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Samstag, 3. Oktober 2009

Gründung des Humboldt-Rings – ein neuartiger Verbund deutscher Forschungsmuseen

Berlin/Bonn/Karlsruhe/Stuttgart/München: Der Humboldt-Ring - 75 Mio. Sammlungsobjekte als gemeinsame Ressource für integrative Forschung

Die fünf großen, international tätigen naturkundlichen Forschungsmuseen in Berlin, Bonn, Karlsruhe, Stuttgart und München unterzeichneten am 24. September 2009 ein Kooperationsabkommen zur Gründung eines neuen Verbunds, des "Humboldt-Rings", der in seiner Gesamtheit für Deutschland einmalig ist: Die beteiligten naturwissenschaftlichen Sammlungen und Forschungsinstitute bilden mit ihren zusammen über 75 Mio. Objekten umfassenden wissenschaftlichen Sammlungen, ihren zahlreichen Laboren und Bibliotheken und über 290 Wissenschaftlern die größte naturkundliche Forschungsinfrastruktur in Deutschland.

Im Einzelnen handelt es sich bei den Mitglieder um das Museum für Naturkunde Berlin, das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig (Bonn), das Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe, das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart und die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (München).



Übergeordnetes inhaltliches Ziel ist die Förderung und der Ausbau innovativer, integrativer Forschung inklusive der dazu notwendigen Infrastruktur im Bereich der Biodiversität und Evolution sowie zu den Wechselwirkungen zwischen unbelebter und belebter Natur, der System-Erde-Forschung.

Der Humboldt-Ring strebt, bei gleichzeitiger Bewahrung der föderalen Eigenständigkeiten der verbundenen Institutionen eine gemeinsame Vertretung in nationalen und internationalen Angelegenheiten an. Neben den fünf Gründungsmitgliedern ist der Ring auch offen für weitere, überregional bedeutende Einrichtungen, die ebenfalls die genannten Prinzipien und Ziele unterstützen.



Reinhold Leinfelder, der Gründungssprecher des Humboldt-Rings sowie Leiter des Konsortiums "Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen e.V. (DNFS)" freut sich: "Mit der Gründung des Humboldt-Rings haben wir die Kleinteiligkeit der forschenden Naturkundemuseen in Deutschland endlich überwunden. Mit dem Humboldt-Ring haben sich die herausragenden großen Naturmuseen aus vier Bundesländern zu einer innovativen Verbundstruktur zusammengeschlossen. Die integrative Evolutions-, Biodiversitäts- und System-Erde-Forschung Deutschlands hat damit einen weithin sichtbaren Leuchtturm, gleichsam ein Naturforschungs-Synchrotron bekommen, welches wir zum besseren Verständnis der Dynamik unseres Planeten und der Lösung der großen Umweltprobleme dringend benötigen. Denn nur was wir kennen und verstehen, können wir auch nachhaltig nutzen".



Die Institutionen des Humboldt-Rings verpflichten sich zu gemeinsam abgestimmten Aktivitäten und Strategien in Forschung, Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere der gemeinsamen Nutzung und komplementärer Entwicklung ihrer Forschungs- und Sammlungsressourcen, der Abstimmung ihrer Sammlungs-, Forschungs- und Personalpolitik, der Erarbeitung gemeinsamer Konzepte und Standards zur Verfügbarmachung und nachhaltigen Nutzung von Primärdaten und Forschungsinformation sowie der Einrichtung eines gemeinsamen wissenschaftlichen Beirats. Die Mitgliedsinstitutionen ergänzen sich hierbei und arbeiten Effizienz fördernd auf Augenhöhe zusammen. Sie fühlen sich den Qualitätsstandards der Leibniz-Gemeinschaft verpflichtet.



Der Name des neuen Verbunds wurde zu Ehren des großen deutschen Naturforschers Alexander von Humboldt gewählt, dessen auf Gelände- und Sammlungsarbeit beruhende, interdisziplinärer Erforschung und Vermittlung der Naturgeschichte und Naturprozesse sich die unterzeichnenden Institutionen verpflichtet fühlen.

Die fünf Gründungsmitglieder des Humboldt-Rings:


Museum für Naturkunde -
Leibniz Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin

