Migration, Selektion und Anpassung. Je stärker die selektiven Kräfte wirken, desto rascher ändert sich in der Regel die biologische Vielfalt. Durch nicht nachhaltige Land- und Meeresnutzung, Überdüngung, Verschmutzung sowie durch die anthropogene Beschleunigung des Klimawandels durchläuft die Biodiversität derzeit einen globalen Selektionsversuch. Dies muss nicht nur in direkter Dezimierung der Biodiversität resultieren, sondern kann Umbauten der Biodiversität bewirken oder gar neue adaptive Prozesse auslösen. Tatsächlich passen sich etliche Organismen aktuell evolutionär an. Subtropische Singvögel und Insekten werden zuerst in unseren winterwarmen Städten heimisch, eingeschleppte Algen sind bei überdüngten Gewässern oft besser angepasst als einheimische, beim Kabeljau werden als Reaktion auf die immense Überfischung früher geschlechtsreife, also kleinere Tiere selektiert, und manche Korallen „erproben“ Symbiosen mit temperaturrobusteren Algenvarietäten. Allerdings läuft die anthropogen bedingte Veränderung unserer Umwelt zu rasch ab, als dass die evolutionären Anpassungen in aller Regel eine echte Chance haben könnten. Bei zu raschen Umweltveränderungen treten meist keine linearen Veränderungsprozesse auf, stattdessen können „Kippmechanismen“, also exponentiell ablaufende Veränderungen biologische Systeme enorm schnell kollabieren lassen, wie es derzeit insbesondere die Korallenriffe und Fischpopulationen erfahren.

Ein anderer Bereich der Evolutionsforschung ist ebenfalls wesentlich, um unsere biologische Vielfalt doch noch nachhaltig in Zukunft nutzen zu können. In der biologischen Natur des Menschen scheint begründet zu sein, zwar über sein eigenes Leben hinaus denken zu können, jedoch nur wenig Handlungskonsequenzen daraus zu ziehen. Die bessere Kenntnis der dynamischen, je nach Kontext unterschiedlichen Interaktion zwischen biologischem und kulturellem Erbe ist eine notwendige Voraussetzung, um ethische Umwelt-Prinzipien, etwa den ökologischen Imperativ von Hans Jonas − „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ − umsetzen zu können. Schon Aristoteles erkannte das Dilemma der ungezügelten Nutzung der Allmendegüter, also derjenigen Güter, für die keine exklusiven Verfügungsrechte bestehen und bemerkte, dass: „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird.“ Dies gilt heute insbesondere für Fischfang, Jagd auf Wildtiere, Raubbau von Wäldern, sowie Verwendung von Luft, Boden, Wasser als ungeregelte Schadstoffdeponien. Ebenso werden technische Großlösungen, wie etwa die Abkühlung der Atmosphäre durch geplanten großmaßstäblichen Schadstoffeintrag schon allein wegen fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz keine Nachhaltigkeit hervorrufen können.

Eine über Hunderte von Generationen reichende, nachhaltige Nutzung unserer Natur wird deshalb keinesfalls allein über naturwissenschaftlich rational begründete Verbote und Regularien möglich sein, sondern muss unser biologisches und kulturelles evolutionäres Verhaltenserbe mit berücksichtigen und darauf aufbauend partizipative, auch emotional geeignete Lösungsansätze suchen. Angewandte Biodiversitätsforschung reicht also weit über Taxonomie, Evolutionsbiologie, Molekularbiologie und Ökosystemforschung hinaus – sie umfasst auch wesentliche Bereiche der Geo-, Umwelt- und Klimawissenschaften, aber gleichermaßen auch Soziologie, Kultur-, Kognitions- , Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Mit anderen Worten: Nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt ist nur über eine große Vielfalt an Forschungsansätzen erreichbar.

(Bild: Ausschnitt aus der Wand der Artenvielfalt des Museums für Naturkunde Berlin, © Museum für Naturkunde Berlin)


Statement des Autors für ein Podiumsgespräch von "Geisteswissenschaften im Dialog" zum Thema "Nach Darwin - Evolutions- und Biodiversitätsforschung heute". Das Gespräch fand statt am 2.Oktober 2009 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Co-Veranstalter und Partner waren die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften, die Leibniz-Gemeinschaft, das Museum für Naturkunde Berlin, der Deutschlandfunk sowie das Museum für Naturkunde Berlin.
Programm und weitere Statements finden Sie > hier.

