Mittwoch, 4. November 2009

Das "Darwin-Jahr-Komitee" jagt Naturkundemuseen?

von Reinhold Leinfelder

Schade, gerade wollte ich einen Beitrag des mit Kürzel AM redaktionell verantworteten Evo-Magazins mal loben, schon passiert da folgendes:

In seiner Presseschau vom 30.10.09 für die Website "Evolution ist überall!" sieht AM schon wieder ein deutsches Naturkundemuseum, gar noch ein staatliches von Kreationisten unterwandert ("Kreationisten im staatlichen Naturkundemuseum" ). Und das wird gleich noch garniert damit, dass das Museum auch noch zu dem von Reinhold Leinfelder (also mir) geleiteten DNFS-Konsortium gehört, und dass ich diese Kreationistenunterwanderung offenbar gut leiden könne. Dies natürlich ganz im Gegenteil zum Eingehen auf weltanschauliche Konsequenzen der Giordano Bruno-Stiftung und der AG Evolutionsbiologie durch die Evolutionstheorie (AM ist Mitglied der Giordano Bruno-Stiftung). Das kann ich ja wohl gar nicht ab, denn ich hätte ihnen (gemeint ist wohl ein sog. Darwin-Jahr Komitee, welches die "Evolution ist überall"-Webseite betreibt) auch noch untersagt, auf Veranstaltungen in Museen der DNFS hinzuweisen. Und damit die Katastrophe auch noch perfekt ist, weist AM auf eine weitere Unglaublichkeit hin, eine Arche Noah im Naturkundemuseum in Düsseldorf, angeblich ein weiterer großer Hit für die Sechs-Tage-Theoretiker.


Die Evolution der Gliedmaßen der Wirbeltiere vom Fisch zum Amphibium, aus der Stuttgarter Evolutionsausstellung "Der Fluss des Lebens"


Gut, dass wir derart kritischen Webjournalismus haben, der auf solche Skandale hinweist. Aber eine kurze Stellungnahme, ähm, auch ein bisschen Korrektur, sei gestattet:

1) die erwähnte Arche Noah steht nicht wie behauptet im Naturkundemuseum in Düsseldorf, sondern in Erfurt. Unter dem angegebenen Link zum Naturkundemuseum Düsseldorf verbirgt sich ein Link zu einer weiteren heißen Reportage von AMs Presseschau, diesmal vom 22.10. Dort wird allerdings vom Naturkundemuseum Erfurt berichtet. Oops, AM. Aber wollen wir mal nicht so sein, dann eben die Erfurter: sie haben "sich entschlossen, die Artenvielfalt ausgerechnet mit Hilfe der Arche Noah und ihrer tierischen Bewohner" zu erklären. "Gäbe es einen Preis für schlechte Ideen", wüsste AM den Erstplatzierten. Schön. Und erst mal danke für den Hinweis - diese Ausstellung kannte ich nämlich noch gar nicht.

Sieht man nun ganz weltanschaulich verstört auf der Seite des Naturkundemuseums Erfurt nach, wird dort deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Arche Noah ein Symbol für die Bewahrung der Artenvielfalt darstellen soll. Überlesen hat AM allerdings offensichtlich folgendes auf der Website: " Unter der Schiffsbrücke erzählt die Schiffsratte Rainer den kleinen Besuchern die Geschichte der Arche Noah: "Wie es wirklich war!""

