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Montag, 23. August 2010

Nun auch noch Biodiversitätsskeptiker?

von Reinhold Leinfelder

Das Darwin-Jahr 2009 ging mit der Kopenhagener Klimakonferenz zu Ende und führte direkt ins laufende UN-Jahr der Biologischen Vielfalt. In unserem Ach-du-lieber-Darwin-Blog hatten wir daher die Kurve von der Evolution zu Klima (als Selektionsfaktor) und von der Evolution zur Biodiversität (als Produkt der Evolution) ebenfalls genommen, denn Evolution-Klima-Biodiversität sind eben allesamt vernetzt. Allerdings war nicht geplant, dass wir auch bei den Skeptikern diesen Bogen schlagen müssen. Klimaskeptiker und Evolutionsskeptiker hatten wir ja schon mal verglichen. Kommen nun auch noch die Biodiversitätsskeptiker?

Es ist zu befürchten, zumindest geht ein Artikel im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. August (Millionen für Molche) genau in diese Richtung. Dieser Artikel bekam immerhin etlichen Gegenwind, was die Leserkommentare der Online-Version, darunter auch der einer renommierten Wissenschaftsjournalistin zeigen.
Heute erschien auch eine längere Stellungnahme im Biodiversitäts-Blog der Leibniz-Gemeinschaft unter dem treffenden Titel "Artenschutz auf Stammtischniveau".
Hingewiesen werden sollte durchaus auch darauf, dass der "Millionen für Molche"-Artikel im Wirtschaftsteil der FAS erschien, der Wissenschaftsteil von FAZ und FAS bringt hier sehr viel differenziertere Artikel, z.B. 18.5.10: Biodiversität - Unkraut vergeht besser nicht oder 3.2.10: Was kostet die Welt? sowie bereits 8.5.2008: Was kostet die Welt, wer hat soviel Geld?. Gerade die beiden letzt genannten Artikel hätte der Wirtschaftsjournalist der Stammtisch-Analyse wohl einmal lesen sollen, hier geht es sehr differenziert um den Wert der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter für uns alle.

Noch findet Google nur zwei Einträge bei der Suche nach "Biodiversitätsskeptiker" und dies auch nicht im obigen Kontext, aber was nicht ist mag ja noch kommen. Es steht zu befürchten, dass die Biodiversitätsskeptiker aus ganz verschiedenen Ecken auftauchen werden, zum einen aus manchen Bereichen der Wirtschaftslobby, welche auch gerne mal versucht, Biodiversitätswissenschaftler und Naturschutz als Wirtschaftsbremse an den Pranger zu stellen. Zum anderen aber auch aus der Klimaschutzecke: Eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Naturschutz ist zwar die Einhaltung eines globalen 2-Grad-Limits der anthropogenen Klimaerwärmung, denn die Natur passt sich mit der Zeit an, aber nicht in dieser Änderungsgeschwindigkeit, wie es heute der Klimawandel mit sich bringt, so dass wir uns damit auch vieler unserer eigenen Lebensgrundlagen berauben werden, wenn der anthropogene Treibhauseffekt nicht gebremst wird. Naturschutz ist so betrachtet also nichts anderes als Selbstschutz. Aber Windkraftwerke und Vogelflug, Biosprit und Waldschutz, offshore-Windparks und Lärmbelästigung in den Meeren können sich, falls jeweils allein betrachtet entgegenstehen. Richtig angepackt, ist zwar vieles miteinander verträglich, aber es gibt auch Interessenskonflikte und deshalb Diskussions- und Regelungsbedarf. Klimaschutz muss nicht auf Kosten des Biodiversitätsschutzes gehen und umgekehrt, wenn beides gemeinsam gedacht wird.

Biodiversität ist allerdings im Vergleich zum Klimaschutz deutlich komplexer, was es zu berücksichtigen gilt:
  • * das Biodiversitätsgeschehen ist stark regional geprägt und kann bisher sehr schlecht regional modelliert werden;
  • * Biodiversität ist ein Produkt aus sehr vielen Faktoren, wie regionaler Geologie, geographischer Konstellation (Topographie, Niederschlag, Boden, Verbindungskorridore), menschlicher Besiedlungsdichte, Landnutzungart und Intensität, Klima, Schadstoffeintrag, adaptiver Strategien, Populationsdynamik und vielem mehr).
  • * Damit ist die Erfassung und das Monitoring der Biodiversität, aber auch die Prognostik deutlich schwieriger als etwa die Erfassung und Prognostik von Klimaveränderung. Bislang wird vieles über die Erfassung von Indikatorarten geregelt, eine an sich sinnvolle Methode, die aber auch ihre Grenzen hat. Neue Monitoringmethoden und -strategien müssen entwickelt werden, etwa automatisierte Erkennung von Tierstimmen, Barcoding-Erfassung mithilfe genetischer Signaturen sowie partizipative Monitoringprojekte zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
  • * Biodiversität ist ökonomisches Gut für uns alle, aber die Werterfassung der ökosystemaren Dienstleistungen und Güter ist überaus komplex und auch relativ ungenau, damit natürlich auch angreifbar
  • * Gerade weil Biodiversität ein Produkt aus vielen Faktoren ist, eignet sich die Erfassung von Änderungen der Biodiversität aber auch als Frühwarnsystem für andere kritische Änderungen, etwa bei Klima, Wasserhaushalt, Überdüngung, Umweltverschmutzung, unnachhaltiger Landnutzung; Überfischung etc.. Auch hierzu sind übrigens Molche als Indikatorarten wichtig.
  • * Manche gutmeinenden Menschen unterstellen der Wissenschaft, dass sie selbst zur Biodiversitätszerstörung beiträgt, da das Erfassen von Biodiversitätsmustern ja auch mit Hilfe von Aufsammlungen geschehen muss. Diese seien aber nur dazu da, indigenen Völkern und Entwicklungsländern ihre wichtigen genetischen Ressourcen zu rauben. Hier sind der Wissenschafts- und Forschungsprozess noch besser darzustellen, aber auch entsprechende UN-Regelungen (Access-Benefit-Sharing-Regelungen der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt) endlich zu vereinbaren.

Vieles des oben genannten fordert bestimmt etliche dazu heraus, zu relativieren, abzuwiegeln, die Selbstheilungskräfte der Natur zu betonen (wie nun auch wieder fälschlicherweise beim Ölunglück im Golf) oder eben zu behaupten, so ein paar Molche oder Lurche würden doch nicht die Welt aus den Angeln heben, wenn sie verschwunden sind. Im Wissensvermittlungs-Spannungsfeld (siehe Abbildung) wird also Biodiversitätsschutz sicherlich im Bereich des Relativierens besonders zerredet werden, v.a. wenn es um kurzfristige finanzielle Interessen geht. Auch alarmistisch-polemische Überziehungen, etwa nach dem Motto: Biodiversitätsschutz lässt uns verhungern, Lurche statt Menschen etc. werden wir sicherlich noch mehr zu hören bekommen. Und Handlungsempfehlungen werden hoffentlich nicht so ausgehen wie im Molchartikel der FAS.


Unsere Abbildung zeigt wie Wissenschaftsvermittlung und wissenschaftsbasierte Politikberatung sein sollte (grünes Dreieck), wie sie aber häufig tatsächlich abläuft bzw. wahrgenommen wird (rotes Dreieck). Wissenschaftliche Ergebnisse, aber auch der wissenschaftliche Prozess, der zu diesen Ergebnissen geführt hat, müssen authentisch und differenziert vermittelt werden. Daraus können Szenarien abgeleitet werden, die auf diesem Wissen basieren. Auch Handlungsempfehlungen dürfen ausgesprochen werden, wenn möglich sogar mehrere, so dass dann Gesellschaft und Politik darüber diskutieren und ggf. entscheiden. Statt differenzierter, authentifizierter Ergebnisdarstellung wird aber gerne stark relativiert, nach dem geschilderten Motto, wir wüssten doch noch viel zu wenig. Bezüglich statistisch abgesicherter Szenarien, bei denen auch die Fehlergrenzen aufgezeigt werden, wird gerne unterstellt, die Wissenschaft betreibe Alarmismus, und bei den Handlungsempfehlungen, die aus der Wissenschaft stammen, machen manche bestenfalls Eigeninteressen der Wissenschaft, gerne aber auch mal ideologische Beweggründe aus. Nehmen wir die Evolutionswissenschaften als Beispiel: ja, wir wissen trotz vieler offener Fragen unendlich viel darüber, die Evolutionstheorie ist bestens belegt, die Kreationisten behaupten jedoch, das würde nicht stimmen, man wisse viel zu wenig. Ein angewandtes Szenario Richtung nachhaltigem Umweltmanagement könnte wie folgt aussehen: die Natur bietet zwar evolutionäre „Selbstheilungskräfte“, allerdings ist die Geschwindigkeit der heute menschendominierten Selektion, etwa durch Landverbrauch, Regenwaldabholung, Überfischung und Klimaveränderung einfach zu rasch, als dass die evolutionäre Anpassungsfähigkeit hier positiv wirksam werden könnte. Gerne werden derartige Szenarien dann als alarmistisch abgetan. Wissensbasierte Handlungsempfehlungen wären bei diesem Beispiel die Reduktion von Treibhausgasen, die Ausweisung vernetzter Schutzgebiete, nachhaltiges Management von Agrargebieten, vielleicht auch Umstellen von Ernährungsgewohnheiten. Hier wittern dann wieder andere Interessensgruppen umstürzlerische Intentionen, Kontrollwut oder Vorwände, um eine, immer wieder herbei geredete Weltregierung einzurichten.
Abbildung aus: Leinfelder, R.R. (2010): Vom Handeln zum Wissen – das Museum zum Mitmachen.- In: Damaschun, F., Hackethal, S., Landsberg, H. & Leinfelder, R. (eds.)(2010): Klasse, Ordnung, Art. 200 Jahre Museum für Naturkunde, S. 62-67, Rangsdorf (Basilisken-Presse)