Sonntag, 20. September 2009

SciColl - Naturwissenschaftliche Sammlungen als globale Infrastruktur

von Reinhold Leinfelder

Während des Darwin-Jahrs 2009 rücken die naturkundlichen Sammlungen sowie weitere wissenschaftliche Sammlungen weltweit näher zusammen, um ihren gigantischen Datensatz von geschätzten 1,5-3 Milliarden Sammlungsobjekten gemeinsam noch besser zu erschließen und als gemeinsame globale Ressource zu nutzen. Der Mehrwert ist immens – Weltweit gibt es keine bessere Datenbasis für Evolutionsforschung sowie zur Erforschung des Produkts der Evolution – der Biodiversität. Aber auch die Erforschung der geologischen und klimatischen Entwicklung (Bohrkerne, Eiskerne, Meteoritenproben u.v.m.), der Entwicklung und Funktion des Menschen (Anthropologische Sammlungen, anatomische Sammlungen) sowie der kulturellen Evolution (archaeologische Sammlungen) ist auf diese Daten angewiesen. Allerdings wird es eine Herkulesaufgabe sein, diese Daten global und im Sinne eines open access weltweit zugänglich zu machen.

Diesem Ziel nimmt sich eine Initiative des OECD-Global Science-Forums namens „Scientific Collections International“ an. Diese von den europäischen Naturkundemuseen angeregte Initiative tagte, nach Vortreffen in Leiden (Niederlande), Washington (USA) und London (UK) nun in Berlin. Einladende waren das Museum für Naturkunde Berlin und Bundesministerium für Bildung und Forschung Berlin. Die Teilnehmer des hochrangigen Arbeitstreffen kamen aus über 20 Ländern, aus allen Kontinenten. Nachfolgend finden Sie als kleine Information zum Thema die wesentlichen Auszüge aus der Eröffnungsrede des Gastgebers, der in dieser Iniative zusammen mit Christoph Häuser offizieller Delegierter für Deutschland im Steering-Komitée ist. Die Iniative ist explizit gerade auch für Nicht-OECD-Länder gedacht, die ebenfalls zahlreich teilnahmen. Das Treffen in Berlin hat die Sammlungen ein gutes Stück auf dem Weg zu einer koordinierten dezentralen globalen Infrastruktur weitergebracht.


Blick in einen Teil der Fischsammlung des Museums für Naturkunde Berlin. Fische, die z.T. bereits im 18. Jahrhundert gesammelt wurden, werden hier in Alkohol aufbewahrt. Hier befinden sich nicht nur unzählige sog. Typus-Objekte, also Referenztiere, an denen neue Arten definiert wurden, sondern es lassen sich frühere Verteilungen von Fischarten rekonstruieren (die heute vielleicht bereits regional oder global ausgestorben sind), DNA-Proben auch von altem Material für Evolutions- und Ökologieforschung entnehmen, oder den Verlauf von Pestizidbelastungen testen.


Welcome Address: Opening Event of the 4th Meeting of the Steering Group of the OECD-Global Science Forum-Initiative „Scientific Collections International“, 2. Sept. 2009, Dinosaur Hall, Museum für Naturkunde Berlin

By Reinhold Leinfelder, Berlin

Ladies and gentlemen, a sincere welcome to you all, on occasion of what I believe is a very important issue – the challenge to see, and coordinate, scientific research collection as a global resource for solving research and science issues, such as biodiversity, climate, land use, and health, to name just these few. I am glad to see that this topic is supported very strongly, and it is therefore a special pleasure to have you here.

It is a pleasure to welcome ......

Let me say just a few additional words as to our common goal - to see and coordinate scientific research collections, which are large scale infrastructures, to a spatially distributed, yet joint global research and documentation infrastructure.
We are convinced that this is important for very many reason, the most important of which is that our global society is challenged by important issues such as the biodiversity crisis, by changes of ecosystems in the course of climate change and landuse change, including health and food issues.
Solutions for such challenges must be both at a local and a global scale, but frequently the global scale is neglected.

