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Sonntag, 15. November 2009

Palaeontologia Quo Vadis?

Nachdem wir im vorherigen Beitrag auf die sehr frühe paläontologische Evolutionsforschung in Deutschland eingingen, präsentieren wir nachfolgend einen kleinen, persönlichen Kommentar zur Situation der heutigen Paläontologie in Deutschland sowie ihrer möglichen Zukunft.

Die deutsche Paläontologie war und ist im Darwin-Jahr überaus aktiv, die meisten Sonderausstellungen zu Darwin und der Evolutionstheorie beinhalten paläontologische Aspekte, manche Sonderausstellungen, wie im Goldfuß-Museum in Bonn präsentieren Darwin als Geologen und Paläontologen (siehe Bild), und die 79. Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft fand unter dem Rahmenthema „ Paläontologie - Schlüssel zur Evolution" statt (> Rückblick und Programm). Die Ausstellungen wurden überwiegend in abgestimmter und kooperierender Weise erstellt und sind in einem gemeinsamen Veranstaltungskalender dargestellt. Außerdem vereinbarten die Naturkundemuseen der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen e.V. eine gemeinsame Positionierung gegenüber pseudowissenschaftlichen Angriffen auf die Evolutionsforschung (AdlD berichtete), die gerade auch die paläontologische Evolutionsforschung betrifft. Im Darwin-Jahr fand auch ein Archaeopteryx-Klassentreffen in München statt (AdlD berichtete), aber im Anbetracht des Abwanderns des in Deutschland gefundenen und im Darwin-Jahr nach Norwegen verkauften Darwinius, aka "Tante Ida" (AdlD berichtete) wurden gemeinsame Anstrengungen zum Erwerb in zukünftigen Fällen zwischen verschiedenen großen Museen vereinbart. Erwähnenswert ist auch, dass der 2009 neu gewählte Präsident der Paläontologischen Gesellschaft, Dr. Michael Wuttke beruflich für den Fossilschutz eines Bundeslandes zuständig ist.

Der nachfolgende Auszug aus dem Fazit eines soeben erschienen Artikel fokussiert nun insbesondere auf der Aspekt der Forschung der deutschen Paläontologie:


Palaeontologia Quo Vadis?


Von Reinhold Leinfelder

Die Paläontologie war immer wieder der Pulsgeber der Naturwissenschaften. Nicolaus Steno war, als Begründer der Paläontologie im 17. Jahrhundert seiner Zeit weit voraus. Der Paläontologe Leopold von Buch formulierte bereits vor Darwin kohärente evolutionäre Gedanken. Auch Charles Darwin wäre ohne sein geologisches und paläontologisches Wissen, welches insbesondere auf seinen Mentor und Freund Charles Lyell zurückging, wohl deutlich langsamer vorangekommen. Darwin bezeichnete sich ja auch selbst gerne als Geologe, was die Paläontologie mit einschloss. Paläontologischer Forschung haftete also schon immer ein progressives Element an. Andererseits waren es immer wieder gerade auch Paläontologen, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse leugneten und Evolutionsskeptiker waren. So hielt der große Paläontologe George Cuvier überhaupt nichts von den evolutionären Überlegungen eines Jean-Baptiste Lamarck, obwohl Cuvier selbst hervorragende Ergebnisse zur späteren Untermauerung der Evolutionstheorie Darwins erarbeitete. Im Unterschied zum Biologen Ernst Haeckel lehnten viele deutsche Paläontologen die darwinsche Evolutionstheorie lange ab, so etwa der Münchner Paläontologe Andreas Wagner, der den 1. Archaeopteryx-Fund als darwinistische Propaganda abtat und den Urvogel als ungewöhnliches Reptil ansah (Wagner 1861). Noch 1950, also schon über 90 Jahre nach Erscheinen der „Origin of Species“ von Charles Darwin formulierte O.F. Schindewolf seine Typostrophentheorie (Schindewolf 1950), eine eigenwillige Evolutionstheorie, die im Widerspruch zu Darwins Theorie steht (Korn 2003).
Auch heute gilt es wieder, sich zwischen Zweifel an neuen wissenschaftlichen Befunden und Überinterpretation von Wissenschaft zu positionieren. Die Geowissenschaften tun gut daran, weder bei einer unauthorisierbaren „Siebenmeilenstiefel“-Forschung mitzuarbeiten, noch grundsätzliche Vorbehalte gegenüber alternativen Ansätzen, wie Molekularbiologie, Systembiologie und physikalisch-mathematischer Klimaforschung zu hegen, sondern sich konstruktiv einzubringen und auch umgekehrt Kompetenz und Kooperation anzubieten. Sehr vieles davon geschieht auch bereits, es gilt dies allerdings noch besser sichtbar zu machen.