Politiker, Ökonomen und auch Wirtschaftsjournalisten sollten jedoch nicht vergessen, dass für fast jeden von uns die Natur überaus positiv emotional besetzt ist und schon einen sinnhaften Wert an sich darstellt. Egal, ob man die Natur nun als Produkt der Schöpfung oder der Evolution oder von beidem sieht - wir alle sind trotz aller Zivilisation nach wie vor auch Teil der Natur, deshalb wird sich die Gesellschaft die Natur nicht so leicht wegnehmen lassen! Es kommt allerdings darauf an, dass auch für nachfolgene Generationen genügend viel Natur erhalten bleibt. Wir hoffen also auf differenzierte Diskussionen, nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf die nächste UN-Konferenz zur Biologischen Vielfalt im November 2010 in Nagoya, Japan. Und übrigens, auch ein Darwin war fasziniert von der Vielfalt des Lebens, auch dieses Erbe Darwins, die Faszination für die Natur und die Erforschung der Natur gilt es weiterzugeben.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Wir lieben nur, was wir kennen

von Reinhold Leinfelder

02. Februar 2010: Was würde Charles Darwin sagen, wenn er sich heute auf der Erde umsähe? Die Bestätigung und Weiterentwicklung seiner Evolutionstheorie würde ihn gewiss freuen. Zugleich wäre er wohl entsetzt über den ökologischen Zustand so mancher Regionen, die er bei seiner Reise mit der "Beagle" besuchte: den Pantanal-Regenwald in Brasilien, der vom Zuckerrohranbau bedroht wird, die industrielle Überfischung vor Chile, die Gefährdung des Galapagos-Pinguins, das Abtauchen vieler Korallenriffe im Pazifik.

Vielleicht würde Darwin sich da die Bemerkung nicht verkneifen, dieses globalen Selektionsversuchs durch den Menschen bedürfe es doch wirklich nicht mehr, um seine Theorie zu untermauern. Und er könnte sich zu dem Hinweis genötigt fühlen, dass die Evolutionstheorie nicht zu sehr zur Erklärung der kulturellen Evolution herangezogen werden sollte und insbesondere nicht zur Rechtfertigung einer utilitaristischen Moral taugt, nach welcher unser Umgang mit dem Rest der Natur sich letztlich an dem Prinzip des mittelalterlichen Gewürzhandels orientiert, wo nur das, was uns nützt, Chance auf Beachtung und Pflege hat.


Umweltbewusstsein ansteigend

Warum aber sollen wir uns dann um die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten bemühen? Immerhin, Klima- und Umweltschutz sind heute auf den höchsten Ebenen angekommen. Anlässlich der Eröffnung des Jahrs der biologischen Vielfalt im Berliner Museum für Naturkunde gaben die Bundeskanzlerin, in- und ausländische Umweltminister sowie hochrangige UN-Vertreter wieder ein eindeutiges Bekenntnis zur Notwendigkeit nachhaltigen Umweltwirtschaftens und zum Biodiversitätsschutz ab. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist das Umweltbewusstsein stark angestiegen - Klimaschutz gehört laut Umfragen zu den Themen, welche die Deutschen am meisten bewegen, und selbst das sperrige Wort Biodiversität ist inzwischen kein Fremdwort mehr. Regenwaldabholzung, Riffsterben oder ökologische Schäden durch eine übertechnisierte Landwirtschaft sind allgemein bekannt.
Die Botschaft wird also verkündet, nur gehört wird sie offenbar nicht. Die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe kommt nicht recht voran. In Kopenhagen ist kein Vertrag zum Klimaschutz zustande gekommen, die von den UN für 2010 gesteckten Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind nicht erreicht worden.

Woran liegt es? Haben wir alles schon zu oft gehört, und die Erde dreht sich immer noch? Und zeigt uns die Erdgeschichte nicht, dass sich Klima, Umwelt, Biodiversität schon immer geändert haben, wir also vielleicht nur ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Natur sich selbst und damit auch uns von allein hilft? Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, welche die Fakten durchaus zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass es nach Korallenriffsterben in der Erdgeschichte Millionen von Jahren gedauert hat, bis sich diese wieder erholten. Oder dass sich das Klima zwar auch nach dem Erscheinen des Homo sapiens noch kräftig geändert hat, es aber seit der Entwicklung von Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur und Industrie global betrachtet extrem stabil war.


Die emotionale Dimension

Doch auch die Einsicht in die Gefahr, die der Organismen-Vielfalt auf der Erde droht, scheint noch nicht zu reichen. Offenbar ist selbst denen, die ihre Augen nicht verschließen, immer noch unklar, was hier wirklich auf dem Spiel steht. ..... (weiterlesen, >> zum ganzen Artikel auf FAZ-net vom 2.2.2010)

(gedruckt erschienen am 31.1.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, S. 54)


Montag, 28. Dezember 2009

Darwin und Weltbilder ein Jahr später - gibt es ein Fazit?

Während der letzten Wochen war berufsbedingt keine Zeit für weitere Blogeinträge, aber nun ist es Zeit, so langsam an ein Fazit des Darwin-Jahrs zu denken. Hierzu finden Sie nachträglich mein (Teil-)Fazit sowie meinen Ausblick (beides aus einem ausgearbeiteten Vortragsmanuskript. Den Vortrag hielt ich schon vor etlichen Monaten an meinem "alten" Gymnasium, in dem ich zur Schule ging und das Abitur machte). Der Text ist damit zwar schon ein paar Monate alt, er hat aber gerade wegen des "Kopenhagen"-Gipfels sowie des Übergangs in das UNO-Jahr der Biodiversität 2010 vielleicht doch eine gewisse Aktualität und schlägt auch ein paar versöhnliche, "nachweihnachtliche" Töne an.

Auszüge aus: (R)evolutionär unseres Weltbildes - Die Evolutionstheorie im Jahre 200 nach Darwin. Von Reinhold Leinfelder

Fazit: Selbstbeschränkung und Kooperation

Aus den Diskussionen und Debatten im Darwin-Jahr 2009 kann man vieles lernen. Den Naturwissenschaften ist dringend eine notwendige Selbstbeschränkung anzuraten: Naturwissenschaften sind zuständig für das Verständnis des „Wie funktioniert die Natur“? Wenn sie vom „Zweck“ reden, machen sie keine existenziell sinnhaften Aussagen, sondern sprechen über biologische Funktionen. Naturwissenschaftler sollten auch akzeptieren, dass es noch offene, vielleicht sogar wissenschaftlich nie lösbare Fragen gibt. Aber auch die Religionen sollten Selbstbeschränkung üben. Wo nachgefragt sind sie zuständig für Sinnfragen und „Metaphysik“. Religionen liegen für mich auf anderen Ebenen als Naturwissenschaften und kommen sich deshalb in aller Regel mit den Naturwissenschaften nicht in die Quere. Naturgemäß sind die Antworten der Religionen nichtwissenschaftlich (wobei ich hier nicht die Religionswissenschaften meine), sondern stellen Glaubensaussagen dar, man kann diese glaubhaft oder gar vernünftig finden oder auch nicht. Ein naturwissenschaftliches Weltbild kann als solches philosophisch reflektiert werden und zu einer persönlichen agnostischen oder atheistischen Weltanschauung erweitert werden, es kann aber auch um ein religiöses Weltbild zur Sinnhaftigkeit der Welt ergänzt werden und dann in eine wissenschaftsoffene, religiöse Weltanschauung münden. Beides ist weder zwingend noch allgemeingültig, sondern eine rein persönliche Entscheidung. Weltanschauliches Missionieren lehne ich von allen Seiten ab, sofern nicht nur ein Überzeugen durch Beispiel und Diskurs damit gemeint ist. Religiöse Traditionen sind allerdings auch Teil unseres Kulturverständnisses. Kulturelle Traditionen sind jedoch nicht sakrosankt, sie müssen natürlich hinterfragbar sein. Speziell für den Schulunterricht wären vielleicht modernisierte Bibelexegesen als Grundlagen für den Religionsunterricht wünschenswert. Es sollte auch durchaus Diskussionen zwischen Religion und Biologie geben, allerdings bei Wahrung der inhaltlichen Abgrenzung. Das Beispiel Kreationismus ist als Thema für entsprechende transdisziplinäre Module geeignet, um gemeinsam sowohl korrektes wissenschaftstheorisches Arbeiten als auch die Metaphysik der Religionen zu behandeln. Insgesamt muss die Evolutionstheorie auch möglichst authentisch vermittelt werden. Hierzu eignen sich Versuche und Beobachtungsreihen im Schulunterricht, Besuche in Universitätslabors sowie Integration von thematischen Schulausflügen in Zoos, botanische Gärten und Naturkundemuseen.