Yes, we do probably need new governance solutions for controlling climate change effect or for providing sustainable use of our nature, and actually, yesterday as well as today two suggestions for potential mechanisms were presented here in Germany: the idea of a world climate bank and today the report on the economics of ecosystems and biodiversity, which is something like the STERN-report for biodiversity. This is to be welcomed.

However, we do no only need political global solutions, we particularly also need to perform a lot of research at a global and integrated scale - no single institution can do this alone today. We are convinced that collection-based research certainly can contribute a great deal to help understand and then solve such problems, but for this we do need a global research infrastructure, a global, transparent documentation and a global exchange of knowledge and capacity building.

Let me give you just the example of natural history collections: our collections here at the museum are already big, even quite big - with more than 30 millions of objects - , but yet we are nothing but a moderate part of a gigantic potential research infrastructure. Natural history collections alone contain aready about 1.5-3 billions of objects or object sets. Such a treasure, if better interconnected, could be a huge global brain of nature. The objects and individual collections could be considered as the brain cells, and if we allow synapsis formation among these brain cells - which is to provide and develop a integrated research infrastructure – we will have the best global brain and memory that nature can provide.

  • We will need such a intelligent research instrument to address questions such as the response of global (and regional) systems to global and regional change, through climate change, land use and pollution. Items to be researched by means of a global collection infrastructure are, for instance, pollution and migration pathways and dynamics, ecospace modelling, ecosystem dynamics and transitions, all of which can only be understood and addressed by using internationally linked collections.

  • We also need to see and define collections as an important and transparent authentification center for research results , an open-source distributed, but connected global voucher-bank.

  • We need collections to make good, authentic exhibitions for the dissemination and, again, authentification and acceptance of research – interoperability and common standards will help all of us providing the best exhibitions we can do in this respect.

  • We need to distribute the scientific knowledge related to the collection items as well as collection management across the world, which is very, very important for the north- south dialog, for issues such as access-benefit sharing, for joint capacity building and so forth.

I am therefore convinced that a world research consortium or some other kind of a scientific research collection mechanism is really needed. It will allow us to better access, use, and enlarge facts and knowledge which are already existing, and to document and provide facts, not fiction, as to the research, managent and expert challenges of the future.

I thank you all for coming, for your interest, committment and support, and I am convinced that we will greatly proceed towards a mechanism for a sustainable, transparent and efficient use of all our scientific research collections in the next two days.

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Director General of the Museum für Naturkunde Berlin and Chair of the Konsortium of German Natural History Research Collections (DNFS), Member of the SciColl-Steering Committee and Joint Organizer of the 4. SciColl Meeting (together with the Federal Ministery of Education and Research, BMBF), Berlin, Museum für Naturkunde and BMBF, 2.-4. September 2009.

Komplette Rede (incl. Begrüßung) > siehe hier
Final Report der Vorbereitungsphase vom OECD-Server > siehe hier

Weitere Informationen zum Thema:
  • Süddeutsche Zeitung 2008: Naturkundemuseen - das Gedächtnis der Erde -> siehe hier
  • Süddeutsche Zeitung 2008: Forschung für das Gedächtnis des Lebens > siehe hier
  • FAZ 2008: Nicht länger ohne einen Weltbeirat für Biodiversität. > siehe hier
  • Leibniz-Journal 2008: Biodiversität erforschen, schützen, bewahren. Gastkommentar: "Der größte Schatz ist noch nicht gehoben" und weitere Artikel zu Sammlungen > siehe hier (Leibniz-Journal 01/2008 dort herunterladen)


Donnerstag, 17. September 2009

Die Tiefsee - der unbekannte, aber gefährdete Lebensraum

Grußwort von Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Generaldirektor des Museums für Naturkunde zur festlichen Eröffnung der Sonderausstellung TIEFSEE, am 14.9.2009 im Museum für Naturkunde Berlin.