Die Paläontologie hat sich in den letzten Jahren zunehmend modularisiert. Dies ist kein Schaden, sondern ein allgemeiner Zug der Naturwissenschaften. Andere Fächer haben damit keinerlei Probleme. Disziplinäre Grenzen verschwinden häufig, die Forschungsprojekte sind stark fragenorientiert und basieren nicht mehr auf angehäuften, jedoch bis dato unbearbeiteten Objekten und Daten. Viele junge, aber auch ältere Paläontologen arbeiten heute selbstverständlich auch mit molekularen und geochemischen Methoden, wie auch umgekehrt molekular arbeitende Biologen und Geochemiker immer enger auch mit Paläontologen zusammenarbeiten. Die Vernetzung der Paläontologen und Geobiologen in die Umweltwissenschaften hinein ist ebenfalls als positiv anzusehen. Die klassische paläontologische Systematik und Taxonomie muss selbstverständlich ein starkes Modul bleiben, denn sie hat starken Service-Charakter für Evolutions-, Biodiversitäts- und sonstige Umweltforschung. Allerdings muss auch sie sich weiter öffnen. Gerade die Methodenvielfalt taxonomischen und phylogenetischen Arbeitens macht ihre Stärke aus. Und auch für die Taxonomie muss die Frage gestattet sein: warum mache ich gerade das, was ich hier untersuche, wem nützt es?

Integratives, ganzheitliches, auch quantitatives Arbeiten stellt die wesentliche, in Teilen jedoch bereits sehr gut angenommene Herausforderung für die Paläontologie dar. Qualitatives Wissen allein, etwa mit Aussagen, dass sich die Umwelt ja immer geändert hat, oder dass es bei Meeresspiegelanstieg zu Sauerstoffzehrung kommen kann, genügt heute nicht mehr. Gefragt ist, wie exakt sich derartige Änderungen quantifizieren sowie, ggf. auf der retrognostischen Methode aufbauend, genügend exakt vorhersagen lassen. Die Biologie zieht ihren Forschungsweg vom Gen zum Genom, von DNA-Expression zu EvoDevo, von Modellorganismen zum quantitativen Studium ganzer Ökosysteme. Die Paläontologie muss ähnliche Wege gehen. Palaeogenomics wird eine wichtige Bedeutung in der Paläontologie erlangen, aber auch datenbankbasiertes Arbeiten, insbesondere unter Benutzung von Sammlungen muss stärker zunehmen. Internationale Plattformen und Infrastrukturen sollten hier umfassend ausgebaut werden. Isolierte Elfenbeintürmchen sind also durch ein Leuchtfeuer aus der ganzen Community einzutauschen.

Gerade in der Öffentlichkeitsarbeit hat die Paläontologie ganz besonders gute Karten. Um den Dinosaurier-Faktor werden die Paläontologen von vielen anderen beneidet, auch wenn sich Paläontologen oft einmal wünschen würden, dass auch häufiger anderes aus ihrer Forschung im Vordergrund stehen möge. Um so besser, dass gerade in Deutschland die Dinosaurierforschung auch kräftig, innovativ und transdisziplinär mit modernsten Methoden weiter voran geht. Ob Dinos leicht Rückenschmerzen hatten, wie viel sie fressen mussten und warum sie es schafften, ihren langen Hals überhaupt zu halten, interessiert viele und findet oft sogar Einzug in Science oder Nature. Auch spektakuläre Neufunde in die Medien zu bringen, fällt nicht allzu schwer. Aber die Gemeinschaft sollte sich nicht darauf beschränken, sondern auch versuchen, Ergebnisse, welche für heutige Herausforderungen relevant sind, etwa zu Paläoklima, fossiler Ozeanversauerung oder Aussterben noch stärker öffentlich darzustellen. Die Trennung in durch Proben und Daten belegbares faktenbasiertes Wissen und hypothetischem Wissen muss dabei ebenfalls verbessert werden.