Abb. Hypothetisches Schema der Situationsbezogenheit von Wechselwirkungen zwischen evolutionsbiologischem Erbe und kultureller Evolution. Grün: biologisches Anteile, Orange: kulturelle Erweiterung, Orange um Grün: Kulturelle Überprägung des biologischen Anteils. Hellblau: gesellschaftliche normative „Kontrollkappe“.

a. wesentliche Grundbedürfnisse des Menschen, wie Essen und Schlafen sind selbstverständlich biologisch dominiert. Sie können in einem gewissen Umfang kulturell kontrolliert werden (Verteilung der Nahrungsaufnahme auf Frühstück-, Mittags-, und Abendessen, vegetarische Ernährung; teilweise Nachtarbeit ohne Schlaf), eine normative Kontrolle (z.B. Erwerb statt Raub von Nahrung) ist ebenfalls vorhanden.
b. Wissenschaft und Technik sind stark kulturell dominiert. Zwar verwenden bereits viele Tiere Werkzeuge, diese werden jedoch in der Regel nicht extra hergestellt. Auch ist die wissenschaftliche Neugier sicherlich zum Teil biologisch begründet. Wissenschaft und Technik können als Kulturtechniken in gewisser Weise als verlängerter Arm der biologischen Evolution gesehen werden, denn sie erlauben dem Menschen eine enorme Anpassung an seine Umwelt, auch an sich ändernde Bedingungen. Da die Fortschritte jedoch nicht genetisch, sondern kulturell tradiert werden, stellt diese Form gleichzeitig eine starke Emanzipation von unserem biologischen Erbe dar. Die starke Eigenständigkeit solcher kultureller Prozesse, darunter auch die Forschung benötigt jedoch eine besonders starke normative „Kontrollkappe“. Nicht alles Machbare ist gesellschaftlich sowie für das Überleben der Menschheit sinnvoll.
c. Unser sonstiges zwischenmenschliches und gesellschaftliches Verhalten setzt sich, sicherlich zu unterschiedlichen Anteilen aus biologisch ererbten Grundmustern und deren kulturellen Überprägung zusammen, wobei die kulturelle Überprägung eine stark regulative Wirkung besitzt. Eine normative Kontrollkappe (Gesetze, gesellschaftliche Regeln, ggf. auch religiöse Regeln) ist auch hier notwendig.
d. In speziellen, insbesondere Stresssituationen kann sich das biologische Erbe dominant in den Vordergrund schieben (etwa Aggressivität). Eine normative Kontrollkappe ist sicherlich gerade auch hier notwenig, dennoch erscheint es gerade hier sinnvoll, auch, normativ kontrolliert „Dampf ablassen“ zu können.
Abbildung und Abbildungserläuterung aus Leinfelder [27]



Ausblick: Quo Vadis?


Die Menschheit hat sich durch die menschengemachte Klima- und Umweltkrise den größten Selektionsversuch selbst auferlegt. Das Sterben der Korallenriffe, steigender Meeresspiegel, veränderte Niederschlagsmuster, immense Überfischung und Verlust der genetischen Ressourcen können Milliarden von Menschen bedrohen. Auch zur Bewältigung dieser Krise bedarf es evolutionären Wissens. Zum einen sind Biodiversität, Evolution, Umwelt und Klima eng miteinander vernetzt. Hier gilt es insbesondere, die dynamischen Prozesse von Biodiversitätsänderungen besser erkennen und möglicherweise sogar vorhersagen zu können. Dabei ist das Verständnis auch heute ablaufender Evolutionsprozesse wesentlich, um Reaktionen der belebten Natur auf Klima- und Umweltänderungen sowie mögliche natürliche und kulturelle Anpassungswege prognostizieren und bewerten zu können. Zum anderen benötigen wir für die Bewältigung der Umweltkrise auch eine weitere kulturelle (R)evolution. Seit der Industrialisierung pumpt die Menschheit ungezügelt alle fossilen Energieträger wieder in die Atmosphäre zurück. Kohlendioxid, welches über mehrere hunderte Millionen von Jahren entzogen wurde, wird nun - geologisch gesehen – sozusagen auf einmal als CO2 wieder in die Atmosphäre zurückgeführt. Zusätzlich werden biologische Kohlenstoffspeicher, wie Wälder oder Moore durch uns selbst vernichtet. Der Mensch muss, um die Erde weiterhin auch für die nachfolgenden Generationen nutzen zu können, radikal umdenken. Dazu benötigen wir mehr denn je unseren kulturellen Verstand, für den die biologische Evolution unseres Gehirns die Grundlage geliefert hat: Vor etwa 2,5 Millionen Jahren begann der Urmensch einfachste Steinwerkzeuge zu verwenden, was ihn jedoch kulturell noch nicht sehr vom Tier unterschied. Die erste kulturelle Revolution des Jägers und Sammlers fand vor etwa 600.000 Jahren mit der Bearbeitung von Faustkeilen und Feuergebrauch statt. Vor etwa 10.000 Jahren v. Chr. begann die neolithische Revolution, die uns Ackerbau und Viehzucht sowie im Gefolge den Hausbau brachte. Seit etwa 8000 Jahren v.Chr. breiteten sich Stadtkulturen und mit ihnen das Handwerk und Dienstleistungen, also umfassende Arbeitsteilung aus. Im späten 18 und 19. Jahrhundert erfolgte die Industrielle Revolution. Bleibt nur zu hoffen, dass die nächste, notwendige (R)evolution, eine „Kohlenstoff-Abrüstung“ und mit ihr der Eintritt in ein „postkarbones“, nachhaltiges Industriezeitalter nicht mehr lange auf sich warten lässt [28].

Was nützt unser Wissen über die Evolutionsvorgänge, welche zu Biodiversitätsverlust führen, was nützt es, wenn wir über die Klimaprozesse Bescheid wissen und wissenschaftlich abgesicherte Wahrscheinlichkeitsszenarien zur klimatischen Entwicklung machen können, was nützt es, wenn wir sogar die richtigen Handlungsweisen und Technologien zur Vermeidung beschreiben können, aber diese nicht umsetzen können? Diese Umsetzung muss demokratisch geschehen, aber sie kann damit nur erreicht werden, wenn wir die Auswirkungen unseres Handeln auch über die Generationen hinweg verstehen und dies entsprechend berücksichtigen. Dieser hohe Anspruch kann nur mit Hilfe einer kulturellen Transformation erfüllt werden. Prinzipiell sollten wir dazu fähig sein. Der Mensch ist zwar biologisch ein Tier (bzw. chemisch ein Molekülcocktail), das ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Der Mensch ist zusätzlich eben gerade auch ein Kulturwesen. Die berühmte Menschenaffenforscherin Jane Goodall brachte es zum Eingang des Darwin-Jahrs in einem Cicero-Interview auf den Punkt: „Die Sprache, mit der wir moralische Entscheidungen treffen können, macht uns zum Menschen. Damit überlassen wir uns nicht dem bloßen Instinkt. Es ist die Fähigkeit, diskutieren und über abstrakte Dinge sprechen zu können, die nicht real existieren, sondern vor unserem geistigen Auge stehen. Diese Befähigung ist es, durch die sich unser Intellekt so explosionsartig weiterentwickelt hat“ [29]. Und der leider noch vor dem Darwin-Jahr im August 2008 verstorbene Neurobiologe und Tierphysiologe Gerhard Neuweiler sieht im Menschen eben doch die Krone der Evolution. Allerdings gilt dies nur, wenn wir es auf die Komplexität unseres Gehirns und seiner Fähigkeiten beziehen, denn der Mensch kann weder ohne Hilfsmittel fliegen noch lange tauchen, viele Tiere hören und riechen besser, oder laufen schneller. Aber unser höchst erhobenes Körperteil erlaubte uns die kulturelle Evolution. Neuweiler schreibt: „Im Menschen emanzipiert sich die Evolution, denn er ist das einzige Lebewesen, das die Werkzeuge der natürlichen Evolution in die Hände nehmen und ihr eine eigene humane Welt entgegensetzen kann“ . [30]
Diese humane Welt hat nichts mit einem „Neo-Humanismus“ bzw. „evolutionären Humanismus“ der Szientisten und Biologisten zu tun, welche allen Ernstes als „erklärtes Ziel“ fordern, „den Eigennutz in den Dienst der Humanität zu stellen“. Außerdem soll man zwar nicht lügen, betrügen, stehlen oder töten, „es sei denn es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten die Ideale der Humanität durchzusetzen.“ [31] Wenn zur Durchsetzung der Ideale eines „Neo-Humanismus“ davon gebraucht gemacht werden sollte, dann rette sich wer kann vor diesem Humanismus. (siehe Anm. 34)