(Linknachträge vom 20.9.09)

Sehr geehrte Festgäste,


ich freue mich sehr, dass Sie so zahlreich zu diesem Abend erschienen sind, Vom Frauenvokalensemble St. Matthäus, unter der Leitung von Lothar Knappe und der Harfinistin Katharina Hanstedt wurden Sie ja bereits entsprechend eingestimmt: Nachdem man bei uns letztes Jahr mit unserer Riffausstellung „abtauchen“ konnte“, geht es heute sogar noch tiefer runter, also in die Zonen, in der man derart abtaucht, dass man nichts mehr sehen kann und nicht mehr gesehen wird, weil es – von 200 bis ca. 1000 m so gut wie kein Licht gibt, und darunter sogar komplett stockdunkel ist.


So dunkel ist es heute hier nicht, wenn auch unser Ambiente durchaus in die Richtung geht – aber wir müssen uns nicht mit Leuchtzeichen verständigen. Es ist hell genug, dass ich Sie sehen kann, und mich deshalb sehr freue, dass wieder viele Vertreter aus Botschaften, Bundes- und LänderMinisterien und weiteren Behörden, aus der Politik, von Firmen, Umweltverbänden, Medien, von den Museen und Wissenschaften und natürlich auch unsere Fördervereinen sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses unter uns sind.

Herzlich Willkommen!


Ganz besonders begrüße ich die Kolleginnen und Kollegen aus


· dem Naturhistorischen Museum Basel, vertreten auch durch ihren Direktor, Prof. Christian Meyer,

· sowie aus dem Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg, mit Sitz in Frankfurt am Main, vertreten durch Herrn Prof. Martinez-Arbizu, denn diese beiden Häuser konzipierten und erstellten die Ausstellung, die wir heute eröffnen.



DIE TIEFSEE


Meine Damen und Herren, Tiefsee, das ist eine andere Welt, eine Welt, die wir nicht kennen,

- 71% der Erdoberfläche sind Wasser,

- 59,3 Prozent der Erdoberfläche sind tiefer als 200 meter unter Null,

- 50% unter 2000 meter,

- die Mittlere Meerestiefe ist 3,7 km. Dennoch waren weniger Menschen in diesen Tiefen als im Weltall - wir kennen wir die Tiefsee schlechter als den Mond.


Die Tiefsee ist zuallererst ein gigantischer Lebensraum, er umfasst 1,5 Milliarden km3 Wasser – zum Vergleich, das „Schwäbische Meer“, also der Bodensee beinhaltet 49 km3, wäre alles Ozeanwasser über dem Festland, läge darüber etwa eine 10 km dicke Schicht Wasser.


Wir wissen von diesem Lebensraum immer noch sehr wenig, denn noch immer sind unsere Analysemethoden unzureichend - man kann eben mit Satelliten nicht bis zum Meeresgrund schauen. Meereswissenschaftler sprechen gerne davon, dass wir mit den bisher angewandten Methoden an Land nicht einmal Elefanten entdecken würden. Beispiel: Riesenkalmare wurden erst 2007 durch ein japanisches Team lebend in ihrem Lebensraum gefilmt - wir zeigen Ihnen diesen Film im Eingangsbereich des Museums. Aufs Land übertragen wäre dies so, als hätte man den Elefanten erst vor zwei Jahren entdeckt.


Immerhin ist unser Wissen, wenn auch nach wie vor sehr selektiv und zu einem guten Teil auch zufällig, doch schon deutlich gewachsen, denn sehr alt ist die Tiefseeforschung noch nicht.

Zwar hat schon im Mittelalter der Portugiese Fernão de Magalhães bei der ersten Weltumseglung ein 700 m tiefes Seil abgelassen, welches den Grund nicht berührte, woraus er schloss, dass der Ozean unendlich tief sei. Später nahm man dann an, dass wegen des hohen Drucks unterhalb von 600 Meter kein Leben existieren könnte, aber so richtig los ging es erst mit der dreieinhalbjährigen britischen Challenger-Expedition, 1872 sowie der deutschen Valdivia-Expedition 1898/99, von der das wesentliche Material in unseren Sammlungen liegt und beforscht wurde und wird. Die bemannte Tiefseefahrt begann sogar noch viel später, und zwar erst 1934. Auch hiervon handelt die Ausstellung.