Ganz wesentlich erscheint mir, dass Geowissenschaftler, darunter insbesondere Paläontologen besser als alle anderen Naturwissenschaftler ein „inniges“ Verhältnis zu Zeitskalen und Zeitdynamik aufweisen. Dies gilt es besser herauszuarbeiten, besser zu beforschen. Die Welt ist nicht statisch, sondern dynamisch, das wussten die Geowissenschaftler als erste. Die Bedeutung dieser Dynamik besser in den Griff zu bekommen, über Verzögerungs- und Kumulationseffekte, nichtlineare, exponentielle oder kaskadenartige Prozesse genauere Aussagen machen zu können, ist eine anstehende wesentliche Aufgabe. Eine höhere Zeitauflösung aller dynamischen Abläufe und Prozesse der Erdgeschichte zu erreichen und damit ein besseres Verständnis für die Elastizität bzw. Reaktivität komplexer Natursysteme zu erarbeiten, ist wohl die größte Herausforderung, aber auch die größte Chance für die Paläontologie der nächsten Jahrzehnte.

Die deutsche Paläontologie verfügt insgesamt über ein weites Spektrum an Forschungsaktivitäten, auf die selbstbewusst geblickt werden kann, auch wenn viele davon tatsächlich nicht mehr ohne weiteres als „klassische“ Paläontologie bezeichnet werden können. Nicht scheuen solle man sich vor der selbstbewussten Verwendung des Begriffs „Paläontologie“, also der „Lehre vom alten Sein“, welche sich auf alle Aspekte und Prozesse des Lebens, sowie auf deren Relevanz für das Heute bezieht, genauso wie auch Politikwissenschaften den Bogen von früher zum heute spannen, um das heute und morgen zu verstehen.

Quelle: Leicht abgeänderter Auszug aus:

Leinfelder, R.R. (2009): Palaeontologia Quo Vadis? - Zur Situation und Zukunft der paläontologischen Forschung. - In: Kohring, R., Riedel, F. & Zobel, K. (eds), Zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Helmut Keupp, Berliner paläobiologische Abhandlungen, 10, 229-243, Berlin. (erschienen am 11.11.2009)

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Leopold von Buch - moderne Evolutionsforschung vor Darwin

von Reinhold Leinfelder

Schon vor Charles Darwin beschäftigte sich der deutsche Geologe und Paläontologe Leopold von Buch mit überaus modern anmutenden evolutionären Gedanken, die nicht nur die Veränderlichkeit der Arten konstatierten, sondern bereits Variabilität, geographische Isolation und - in Ansätzen - Adaptation als Evolutionsprozesse erkannte. Er sah auch Beziehungen zwischen heutigen Lebewesen und früheren Formen etwa von Brachiopoden. Leopold von Buch wurde 1774 in der Uckermark geboren und studierte gemeinsam mit Alexander von Humboldt an der Bergakademie Freiberg. Er arbeitete viele Jahre am Museum für Naturkunde Berlin und verstarb 1853. Die nebenstehende Statue von Leopold von Buch befindet sich an der Fassade de Berliner Museums.

Zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 1974 formulierte Helmut Hölder, selbst ein großer Paläontologe zu Leopold von Buchs Werk u.a.:


(Zitat aus Hölder): "Stammesgeschichtliche Aussagen dagegen -- können wir sie bei v. Buch auch schon erwarten? Wir sind geneigt, das zu verneinen, wenn wir daran denken, daß DARWIN in jenen Jahren, als er sich erstmals Rechenschaft über die Veränderung der Arten gab und dem Dogma von ihrer Unveränderlichkeit entgegentrat, in sein Tagebuch die Worte schrieb: ,,Es war als gestehe ich einen Mord ein." v. Buch berichtet dagegen 1841 ohne solche Gewissensbedenken von Crinoiden (Anm. adld: Seelilien) im baltischen Silur,
,,welche offenbar den Ausgangspunkt bilden, aus welchem die späteren Crinoidenformen hervorgehen".

Und er spricht im gleichen Jahr von Brachiopoden des Erdaltertums als von
,,Gestalten .... durch welche häufig ... die Geschichte der inneren Organisation erst begreiflich und anschaulich wird"!