Wie wunderbar hingegen, aus einer Stadt zu stammen und von einer Schule zu kommen, die sich echtem Humanismus verpflichtet fühlt. So wurde schon am 25. September 1555 im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden folgendes festgelegt: „Setzen demnach, ordnen, wollen und gebieten, daß fernerhin niemand, welcher Würde, Standes oder Wesens er auch sei, den anderen befehden, bekriegen, fangen, überziehen, belagern, […] [möchte], sondern ein jeder den anderen mit rechter Freundschaft und christlicher Liebe entgegentreten soll“ [32]. Dies schließt sich im aktuellen Schulkonzept des Gymnasiums bei St. Anna, welches ich weiter oben auszugsweise zitiert habe und welches auf Humanismus, Bewusstsein über die Würde des Individuums, auf Notwendigkeit zur Erforschung der Welt, auf Offenheit, Achtung, Toleranz und Respekt des Anderen fokussiert. Hier finden sich Aristoteles, Charles Darwin, Albert Einstein, Jürgen Habermas und Hans Jonas gleichermaßen: Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen schließt sich hier zum „Ökologische Imperativ“ von Hans Jonas (1979): „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ [33]. Gerade als Naturwissenschaftler bin ich überzeugt, dass uns hier unser evolutionäres Erbe nicht weiterhelfen kann. Wir müssen hier gegen unseren biologisch-evolutionäres Eigennutz-Erbe handeln, denn biologische Evolution und biologisches Eigennutzverhalten können eben nicht weit vorausplanen. Unsere Welt weiter lebenswert zu machen und dabei über Generationen und über die eigenen Gene hinweg vorauszuschauen, ist eine kulturelle Herausforderung, in die unser gesamtes naturwissenschaftliches und kulturwissenschaftliches Wissen mit einfließen muss. Die Aufgabe kann nur gelingen, wenn Schulen wie das Gymnasium bei St. Anna hier die notwendigen Grundsteine legen.

> Zum gesamten Artikel: www.tinyurl.com/darwin-revolution (pdf 3 MB)

Oben verwendete Zitate:
  • 27 Leinfelder, R. R. (im Druck): Epilog: Darwins Erbe für die Zukunft, in: Charles Darwin Die Entstehung der Arten, mit zwei Beiträgen von Alfred Russel Wallace, illustriert, kommentiert und herausgegeben von Paul Wrede und Saskia Wrede, VCH- Wiley Weinheim.
  • 28 siehe hierzu auch: Schellnhuber, H.-J.,, Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R.R., Nakicenovik, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R. (2009): Kassensturz für den Weltklimavertrag.- Sondergutachten, 58 S., Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung, Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin. http://www.wbgu.de/wbgu_sn2009.html
  • 29 http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&item=3057
  • 30 Neuweiler, G. (2008): Und wir sind es doch - die Krone der Evolution. 253 S., Wagenbach-Verlag, Berlin.
  • 31 Schmidt-Salomon, M. (2006): Manifest des evolutionären Humanismus: Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 196 S., Alibri-Verlag, Aschaffenburg (für die Giordano Bruno-Stiftung).
  • 32 Fide http://de.wikipedia.org/wiki/Augsburger_Reichs-_und_Religionsfrieden , Stand 17.7.2009
  • 33 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M., 1979. Neuauflage als Suhrkamp Taschenbuch, 1984
  • 34 Anm.: Dies ist keine Pauschalkritik an der evolutionären Psychologie bzw. der Soziobiologie, siehe hierzu die Diskussion im Gesamtartikel sowie Abbildung oben. Die Anteile des biologischen Erbes, auch des biologischen Eigennutzfaktors zu verstehen, um alle Verhaltensaspekte des Menschen insgesamt besser zu verstehen ist jedoch etwas völlig anderes, als eine biologistische, gar noch als "evolutionär-humanistisch" bezeichnete Weltanschauung darauf zu gründen.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Der Minimalkompromiss von Kopenhagen - Presseerklärung des WBGU


Da wir in diesem Blog auch auf die Kopenhagen-Konferenz eingingen, nachfolgend die Bewertung des Konferenzergebnisses durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

P R E S S E E R K L Ä R U N G DES WBGU

Der Minimalkompromiss von Kopenhagen:

EIN ZIEL – ABER NOCH KEIN WEG

Berlin/Kopenhagen, den 20. Dezember 2009. Der Klimagipfel von Kopenhagen ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Einziges substanzielles Ergebnis war eine Erklärung („Copenhagen Accord“), die von den Regierungschefs der wichtigsten Länder ausgearbeitet und von der ganzen Staatengemeinschaft lediglich „zur Kenntnis genommen“ wurde. Es gab weder den erhofften Aufbruch zu neuen Formen der globalen Zusammenarbeit noch verbindliche internationale Verpflichtungen zur Treibhausgasreduzierung - ganz zu schweigen von Weichenstellungen für den Übergang zu einer klimaverträglichen Weltwirtschaft. Die Europäische Union und die Bundesrepublik konnten sich trotz ernsthafter Bemühungen nicht mit ihren Forderungen nach einem anspruchsvollen Klimaabkommen durchsetzen.

Am Ende des zweiwöchigen Gipfelmarathons steht als einziger Lichtblick eine verklausulierte Anerkennung der 2 Grad Celsius-Leitplanke als Richtschnur aller Klimaschutzbemühungen. Hans Joachim Schellnhuber, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) bezeichnet dieses Ergebnis als „einen tragischen Triumph der Wissenschaft. Die von der Klimaforschung empfohlene Obergrenze für die globale Erwärmung wird einerseits endlich übernommen, andererseits finden die tatsächlich notwendigen Maßnahmen zur Beachtung der Leitplanke (insbesondere Reduzierung der globalen Emissionen um deutlich mehr als 50 % bis 2050) keine Erwähnung. Insofern gibt es ein Ziel, aber die Wege dorthin bleiben noch im Dunkeln“.

Was fehlt

Die Erklärung von Kopenhagen betont zwar die Notwendigkeit, rasch Treibhausgasminderungen einzuleiten, setzt dabei aber ausschließlich auf freiwillige Beiträge zum Klimaschutz, die die Staaten bis zum 1. Februar 2010 konkretisieren sollen. Dazu Schellnhuber: “Dieses Klingelbeutelprinzip, nach dem jeder gibt, was er für angemessen hält, hat schon vor Kopenhagen keine hinreichenden Ergebnisse erbracht. Summiert man die derzeit vorliegenden Klimaschutzangebote aller Staaten auf, dann bewegen wir uns auf eine 3-4-Grad-Welt mit kaum beherrschbaren Risiken zu.“ Daraus folgt, dass die Staaten in den Klimaverhandlungen 2010 kräftig nachlegen müssen, wenn ein gefährlicher Klimawandel noch abgewendet werden soll. Der WBGU unterstützt ausdrücklich die Forderungen von Kanzlerin Merkel und Umweltminister Röttgen, jetzt gerade die nationalen und internationalen Bemühungen um Klima- und Energiesicherheit zu verstärken.

In Kopenhagen wurde wertvolle Zeit für den Klimaschutz verspielt. Eine nüchterne wissenschaftliche Analyse zeigt, dass die globale Trendumkehr bei den Treibhausgasemissionen zwischen 2015 und 2020 geschafft sein muss – ansonsten bleiben kaum noch realistische Chancen, die 2-Grad-Linie zu halten. Dirk Messner, stellvertretender Vorsitzender des WBGU, meint: "Der bisherige Verhandlungsmodus rettet das Klima nicht. Selbst die zahlreich erschienenen Staats- und Regierungschefs konnten die Verhandlungsblockade nicht überwinden. Ohne erneute klimapolitische Kraftanstrengungen besteht die Gefahr, dass die Verhandlungen im kommenden Jahr im Schneckentempo weiterlaufen. Im schlimmsten Fall zerfiele die Welt in Interessensgruppen, die im Klimaschutz eigene Wege gehen. Deshalb ist 2010 ein Neustart in der internationalen Klimapolitik notwendig."