WICHTIG FÜR UNS ALLE – GESELLSCHAFTLICHE RELEVANZ


Die Tiefsee ist eigentlich für jeden von uns ein wichtiges Thema, denn wir sind sehr stark vom Meer abhängig und nutzen auch die Tiefsee gewaltig, ohne dass wir sie näher kennen.


· Beispiel Ernährung: Beim Fischfang sind die meisten Hauptfanggebiete an kalte nährstoffreiche, auftreibende Tiefenwässer gebunden. Und wir essen den Fisch nicht nur, sondern verarbeiten ihn auch zu Fischmehl. Das wird nun heute weniger für Hähnchenzucht, sondern v.a. für Öl, Dünger und die Aquakultur verwendet.

· Auch für Medizin und Bionik ist die Tiefsee unglaublich interessant.

· Beispiel Klima: Das Klima wird ganz wesentlich auch durch ozeanische Strömungen, sowie die sogenannte biologische und physikalische CO2-Pumpe beeinflusst. Und auch die Klimarettung soll ggf. mit Hilfe der Tiefsee erfolgen zum einen über Windkraftwerke, die weit draußen auf hoher See schwimmen, zum anderen aber auch über die Versenkung und Verklappung von CO2 im Untergrund, entweder direkt im Tiefenwasser, oder im Untergrund – so zumindest meinen manche.

· Bodenschätze: Erdöl und Erdgas soll wegen seiner Knappheit aus immer größeren Tiefen gefördert werden, viele träumen davon, Methan zu fördern, welches es dort unten in gefrorener Form in enormen Mengen gibt. Auch die Förderung von Mangan, weiteren Erze und v.a. seltenen Erden, die überall knapper werden, wird wirtschaftlich immer interessanter

Und das alles machen wir oder wollen es machen, ohne die Tiefsee, dieses gigantische und differenzierte geologische und biologische System auch nur in Ansätzen richtig verstanden zu haben.


Sie denken, das ist alles Zukunftsmusik, da geht noch viel Wasser den Golfstrom hinunter bis es so weit ist? Schauen wir doch mal in Google News nach dem Stichwort Tiefsee. Da wimmelt es von aktuellen Einträgen:


· Halten wir uns nicht bei News wie den Muscle Chronos auf, also Armbanduhren im Tiefseestyle, die nun auch bei Frauen extrem beliebt seinen. Deren Entwicklung stamme, so liest man, aus der Tiefseeforschung (> news vom 10.9.09). Kräftig gefeatured werden nämlich auch andere neue Tiefseetechnologien wie neue seismische Methoden (> news vom 13.9.09) und neue Unterwasserroboter (> news vom 30.8.09)

· Auch News über Bodenschätze sind zahlreich vorhanden: Die Manganpreise steigen (> news vom 9.9.09), Aktien für seltene Erden haben seit Frühjahr ihren Wert verfünffacht (> news vom 11.9.09), in der Tiefsee sei all dies zu holen (> news vom 6.9.09).

· Neue Erdölvorkommen wurden aktuell wieder in großen Tiefen entdeckt, das sind allerdings die üblichen Erfolgsmeldungen der Erdölindustrie, diesmal stammen sie aus dem Golf von Mexiko (> news vom 3.9.09). Das österreichische Wirtschaftsblatt jubelte bereits: „Die Rettung vor Peak Oil liegt in der Tiefe des Ozeans“ (> news vom 8.9.09). Dabei würden die angeblich riesigen Vorkommen (drei Milliarden Barrel ) gerade mal einen Monat für die Welt reichen und es ist auch völlig unklar, wie die Fördertechnik aussehen könnte (> news vom 3.9.09). Nach einem gestrigen Artikel, der übrigens auch im Wirtschaftsblatt war, reicht der Fund sogar nur für 2 Wochen, wenn man die potentiellen Fördermöglichkeiten berücksichtigt (> news vom 13.9.09).