Die Fotos der Erfurter Ausstellung zeigen, dass die Anordnung der Objekte innerhalb der Arche Noah nach biogeographischen Regionen (z.B. Neotropis, Äthiopis) vorgenommen wurde, ganz schön wissenschaftlich, sogar bis in die Antarktis ist die Arche Noah vorgestoßen. Das Ganze erscheint mir also in etwa so viel Arche Noah wie auch die Beagle Arche Noah war. Ob man die Arche-Idee nun gut findet oder nicht, kann ja jeder selbst entscheiden, aber was das Verwenden von Metaphern oder Symbolen mit Kreationismus zu tun hat, muss mir erst mal jemand erklären. Ach so, Begriffe wie Arche Noah oder Schöpfung outen einen als Kreationisten? Ja, dann. Auch die Bundesregierung ist dann also komplett kreationistisch. Denn bei dem Ministersegment des UN-Biodiversitätsgipfels setzte die Bundeskanzlerin einen "Meilenstein für die Bewahrung der Schöpfung", indem sie für 2009-2012 zusätzliche 500 Mio. Euro für den weltweiten Schutz der Wälder und Ökosysteme versprochen hat, danach soll es jährlich jeweils eine halbe Milliarde werden (siehe Pressemeldung). AM, wie wäre es mit dieser Schlagzeile "Bundesregierung fördert kreationistisches Gedankengut mit mehreren Milliarden Euro". Ach so, das war die CDU-Kanzlerin. CDU hat ja schon mit dem C im Namen zugegeben kreationistisch zu sein, nicht wahr? Genau, denn die SPD hat diese Meilenstein-These ja auch kräftig kritisiert, etwa in dieser Meldung. Aber Mist, dort wurde nur kritisiert, dass man mehr tun müsse, um die Schöpfung zu bewahren, denn auch hier steht: "Noch haben wir die Möglichkeit, an der Bewahrung der Schöpfung politisch mitzuwirken. Je länger wir zögern, desto teurer und schwieriger wird der Klimaschutz." Und bei den Grünen sieht es auch nicht besser aus, die wollen auch "Die Schöpfung bewahren". Alles Kreationisten, quer durch die Naturkundemuseen, quer durch die Parteien. Armes Deutschland, Katastrophe, lamentando. Oder hat das mit den Metaphern vielleicht doch eine andere Bedeutung? Ich biete mal meine Lieblings-Arche-Noah (Cartoon oben) zur Diskussion an.

2) Ja, die Info zum Begleitprogramm der Stuttgarter Evolutionsausstellung scheint richtig zu sein, wie eine Nachfrage meinerseits ergab. Hervorragende Recherche, denn die Namen der teilnehmenden Kreationisten stehen offensichtlich noch nirgendwo. Auf der Webseite des Museums steht bislang nur, dass am 24.11.09, also dem Tag der Erstveröffentlichung von Darwins "On the Origin of Species" ein Evolution Day im Museum stattfindet, mit folgendem Abendprogramm: "18 h Design ohne Designer? Eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zwischen Evolutionsbiologen und Darwinkritikern". Mir sind inzwischen auch die Namen nicht nur der Kreationisten, sondern auch der Wissenschaftler bekannt, die an der Diskussionsrunde teilnehmen und ich bin sicher, es wird spannend.

Auch hier ist natürlich jedem Museum freigestellt, ob es mit Kreationisten diskutiert oder nicht, auf die Stufe von Wissenschaft werden Kreationisten durch eine derartige Diskussion deswegen noch lange nicht gestellt. Wenn ich mit einem Politiker diskutiere, werde ich selbst nicht zu einem und umgekehrt er nicht zu einem Wissenschaftler, und wenn ich mit einem Theologen diskutiere mutieren mich geheime Kräfte auch nicht zu einem Pfarrer. Dem Museum und auch mir (die Museen sind auch innerhalb von Konsortien unabhängig) jedoch zu unterstellen, dass wir die Auftritte von Kreationisten gut leiden können? Sollte ich versucht sein, von Creationism Delusion zu sprechen? OK, lassen wir das. Aber statt dessen der dringende Appell: schauen Sie sich doch mal die Stuttgarter Evolutionsausstellung an, um die es ja insbesondere geht. Kaum ein anderes Haus hat sich derart viel Mühe gemacht, sich gegen Kreationismus zu positionieren. Da wird der Flagellenmotor an einem sehr guten Objekt erklärt und die pfiffige "Kreationismus-Waage" ist auch klasse. Trotz immenser Füllung mit Kreationismusbüchern senkt sich die Waagschale auf der Seite, auf der zwei Darwin-Bücher liegen. Kreationismus hat keine Chance, die Wissenschaft zu diskreditieren. Prädikat sehenswert! Und ansonsten: die DNFS, also dieses erwähnte Konsortium hat zum Beginn des Darwin-Jahrs ein gemeinsames Positionspapier gegen Kreationismus publiziert, gibt's auch auf diesem Blog nachzulesen. Und dass ich selbst gerne mit Kreationisten kuschle, wird wirklich zum allerersten Mal impliziert, Teile meiner Stellungnahmen gegen Kreationismus sind hier aufgelistet.

Abbildungen: oben: Nicht die Arche Noah, sondern ein Beagle-Nachbau ziert die Stuttgarter Evolutionsausstellung.
darunter: Wissenschaftliche Erklärung des Flagellenmotors, ein entkräftetes Paradebeispiel der Intelligent-Design-Kreationisten. Modell im Stuttgarter Naturkundemuseum.