Daß hier von echter Blutsverwandtschaft gesprochen, ohne daß davon viel Aufhebens gemacht wird, dürfte sicher sein. v. Buch gehörte zu jenen ganz empirischen, zunächst untheoretischen Paläontologen jener Zeit, denen der Zusammenhang der Lebensformen aufgrund stammesgeschichtlicher Evolution schon selbstverständlich war, ehe er - nach Verschüttung früherer Quellen wie LAMARCKS -- durch DARWINS Theorie ins Bewußtsein der Wissenschaft und der Öffentlichkeit trat." (Zitat Hölder Ende).

Aber Leopold von Buch war noch viel früher der Evolution auf der Spur. Spannend sind hier insbesondere seine botanischen Arbeiten auf den kanarischen Inseln, die er bereits 1825 publizierte. Wir zitieren wieder die Rede von Helmut Hölder aus dem Jahr 1974:

(Zitat aus Hölder) „v. Buch war auch ein vorzüglicher Botaniker, wie seine Abhandlung einer ,,Übersicht der Flora auf den canarischen Inseln" (1825) beweist. Hier findet sich eine Erkenntnis, die man als ,,geistige Leitmuschel" sicher erst in unserem Jahrhundert erwarten würde. Es heißt dort nämlich bei Betrachtung der Verschiedenheit der einzelnen Inselfloren und ihrer Beziehungen zum benachbarten Festland:
,,Die Individuen der Gattungen auf Continenten breiten sich aus, entfernen sich weit, bilden durch Verschiedenheit der Standörter, der Nahrung und des Bodens Varietäten, welche, in ihrer Entfernung nie von anderen Varietäten gekreuzt und dadurch zum Haupttypus zurückgebracht, endlich constant und zur eigenen Art werden. Dann erreichen sie vielleicht auf anderen Wegen auf das Neue die ebenfalls veränderte vorige Varietät, beide nun als sehr verschiedene und sich nicht wieder miteinander vermischende Arten."

Hier haben wir das Prinzip der Isolation bei der Artbildung, also die Rassenkette, wie wir heute sagen, die sich differenziert, immer weiter ausbreitet und endlich vielleicht gar wieder Berührung mit ihrem Ausgangspunkt gewinnt, wo nun aber ihre Endglieder als neue Art erscheinen. Wenn auch nicht zu erkennen ist, daß v. Buch dieses Prinzip in der Paläontologie schon bewußt angewandt hätte, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß er auch die Evolution der fossilen Lebewelt in diesem Sinne sah -- also doch nicht nur als Empiriker, sondern auch bereits als hochbedeutender Theoretiker der Faktorenfrage. Als solcher
zeigt er sich auch im Hinblick auf das Erlöschen der Ammoniten in der Kreide (1849):
"Die Art dieses Verschwindens hat jedoch etwas sehr Auffallendes. Die meisten Ammoniten scheinen schon anfangs an der Schwäche zu leiden, welche sie endlich ganz aus der Schöpfung vertreibt. Die Windungen stehen bei vielen nicht vollständig in einer Ebene... Bald fehlt ihnen sogar die Kraft, sich den vorigen Windungen fest anzulegen; diese stehen frei, es bildet sich der nur in der Kreide vorkommende Crioceras... endlich die (Gestalten) der Hamiten und die der ganz wie ein Stab gerade und senkrecht in die Höhe gerichteten Baculiten, und das ist der letzte Versuch des Thieres, sein Dasein zu sichern. Seitdem erscheint nichts wieder, was an diese Art der Cephalopoden erinnern könnte..... es sind Leitformen."

Es berührt uns erneut, ein bis heute lebhaft diskutiertes Problem schon damals in einer Weise beantwortet zu sehen, wie wir sie erst in einem späteren Stadium der Forschung erwartet hätten." (Zitat Hölder Ende)

Aus: Hölder, Helmut (1975): Leopold von Buch - Gedenkwort zu seinem 200. Geburtstag (vorgetragen bei der Jahresversammlung 1974 der Paläontologischen Gesellschaft).- Paläontologische Zeitschrift, 49, 5-10, Stuttgart.
(online unter >http://www.springerlink.com/content/03164k8926826477/fulltext.pdf )