· Die ZEIT schreibt aktuell über die gigantischen Methanvorkommen (die dreimal so hoch wie die heutigen Erdgasreserven sein könnten), allerdings auch über die Gefahren der Förderung, insbesondere wenn das extrem wirksame Treibhausgas Methan beim Abbau in die Atmosphäre gelangen könnte (> news vom 2.9.09)

· Und wenn Sie ein bisschen via Google stöbern, finden sich aktuelle Presseartikel zu schwimmenden offshore Windparks (> news vom 11.9.09) sowie zur CO2-Sequestrierung und Verklappung oder Versenkung auch in der Tiefsee bzw . im Boden darunter, aller aktuellen Versauerungsproblematik zum Trotz. (> news vom 26.8.09, > news vom 14.9.09)

Viele aktuelle Artikel finden Sie auch zur Überfischung, sicherlich eines der größten Umweltprobleme, mit denen wir es derzeit zu tun haben. Geistig-kulturell, aber leider nicht technisch-kulturell befinden wir uns bezüglich der Meeresnutzung noch in einer steinzeitlichen Jäger- und Sammlermentalität, die nun auch in die Tiefsee zunehmend umfasst. Ein paar Beispiele:


· Die Süddeutsche vermeldet: Fisch ist aus (> news vom 26.8.09)

· das Hamburger Abendblatt schreibt „wie der Mensch die Meere leerfischt“ (> news vom 5.9.09)

· Der Spiegel schreibt erfreulicherweise schon seit längerem oft über die Überfischung, auch über die dadurch zerstörten Tiefwasserkorallenriffe und die gegenseitigen Wechselwirkungen. (> Themenseite Überfischung von Spiegel online)

· Viele andere haben das Thema auch im Fokus. (> aktuelle google-news "Überfischung")


Nur ein paar Zahlen dazu:


· Großtechnischer Fischfang beschäftigt etwa eine Million Personen, kleinmaßstäblicher lokaler Fischfang etwa 12 Millionen, Tendenz in beiden Fällen abnehmend.

· Großtechnischer Fischfang fängt etwa 29 Millionen Tonnen Speisefisch jährlich, kleinmaßstäblicher auch etwa 24 Millionen Tonnen.

· Beim Großtechnischen Fischfang werden aber auch noch 22 Mio Tonnen pro Jahr für Öl-, Dünger- und Fischmehl für Aquakulturen gefangen, sowie 10-20 Mio Tonnen als Beifang über Bord geworfen.

(siehe insb. Präsentation D. Pauly, Malenter Symposium sowie . Präsentation Moritz, Uni Giessen)

Und wenn Sie nun meinen, das alles hat doch nichts mit der Tiefsee zu tun, da wird doch im flachen Wasser gefischt, ist dies nicht richtig: die Überfischung der tiefen Meere, teils bis hinunter in viele Hunderte, ja bis zu 2000 Meter Wassertiefe hat exponentiell zugenommen, dabei sind die Nahrungsketten vertikal verknüpft - fängt man unten etwas weg, fehlt es auch oben:


· 40% aller Fischereigründe liegen inzwischen in der Tiefsee, teilweise mit bis zu 90% Beifang.

· Moderne Netztechnik kann in 1,5 km Wassertiefe bis zu 60 Tonnen Fisch in nur 20 Minuten aus den Tiefen der Meere holen. (> siehe hier, auch zu oben)

· Der Orange Roughy (Granatbarsch oder Sägebauch) ist ein häufig auf den Speisekarten von Luxusrestaurants angebotener Fisch, der in Tiefen zwischen 750 und 1.200 Metern lebt, er vermehrt sich erst ab einem Alter von 20 Jahren und wird 100 Jahre alt, meist wird er vor der Geschlechtsreife weggefangen. (> siehe hier)

· Der beliebte Seehecht des Flachwassers taucht zum Fressen in die flache Tiefsee, denn Leuchtsardinenschwärme steigen dort nachts auf, das ist seine Nahrung, die jedoch selbst befischt wird. (> siehe hier, sowie > hier)


Die starke Überfischung und auch all die sonstigen Nutzungsvorhaben hängt natürlich auch mit fehlenden rechtlichen Regularien zusammen, die Tiefsee ist sozusagen wirklich „vogelfrei“ – wir rühren kräftig in ihr herum. (> Seerecht in Wikipedia)



GRUNDLAGENFORSCHUNG


Wenigstens ist es erfreulich, dass auch die Forschung enormen Fortschritt macht - ob er schnell genug kommt und v.a. auch unser Handeln beeinflusst, bleibt abzuwarten:


· Es gibt den Census of Marine Life, den Census of Diversity of Abyssal Life (> 4000 m), das Census Marine Zooplankton Project, es werden laufend neue Arten gefunden, kein Wunder bei dem Erforschungsstand, wie wir ihn haben.