Was zu tun ist

Aus Sicht des WBGU sollten die Bundesregierung und die Europäische Union nun in zwei Richtungen agieren: Einerseits gilt es, Bündnispartner zusammenzuführen, um nächstes Jahr doch noch ein anspruchsvolles Klimaabkommen zustande zu bringen. Als Grundlage für diese Verhandlungen könnte der vom WBGU vorgeschlagene Budgetansatz dienen, ein einfaches, transparentes und gerechtes Konzept zur internationalen Lastenteilung für den Klimaschutz. Chinesische,japanische und indische Klimaberater hatten in Kopenhagen verwandte Ansätze vorgelegt. Der Kerngedanke des Konzeptes besteht darin, ein mit der 2 Grad-Leitplanke verträgliches globales Treibhausgasbudget zu bestimmen und dieses auf der Grundlage gleicher Emissionsrechte für alle Menschen auf nationale „kumulative Kohlenstoffkredite“ herunterzubrechen. Hochemissions- und Niedrigemissionsländer würden bei diesem Ansatz Verschmutzungsrechte gegen Klimatechnologien und Finanztransfers handeln um Spielräume über die Nationalbudgets hinaus zu schaffen. Der Ansatz verbindet ökonomische Effizienz mit einer globalen Entwicklungspartnerschaft und nimmt zugleich alle Staaten, auch die Schwellenländer, in die klimapolitische Verantwortung. Der WBGU argumentiert: „Gerade nach den enttäuschenden Ergebnissen von Kopenhagen müssen neuartige und operationalisierbare Ansätze auf die Verhandlungstische.“

Anderseits müssen nun – gerade wegen des drohenden Schwebezustandes in der internationalen Klimadiplomatie – Nachhaltigkeitsinitiativen von unten verstärkt werden, um den Übergang in eine klimaverträgliche Weltwirtschaft zu beschleunigen. Deutschland und Europa sollten in öffentlich-privaten Allianzen ihre Forschungsanstrengungen und Investitionen hinsichtlich erneuerbarer Energien und klimaverträglicher Mobilitätskonzepte massiv erhöhen. Europäische Städte könnten beispielsweise in internationalen Partnerschaften klimaverträgliche Stadtentwicklungen vorantreiben, insbesondere mit Vorreitern wie Sao Paolo oder Seattle, die bereits anspruchsvolle Klimaziele formuliert haben. Die europäische Entwicklungspolitik sollte klimaverträgliches Wirtschaften zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen. Technologie-, innovations- und energieorientierte Klimapartnerschaften mit China, Indien und anderen Schwellenländern könnten forciert werden. Aus Sicht des WBGU sollten auch die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft ihren Druck für eine ehrgeizige und verbindliche globale Klimapolitik aufrechterhalten und
damit vor allem die verantwortungsbewussten Regierungen unterstützen. Der WBGU sieht Chancen, auf diesem Weg ein grenzüberschreitendes regionales und globales Netzwerk „klimapolitischer Vernunft“ zu schaffen, in dem öffentliche und private Akteure die Weichenstellungen vorantreiben, zu denen sich die Staats- und Regierungschefs in Kopenhagen nicht durchringen konnten.

Rückfragen an: wbgu@wbgu.de oder 030-26394812.
Website des WBGU www.wbgu.de (mit herunterladbaren Materialien, u.a. Sondergutachten zum Budgetansatz, Fact Sheets zur 2-Grad-Leitplanke sowie zum Budgetansatz etc.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Klima als Selektionsfaktor - ein Interview zu Kopenhagen

Klima sucht Schutz

Drei Fragen zum Klimagipfel in Kopenhagen. Beantwortet von Reinhold Leinfelder
Aus www.klima-sucht-schutz.de vom 6.12.09:



1. Welcher Aspekt des Klimawandels wird bei der öffentlichen Diskussion in 
Deutschland bisher vernachlässigt?

Noch sehr wenig öffentlich berücksichtigt ist die enge Verbindung zwischen Biosphäre und Klima. So verschieben sich Ökosysteme bei Klimaerwärmung nicht einfach weiter polwärts oder in größere Höhen, sondern es kann zu einem kompletten Umbau kommen. Des Weiteren werden kumulative Effekte und "Kippelement-Reaktionen" zunehmen. Dies bedeutet, dass bei Erreichen eines bestimmten klimatischen Schwellenpunkts ganze Kaskaden von irreversiblen und sehr raschen Änderungen auftreten können – der berühmte letzte Tropfen bring das Fass zum Überlaufen. 

Ein Beispiel sei genannt: Gesunde Korallenriffe vertragen ohne weiteres eine vorübergehende Überhitzung des Wassers, sie werden zwar geschädigt, aber erholen sich davon. Andere, die bereits an Übersäuerung – auch ein Klimaeffekt –, Überdüngung oder Überfischung leiden, können beim selben kleinen Überhitzungsereignis komplett kollabieren. Auch gesunde Riffe können kollabieren, wenn die Überhitzungsereignisse einfach zu oft auftreten und die Regenerationszeiten dazwischen zu kurz werden. Die umfassenden Ökosystemgüter und -dienstleistungen der Korallenriffe für die Menschen sind natürlich davon betroffen – neuere Arbeiten gehen von einem ökonomischen Nutzen der Korallenriffe von ca. 270 Milliarden Euro pro Jahr aus. Umso wichtiger ist es, jetzt endlich zu einer umfassenden Reduktion des anthropogenen CO2 zu kommen, um das 2 °C-Ziel einzuhalten.


2. Was wäre aus Ihrer Sicht die wirkungsvollste Klimaschutzmaßnahme auf internationaler Ebene? 



Die atmosphärische CO2-Wanne ist schon sehr voll, aber der Abfluss ist viel kleiner als der Zulauf, deshalb muss dieser Zulauf ganz stark zurückgedreht werden. An der umfassenden Reduktion von anthropogenem CO2 führt kein Weg vorbei, denn CO2 akkumuliert wegen seiner langen Verweildauer in der Atmosphäre über hunderte und tausende von Jahren. Hierzu müsste eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung zur Einhaltung des 2-Grad-Temperaturziels sowie ein einfacher, transparenter und gerechter Verteilungs- und Handelsmechanismus, etwa wie ihn der WBGU vor kurzem vorgeschlagen hat.

Außerdem müssen eventuelle Schlupflöcher gestopft werden. Deshalb sollte sich der Emissionshandel auf fossiles CO2 beschränken. Es ist schon eine gute Idee, dass auch Gelder an arme Länder fließen können, wenn diese keine Wälder mehr abholzen. Die REDD-Regelung (Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern) soll dies gewährleisten, nur ist bei Gegenverrechnung mit fossilem CO2 Missbrauchsgefahr gegeben. Man könnte nämlich einige Waldgebiete unter REDD-Schutz stellen, dafür Gelder kassieren, aber die ungeschützten Wälder drumherum abholzen, das wäre eine klassische Milchmädchenrechnung. Auch dürfen keine Länder die Leidtragenden sein, die bislang schon, wie etwa Costa Rica deutlich mehr Wälder unter Schutz gestellt haben und deshalb von den neuen Regelungen gar nicht mehr profitieren könnten.

Auch andere Querverrechnungen, etwa durch Reduktion anderer Treibhausgase, oder durch Berücksichtigung früher nicht verwendeter Emissionsanteile sollten nicht möglich gemacht werden. Zwar ist es notwendig, auch Methan, Lachgas und andere Treibhausgase zu reduzieren, wegen der Kurzlebigkeit etwa von Methan, ist der Effekt jedoch langfristig wesentlich geringer als bei der Reduktion von CO2, weshalb man hier nicht mit CO2-Äquivalenten rechnen sollte. Wie "kreativ" die Schlupflochsuche ist, zeigt ein weiterer Vorschlag Indonesiens, doch nationale Meeresflächen der Länder als CO2-Senken anerkennen zu lassen und dies in den CO2-Budgethandel mit einbauen zu können.



3. Ich glaube nicht an wirkungsvolle Ergebnisse des Gipfels, weil...

...es momentan mit Kopenhagen nicht sehr gut aussieht. Aber vielleicht ist die derzeitige Situation auch eine Chance, allerdings nur, wenn Schlüsselländer wie USA, China, Indien und natürlich die EU-Vertreter wirklich mit ihren Spitzen nach Kopenhagen kommen, und doch mehr im Koffer haben, als sie derzeit aus taktischen Gründen vielleicht zugeben. Eine verbindliche Vereinbarung zum 2-Grad-Ziel wäre ein großer Durchbruch, und könnte als Zielvorgabe ermöglichen, in Nachverhandlungen ein gerechtes, transparentes und einfaches Regelwerk auszuhandeln.