(Helmut Hölder, Jahrgang 1915, Professor für Geologie und Paläontologie war bis zu seinem Ruhestand an der Universität Münster tätig. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte der Geologie und Paläontologie in Deutschland. Sein bibliothekarischer Nachlass befindet sich an der Universität Freiburg, siehe hier:
>http://www.ub.uni-freiburg.de/xopac/ub_freiburg/hoelder.html
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Mittwoch, 28. Oktober 2009

Neues von Archie 8 und 10 - Neue Art dazu, alte Art weg und neue Besuchsrechte?

von Reinhold Leinfelder
(mit Nachtrag vom 5.11.09, am Ende des Artikels)

Nun wird es erfreulicher: endlich steht mehr die Wissenschaft rund ums Archaeopteryx-Treffen, weniger die Fossilhändler im Vordergrund (> AdlD Bericht vom 26.10.). Wollen wir hoffen das dies so bleibt.

Sehr positiv ist, dass nun die Wissenschaft die Möglichkeit hat, die sechs derzeit in München befindlichen Archaeopteryx-Exemplare seit Montag bis morgen (29.10.09) wissenschaftlich direkt zu vergleichen. Ab Freitag sind die Urvögel dann auf den eigentlichen Mineralientagen zu sehen (> PM Mineralientage)

Auch in dem Medien wird nun die Wissenschaft stärker betont, etwa in der WELT online vom 27.10.09 oder - generell zu Archaeopteryx - in der FAZ vom 28.10.09. Ein paar Beispiele seien genannt.

Abbildung: Wissenschaftler untersuchen die Archaeopteryx-Exemplare an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie. Screenshot aus BR-Rundschau vom 26.10.09

Wieviele Archaeopteryx-Arten gibt es?
Ist Archie 7 keine eigene Art? Der Münchner Merkur vom 27.10.09 zitiert den US-amerikanischen Paläontologen. Zitat aus dem Artikel:
"Mark Norell, Chef-Paläontologe des Amerikanischen Naturhistorischen Museums in New York, ist bereits angereist. „Wie schnell wuchsen diese Tiere und wie lange lebten sie?“, will er wissen. Dafür entnimmt er den Skeletten mikroskopisch kleine Proben. Kürzlich hat er so das Exemplar untersucht, das seit 1999 im Besitz der Bayerischen Staatsammlung für Paläontologie ist und von dem ein täuschend echter Abguss im Museum ausgestellt wird. Heraus kam: Es war ein Jungtier und keine neue Art, wie lange angenommen wurde." (> ganzer Artikel).

Norell bezieht sich auf das 7. Urvogel-Exemplar, das Münchner Exemplar, welches ja im Unterschied zu den anderen Urvogel-Exemplaren, die als Art Archaeopteryx lithographica bezeichnet werden, als eigene Art, nämlich Archaeopteryx bavarica definiert wurde. Hier gab es immer wieder unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen. Es könnte durchaus sein, wie die FAZ heute (28.10.09) generell zu Archaeopteryx schreibt, dass es sich bei allen Exemplaren um Jungexemplare handelt, damit wären insbesondere Größenunterschiede der Exemplare, aber auch gewisse Verknöcherungsstadien im Brustbereich kein gutes Artunterscheidungskriterium. Der Artnamenwechsel ist übrigens auch früher schon einem anderen Archaeopteryx-Fund passiert. Das 2. Exemplar, das Berliner Exemplar wurde ebenfalls ursprünglich als eigene Art geführt, nämlich Archaeopteryx siemensii. Die meisten Wissenschaftler waren sich später allerdings einig, dass A. siemensii mit A. lithographica identisch ist, wenn auch wieder einmal Größenunterschiede vorhanden sind. Aber es gibt weiterhin Wissenschaftler, die an der Art A. siemensii festhalten. Und da Archie 10 auch eng mit Archie 2 in Verbindung gebracht wurde, könnte das sogar für Archie 10 gelten (> siehe Literaturverzeichnis hier, sowie auch Synonymieliste zum 10. Exemplar hier). Ob A. bavarica nun auch zu A. lithographica wird, bleibt den Spezialisten zur weiteren Untersuchung überlassen.