· Durch die Presse lief gerade der „Wurmbomber mit grünen Blendgranaten“. Wenn nur alle Würmer so ästhetisch wären! Dann wären sie vielleicht nicht so stark vom Aussterben bedroht sind.

· Gestern wurden auch Artikel zu einer Planktonblüte im Nordpolarmeer publiziert, die 1,5 mal größer als Österreich ist, mit Relevanz für Klima, und Ernährung, aber auch Sauerstoffgehalt der Meere. Das ist sozusagen ein jährlich wiederkehrendes natürliches Düngungsexperiment, es scheint jedoch zeitlich verschoben, größer und immer häufiger aufzutreten, und das etwa seit 15 Jahren.

· Es gibt auch hochineressante neue geowissenschaftliche Forschung, gerade auch von Instituten in Deutschland, man erkennt die Zusammenhänge zwischen Klima und Sauerstoffgehalt der Meere zunehmend, denn es breitet sich nicht nur die Versauerung, sondern auch gefährliche Todeszonen ohne Sauerstoff aus. Gerade ist in der Fachzeitschrift Nature ein Artikel erschienen, der besagt, dass Waldschutz und Aufforstungen auch den Meeren zugute kommen, da sie auch die Sauerstoffproduktion fördern und wir nun wissen, dass Sauerstoff- und CO2-Gehalte eng voneinander abhängen. (> siehe z.B. hier)

· Ebenfalls aktuelle News ist ein UN-Aufruf, die Wissenslücken über Weltmeere schleunigst zu schließen und zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge zu gelangen. Dem können wir uns nur anschließen. (> news vom 1.9.09)

Wir müssen also den Ozean besser erforschen, aber ihn insgesamt - d.h. wir alle, nicht nur die Forscher - auch besser kennen lernen, damit nicht der Ozean, sondern wir eine Chance haben.



AUSSTELLUNGSZWECK


Zu einem solchen „besser kennen lernen“ wollen wir auch durch diese Ausstellung beitragen. Deshalb soll diese Ausstellung gleichermaßen eine Werbung für mehr Wissenschaft und eine Werbung für die faszinierende Welt der Tiefsee sein. Denn nur mit Wissen nicht nur zur Bedeutung und Gefährdung der Meere, speziell auch der Tiefsee, sondern auch durch Faszination und Begeisterung für diesen Meeresraum haben wir hier eine Chance, potentielle Lösungsmöglichkeiten zur Bewahrung und nachhaltigen Nutzung dieses Raumes zu erreichen.

Deshalb freuen wir uns eben ganz besonders, diese Ausstellung, die eine Kooproduktion des Naturhistorischen Museum Basel mit dem Naturmuseum Senckenberg aus Frankfurt darstellt und auch an all den gezeigten Orten kräftig mit Objekten aus unserem Hause bestückt war und ist, nun hier in Berlin zeigen zu können.


Wir wollen damit aber nicht nur mit dem aktuellen Thema TIEFSEE präsent sein, sondern gleich noch etlichen Mehrwert erzielen:


· Die Ausstellung stellt eine konsequente Fortsetzung unserer letztjährigen Korallenriffausstellung „abgetaucht“ dar.

· wir leiten mit dieser Ausstellung vom Darwin-Jahr 2009 ins UNESCO-Jahr der Biodiversität 2010 über, zeigen also die Produkte der Evolution, eben die Biodiversität.