Befürchtungen wecken aber auch die nun stark zunehmenden Diskussionen auch von Seiten mancher technologisch orientierten Wissenschaftler, ob denn das 2-Grad-Ziel wirklich so wichtig sei bzw. überhaupt noch umzusetzen sei. Maßnahmen des Geoengineerings, etwa das dauerhafte Einbringen von Schwefelartikeln oder Spiegelflittern in die Atmosphäre zur Reduzierung der Sonneneinstrahlung auf der Erde werden genannt, aber auch die Forderung nach Akzeptieren der Klimaänderung, woraus sich nun zu fördernde technologische Anpassungsmöglichkeit durch Höherverlagerung von Dämmen, schwimmenden Städten, gentechnisch dominierter Welternährung etc. ergäbe. Derartige Vorstöße könnten in einem gefährlichen Relativismus bzw. einer falschen Technologiegläubigkeit resultieren.
Um nicht missverstanden zu werden: um gewisse Anpassungsmaßnahmen werden wir nicht herum kommen, auch 2 Grad (gemittelte) globale Temperaturerhöhung macht dies nötig. Aber Anpassungen allein werden nicht ausreichen, Vermeidungen von anthropogenem CO2-Ausstoß und damit der Aufbruch in ein überwiegend "postkarbones" Zeitalter müssen nun endlich eingeläutet werden.

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe, in seinen aktuellen Forschungen beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Riffen, Umweltveränderungen und neuen Methoden des Wissenstransfers. Seit 2006 steht er dem Museum für Naturkunde in Berlin als Generaldirektor vor. Er ist Vorsitzender des Konsortiums "Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen", Gründungsmitglied des Geo-Bio-Zentrums an der Universität München sowie Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2008 gehört er dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) an.


Der Webdienst Klima sucht Schutz ist vom Bundesumweltministerium gefördert und bietet unter anderem ein Themenspezial zum Klimagipfel in Kopenhagen, Kurzinformationen zum Klimawandel, umfassende Energiespartipps, sowie Anregungen für Mitmachprojekte.
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Dienstag, 17. November 2009

Evolution und Klima - Skeptiker überall

von Reinhold Leinfelder (mit Nachtrag vom 19.11.09 am Ende der Seite)

Ach du lieber Darwin, was hat denn das Darwin-Jahr mit Klimapolitik zu tun, muss dies denn auch noch auf dem Blog erscheinen?!

Nun denn, wir sind ja dabei, die Themen rund ums Darwin-Jahr aufzuweiten, denn auch Charles Darwin dachte weit über den Tellerrand hinaus - der kürzlich in AdlD vorgestellte Artikel zu Darwin und die Sklaven ist ein gutes Beispiel dafür. Aber tatsächlich gibt es jede Menge Bezüge zwischen Darwin bzw. der Evolutionstheorie und der Klimaforschung:

Darwin und das Klima

Darwins Atolltheorie hatte Klimaauswirkungen wie steigenden Meeresspiegel schon vorweg genommen (>Klimawandel: was wir von Darwin lernen können , von R. Leinfelder, 12.2.2007)

Und den Staub der Beagle, den Darwin ans Berliner Museum für Naturkunde schickte, weil er sich über dessen Herkunft wunderte, ist gewissermaßen eine repräsentative Probe der ozeanischen Atmosphäre zum Zeitpunkt der massiven Industrialisierung. (> Klimaforscher Darwin, Die WELT 2008, sowie > Mehr als 150 Jahre und noch immer quicklebendig, Tagesspiegel vom 14.11.2009)

Vor allem aber wusste Darwin bereits, welche Rolle das Klima als Selektionsfaktor spielt. So schrieb er etwa in Kap. III (Struggle for existence) seines "On the origins of species" u.a. folgendes:

"Climate plays an important part in determining the average numbers of a species, and periodical seasons of extreme cold or drought, I believe to be the most effective of all checks. ... The action of climate seems at first sight to be quite independent of the struggle for existence; but in so far as climate chiefly acts in reducing food, it brings on the most severe struggle between the individuals, whether of the same or of distinct species, which subsist on the same kind of food. ....
When we travel from south to north, or from a damp region to a dry, we invariably see some species gradually getting rarer and rarer, and finally disappearing; and the change of climate being conspicuous, we are tempted to attribute the whole effect to its direct action. But this is a very false view: we forget that each species, even where it most abounds, is constantly suffering enormous destruction at some period of its life, from enemies or from competitors for the same place and food; and if these enemies or competitors be in the least degree favoured by any slight change of climate, they will increase in numbers, and, as each area is already fully stocked with inhabitants, the other species will decrease.....
That climate acts in main part indirectly by favouring other species, we may clearly see in the prodigious number of plants in our gardens which can perfectly well endure our climate, but which never become naturalised, for they cannot compete with our native plants, nor resist destruction by our native animals."

Dies sind nur einige wenige Beispiele, die zeigen, wie schon Charles Darwin die direkten und indirekten Selektionswirkungen des Klimas erkannte. Umso verwunderlicher, dass heute die Auswirkungen von Klimaveränderungen häufig wieder stark relativiert werden, vor allem wenn es um die Frage geht, ob der anthropogene Anteil wirklich so groß und bedrohlich sei bzw. ob dies denn wirklich auch alles durch die Forschung belegt sei.

Kreationisten und Klimaskeptiker

Dies bringt uns zu einer weiteren Parallele zwischen Evolutions- und Klimaforschung. Auch die Evolutionstheorie wird ja kräftig angezweifelt, angeblich sei das ja alles nicht wissenschaftlich haltbar. Darauf müssen wir hier wirklich nicht eingehen, das haben wir an anderer Stelle schon häufig getan - das Darwin-Jahr ist ja voll vom Thema Kreationismus und sog. Intelligent-Design. Aber in der Klimaforschung ist es nicht viel anders, auch hier tummeln sich grundsätzliche Zweifler sowie diejenigen, die meinen, man wüsste noch viel zu wenig und die Wissenslücken seien derart groß, dass Handlungsempfehlungen, etwa die Absicht, das Klima möglichst nicht über 2 Grad-Erhöhung hinauslaufen zu lassen, nicht haltbar seien. Diese "2-Grad-Gläubigen" seien alle ideologisch verblendet, wollten eine Weltregierung einführen, seien Ökofaschisten oder was auch sonst noch. Tatsächlich drehen die Klimaskeptiker aber den Spieß gerne rum, nicht sie sind es, die man mit Kreationisten vergleichen könnte, sondern umgekehrt, die "2-Grad-Gläubigen" seien die Dogmatiker, die ähnlich den Kreationisten Ideologien und damit verknüpfte politische Agenden fahren würden und dabei völlig unwissenschaftlich seien.
Dieses Fass wollen wir in "Ach du lieber Darwin" derzeit nicht weiter aufmachen, statt dessen finden Sie am Ende dieses Artikels ein paar links zu Artikeln, welche Kreationisten und Klimaskeptiker vergleichen.

Ähnlich wie bei den Evolutionsleugnern gibt es auch etliche Naturwissenschaftler unter den Klimaskeptikern, darunter sogar Geowissenschaftler, die ja Klimaveränderungen sowie ihre direkten und indirekten Auswirkungen auf die Umwelt und die Lebewelt aus der Erdgeschichte eigentlich gut kennen müssten.


Klimaforschungsrelativisten

Neu ist eine weitere Gruppe, die manche vielleicht sogar mit Intelligent Design-Anhängern vergleichen würden. Einige Geowissenschaftler lassen zwar gelten, dass das anthropogene CO2 zur Klimaveränderung beiträgt, aber wie genau, das würde man eben nicht wissen, Modelle, die das berechnen würden, seien nicht gut genug, es gäbe noch ganz andere Faktoren, das ganze sei viel zu komplex (erinnert dies nicht wirklich an die "irreducable complexity" der IDler?), um etwa wissenschaftlich begründet das 2-Grad-Ziel formulieren zu können, und da müsse man erst noch kräftig forschen. Zugegeben, diese Analogie mit Intelligent Design mag überspitzt erscheinen. Natürlich haben fundamentale Sechstage-Kreationisten mit fundamentalen Klimaskeptikern bzw. Intelligent-Design-Anhänger mit Klimaforschungsrelativisten nun keine gemeinsamen weltanschaulich-religiösen Agenden. Auch fordern Klimaforschungsrelativisten ja im Unterschied zu IDler mehr Forschung (und mehr Forschungsgelder). Aber richtig ist, dass Kreationisten und IDler den Evolutionswissenschaftlern doch gerne mal vorwerfen, dass die "Darwinisten" keine Wissenschaft, sondern Ideologie betreiben würden, und das passiert analog tatsächlich auch beim Klimathema. "Echte" Klimaskeptiker behaupten, die Klimaforscher betrieben Ideologie, denn sie wollten unter dem Deckmantel des globalen Klimaschutzes eine kommunistische Weltherrschaft etablieren oder träten für einen Ökofaschischmus ein. Und selbst die Klimaforschungsrelativisten behaupten immerhin schon mal gerne, dass die "2-Grad"-Klimaforscher eigene politische Agenden betreiben würden. Den Vorwurf könnte man allerdings ohne weiteres auch umdrehen. Und wenn gesagt wird, dass das Klima eh macht was es will, erinnert mich das ein bisschen an den Fatalismus fundamentalreligiöser. Allerdings nicht ganz, denn man kann natürlich etwas tun - sich anpassen an den Klimawandel durch neue großtechnologische Entwicklungen (ein mögliches Beispiel zeigen wir in der Abbildung :-)