Archie 8 eine neue Art? Es mag erste Hinweise dafür geben, dass der nun im Original präsentierte mehrere 100.000 Jahre jüngere, sehr fragmentarische Fund eines 8. Archaeopteryx-Exemplars eine neue Art sein könnte. Dies gilt zumindest gemäß einer gestrigen dpa-Meldung, die in ZEIT online und einigen weiteren Pressemedien publiziert wurde: Die Meldung lautet:

"München (dpa) - Bei einem lange verschollenen Archaeopteryx- Fossil handelt es sich möglicherweise um eine neue Art. Das habe ein erster Vergleich des nun wiedergefundenen Fossils mit anderen Urvögeln ergeben.
Die Urvögel befänden sich derzeit für eine Ausstellung in München, sagte der neue Besitzer des Fossils, Raimund Albersdörfer aus Schnaittach bei Nürnberg am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Mehrere Forscher hatten das Fossil in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie inspiziert. Die genaueren Untersuchungen, ob es sich um eine neue Art handele, werden allerdings mehrere Wochen oder sogar Monate dauern, wie der stellvertretende Direktor der Staatssammlung, Winfried Werner, und der Paläontologe Oliver Rauhut sagten. «Es steht noch nicht fest - es bedarf detaillierter Untersuchungen», betonte Werner. Weltweit sind zehn Exemplare der Urvögel bekannt. Zwei davon, die Nummern 3 und 8, waren jahrzehntelang verschollen, Nummer 8 tauchte jetzt wieder auf. «Es zeichnet sich beim 8. Exemplar schon ab, dass es sich um eine neue, der Wissenschaft noch nicht bekannte Art handelt», sagte der Besitzer, der selbst Geologe und Fossilienhändler ist. Er habe vorgeschlagen, das neue Fossil als Daiting-Exemplar zu bezeichnen, das es in Daiting südwestlich von Solnhofen gefunden wurde." (aus ZEIT-newsticker)

Tatsächlich wäre eine eventuelle neue Art jedoch erst begründet, wenn die wissenschaftlichen Untersuchungen abgeschlossen und publiziert sind. Immer wieder auch kann auch der Wunsch der Vater des Gedankens sein. Auch die generellen bekannten Schwierigkeiten der Artabgrenzung bei der Gattung Archaeopteryx (siehe oben) sind zu berücksichtigen. Dennoch: Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie meinte in der BR-Rundschau vom 26.10., es gelte zu untersuchen, ob es auf den Inseln der Oberjura-Welt vor 150 Jahren tatsächlich bereits Anpassungsvielfalt wie etwa bei den berühmten Galapagos-Finken gab. Auf den Galapagos-Inseln kommen ja auch auf engem Raum viele unterschiedliche Arten vor, die sich insbesondere in ihrer Schnabelausbildung unterscheiden. Auch AdlD wies ja schon darauf hin, dass die "perlenförmigen" Zähnchen des Archie 8 durchaus Unterschiede etwa zum Berliner Exemplar aufweisen könnten. Warten wir also auf gut fundierte neue Ergebnisse. Auf alle Fälle ist zu vermeiden, dass ein "Ida"-Effekt eintritt: zuerst wissenschaftlich als Bindeglied in der Ahnenreihe zum Menschen hochgejubelt, nun doch sehr "entzaubert" und schlichtweg vermutlich "nur" ein lemurartiger Affe auf einer ganz anderen evolutionären Linie. Dass Darwinius, aka "Ida" dennoch ein wunderbar erhaltenes und wichtiges wissenschaftliches Zeugnis ist, ging dabei leider unter.

Archies mit Besuchserlaubnis
Aber noch weiteres Positives gibt es zu berichten. Endlich scheint es im Fall von Archie 10 zu einer tragfähigen "Besucherregelung" für Wissenschaftler zu kommen (zur Vorgeschichte siehe AdlD vom 26.10.).

WELT online vom 27.10.09 thematisierte das Problem des fehlenden Fossilschutzgesetzes. Allerdings stimmt der dort gegebene Hinweis so nicht, dass die dauerhafte Zugänglichkeit von Archie 10 für die Wissenschaft bereits geregelt worden sei und Archie 10 in regelmäßigen Abständen zu den Wissenschaftlern nach Frankfurt gebracht werden müsse. Eine derartige Regelung war zwar vielleicht einmal geplant, allerdings ist es offensichtlich nie dazu gekommen.