· wir unterstreichen die Kooperation mit deutschen und europäischen Naturkundemuseen (- unsere eigene Korallenriffausstellung ist ja derzeit in München am Museum Mensch und Natur zu sehen)

· wir wollen auch mit dieser Ausstellung wieder die gesellschaftliche Bedeutung der Sammlungen und der Biodiversitätsforschung unterstreichen.

· Und wir wollen eben nicht nur Geschichten erzählen, sondern anhand von Original-Forschungsmaterial eben auch zeigen, dass wir authentische Wissenschaft machen

· Wir sind übrigens auch experimentell: so haben wir, um unsere Darwin-Ausstellung noch länger zeigen zu können, die Tiefseeausstellung in einen anderen Ausstellungsteil verlagert, wir berauben Sie sozusagen derzeit unseres Vogelsaals und unserer berühmten Keller-Insektenmodelle, aber zumindest letztere werden derzeit ja nebenan, im Hamburger Bahnhof in der Ausstellung „Kunst ist super“ gefeiert, auch mit den Kunst- und Kulturmuseen sind wir also zunehmend vernetzt

· und mit dieser Art der Ausstellung zeigen wir Ihnen eben auch, dass wir weitere Sonderausstellungsflächen benötigen, wozu wir aber, so hoffen wir, auf gutem Wege sind.


DANK


Meine Damen und Herren erlauben Sie mir zum Schluss noch ein paar Dankesworte:

Dank an unsere Sponsoren, die uns auch dieses Jahr wieder direkt finanziell unterstützen bzw. finanzielle Zusatzkosten ersparen:

· das ist zum einen wieder die Firma Wall, die wiederum pro bono für uns plakatieren ließ,

· die Firma Global Sunshine , für heutige Licht- und Toninstallation

· wieder unser Caterer Optimahl, Herr Mirko Mann, der Sie wieder optimal verpflegen wird – herzlichen Dank.

Bei unserem Ausstellungsteam lag die Leitung wieder in den bewährten Händen von Ausstellungsabteilungsleiter Dr. Ferndinand Damaschun und Projektleiter Uwe Moldrzyk . Dank an alle anderen, die unter deren Leitung an Stellplan, Hängung, Aufbau, Licht und Medien, Grafik sowie natürlich diesem Abend beteiligt waren. Die Liste wäre zu lange, um sie alle zu nennen, und es wären auch die vielen Beteiligten aus Basel und Frankfurt zu nennen. Werfen Sie doch einen Blick auf das entsprechende Informationsposter in der Ausstellung – sie werden staunen, wie viele an einer derartigen Ausstellung beteiligt sind.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend bei uns im Museum – vielen Dank für Ihr Interesse.


Weiteres Programm:

Einführung in die Ausstellung durch die Vertreter der beiden kooperierenden Häuser.

· Prof. Dr. Christian Meyer, ist Paläontologe und Direktor des Naturhistorischen Museums Basel

· Prof. Dr. Pedro Martinez-Arbizu, kommt aus dem Deutschen Zentrum für marine Biodiversitätsforschung (Wilhelmshaven, Hamburg, Sylt), einer Abteilung des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg. Er ist Spezialist für Krebstiere, von kleinsten Ruderfußkrebschen bis hin zur gigantischen Tiefseespinne.

Im Anschluss daran einen Kurzvortrag zur Tiefseeforschung am Museum für Naturkunde, durch Dr. Carsten Lüter.


Spiegel-online-Artikel, auch mit weiteren Informationen zum Thema, vom 16.9.09: siehe hier

Focus-online-Artikel mit vielen Abbildungen und weiteren Informationen, vom 14.9.09: siehe hier

Berliner Morgenpost vom 15.9.09: siehe hier

Berliner Zeitung vom 15.9.09: siehe hier

BZ-Berlin vom 15.9.09: siehe hier

Deepwave-Bericht zur Ausstellung: siehe hier

Brightsblog zur Ausstellung: siehe hier

Bericht der rbb-Abendschau (mit Video), vom 14.9.09: siehe hier

Bericht von rbb-ZIBB (Video), vom 14.9.09: siehe hier


Offizielle Website zur Ausstellung TIEFSEE (15.9.09-31.1.2010):
http://www.naturkundemuseum-berlin.de/ausstellungen/tiefsee2009/