Generaldirektor: Prof. Dr. Reinhold Leinfelder

http://www.naturkundemuseum-berlin.de



Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns

Generaldirektor: Prof. Dr. Gerhard Haszprunar

http://www.naturwissenschaftlichesammlungenbayerns.de



Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe

Direktor: Prof. Dr. Norbert Lenz

http://www.naturkundemuseum-karlsruhe.de



Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart

Direktorin: Prof. Dr. Johanna Eder

http://www.naturkundemuseum-bw.de/stuttgart



Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn
Direktor: Prof. Dr. Wolfgang Wägele

http://www.museumkoenig.de


Website des Humboldt-Rings: http://www.humboldt-ring.de

Geisteswissenschaften im Dialog: von der Evolutions- zur Biodiversitätsforschung

von Reinhold Leinfelder

Evolutions- und Biodiversitätsforschung sind auf vielfache Weise eng miteinander verknüpft. Zum einen war und ist die taxonomisch erfasste Vielfalt der belebten Natur die empirische Datenbasis zur Entschlüsselung der Evolutionsmechanismen, zum anderen ist die heutige Biodiversität eben auch das dynamische Produkt der Evolution. Die Vielfalt der Gene, Arten und Ökosysteme ist nur verständlich als Wechselspiel von Variabilität, Migration, Selektion und Anpassung. Je stärker die selektiven Kräfte wirken, desto rascher ändert sich in der Regel die biologische Vielfalt. Durch nicht nachhaltige Land- und Meeresnutzung, Überdüngung, Verschmutzung sowie durch die anthropogene Beschleunigung des Klimawandels durchläuft die Biodiversität derzeit einen globalen Selektionsversuch. Dies muss nicht nur in direkter Dezimierung der Biodiversität resultieren, sondern kann Umbauten der Biodiversität bewirken oder gar neue adaptive Prozesse auslösen. Tatsächlich passen sich etliche Organismen aktuell evolutionär an. Subtropische Singvögel und Insekten werden zuerst in unseren winterwarmen Städten heimisch, eingeschleppte Algen sind bei überdüngten Gewässern oft besser angepasst als einheimische, beim Kabeljau werden als Reaktion auf die immense Überfischung früher geschlechtsreife, also kleinere Tiere selektiert, und manche Korallen „erproben“ Symbiosen mit temperaturrobusteren Algenvarietäten. Allerdings läuft die anthropogen bedingte Veränderung unserer Umwelt zu rasch ab, als dass die evolutionären Anpassungen in aller Regel eine echte Chance haben könnten. Bei zu raschen Umweltveränderungen treten meist keine linearen Veränderungsprozesse auf, stattdessen können „Kippmechanismen“, also exponentiell ablaufende Veränderungen biologische Systeme enorm schnell kollabieren lassen, wie es derzeit insbesondere die Korallenriffe und Fischpopulationen erfahren.

Ein anderer Bereich der Evolutionsforschung ist ebenfalls wesentlich, um unsere biologische Vielfalt doch noch nachhaltig in Zukunft nutzen zu können. In der biologischen Natur des Menschen scheint begründet zu sein, zwar über sein eigenes Leben hinaus denken zu können, jedoch nur wenig Handlungskonsequenzen daraus zu ziehen. Die bessere Kenntnis der dynamischen, je nach Kontext unterschiedlichen Interaktion zwischen biologischem und kulturellem Erbe ist eine notwendige Voraussetzung, um ethische Umwelt-Prinzipien, etwa den ökologischen Imperativ von Hans Jonas − „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ − umsetzen zu können. Schon Aristoteles erkannte das Dilemma der ungezügelten Nutzung der Allmendegüter, also derjenigen Güter, für die keine exklusiven Verfügungsrechte bestehen und bemerkte, dass: „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird.“ Dies gilt heute insbesondere für Fischfang, Jagd auf Wildtiere, Raubbau von Wäldern, sowie Verwendung von Luft, Boden, Wasser als ungeregelte Schadstoffdeponien. Ebenso werden technische Großlösungen, wie etwa die Abkühlung der Atmosphäre durch geplanten großmaßstäblichen Schadstoffeintrag schon allein wegen fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz keine Nachhaltigkeit hervorrufen können.

Eine über Hunderte von Generationen reichende, nachhaltige Nutzung unserer Natur wird deshalb keinesfalls allein über naturwissenschaftlich rational begründete Verbote und Regularien möglich sein, sondern muss unser biologisches und kulturelles evolutionäres Verhaltenserbe mit berücksichtigen und darauf aufbauend partizipative, auch emotional geeignete Lösungsansätze suchen. Angewandte Biodiversitätsforschung reicht also weit über Taxonomie, Evolutionsbiologie, Molekularbiologie und Ökosystemforschung hinaus – sie umfasst auch wesentliche Bereiche der Geo-, Umwelt- und Klimawissenschaften, aber gleichermaßen auch Soziologie, Kultur-, Kognitions- , Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Mit anderen Worten: Nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt ist nur über eine große Vielfalt an Forschungsansätzen erreichbar.

(Bild: Ausschnitt aus der Wand der Artenvielfalt des Museums für Naturkunde Berlin, © Museum für Naturkunde Berlin)


Statement des Autors für ein Podiumsgespräch von "Geisteswissenschaften im Dialog" zum Thema "Nach Darwin - Evolutions- und Biodiversitätsforschung heute". Das Gespräch fand statt am 2.Oktober 2009 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Co-Veranstalter und Partner waren die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften, die Leibniz-Gemeinschaft, das Museum für Naturkunde Berlin, der Deutschlandfunk sowie das Museum für Naturkunde Berlin.
Programm und weitere Statements finden Sie > hier.