Nun aber hat sich das Bayerische Wissenschaftsministerium hinter die Sache geklemmt. Die Anzeichen dafür mehrten sich, dass hier eine Regelung erzielt wurde, aber eine offizielle Bestätigung des Ministeriums stand noch aus. Diese liegt nun aber offensichtlich vor, wie die Süddeutsche heute (28.10.09) berichtet. So schreibt dies Süddeutsche:
"Als Bedingung dafür, dass er (Anm, der Besitzer Dr. Burkhard Pohl)" das Stück in den Freistaat ein- und wieder ausführen darf, verlangte die Staatsregierung von Pohl die Zusicherung, den Archaeopteryx dauerhaft "für Forschungs- und Ausstellungszwecke" zugänglich zu machen. Mit Erfolg: Pohl hat eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben, die auch für eventuelle Rechtsnachfolger gelten soll."

Die kleine Verballhornung des Volksliedes "Kommt ein Vogerl geflogen" (AdlD vom 26.10.) können wir damit durch eine weitere Strophe ergänzen:

Liebes Vogerl, sei nicht traurig,
statt dem Frust gibt's nun den Kuss
denn nun könn' wir dich besuchen
jedesmal, wenn dies sein muss.

(Abb. Archaeopteryx-Modell von Dennis Wilson aus dem Aathal-Museum, dpa)


Ende gut alles gut? Immerhin, obige Regelung klingt erst einmal zufriedenstellend, sofern sie auch umgesetzt und eingelöst werden kann. Außerdem kann die Regelung nur bedeuten, dass auch das bayerische Wissenschaftsministerium nicht nur die wissenschaftlich-kulturelle Bedeutung derart herausragender Fossilien, sondern auch die Notwendigkeit der Verfügbarkeit für die Wissenschaft erkannt hat. Hoffen wir auf den konsequenten nächsten Schritt: ein bayerisches Fossilschutzgesetz, dann gäbe es so richtig Grund zum Jubeln!

Dennoch: auch heute besteht bereits Anlass zur Freude. Und wenn der Besitzer von Archie 8 seine Ankündigung (u.a. im TV) auch wahr macht und das Objekt nicht nur einem Museum ausleiht, sondern dieses Museum auch ein öffentlich-rechtlich verankertes Forschungsmuseum ist und die Leihgabe eine Dauerleihgabe, dann hätte die Fossilhändlerveranstaltung zu den Archaeopteryxen tatsächlich auch nachhaltigere positive Auswirkungen für die Wissenschaft.
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Nachtrag vom 5.11.09: hier nochmals die Meldung, dass das bayerische Staatsministerium für Wissenschaft erfolgreich bzgl. der wissenschaftlichen Zugangsrechte für Archie 10 verhandelt hat. Auch dass die "Artfrage" für Archie 8 und die anderen noch nicht wissenschaftlich geklärt werden konnte, wird bemerkt: alles im Münchner Wochenanzeiger zu finden.

Im Weißenburger Tagblatt vom 4.11.09 (online 3.11.09) wird berichtet, dass Archie 8 und 10 nun nach Solnhofen weitergeflattert sind und dort kurz zu sehen sein werden. Außerdem wird der CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Wägemann genannt, der für Archie 10 "einen Diplomatenstatus" herausgehandelt habe. Weiterhin wird die Meinung eines Archaeopteryx-Kenners, Helmut Tischlingers wiedergegeben, der auf neuere Forschungsergebnisse hinweist, die alle Archaeopteryx-Funde eher zu einer Art rechnen.

Ach ja, und das neue "Humboldt-Ring"-Konsortium naturwissenschaftlicher Sammlungen und Museen wurde von Archaeopteryx auch beflügelt - die großen Mitgliedssammlungen in Stuttgart, Karlsruhe, München, Bonn und Berlin beschlossen eine ggf. gemeinsame und gegenseitig transparente Erwerbspolitik für herausragende Sammlungen und Objekte. Vergebliche Bemühungen um den Erhalt nationalen Kulturguts wie Archaeopteryx 10 oder Darwinius, die offensichtlich der Sammlung in Frankfurt am Main angeboten wurden, von dort aber aus Kostengründen nicht erstanden werden konnten, sollten damit hoffentlich der Vergangenheit angehören.
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