Es geht mir wirklich nicht darum, zu polemisieren, aber ich denke es ist schon wichtig klarzustellen, dass hinter der dringenden Empfehlung nach der "2-Grad-Limitierung" des globalen Klimaanstiegs keine ideologischen Spinner stehen, sondern die ganz überwiegende Mehrheit der Klimaforscher. So flossen z.B. in den 4. Zustandsbericht des IPCC von 2007 über 2500 Expertenreviews ein, der Bericht ist geschrieben von über 450 Hauptautoren und über 800 "beitragenden" Autoren. Wissenschaftler aus 130 Ländern hatten 6 Jahre an diesem 4.IPCC-Bericht gearbeitet. Außerdem ist es wichtig zu betonen, dass nicht die Mehrheit der Geowissenschaftler zu den Klimaforschungsrelativisten zählt. Der eine oder andere Geowissenschaftler mag allerdings vielleicht deshalb Schwierigkeiten mit der Relevanz der 2-Grad-Leitplanke haben, weil diese auf unser in geowissenschaftlichen Maßstäben extrem kurzes Hochkulturzeitfenster bezogen ist. Geowissenschaftler sind es gewohnt, in geologischen Skalen zu denken.

Natürlich wissen wir immer noch viel zu wenig über das Klimageschehen sowie über die Auswirkungen auf die Umwelt und das Leben. Aber wir wissen mehr als genug, um sagen zu können, dass das Weltklima mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Ruder laufen wird, was katastrophale Folgen für die menschliche Gesellschaft hätte, wenn nicht umgehend umfassende Reduktionsmaßnahmen für CO2 auf globaler Ebene vereinbart werden. Deshalb ist das Thema Klimagipfel im Kopenhagen durchaus auch ein Thema im Darwin-Jahr. Der globale Selektionsversuch, den sich die Menschheit durch ihren Eingriff in das Weltklima und die Umwelt selbst auferlegt hat, darf nicht außer Kontrolle geraten.


Aktuell: Wissenschaft oder 2 Grad-Celsius-Limit?

Und dass wir gerade jetzt dieses Thema eröffnen, hat natürlich auch einen aktuellen Anlass, denn vor kurzem fand eine geowissenschaftliche Konferenz in Berlin statt, welche ursprünglich im Internet unter dem Titel „Was wissen wir vom Klima – Wissenschaft oder 2-Grad-Celsius-Limit“ angekündigt wurde. Der ursprüngliche Konferenztitel wurde später vorsichtshalber zu „Klima im System Erde – Antworten und Fragen aus den Geowissenschaften“ umbenannt. Falls Sie dieses Thema interessiert, lesen Sie doch einfach weiter und stöbern in den verlinkten Artikeln:

FAZ-Artikel vom 29.10.2009: Klimawandel und Erdpolitik. Ein Limit von zwei Grad Erwärmung ist praktisch Unsinn. "Drei große deutsche Geoinstitute stellen sich quer zur internationalen Klimapolitik. Statt nur über Temperaturen und Emissionen sollte über ein Erdsystemmanagement verhandelt werden, sagen die Direktoren Karin Lochte, Reinhard Hüttl und Volker Mosbrugger. In Kürze soll das Thema auf der gemeinsamen Konferenz „Klima im System Erde“ besprochen werden. Im Gespräch erläutern sie ihre Motive." > weiterlesen

Der Artikel sowie diese Tagung haben ziemlichen Wirbel verursacht.

Zuerst einmal haben sich die Klimaskeptiker gefreut, hier als Beispiel ein noch eher "moderater" Artikel:

ef-online, vom 30.10.09: Erderwärmung: Es gibt keine Alternative zur Anpassung an den Klimawandel. Geologen halten das Zwei-Grad-Limit für baren Unsinn. > siehe hier

Auch in den nicht von Klimaskeptikern dominierten Medien war der Impakt zur Tagung recht groß und es gab viel Wohlwollendes, etwa hier:

Potsdamer neueste Nachrichten vom 4.11.09: Erhebliche Schwachstellen. Die Potsdamer Geo- und Polarforschung stemmt sich gegen die offizielle Klimapolitik und mahnt eine Kurskorrektur an. > siehe hier

Tagesspiegel vom 4.11.2009: Labiler Planet. Um den Klimawandel zu bewältigen, genügt es nicht, Emissionen zu verringern. > siehe hier

Neue Zürcher Zeitung vom 10.11.09: CO 2 -Emissionen sind nicht alles. Forscher plädieren für vielschichtige Klimadiskussion. > siehe hier


Es gab allerdings auch kräftig und zunehmend Kritik:

Radiobericht in BR 2 (IQ) vom 2.11.09: podcast > siehe hier (kurz nach Mitte des mp3 beginnt der Beitrag von Renate Ell)

Weiterer Beitrag von Renate Ell vom 13.11. in vdi-Nachrichten: "Wechselwirkungen beim Klima nicht genau verstanden" > siehe hier.

Auch andere Geowissenschaftler und Klimaforscher meldeten sich kritisch zu Wort:

Reaktion von Reinhold Leinfelder im Tagesspiegel vom 10.11.2009: Zögerliche Geowissenschaftler bremsen die Klimapolitik – ausgerechnet vor Kopenhagen. > siehe hier
(Tipp, sehen Sie sich auch die Kommentareintragungen von Klimaskeptikern am Ende des Artikels an, sehr lehrreich).

Im heutigen Spiegel online (vom 17.11.2009): Erderwärmung. Klimaforscher protestieren gegen Institutsdirektoren. > siehe hier.
(Nachtrag vom 19.11.09: Hier das Originalstatement, auf welches im Spiegel-Artikel Bezug genommen wird)

Die Klimaskeptiker haben sich natürlich sofort kräftig gemeldet - große Ehre, der Artikel wurde von den Skeptikern sogar auf Englisch übersetzt und von Australien bis USA gemeldet. Ein paar Beispiele:
>Desperate Climate-Tors!
>Jetzt mit offenem Visier?

Von Interesse vielleicht auch in der heutigen Süddeutschen Zeitung (vom 17.11.2009):
Klimagipfel "Die Industrieländer kneifen wieder". "Die Wanne ist voll": Klimaexperten sind empört über das absehbare Scheitern eines weltweiten CO2-Abkommens.
In diesem Artikel positionieren sich acht Wissenschaftler. > siehe hier

Der dort aufgenommene eigene Kurzbeitrag sei nachfolgend wiedergegeben:

"Das bisschen Aufschub ist doch kein Problem, schließlich hat sich das Klima schon immer gewandelt? Schon richtig, Ökosysteme wie Korallenriffe haben sich im Laufe der Erdgeschichte immer wieder erholt, dummerweise aber erst nach Millionen von Jahren. Auch der Mensch hat schon höhere Temperaturschwankungen überdauert, dummerweise aber nur als jagender Nomade. Die moderne Kultur, bestehend aus Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Handel und fragiler Infrastruktur hat sich in einem kurzen, klimatisch stabilen Zeitfenster entwickelt. In den vergangenen fünftausend Jahren schwankte das Weltklima nur um wenige Zehntel Grad pro Jahrhundert, im industrialisierten 20. Jahrhundert waren es plötzlich 0,8 Grad. Der heutige CO2-Wert in der Luft ist bereits höher als in den vergangenen Millionen Jahren. Der Mensch wird deshalb nicht als Spezies aussterben, aber das Ausmaß und die unglaubliche Beschleunigung des Wandels bedrohen die Zivilisation. Die atmosphärische CO2-Wanne ist voll, der Abfluss zu klein. Daher muss jetzt, ohne Aufschub, gehandelt werden."
Weiter Beiträge in diesem Artikel sind von Claudia Kempfert, Abt. Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Niklas Höhne, Autor des Weltklimarat-Berichts von 2007, Hans-Joachim Schellnhuber, PIK, Fatih Birol, Internationale Energieagentur in Paris, Wolfgang Sterk, Abtl. Klimapolitik, Wuppertal-Institut, Peter Lemke, AWI, Autor des IPCC zwischen 2000 und 2006. Peter Höppe, Georisikoforschung der Munich Re.