Abb. Kreationismus versus Evolutionswissenschaften. Auch noch so viel kreationistisches Papier (links) kann fundamentale evolutionsbiologische Arbeiten wie die von Charles Darwin (rechts: Die Entstehung der Arten sowie Die Abstammung des Menschen) nicht aufwiegen. Installation gegen Kreationismus in der Evolutionsausstellung des Stuttgarter Naturkundemuseums.

3) Als angeblichen Beleg dafür, dass ich es nicht leiden kann, dass die Giordano Bruno Stiftung und die AG Evolutionsbiologie "auch auf die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie eingehen" wird ein Link zu meinem Blogeintrag "Instrumentalisierung von Darwin durch religionskritische Stiftung?" geschaltet. Also was kann ich nicht leiden? Genau: Instrumentalisierung. Das hat Darwin nicht verdient. Ich habe mit vielen Kollegen, die in der AG Evolutionsbiologie oder auch in der Giordano Bruno Stiftung aktiv sind, überhaupt keine Probleme, sondern kooperiere teilweise mit ihnen. Ich wage auch zu bezweifeln, dass dieser Presseschaueintrag von AM wirklich auch im Namen der AG Evolutionsbiologie geschrieben wurde. Weltanschauliche Konsequenzen sollen nach meiner Meinung nicht diskutiert werden? Die Beiträge in diesem Blog sind voll von Diskussionen dazu. Die Frage, die ich aufwerfe ist nur, ob zusätzlich zu unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, welches sich auf Darwin und andere Wissenschaftler begründet, jeder auch darüber hinaus verpflichtend eine allgemeingültige Weltanschauung adoptieren muss oder ob bei weltanschaulichen Fragen nicht jeder selbst für seine Anschauung verantwortlich sein sollte. Ich hab nichts gegen Diskussionen oder Anführen von Argumenten zum Überzeugen anderer, nur gegen Missionarisches, von welcher Seite auch immer, hab ich was.

4) Ich hätte untersagt, auf Veranstaltungen der DNFS-Museen im Kalender von "Evolution ist überall" hinzuweisen. Die DNFS betreibt einen eigenen Kalender und nimmt dort nur Termine auf, wenn wir darum gebeten werden. Keiner soll sich von der DNFS instrumentalisiert fühlen. Umgekehrt gibt es ebenfalls Regeln, etwa Bilder zu übernehmen, ungefragt sollte dies nicht passieren. Ob wir mit der Befürchtung, dass wir ggf. für Zwecke außerhalb der Naturwissenschaft instrumentalisiert werden könnten, richtig lagen, kann ja jeder Leser - ggf. auch unter Berücksichtigung dieses Eintrags - für sich selbst entscheiden.

5) Ach so, ich wollte ja auch loben. Klar, wird nicht vergessen, denn wir können doch Dinge auseinanderhalten. Nun ganz ehrlich: Vielen Dank für den Artikel zur Kampagne "Kreationisten aller Länder vereinigt Euch". Das ist ja wirklich nochmals ein Versuch, geballt die Wissenschaft in Misskredit zu bringen. Tatsächlich sollte man die ProGenesis-Kreationisten weiter im Auge behalten. (Dieser Artikel ist mit Darwin-Jahr-Komitee unterschrieben).

Ein Vorschlag zur Güte an AM: berichten wir doch weiter möglichst Interessantes und Erwähnenswertes rund ums Darwin-Jahr und lassen Unterstellungen einfach weg. Einverstanden?

Ihr
Reinhold Leinfelder

Die Ausstellung "Der Fluss des Lebens. 150 Jahre Evolutionstheorie am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (Schloss Rosenstein) ist noch bis Mai 2010 geöffnet. Weitere Informationeun unter www.evolution2009.de

Abbildung ganz oben aus scienceblogs.com
Der Arche Noah-Cartoon stammt von bruxelles.blogs.liberation.fr
(exakt: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2009/02/prix-européen-du-dessin-de-presse.html )
Weitere Abbildungen von R. Leinfelder, aus Staatlichem Museum für Naturkunde Stuttgart, mit Genehmigung verwendet.

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Nachtrag vom 5.11.09: kleiner Hinweis: AM hat die falsche Linkbezeichnung (Link zu Beitrag zu Erfurter Naturkundemuseum war fälschlicherweise als Beitrag zum Düsseldorfer Naturkundemuseum bezeichnet) nun geändert.
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