Montag, 2. Februar 2009

Berlin übte Humboldt-Forum in der Langen Nacht der Museen - Das Museum für Naturkunde im Zeichen von Kepler, Humboldt und Darwin


Die gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung der Langen Nacht der Museen vom 31.1.09 in Berlin am Beispiel des Museums für Naturkunde Berlin.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“. Dieser Alexander von Humboldt zugeschriebene Ausspruch lag gleichsam als mahnende Herausforderung über dem Thema der vergangenen Langen Nacht „Weltbilder – Weltsichten“. Wo besser als in einer Langen Nacht der Berliner Museen könnte man sich über Weltbilder und Weltsichten so intensiv kundig machen? Von Berlin bis Neuseeland, vom Urknall in die Steinzeit, von den Ägyptern über die Antike nach Preußen, zum Mauerfall bis heute und morgen. Von der Evolution der Kommunikation bis zu Weltsicht der blinden Mitbürger, von Tierstimmen bis zu Jazzmusik.

Anlässe gab es genug, wie etwa die Jubiläen der großen naturwissenschaftlichen Revolutionen: das Jahr der Astronomie, der 150. Todestag Alexander von Humboldts, der 200. Geburtstag von Charles Darwin. Ins laufende Jahr fallen Geburts- und Todestagsjubiläen großer Künstler, wie Joseph Haydn, Friedrich Schiller und Felix Mendelsohn-Bartholdy sowie gesellschaftlichte Gedenkjahren: UN-Jahr der Aussöhnung, 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall. Evolution von Weltbildern und Weltsichten also auf allen Ebenen, der Kunst und Kultur, der Naturwissenschaft sowie der Politik und Gesellschaft. Wie selten wurde klar, dass heutige Politik nicht ohne das Wissen über den Ablauf der Geschichte möglich ist, dass sich heutige Kunst, Kultur und Technik aus der Tradition, und gerade deshalb auch oft unter Brüchen weiterentwickelt, und dass Naturwissenschaftliche Weltbilder jeweils auch in einem gesellschaftlich-kulturellen Kontext standen und diesen entscheidend mit geprägt haben. Das Museum für Naturkunde fokussierte naturgemäß auf naturwissenschaftliche Weltbilder, die ja auch immer wieder gesellschaftliche Revolutionen, zumindest aber Evolutionen ausgelöst haben. Evolution in Aktion, das Motto der zentralen Ausstellungen des Naturkundemuseums muss eben auch für Weltbilder gelten. Umso wichtiger, dass wissenschaftliche Ergebnisse auch authentisch und unüberpretiert dargestellt werden, damit aus naturwissenschaftlichen Weltbildern keine dogmatischen Ideologien werden, wie dies der spätere Missbrauch von Darwins Evolutionstheorie für sozialdarwinistische Zwecke ja eindrücklich gezeigt hat. Entsprechend unverkrampft und in lockerer Atmosphäre präsentierte das Museum für Naturkunde die naturwissenschaftlichen Beiträge zu den Weltsichten. Auf dem Raumsofa vom Urknall bis ins Museum. Eine Sicht auf die Welt vor 150 Millionen Jahren im Sauriersaal bei jurassischem Abendrot mit Jazzmusik des versierten Dinné-Schäfer Duos und mit animierenden Cocktails mit Namen wie Darwins Inspiration oder Tendaguru Nights. In der Ausstellung Menschwerdung auf Du und Du mit unseren Verwandten Lucy und dem Neanderthaler. Vor den denkmalgeschützten Dioramen eine Weltsicht der 20er Jahre auf die Natur, und natürlich vor und hinter den Kulissen Sichten in den Mikrokosmos, die Welt der Tierstimmen, die Spinnereien des Museums, die fleißigen Wortbürokraten der Insektenforscher und vieles mehr. 6133 Besucher genossen diese Sicht der Welt. Insgesamt sahen rund 30.000 Besucher der Langen Nacht, wie wesentlich es ist, dass naturwissenschaftliche, kulturelle, künstlerische, technische und gesellschaftliche Sichtweisen auf die Welt integriert werden müssen und erst gemeinsam eine zukunftsweisende Sicht der Welt zulassen. Die Lange Nacht war in bester ganzheitlicher wissenschaftlicher Tradition eines Alexander von Humboldts und in bester Bildungstradition eines Wilhelm von Humboldts – mit anderen Worten, alle Museen und all ihre Besucher waren in dieser Langen Nacht ein authentisches und zukunftsweisendes Humboldt-Forum.

Reinhold Leinfelder (für das Museum für Naturkunde)

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde, Vorstandsmitglied des Landesmuseumsverbands Berlin und Vorsitzender des Konsortiums „Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen e.V.“

(basierend auf einer Pressekonferenz zur Langen Nacht sowie einem Live-Interview während der Langen Nacht für rbb-Radio 1)