Wie Sie sehen, Wissenschaftsrelativismus, Wissenschaftsskeptizismus und Wissenschaftsfeindlichkeit gibt es nicht nur in der Auseinandersetzung mit den Evolutionswissenschaften. Ob das wohl ein Trost für Darwin sein kann?


Ihr
Reinhold Leinfelder



Anhang: Einige Artikel zum Vergleich von Klimaskeptikern mit Kreationisten sowie zu den Pseudoargumenten der Klimaskeptiker
> Happy Birthday, Charles Darwin, von RealClimate-Blog, 2006.
> Climate Change Creationists, Environment Blog, The Guardian, 4.3.2009
> Climate Change Deniers and Creationists, The Ethical Palaeontologist Blog, 10.4.2007
> Die Thesen der Klimaskeptiker - was ist dran? PIK-Homepage v. Stefan Rahmstorf (Sept. 2004)
> Die Klimahysteriedurchschauer und die Medien. Rezension von 2008
> Klimawandel.Eine heiße Debatte. Verursacht der Mensch die globale Erwärmung? Darüber streiten Forscher und Skeptiker erbittert. FOCUS online (2007)


Wer sich zum Klimathema informieren will, dem seien zwei Bücher empfohlen (natürlich gibt es viel mehr empfehlenswertes):
S. Rahmstorf & H.-J. Schellnhuber (2007): Der Klimawandel: Diagnose, Prognose, Therapie. CH-Beck-Verlag.
D. Archer (2008): Long Thaw: How Humans Are Changing the Next 100,000 Years of Earth's Climate (Science Essentials). Princeton University Press


Bild oben gefunden und verlinkt unter www.funnyandjokes.com
Bild unten gefunden und verlinkt unter http://de.toonpool.com

---- Nachtrag vom 19.11.2009 ----

Um unseren kleinen Vergleich zur Wissenschaftsfeindlichkeit bzw. - akzeptanz von Evolutionswissenschaften und Klimawissenschaften zu komplettieren, sind folgende Fundstücke vielleicht noch interessant:

Kreationisten behaupten gerne, dass Evolutionswissenschaftler selbst missionarisch vorgehen. Tatsächlich wird diese Falschaussage dadurch gestützt, dass einige das komplette Verhalten des Menschen biologisch erklären wollen, sie werden gerne Szientisten oder Biologisten genannt. Wir haben hier mehrfach dazu berichtet. Biologisten scheinen also die Unterstellung der Kreationisten, dass Evolutionswissenschaften selbst eine ideologische Agenda zu verfolgen, zu bestätigen. Grundfalsch ist dabei natürlich die Verallgemeinerung, dass dies für alle Evolutionswissenschaftler gelte. Das Groß der Wissenschaftler kennt die Grenzen der Anwendbarkeit und Erkenntnisfähigkeit ihrer Wissenschaft sehr genau.

Klimaskeptiker unterstellen den Klimawissenschaftlern ebenfalls gerne ideologische Motive, etwa dass unter dem Vorwand des Klimaschutzes die Demokratie abgeschaft werden soll und ein weltweiter Kommunismus errichtet werden soll, wir haben oben darüber berichtet. Hier noch ein Beispiel:
"Global warming has taken the place of Communism as an absurdity that "liberals" will defend to the death regardless of the evidence showing its folly. Evidence never has mattered to real Leftists" oder "The desire to save humanity is always a false front for the urge to rule it" (aus >antigreen.blogspot.com)

Es gibt auch "Klimawandel-Atheisten":
"I am not a global warming skeptic nor am I a global warming denier. I am a global warming atheist. I don't believe one bit of it. That the earth's climate changes is undeniable. Only ignoramuses believe that climate stability is normal. But I see NO evidence to say that mankind has had anything to do with any of the changes observed -- and much evidence against that claim. " (aus >antigreen.blogspot.com)

Eine völlig neue Erfahrung ist allerdings, dass mir nun auch von anderer Seite Inkonsequenz und Relativismus vorgeworfen wird. So wirft mir ein Kommentator namens Karl Weiss in der Online-Zeitung "Berliner Umschau" bezüglich meines Statements in der Süddeutschen Zeitung vom 17.11.09 doch gleich eine ganze Menge vor, nachfolgend ein paar Zitate:
(>Zitat Berliner Umschau) "In der Süddeutschen vom 17.11. 09 wurden die Texte von insgesamt 7 „Experten“ zum „Klimawandel“ ins Netz gestellt, die bereits alle ihre Enttäuschung über das Fehlen des Willens zu einen verpflichtenden Abkommen in Kopenhagen ausdrücken. Allerdings benennt keiner von ihnen das Problem richtig, keiner von ihnen benennt die Verursacher und Hintermänner dieses Fiaskos und keiner von ihnen weiss einen Ausweg. Nicht einer der Experten benennt das Problem klar als „Klimakatastrophe“. Es wird verniedlichend von Klimawandel geredet, von Klimaschutz und einer von ihnen behautet sogar: „Der Mensch deshalb wird nicht als Spezies aussterben . . .“ und legt nahe, die Menschheit, wie wir sie kennen, könnte überleben, wenn der „Point of no return“ in den nächsten Jahren überschritten wird und dann ein selbstbeschleunigender Prozess einsetzt, der von keiner menschlichen Anstrengung mehr gestoppt werden kann.
Zwar hat er rein formal Recht, denn er hat ja nur behauptete „als Spezies“. Tatsächlich könnte nach einer Klimakatastrophe eventuell hier oder dort ein kleines Grüppchen von Menschen unter speziellen Bedingungen überleben, aber „die Menschheit“ wird einer Klimakatastrophe eben zum Opfer fallen.
Wer dieser spitzfindige Verdreher ist? Er heißt Reinhold Leinfelder und ist Berater der Bundesregierung über globale Umweltveränderungen. Na, die Bundesregierung weiss eben, welche Berater man sich holt, nicht wahr?" (Zitat Ende)
Der Artikel nennt sich ">Das Ende der Menschheit - Wir oder sie?" Es wäre unnötig, diesen - pardon - Stuss hier zu erwähnen, aber der Abschluss des Artikels ist besonders aufschlussreich:
(Zitat) "Frau Merkel wird in Kopenhagen keinem Kompromiss über Selbstverpflichtungen zustimmen. Nicht weil sie zu dumm ist, nicht weil sie keine gesamtwirtschaftlichen Rechnungen aufmachen kann (oder sagen wir, selbst wenn sie es könnte), sondern weil sie klare Aufträge hat von Vattenfall, EON und RWE, von Daimler, BMW und VW, von BP und Shell (im europäischen Rahmen). Diese und alle anderen Monopolkonzerne sind die Totengräber der Menschheit, wenn es uns nicht gelingt, sie aufzuhalten.
Wir oder sie – kein anderer Weg ist möglich.
Eine neue - von den Grünen befreite - Umweltbewegung, muss radikal und gegen alle Widerstände eine grundsätzliche Wende der Energiebasis zu erneuerbaren Energien durchsetzen, koste es was es wolle. Das sind wir unseren Kindern und Enkeln schuldig." (Zitat Ende)

Also, hier wird der Klimawandel, der durchaus katastrophal werden könnte, diesbezüglich ist dem Autor zuzustimmen, aber nur dort, tatsächlich mehr als offensichtlich zu ideologischen Zwecken verwendet, die Klimaskeptiker freuen sich über diese Bestätigung ihrer Unterstellungen. Immerhin bleibt sich Autor Karl Weiss selbst treu. Schon Ende 2007 schrieb er zum Bali-Klimagipfel> in seinem Blog.

(Zitat) "Die Staaten als einzige Macht in den Ländern werden schwächer und können immer weniger internationale Vereinbarungen abschliessen. Gleichzeitig werden kriminelle Mafia-Organisationen und Unternehmen, die ähnlich wie solche agieren (siehe: Siemens), immer stärker und beginnen die Staatsmacht herauszufordern. Die Tendenz geht zu Warlord-Ländern, wo von internationalen Vereinbarungen nicht einmal mehr geträumt werden kann. Einige Entwicklungsländer sind schon weit fortgeschritten auf diesem Weg.
Die sozialistische Revolution steht in jeder Beziehung auf der Tagesordnung." (Zitat Ende)
Und dem Blogautor von AdlD ergeht es wie schon oft: egal ob Evolutionswissenschaften oder Klimawissenschaften, die Attacken kommen von gegensätzlichen Seiten. Aber so ist das halt, wenn man versucht weder alarmistisch, noch relativistisch noch missionarisch zu sein. Herr Weiss, besten Dank für dieses willkommene Beispiel, um die kleine Analogiegeschichte zu Anfeindungen der Evolutionswissenschaften und Klimawissenschaften zu komplettieren.

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